Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 70
Donnerstag den 14. Juni
1923
Das Wicbiiqste.
— Aus London werden L.« Havasmeldungen über einen englischen Kabinettsbeschluß dementiert^ ^Irgendwelche endgültigen Beschlüsse sind vom Kabinett n o ch
n i d) t gefaßt worden.
— Die Ausschretrungen der Franzosen Dortmund haben weitere Todesopfer gefordert.
— In der Revisionsverhandlung gegen Krupp-Betriebsrat Müller wurde die Strafe Müller um einen Monat Gefängnis erhöht.
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den für
— An der Berliner Börse streifte der Dollar zum ersten Male !den Kurs von 100 000.
Der bulgarische Staatsstreich.
Von Dr. C. Mühling.
Die gewaltsam beseitigte Regierung des Bauern Stam- buliski hat mit Hilfe einer gewaltigen parlamentarischen Mehrheit, die es sich durch ein die Mehrheitsverhältnisse im B fälschendes Wahlsystem verschafft hatte, ein Schreckens- mt geführt, das im Bürgextum, in der Armee und unter atellektuellen des Landes eine kaum mehr zu bändigende cung erzeugt hat. Am 9. Juni hat diese Empörung !nach sorgfältiger Vorbereitung das Kabinett Stambuliski in (wenigen Stunden hinweggefegt.
Es sind aber nicht allein die Sünden der beseitigten Re- :gierung auf dem Gebiete der inneren Politik, welche die Leidenschaften der Bevölkerung so sehr erregt haben, daß sie -endlich ihre Fesseln sprengte; das in Bulgarien hochentwickelte kNationalgefühl war durch die Politik Stambuliskis ^nicht minder verletzt worden als die Freiheitsliebe. Ihre
mesgefühl gegen die serbische Herrschaft empörte. Stambu- liski wollte Frieden um jeden Preis. Er bekämpfte deshalb mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die mazedonischen Organisationen, deren Ziel die Wiedergewinnung der in blutigen Kämpfen zweimal eroberten und zweimal wieder verfrorenen Gebiete war.
Die neue Regierung läßt zwar durch ihre Botschafter ver, sichern, daß sie den Frieden mit der Entente und mit allen** Nachbarvölkern aufrechterhalten wolle, aber sie müßte ihren Ursprung verleugnen, wenn sie nach der Befestigung ihrer Stellung dieses Versprechen auftechterhalten würde.
In P a r i s hat man denn auch sofort erkannt, daß der bulgarische Staatsstreich in dieser Feit der diplomatischen Krisen und vor dem Abschluß der Verhandlungen von Lausanne, durch den die Grenzen der Balkanvölker erst sest- gelegt werden sollen, eine große Gefahr für den Frieden bedeutet. Man fürchtet, daß die Türkei, die während ihrer Verhandlungen mit der Entente bei der Regierung Siambulinskis gegen Griechenland, den bulgarischen ^Erbfeind, keine Unterstützung finden konnte, durch die Ereignisse in Sofia veranlaßt werden könnte, die Verhandlungen in Lausanne, die man in dieser Woche hoffte abschließen zu gönnen, hinauszuzögern. Der Temps hält es für notwendig, die Türkei vor einer die Machtgelüste Bulgariens fördernden 'Politik zu warnen. Er versucht, der Regierung in Angara klarzumachen, daß ein starkes Bulgarien eine beständige Be- .drohung Konstantinopels bedeute, und verrät durch diese Warnung, daß ihm der bulgarische Staatsstreich s e h r w e n i g 'Willkommen war, und daß die ftanzösische Politik am -9. Juni nicht nur einen unterwürfigen Freund verloren hat, -sondern sich ihren Plänen neue Hindernisse in den Weg stellen.
In der Tat kann dieser Regierungswechsel die ganze Balkan frage wieder in Fluß bringen. Ein Zusammenschluß der durch die kleine Entente beraubten Länder liegt im Bereiche der Plöglichkeit, und da der stärkste Gegner -Bulgariens auf dem Balkan, das serbisch-kroatische Königireich, ebensowenig wie die Türkei mit Griechenland, .mit Italien zur endgültigen Regelung aller strittigen Machtfragen gekommen ist, so staun Bulgarien durch die geschickte Ausnutzung dieser unsicheren Verhältnisse mit einiger Aussicht auf Erfolg auf eine Revision des Friedens
von Neuilly hinarbeiten. •
Daß die neuen Machthaber solche Gedanken jetzt durch ihre Vertreter im Auslande weit von sich weisen, ist selbstverständlich. Es handelt sich zunächst für sie darum, die Sobranje auf-' tzulösen und sich durch Neuwahlen ein Parlament zu schaffen, sdaß den Staatsstreich nachträglich billigt und der neuen Re- I gierung die verfassungsmäßige Grundlage ' gibt. Erst wenn diese nächsten Aufgaben erfüllt sind, können ^die Probleme der auswärtigen Politik, zu deren Lösung sie ^berufen ist, in Erwägung gezogen werden. Aber schon heute Kehen die Schöpfer der Friedensverträge von 1919, durch die per Welt der „ewige Frieden" beschert werden sollte, über der
IWetterecke (Europas eine neue finstere Wolke emporsteigen,
Herr Nitti kann seinem „Friedlosen Europa" ein neues Kapitel anfügen.
