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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1500 Mk.. für Sersfeld 1500 Mk., Abholer 1300 Mk. / / Anzeigen preis für die einspaltige Detitzeile oder deren Raum 200-Mt., für auswärts 250-Mk., die Reklamereils 500- Mk. / 7 Druck und Derlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Sersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Verleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Sersfeld. / / Fernsprecher Rr. S.

Nr. 73 Donnerstag den 21. Juni 1923

Das Wichtigste.

Das weitere Fallen des Franken hat in Pari.- die Neigung zu schleuniger Aussprache mit Englani bestärkt.

Belgien wird auf den englischen Fragebogen eine g e- sonderte Antwort ergehen lassen.

Der Reichseisenbahnrat hat beschlossen, die Personen- tarife der Reichsbahn ab 1. Juli um 200 Prozent heraufzusetzen.

In der Tätigkeit des Aetnaist ein gewisser Still st a n d eingetreten. Sie. Lavamasse dringt nur noch langsam vorwärts.

Kompromisse.

Bon unserem wirtschaftsvolitischen Mitarbeiter.

Schneller, als man erwarten konnte, hat die Entwicklung des Dollarkurses und der dadurch beeinflußten Preise für fast alle wichtigen Gegenstände des täglichen Bedarfs zu ent­scheidenden Verhandlungen nicht nur über eine Aufbesserung, sondern über eine grundsätzliche Neuregelung der Löhne und Gehälter geführt. In zwei Tagen stieg der Dollar von 120 000 bis auf zeitweilig 170 000 Mark, und Wenn auch die Preise noch lange nicht voll solchem Rekorddollarstande sich angepaßt haben beweist doch die neue Stichtags-Indexziffer für die Großhandelspreise, daß der Durchschnittsstand der Groß­handelspreise bereits am 15. Juni rund das 17 bOOfache des Vorkriegsstandes betrug also einem Dollarstande von etwa 64 000 Mark bei Nichtberücksichtigung der internationalen Geldentwertung seit dieser Zeit entsprachso dürften wir doch selbst bei einem nicht unbeträchtlichen Rückgang des Dollarkurses mit erheblicher weiterer Preissteigerung rechnen im vollen prozentualen Ausmaß' bei den letzten Verbrauchern erst nach längerer Zeit aus, wenn diejenigen Waren in. den Verbrauch übergehen, bei deren Rohstoffbezug und -Verarbei­tung der verringerte Geldwert voll zur Geltung gekommen ist. Schon die bisherige neue Geldentwertung, soweit sie als Teuerung in Erscheinung trat, und nicht zuletzt die psycho­logischen Wirkungen der ständig steigenden Kurse für aus­ländische Zahlungsmittel haben aber erneut Not und Beun­ruhigung in solchem Ausmaße bewirkt, daß sich Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen durchgreifenden Maßnahmen nicht entziehen konnten. Die Gewerkschaften hielten es für geboten, jetzt mit der Forderung des wert­beständigen Einkommens hervorzutreten, einer Forderung, die auf Regierungsseite offenbar nicht ungern gesehen wurde, ohne daß sich die verschiedenen Beteiligten über den Begriff .bes wertbeständigen Einkommens bisher klar und einig geworden wär^r. Die Arbeitgebervertreter verwiesen dagegen bei aller Betonung der auch von ihnen anerkannten Notwendigkeit starker und kurzfristiger Lohn­erhöhungen und der Erhaltung des Existenzmininrums auf die großen Gefahren, die das wertbeständige Einkommen oder gar der in verschiedener Form von verschiedenen Stellen ge­forderte Goldlohn für die Wirtschaft haben müssen. Es ist klar, daß sich aus ihnen abermalige bedeutende Preis­erhöhungen ergeben, die wiederum gesteigerte Inflation sinkenden Geldwert und dementsprechend schnell weiter folgende Lohnsteigerungen ergeben müssen. Ein Fortschritt für die Arbeitnehmermassen wie für die Gesamtwirtschaft könnte also nach Ansicht der Arbeitgeber das wertbeständige Einkommen nur dann darstellen und als ein solcher Fort­schritt wäre sogar, ohne das Ziel hierauf zu beschränken, schon die Erhaltung des seit Monaten immer stärker hinter der Geldentwertung zurückbleibenden Einkommens der Fest­besoldeten und vieler Arbeitergruppen anzusehen, wenn mit seiner Einführung. Reformen unserer Wirtschafts- und Produktionspolitik verbunden wären, die den Ertrag der deutschen Wirtschaft und den Nutzeffekt der Arbeit steigern würden. Das erkennt man wohl auch in Regierungs- und Arbeitnehmerkreisen, ohne aber, teils aus politischen, teils aus gewerkschaftlichen Gründen, teils auch wegen der augen­blicklichen Wirtschaftslage den Mut oder den Willen zu haben, die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Als Ergebnis der vielen Forderungen und Verhandlun­gen der letzten Tage scheint sich demnach eine Reihe von Kompromissen zu entwickeln, die aufschiebende Wirkung haben sollen und als deren Zweck wohl zunächst Einhalt oder Milderung der augenblicklichen Not- erscheinungen gedacht ist. Typisch für die ganze Ten- ) denz ist das Ergebnis der Lohnverhandlungen für die Etaats- i arbeiter und Beamten. Man hat sich hier verhältnismäßig ; schnell über bestimmte neue Löhne geeinigt und die Beratung ; über das wertbeständige Einkommen fortzuführen versprochen, i Nach den Erfahrungen, die allmählich auch der blutigste Laie j in Deutschland zu machen gelernt hat, ergibt sich aber " ohne weiteres aus den beschlossenen Lohnerhöhungen die we­

