Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 69 Dienstag den 12. Juni 1923
Das Wichtigste.
— Londoner Blätter drohen bei weiterem Verhärten Poincares auf seinem Standpunkt offen mit Bruch der Entente.
— In der Nacht zum Montag sind in Dortmund fünf Deutsche erschossen und Massenverhaftungen ausgeführt worden, weil zwei Franzosen angeblich von Deutschen er» schössen worden sind.
— Die Delbrückschachte sind nunmehr endgültig Deutschland zugesprochen worden.
— In Bulgarien ist die Regierung Stambu- ! i n s k i durch einen Handstreich unter Leitung des Universitäts- professors Zankoff beseitigt worden.
3ur Kanzlerrede in Münster.
Die großzügige Rede des Reichskanzlers Dr. Cuno in Münster war kaum verklungen, noch standen die Hörer unter dem Eindruck der amtlichen Feststellung, wonach 50 000 Deut- fdje vom Säugling bis zum achtzigjährigen Greise von Haus und Hof vertrieben, über die Ruhrbevölkerung bis jetzt 450 Jahre an Freiheitsstrafen verhängt worden und mehr als 50 Deutsche mit und ohne „Urteil" von der französischen Bestie ermordet worden sind, als in Dortmund Schüsse fielen und sich zwei französische Adjutanten in ihrem Blute wälzten, ein beklagenswerter Bruch des passiven Widerstandes. Ob Deutsche sich zu diesen Ermordungen haben hinreißen lassen, ist zurzeit nicht erwiesen; aber die Untat ist begreiflich: Wer Wind sät, wird Sturm ernten, und niemand wundert sich, wenn die mit dem Feuer spielende Soldateska dem von ihr selber entfachten Brand zum Opfer fielen. Der Schluß, den die Franzosen aus dem blutigen Vorfall ziehen, nämlich, daß nunmehr erst recht die Einstellung des passiven Widerstandes gefordert werden tüüsse, ist der französischen Psyche,
die den Mangel eines Rechtsbodens nicht einaeftehen will, WWMWMWWWWWWWWWMWM
ier beiden Offiziersaspiranten in Paris sofort als Echo der
Kanzlerrede verwertet werden würde. Indessen täuschen sich die Franzosen, wenn sie von dieser Ausstreuung einen Eindruck auf die allgemeine Stimmung in den Ententeländern erwarten; denn gerade ein aktiver Widerstand würde die Aufmerksamkeit auf die entsetzlichen Zustände an der Ruhr hinlenken, und man braucht bloß an die scheußliche Niedermetzlung eines achtjährigen Kindes durch einen französischen Soldaten zu erinnern,. um die blutige Wiederver- geltung verständlich zu finden.
Gar^ lächerlich ist es jedoch, einen Zusammenhang zwischen der Kanzlerrede in Münster und dem Doppelmord in Dortmund konstruieren zu wollen. Und nun der zweite Vorwurf: Dr. Cuno habe dem passiven Widerstände ein Loblied gesungen. Das ist es ja eben, dem passiven und nicht dem aktiven! Der Reichskanzler verdient selber das Lob, das er der Ruhrbevölkerung für ihr heldenmütiges Ausharren, für ihre Opferbereitschaft, für ihr geduldiges Leiden gespendet hat. Damit werden die Franzosen keine Geschäfte machen, sondern, in einen unheilbaren Widerspruch verwickelt, sich vor dem englischen Kabinett bloßstellen. Cu'nos Darlegungen werden anders wirken und liefern einen wohldurchdachten Kommentar zum Memorandum. Anknüpfend an die historische Bedeutung der westfälischen Hauptstadt, erinnerte er an die Zerriffenheit Deutschlands, dessen Lage schon einmal bew durch den Versailler Vertrag gezeitigten Zuständen geglichen habe, um einen neuen Aufstieg Unzubahnen. Dann packte er den Stier bei den Hörnern, indem er sich zur Lösung des Reparationsproblems, jedoch nur im Rahmen der deutschen Leistungsfähigkeit, bereiterklärte und darauf hinwies, daß die Antwort auf alle Anerbietungen Deutschlands der Einmarsch der belgischen und französischen Truppen ins Ruhrgebiet gewesen sei unter furchtbaren Leiden aller Bevölkerungsschich- ten. Unerschütterlich hält der Kanzler an der Räumung der Ruhr fest, wobei er die durch die Besetzung bewirkte. Schwächung der finanziellen und wirtschaftlichen Kraft Deutschlands unterstrich und zugleich auf die im Ausland umlaufende Überschätzung unserer Leistungsfähigkeit hinwies. Diese Tatsache soll eine unparteiliche internationale Instanz feststellen ohne politische Gunst oder Mißgunst.