Ein Gegenstoß Siambulinskis?
Der bull
igarische Gesandte in Prag Daskalowist trotz des Befehls der neuen Regierung, feinen Posten zu verlassen und nach Bulgarien zurückzukehren, in Prag geblieben. Aus seiner Umgebung wird behauptet, daß die Erhebung bewaffneter Bauernbanden gegen die neue Regierung Tatsache sei. Daskalow ist angeblich überzeugt, daß die Regierung Zankow sich nur kurze Zeit werde halten können, hauptsächlich weil die neue Regierung keine Staats
gelder vorfinde.
Ueber die Flucht Stambulinskis wird bekannt, daß es ihm gelungen sei, in Begleitung von etwa 30 Anhängern nach seinem Heimatdorf S l a v e v i tz a ins Gebirge zu entkommen. Die Verfolgung wurde mit Hilfe einer Schwadron Kavallerie unternommen, blieb aber ergebnislos. In seinem Landhause, einem Meierhofe unweit Sofia, wurden allerlei Waffen beschlagnahmt, darunter Maschinengewehre, Bomben usw., außerdem Schecks und Banknoten im Werte von mehreren Millionen, u. a. ein Scheck über eine Million Schweizer Franken. Die Regierung versichert, daß Ansammlungen der Bauern an verschiedenen Orten von Re- gierungstruppen zersprengt wurden. Im allgemeinen herrscht Ruhe. In dem Stadthause Siambulinskis sollen Beweise gefunden worden sein, daß die Minister und die führenden Parteileute große Staatsgeschäfte zugunsten ihrer eigenen Taschen gemacht hatten.
Zwischen Marks und London.
Ein Londoner Dementi. — Gewissensfragen anPoincars.
Dem französischen Botschafter in London ist mitgeteilt morde", daß alle Nachrichten, auch die Havas-Meldungen über die Beschlüsse des letzten englischen MtnijterGts unzutreffend seien...Das englische Kabinett habe eine endgültige Entscheidung noch nicht getroffen.
*
Wie aus eingeweihten Londoner Kreisen dazu verlautet, hat das britische Kabinett beschlossen, eine Entscheidung über die Fragen der Wiederherstellung und der Ruhr v o r l ä u - f i.g auszuschieben, bis die Pläne und Ziele Frankreichs vollständiger bekannt geworden sind. Großbritannien fÖÜ bereit fein, Konzessionen zu gewähren, um eine gemeinsame Aktion zu einer Regelung herbeizusühren, doch sist man entschlossen, vorher zu wissen, ob Poincarp tatsächlich wünscht, die Wiederherstellungen als Basis für vernunftgemäße Verhandlungen gelten „zu lassen, oder ob seine Politik einfach dazu bestimmt wäre, Deutschland zu verkrüppeln. Wenn daher die pnglisch-sranzösischen Vorverhandlungen vielleicht nicht zur Herstellung eines Friedens im Ruhrgebiet führen, könnten, sie zum mindesten Frankreich doch überreden, feine wahren Ziele anzugeben, was dann zu einem Nachgehen Frankreichs führen könnte, das nach Ansicht Großbritanniens bereits überfällig ist.
Englands nächste Wünsche.
Die „Daily Mail" sagt, daß der Gedanke einer interalliierten Sachverständigenkonferenz im Augenblick aufgegeben worden sei. Man wolle mit den alliierten Regierungen zunächst ein Einverständnis überdieHauptpunktederReparationsfrag^ zustande bringen. Im allgemeinen wird betont, daß
England für eine Waffenruhe
im Ruhrgebiet ist. Die ftanzösische Regierung soll die Be- setzungsmethodeändern; die Besetzung soll auf eine Art Kontrollmaßnahme hinauslaufen.
Belgiens Memorandum Diskussionsgrundlage?
Nach dem „Petit Parisien" ist die Lage folgende: Es scheine, daß man in London, bevor man sich festlege, eine Verhandlung über alle Fragen, die mit der Reparations- frage in Verbindung stehen, mit Frankreich eröffnen wolle. Da die belgische Regierung in London gemäß den in Brüssel getroffenen Beschlüssen ihre eigenen Gedanken über dieses Problem zur Kenntnis gebracht habe, wäre es nicht überraschend, wenn man englischerseits vorschlagen würde, diese belgischen Dokumente alsAusgangspunkt eines Meinungsaustausches zu nehmen. In London werde also eine wichtige Anstrengung gemacht, um zwischen den noch sehr weit voneinander entfernten Standpunkten der drei Regierungen ein Terrain der Begegnung auf halbem Wege zu finden.
Raub eines fünfjährigen Kindes.
