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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1500. Mk., für Hersfelb 1500. Mk., Abholer 1300. Mt. / / Anzeigen vrei« für die einspaltige Betitzeile oder deren Raum 200 Mk., für auswärts 250 Mk., die Reklamezeile 500 Mt. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfelb, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfelb. / / Fernsprecher Rr. 8.

Nr. 71

Sonnabend den 16. Juni

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, . Das Wichtigste.

: Das belgische Kabinett hat wegen der Genie! Universitätsfrage seine Demission eingereicht un> erhalten.

PoincarS hat seine Antwort an England fertiggestellt Er fordert vollständige Kapitulation Deutschlands und will dafür die Truppen von den Zechen und Fabriken zurück! »ziehen.

Das Geständnis des zum Tode verurteilter Görges ist in achtstündigen Folterqualen erpreß worden.

i Stambnlinski ist von der Regierung Zankoff gei fangen genommen worden. .

Wschenrückblick.

Wahrest- die Entente-Diplomatie kaltblütig abwagt, wie eK mit der Ruhrbesetzung gehalten werden soll, ob und mit welchen Mitteln der deutsche Widerstand gebrochen werden ssoll und welche Folgen territoriale Verschiebungen für den Bestand der Entente haben könnten, setzen die Franzosen ihr Bluthandwerk fort. An die gemeine Niedermetzelung von Dortmunder Bürgern, würdig des in Essen verübten Mas- fakers,, reihen sie jetzt das Todesurteil gegen Görges. Es ist eine himmelschreiende Verhöhnung und Vergewaltigung des Rechts, gestützt auf ein durch Foltererpreßtes Ge­ständnis und besonders dadurch abscheulich, daß zwei das Alibi des Angeklagten nachweisende Zeugen überhaupt vom Mainzer Gerichtshof nicht vernommen wurden.

An Protesten gegen diese neuesten Schandtaten hat! es nicht gefehlt. Der hessische Iustizminister v. Brentano hat energisch auf eine Nachprüfung des Urteils gedrungen, und die Reichsregierung hat alle Schritte unternommen, um die Vollstreckung zu verhindern. Was für Schritte? Die Antwort liegt auf den Lippen aller Deutschen; aber wer will sie mit demWorte..SB i.eAc r p e r gelt 1 n g" aussprechen,

men, wenn französische, im Machtbereich Deutschlands befind- liche Offiziere als Geiseln verhaftet und nach Kriegsgericht behandelt,werden? Dagegen sträubt sich das jedem Deutschen angeborene Rechtsgefühl. Deutschland befindet sich nicht im jKriegszustande mit Frankreich, also ist die Anwendung des Kriegsrechts, was in diesem Falle auf die Erschießung von Geiseln hinausliefe, unstatthaft;, aber Frankreich hat, ohne jeden Rechtstitel, Krieg gegen die Ruhrbevölkerung geführt, ohne Krieg zu erklären, Gewaltakte auf Gewaltakte gehäuft,' pochend auf Bajonett und Maschinengewehr. Eine Abwehr gegen diese fortwährenden Rechtsverletzungen, die jetzt durch die völlige Absperrung des besetzten Gebiets ihnen tatsächlich' den Charakter einer Annexion verleiht, ist nur mittels Geisel­festnahme möglich,' nur wird sich niemand der Erwägung, ver­schließen, daß dann ein gegenseitiges Morden beginnen würde. Aber eine Wiederholung derartiger Bluturteile steht bei der französischen Mentalität in Aussicht, und ein deutsches Men­schenleben wiegt in den Augen der entmenschten Pariser Politiker und ihrer Henkersknechte nicht viel. Helfen könnte nur ein Ein greifen der übrigen Entente­mächte, die über ihre Auffassung von der Rechtslage Poinears nicht im Zweifel gelassen haben.