Bei den Garantien sei bis an die Grenze der Möglichkeit gegangen worden. Hier ist anzumerken, daß der Kanzler das Maß der dem Volke aufzuerlegenden Opfer nicht abhängig machen will „von dem guten Willen dieser oder . jener". Die Lasten sollen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit vom Staate bestimmt werden. Auch wird Bedacht genommen werden auf die bisher von Deutschland aufgebrachten Leistungen, die 54 Milliarden Goldmark betragen, und dieser Punkt dürfte zweckmäßig von einem internationalen Sachverständigengremium zu überprüfen sein. Zum Schlüsse appel- >—---------- -
lierte der Redner mit rhetorischem Schwung an die deutsch- Volksseele. Seine Worte werden Widerhall in allen deutschen Herzen finden und auch im Ausland verstanden werden.
London am Scheidewege.
Bruch mit Frankreich angeöroht.
Der englische Ministerpräsident wird in allernächster Zeit im Unterhaus eine Erklärung über die Stellungnahme der englischen Regierung zum deutschen Memorandum abgeben. Wie die Dailh Mail mit- teilt, wird vorher noch ein Kabinettsrat von ungewöhnlicher Bedeutung stattfinden.
Der diplomatische Berichterstatter des Observer erklärt, die wirkliche Schwierigkeit komme von feiten Frankreichs. Für die britische Regierung sei der französische Standpunkt vollkommen unannehmbar. Wenn darauf bestanden werde, so bleibe keine andere Wahl übrig, als ein vollständiger und endgültiger Bruch zwischen Frankreich und England. Das britische Kabinett müsse erwägen, ob es fortfahren könne, weiterhin Einkommensteuer in der augenblicklichen Höhe vom britischen Volk zu erheben und gleichzeitig müßig beiseite zu stehen, während Frankreich je.de Hoffnung darauf vernichte, daß Deutschland Reparationen zahle. Wenn seine oder seines Nachfolgers Politik unverändert bleibe, so sei es sicher, daß die britische Politik in Europa eine vollkommene Neuorientierung suchen werde.
Brutalste Maßnahmen in Dortmund.
Fünf Deutsche nieder geschossen. — Stallver. tretender Oberbürgermeister, Polizeipräsident
hundert Personen verhaftet. — Be ■
und über
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In der Nacht vom Sonntag zum Montag sind in
Dortmund in den Straßen fünf Zivilpersonen erschossen worden. Ein Mann wurde durch mehrere Schüsse schwer verletzt. Die Truppen im Stadtkreis sind beträchtlich verstärkt. Das Stadthaus, in dem sich zur- zit das Polizeipräsidium befindet, kann nicht betreten werden. Ein Maschinengewehr und etwa 100 Soldaten halten das Stadthaus von jedem Verkehr fern. Am Südwall ste^t starke französische Kavallerie. Die Zahl der in der letzten Nacht Verhafteten ist außerordentlich hoch und soll hundert ü b e r st e i - gen. Unter ihnen befindet sich der stellvertretende Polizeipräsident, Regierungsassessor Marti- nins, ebenso der stellvertretende Oberbürgermeister, Stadtrat Fluh me, Polizeiinspektor Klein ow, der krank im Bett liegt, wird zurzeit von französischen Gendarmen bewacht.
Anlaß: Zwei Franzossn erschaffen.
Die Täter unerkannt entkommen.
Ueber die Ursache, zu dem unerhörten Vorgehen der Franzosen verlautet: Sonntag abend wurden in der Wilhelmstraße in Dortmund zwei Adjutanten (aus dem Unter- offiziersstande hervorgegangene Offiziersaspiranten. Die Red.) des 159, Infanterieregiments durch eine Gruppe von drei deutschen (?) Zivilisten ermordet. Einer der Adjutanten wurde von einer Revolverkugel in den Kopf getroffen und war sofort tot, während der andere noch eine Stunde am Leben blieb. Die französische Wache rourbealarm'iert, und zwar von deutschen Zivilisten, die der Szene von ferne zugesehen hatten und sofort die französische Besatzungsbehörde von dem Vorfall benachrichtigten. Die Zivilisten waren auch in der Lage, der französischen Behörde ein Signalement der Täter zu geben.
Hundert Millionen Belohnung.
Die sofort eingeleitete Untersuchung hat bislang zu keinem Ergebnis geführt. Die Staatsanwaltschaft in Dortmund hat eine vorläufige Belohnung von 100 Millionen Mark für Angaben ausgesetzt, die dazu dienen, die Täter zu ermitteln.
Die Oelbkückschächie bleiben deutsch.
Die Grenzkommission in Breslau hat nunmehr Beschluß über die langumstrittene Frage gefaßt, ob die Delbrück- Schächte Deutschland oder Polen zufallen sollen. Die Entscheidung ist zugunsten Deutschlands gefallen. Für Zuteilung an" Deutschland stimmten außer dem deutschen Kommissar, Major Etzel, der englische und der italienische Kommissar. Die Grenzkommission hatte schon mehrfach ihrer Auffassung dahin Ausdruck gegeben, daß Deutschland mehr Anrecht auf die Delbrück-Schächte
habe als Polen, hat es aber vor der endgültigen Entscheidung noch für zweckmäßig gehalten, das G u t a ch t e n eine» neutralen Sachverständ igen einzuholen. Dieses Gutachten, das von dem Professor an der Bergwerksschule in Madrid, F a b r e g a, erstattet worden ist, hat der endgültiges Entscheidung zugrunde gelegen.