Bei dem in Effen-Rellinghausen bediensteten Bahnsteigschaff- wr Schlosser erschien gelegentlich der Besetzung des Bahnhofes :in französischer Offizier in Begleitung von fünf «ob
baten und beschlagnahmte ein Zimmer mit der Erklärung, daß es mit einer Wack" belegt werde. Bei dieser Gelegenheit wurde das fünfjährige Söhnchen des Schlossers von den Soldaten mitgenommen. Die Rückkehr des Kindes ist bisher noch nicht gemeldet. Es sind Schritte beim Roten Kreuz zur Verfolgung des Falles eingeleitet worden. 1
In Essen erschienen im Geschäft der Witwe Behrens in der Altenssener Straße drei belgische Soldaten und wünschten Uhren zu kaufen. Das Gewünschte wurde ihnen ausge- bändigt und dafür der Kaufpreis von 353 000 Mark verlangt. Einer der Soldaten legte 10 0 0 0 0 Mark auf den Tisch, worauf die drei eilig das Geschäft verließen. Die Tochter der Behrens, die ihnen folgte, wurde mit dem Seitengewehr bedroht. ,
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Weitere Todesopfer in Dortmund.
Aus Dortmund wird gemeldet: Das brutale Vorgehen -er französischen Besatzungstruppen dauert an. Am Dienstag ist der Praktische Arzt Dr. Gülle sowie ein ehemaliger Polizeibeamter von den französischen Truppen erschossen worden.
Von zuständiger Dortmunder Stell« verlautet: „Nach den bisherigen Feststellungen haben die Besatzungstruppen die Verhängung des Belagerungszustandes zu schwer e n Ausschreitungen und Rachetaten gegen die friedliche Bevölkerung benutzt, die an dem Tod der beiden französischen Soldaten ‘
völlig unbeteiligt 1
ist. Die Stadtverwaltung hat das ihrig« getan, um den Be- fehl der Verhängung der Straßensperre so schnell als nwglich der Bevölkerung bekanntzugeben. Nach Lage der Dinge konnte aber derjenige Teil der Bevölkerung nicht mehr unterrichtet werden, der den Sonntag zu einem Er -
allem die Z u g ä n g e z u r S t a d t durch stärkere Postierun- gen abgesperrt und jeden, der ohne Ausweis angetroffen wurde, festgehalten. Bei der Festnahme und während der Inhaftierung wurde eine große Zahl Männer und Frauen, wie aus Zeugenaussagen hervorgeht, von französische Offizieren und Soldaten schwer mißhandelt, geschlagen und ge, stoßen. Insbesondere hat bei diesen Mißhandlungen
die Reitpeitsche
der Franzosen wieder eine große Rolle gespielt. An den verkehrsreichen Punkten der Stadt trieben die Soldaten die Einwohner vor sich her. Ein Augenzeuge, hat erklärt, daß ein französischer Offizier mit zwei Re» volverschüssen einen alten Mann getötet und auf weitere Personen geschossen hat. In welcher Weise die Franzosen vorgegangen sind, ergibt sich auch aus der Tatsache, daß ein deutscher Arzt, der sich in Ausübung seines Berufes in ein Krankenhaus begeben wollte, nieder- geschossen worden ist." - "^ - ' "
Um einer Dirne willen.
Wer den Tod der beiden französischen Adjutanten taucht jetzt eine neue Version auf, wonach sie nicht von Deutschen, jauch nicht von eigenen Soldaten erschossen wurden, sondern sich, nachdem sie wegen eines bekannten Frauenzimmers, der sogenannten „roten Erna", auf dem Wege aus einem kleinen Cafp nach der Kreuzschule in Streit ge- xaten waren, sich gegenseitig erschossen haben. Die „rote Erna" und zwei andere Personen wurden von den Franzosen in Haft gehalten. Ihre Aussagen werden verheimlicht, wie alles Beweismaterial unterdrückt Pftd, was die obige Annahme bestätigt.
Auf der Straße verblutet.
Ueber den Mord in Recklinghausen wird noch be- richtet: Der 21jährige Kaufmann Möllers, der von einer Geschäftstour nach Dortmund zurückkehrte und ohne Kenntnis von der Verkehrssperre durch die Straßen ging, wurde ohne Anruf angeschossen. Er lag drei Stunden schwer verletzt an einer Straßenecke, ohne daß ihm ärztliche oder geistliche Hilfe, nach denen er verlangte, zuteil wurde, und verstarb auch so auf -er Straße. Der Dechant der Stadt begab sich heute zum kommandierenden General und erhob Vorstellungen gegen die unerhörte Härteund U«Menschlichkeit, die in der Verordnung des sofortigen Schießens ohne Anruf liege.
Schärfster Druck.
Die Rhcinlandkominission gibt bekannt, daß alle aus dem unbesetzten Deutschland nach dem linken Rheinufer ausgeführten Waren verzollt werden müssen, und daß eine Einfuhrerlaubnis eingeholt werden muß. In einem Aufruf an die Be-!