! Einstweilen verschärfen die Franzosen durch die Isolierung des alt- und neubesetzten Gebiets, durch Zollver- fügungen der Rheinlandkommission, Abschieben von Deut- scheu, Austreibung aller Eisenbahner, Ausplünderung von Staats- und Privatkassen, absichtlich die Lage, allerdings ohne mehr zu erreichen, als daß sich die Erkenntnis in allen poli-

trschen Kreisen Bahn bricht. Das Verlangen Poincarss nach einer bedingungslosen Kapitulation Deutschlands hebe sich durch die tatsächliche Unerfüllbarkeit dieses Ansinnens von! selber auf. Die Scheußlichkeit der Ruhrzustände ist so offen- bar, daß man in Paris versucht, England in die Verantwor- Urng dafür zu verwickeln. Dabei scheint, wie der von Lord Curzon der französischen Regierung überreichte Fragebogen erkennen läßt, Poinears auf Granit zu beißen. Der englisch- französische Gedankenaustausch hat nämlich, wie der regie­rungsfreundliche Intransigeant mitteilt, damit geendet, daß .England, sozusagen mit der Hand auf der Türklinke, zum Schluß e bemerkt habe, wenn sich kein Abkommen ermöglichen taste, wäre die britische Regierung gezwungen, mit Deutsch- unmittelbare Besprechungen einzuleiten.

Drohung bis zu ihrer Verwirklichung ist noch ein Miter Weg, doch hat in Paris die bisherige Zuversicht einer beklommenen Stimmung Platz gemalt, und die Aufstellung

Fragebogens verrät, daß Baldwin sich nicht mit einer diktatorischen Geste zufriedengeben will: erwünschtAuf» schluß über die Ruhrfrage und die damit zusam­menhängenden Probleme, über die Gesamtheit der Repa- rationsforderungen, speziell die um Deutschland, über die Garantien der Deckung usw.

Die in Paris herrschende Unsicherheit wird gesteigert fdurch den Sturz des Kabinetts Theunis» 3 a f p.ar ; er erfolgte durch die Abstimmung über die Ver- flamung der Genter Universität, aber PoincarS wittert darin .eine Abkehrung von seiner Politik, die man in Brüssel nicht »offenkundig eingestehen wolle, weshalb man die Universitäts- . frage vorgeschoben habe. Die nächste Zukunft wird lehren, sem^Verdacht, Flamen und Sozial isten wollte» außeupolt^

Lisch Frankreichs Stellung im Ententebereich schwachen, be­gründet ist.

Auch im Völkerbund regt sich etwas zu ungunsten Frankreichs. Bisher hatte es dort eine ausschlaggebende Stellung. Da setzten im norwegischen Storting Verhandlungen über den von den Sozialdemokraten und Kommunisten geforderten Austritt aus dem Völkerbund ein. Eine Mehrheit dafür fand sich zwar nur im Verfassungsaus­schuß, aber in der Vollversammlung fiel der Antrag durch, doch nicht, ohne daß von allen Seiten die Politik doch nicht, ohne daß man von allen Seiten die Politik des Bundes verurteilt wurde. Ein konservativer Redner schwang sich sogar zu der Verurteilung des Versailler Friedens als des unsittlichsten F r i e d e n s s ch l u s - es der Weltgeschichte auf. So verblaßt allmählich sie Glorie des von Lord Derby einmal alsheilig" geprie- enen Machwerks.

Im Reichstag hat man das neue Beamtenbesol­dungsgesetz unter Dach und Fach gebracht und zwar mit anerkennenswerter Schnelligkeit, nachdem der Reichshaus­haltsausschuß sich mit diesem neunten Ergänzungsgesetz aus­giebig beschäftigt hatte. Es beträgt nunmehr das . Wartegeld so/100 des bei der Berechnung der Pension zugrundeliegenden Diensteinkommens, jedoch höchstens 1800 000 Mark monatlich und die Pension, bei vollendeter zehnjähri­ger oder kürzerer Dienstzeit 35/inn ' und steigt nach vollendetem zehnten Dienstjahr mit jedem weiter zu- rückgelegten Dienstjahr bis zum vollendeten 25. Dienstjahr um Vinn und von da ab um V des Diensteinkommens. Ueber den Betrag von so/inn dieses Einkommens hinaus fin­det eine Steigerung nicht statt. Das Ruhegehalt für die richterlichen Beamten ist in ähnlicher Weise geregelt. Weiter­gehende sozialdemokratische Wünsche, wonach die Spannung zwischen den unteren und höheren Gruppen nivelliert werden sollte, wurden abgelehnt. Doch bleibt es in dieser Zeit der rapiden Geldentwertung fraglich, ob diese Unterstützungs­aktion für die Beamtenschaft auf längere Zeit der Teuerungs­welle standhalten wird.