Umschwung in Bulgarien.
Stambulinski verjagt. — Die „Revolution in 1% Stunden".
Aus Sofia wird gemeldet: Die Regierung ist durch eine Organisation von Reserveoffizieren gestürzt worden. Alle Minister wurden, soweit erreichbar, in Haft genommen. Eine neue Regierung wird gebildet, die alle Oppositionsparteien mit Ausnahme der Kommunisten in sich vereinigt.
Ueber die Vorgänge in Sofia berichtet die „B. Z. am Mittag": „Der Staatsstreich, durch den die neue Regierung die Macht an sich gerissen hat, wurde in aller Stille durchgeführt. In der Nacht zum Sonnabend wurden die Kadetten alarmiert, um gleich darauf unter Führung ihrer Offiziere die Polizeistation zu beseheU. In anderthalb' Stunden war das Werk geschehen. Um 2 Uhr nachts begab sich Professor Zankoff als Mandatar des Volkskomitees zum König und erstattete ihm Bericht. König Boris fügts sich widerspruchslos den Darlegungen Zankoffs und unterzeichnete drei Dokumente, das erste betreffend die Ent- lassung Stambulinski, das zweite über die Ernennung der neuen Minister und das dritte über die s o f o r t sg e A u f - lösung der Sobranje.
Mehrere der abgesetzten Minister haben sich bisher den Nachforschungen ihrer Verfolger entziehen können, darunter der abgesetzte Stambulinski. Der bulgarische Grenzoffizier in Zaribrod erhielt die Weisung, den Simplon-Expreß besonders genau zu untersuchen, um eine eventuelle Grenzüberschreitung ues gestürzten MtnlfrerprüftoentM zu verhindern. Infolge- dessen wurden mehrere „Verdächtige" angehalten und untersucht. Stambulinski befand sich aber nicht darunter.
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Die neuen Männer.
Die neue „Regierung des nationalen Zusammenschlusses", welche die Vertreter aller Oppositionsparteien außer den Kommunisten umfaßt, hat sich wie folgt gebildet: Minister- Präsident Universitätsprofessor Alexander I a n k o f f, welcher gleichzeitig da^ Kriegsministerium und vorläufig dasjenige des Auswärtigen übernimmt; Inneres General 9t u f f e f f, Ackerbau und vorläufig Oeffentlicher Unterricht Professor Molloff: Justiz Smiloff; Finanzen Peter Todoroff; Handel Boboschewsky; Oeffentliche Arbeiten Stojanscheff; Verkehr Karsazaff. Eine große öffentliche.ersammlung am Nachmittag begrüßte die neue Regierung stürmisch.
Der neue Ministerpräsident Alexander Zankoff begann laut der „Vossischen Zeitung" schon vor mehr als Jahresfrist, insbesondere die Kreise der Intelligenz, zu einer nationalen Vereinigung um sich zu sammeln, um die Parteien zu einer gemeinsamen Aktion zum Sturze der Regie Stambulinski zu gruppieren und die Rückkehr zu geordneten, gesetzlichen Zuständen zu bewirken. Der neue Ministerpräsident, etwa 43 Jahre alt, zählt zu den bedeutendsten Professoren der Universität. Zankoff stand auch in bestem Verhältnis zum König, mit dessen Mitwissen der Umsturz wahrscheinlich stattgefunden hat.
Die Triebkräfte.
Die Bulgarische Telegraphenagentur teilt mit: Die Gründe des heute früh erfolgten Regierungswechsels sind weit mehr bekannt, als daß sie dargelegt werden müßten. Bulgarien, welches seit 40 Jahren ein verfassungsmäßiges Leben gewöhnt ist, konnte eine Regierung nicht dulden, welche eine immer größere Verachtung der Gesetzmäßigkeit bekundete und die Gewalt als das Hauptprinzip der inneren Politik angesehen hat. .Die Plötzlichkeit, mit welcher diese Regierung gestürzt werden konnte, ist der beste Beweis für ihre U ».Popularität und Korruption. (Stambulinski stützte sich bekanntlich nur auf die Bauernparteien und führte gegen die anderen Parteien ein wahres Schreckensregiment. Insbesondere haben auch die in letzter Zeit unterzeichneten Todesurteile gegen Mazedonier viel böses Blut gemacht. Die Red.)
China vor dem Staatsstreich.
Havas berichtet aus Peking von Staatsstreichplänen gegen den Präsidenten Li-Puan-Hung, der durch den Gouverneur von Petschili P s a o - K u n ersetzt werden solle. Gendarmerie und Polizei seien in den Streik getreten. In den Straßen von Peking patrouilliere Militär. Angeblich handele es sich bei dem Streik um die der Polizei und Gendarmerie noch nicht ausgezahlten Löhne. Man glaubt aber, daß der Streik zu dem Zweck ins Werk gesetzt worden sei, Truppen von Petschili nach Peking zu ziehen und den Präsidenten zum Rücktritt zu zwingen.