MRückiriitMMelgifthen Kabinetts.

Aus Brüssel wird gemeldet: Das Kabinett hat dem Stönig seine Gesamtde mission eingereicht, nachdem der Senat den Gesetzentwurf über die Fla- misierung der Genter Universität abgelehnt hat. Der König hat die Demission angenommen.

Zu dem plötzlichen Rücktritt des Kabinetts wird mit­geteilt: Die Kammer hat seinerzeit mit schwacher Majorität die Borlage zur Verflamung der Genter Universität ange­nommen. Der Senat hatte jedoch bereits am 22. März den Art. 1 des von der Kammer angenommenen Entwurfes zurückgewiesen. Die Regierung hatte von vornherein das Versprechen abgegeben, in dieser Frage neutral zu bleiben. Dr ihres Erachtens die Lösung nicht unbegrenzt verschoben werden kann, überreichte Theunis nach vorausgegangener Kabinettssitzung dem Könige die Demssion.

Ksmmi Thmm's Wieder?

Dem Briisseler Berichterstatter der Times zufolge ist es wahrscheinlich, daß der König Theunis bitten werde, das Kabinett neu zu bilden. Der Pariser Berichterstatter des Daily Expreß schreibt, der Rücktritt des belgischen Kabi­netts habe in französischen politischen Kreisen tiefen Eindruck gemacht. Es werde zugegeben, daß die politische Krisis in Brüssel eine weitreichende Wirkung auf die Reparationsfrage haben müsse. Man sei der Ansicht, daß, wenn der Außenminister Iaspar Ministerpräsi- dent werden sollte, eine Aenderung in der belgischen Po­litik eintreten müsse und dieser Wechsel würde die Wirkung haben, daß Belgien dem britischen Stand­punkte näher gebracht würde. Es fei bekannt, daß die Ansichten Theunis' und Iaspars in der letzten Zeit nicht übereinstimmten.

Poincares Aniwori an England.

l Rückfragen in Brüssel.

Wie der Matin mitteilt, hat PoincarS die Antwort auf den englischen Fragebogen bereits abgefaßt. Bevor er der britischen Regierung die Antwortnote zustellt, halte er sich für verpflichtet, sie dem belgischen Ministerium zur Kenntnis zu bringen, damit der belgische Minister­präsident, der den gleichen Fragebogen erhalten habe, in der Lage sei, in London eine annähernd identische Erklärung ab- zugeben. *

Die Brüsseler Ministerkrise wird selbstverständlich eine Verzögerung im französisch-belgischen Ge­dankenaustausch zur Folge haben. Poincare hat gestern mittag die Antwort auf den englischen Fragebogen fertiggestellt. Er will aber erst mit Brüssel Fühlung nehmen,

so daß die Note wohl kaum vor Mitte nächster Woche an England überreicht werden wird. Poinears er- klärt sich zu einer Zusammenkunft mitBaldwin einverstanden, dringt aber darauf, daß diese Be- sprechung persönlichen Charakter trage und nicht etwa daraus» eine interalliierte Konferenz werde. «

Was er fordert.

Im übrigen verlauten m Paris aus der Antwort die folgenden Einzelheiten: Poinears dringt darauf, daß allen Deutschen, die von deutschen Gerichten veruretilt worden sind,' weil sie den Befehlen der Rheinlandkomnnssion oder den fran­zösischen Vesatzungsbehörden nachgekommen waren, Am- neftte gewährt werden müsse. Die deutsche Regierung müsse

das schriftliche Versprechen

geben, daß gegen Deutsche, die den Befehlen der Besatzungs- behörde nachgekommen sind, nicht eingeschritten werde. Ferner müsse Deutschland eine Verordnung erlassen, daß den Be » fehlen der Rheinlandkommission voller Ge­horsam zu leisten sei. Das Verbot an deutsche Fir­men, mit Franzosen Handel zu treiben, müsse aufgehoben werden. Die deutschen Behörden müßten den Befehl erhalten, den Besatzungsbehörden in allen Punkten gehorsam zu sein. Wenn der passive Widerstand eingestellt werde, dang müßten aus dem Ruhrgebiet für die Franzosen

die größtmöglichsten Vorteile herausgeholt

werden, damit das Reparationsproblem einer Lösung zuge­führt werde. Die Naturallieferungen, besonders die Kohlentransporte, müssen sofort wieder ausge­nommen werden. Die Steuern müßten inGold gezahlt werden. Eine 26prozentige Ausfuhrtaxe würde erhoben werden.

Gewisse Pfänder sollten während eines Deutschland zu gewährenden Mora­toriums in französischen und belgischen Händen bleiben und'

i e R o n h er an g e z o g en werden. Die, französisch-belgische Eisenbahnregie solle interalliier­ten Charakter erhalten. GewisseBergwerkeim Ruhrgebiet sollen in alliierte Hände übergehen.

Der französische Botschafter in London erhielt bereits Instruktionen, um dem englischen Kabinett auch mündq liche Erklärungen geben zu können. Das Echo des Paris meldet, daß Frankreich das Versprechen geben werde, aus den Zechen, Fabriken und Bergwerken die Truppen zu- rückzuziehen, sobald die Naturalleistungen wieder ausgenom­men würden. Es müsse aber das Recht behalten, die mili­tärischen Maßnahmen wieder aufzunehmen, falls dies notwendig erscheine (!). Poinears fordert also nicht mehr und nicht weniger, als daß die Ruhrbesetzung als zu Recht bestehend anerkannt und zunächst ein­mal! während der Dauer des vierjährigen Moratoriums aufrechterhalten bleiben soll. - (

Das erpreßte Geständnis.

Gegenüber französischen Behauptungen wird von unterrichteter Seite ausdrücklich festgestellt, daß das Geständnis des Landwirtschaftslehrers Görges, der

vom Kriegsgericht in Mainz zum Tode verurteilt wurde, infolge des durch die körperlichen Drangsalie«

nun gen eingetretenen Nervenzufammen« bruches erfolgte. Die zwei deutschen Zeugen, die das Alibi von Görges einwandfrei nachweisen konnte«, sind von dem französischen Kriegsgericht in Mainz nicht vernommen worden (!). Der Bruder von Görges wurde von dem Verhandlungstermin so spät benach­richtigt, -atz er nicht mehr rechtzeitig in Mainz ein. treffen konnte.

DasBerliner Tageblatt" meldet über daserste Ver- hör":Das Verhör dauerte etwa acht Stunden. Ge­orges wurde während dieser Zeit mit Reitpeitschen, Faust schlagen und Fußtritten so schwer miß­handelt, daß er einen Nervenzusammenbruch erlitt und, um weiteren Drangsalierungen zu entgehen, die von den Franzo­sen gewünschten Aussagen machte. Georges war durch die Drangsalierungen derart zusammengebrochen, daß er später mehrere Selbstmordversuche unternahm, die jedoch fehlschlugen. In dem französischen Militärgefängnis in Mainz, wohin Georges am nächsten Tage transportiert wurde, sagte er wörtlich: ,Was zu viel ist, ist zu viel; ich konnte die Qualen einfach nicht mehr ertragen. Um ihnen zu entgehen, habe ich zu allem, was die Franzosen wollten, Ja gesagt!'"

Jetzt verlautet auch aus französischer Quelle in beutEcho de Rhin", eine Darstellung, die einwandftei er- - gibt, daß Görges keineswegs, wie anfangs behauptet wurde,auf frischer Tat ertappt" sei, und es wird bestätigt, daß die Verhaftung wegen verbotenen Waffenbesitzes erfolgte, bevor die französische Kriminalpolizei in Ludwigshafen' Kenntnis von dem beabsichtigten Attentatsversuch hatte.