sentliche Steigerung einer Anzahl ausschlaggebender Faktoren für die allgemeine Teuerung. Dementsprechend ist ja umge­hend der Ankündigung der neuen Löhne die Ankündigung einer Frachterhöhung der Reichsbahn auf das Z^fache und der Personentarife auf das dreifache gefolgt. Entsprechend werden zweifellos,die privaten Arbeitgeber genötig sein, die Lohnerhöhungen auf die Preise abzuwälzen, und so wird wohl schon in den nächsten Tagen eine gewaltige Welle neuer Preis- und Lohnerhöhungen über uns hereinbrechen, die natürlich auch die eben beschlösse- neu Löhne wieder als absolut unzureichend hinstellt.

In den Verhandlungen zwischen Regierung und Gewerk­schaften hat man das auch zweifellos erkannt und will nun wieder mit dem so oft, leider meist mit Recht betrüblichen Er­folge erprobten Weg staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft und das Geldwesen dem Uebel abzuhelfen oder es wenigstens zu lindern versuchen. Die Reichsbank soll den Devisenmarkt erneut durch Erfassung und Kontrolle sowie durch marktech- nische Eingriffe beeinflussen. Eine Devisenzentrale, eine Gold- anleihe und eine neue Stützungsaktion sollen, so hofft und fordert man wenigstens in gewissen Gruppen, den Dollar nicht nur am Steigen verhindern, sondern so weit zurückwerfen, daß von hier aus ein gewisser Preisabbau oder wenigstens Druck gegen Preis steigerungen erfolge. Man kann kaum glauben, daß Regierung oder Gewerkschaftsleitun­gen, nach den Erfahrungen mit der Stützungsaktion des Früh­jahrs, auch nur einigermaßen der Ansicht sein können, durch derartige Zwangsmaßnahmen und Eingriffe in den freien Markt den Markkurs längere Zeit beeinflussen zu können. Man hat doch wohl allmählich Beweise genug dafür, daß weder von der Geld- noch von der Wirtschaftsseite allein unsere Ver­hältnisse gesundet werden können. Und man sollte sich selbst sagen und man tut dies offenbar auch, daß es unmöglich ist, den Markkurs zu heben, wenn die Preisschraube und die schneller sich ändern, wenn die Notenpresse täglich steigende Milliardenziffern produziert und wenn damit der Wert der Mark im Inlande von Tag zu Tag weiter sich verringern muß. Aber man scheint sich eben augenblicklich, unter dem Druck der innerpolitischen Verhältnisse, bei allen maßgebenden Stellen gesagt zu haben, Zeit gewonnen, alles gewonnen. Es ist das Problem der nächsten Wochen und Monate, ob es den rein wirtschaftlich orientierten Gruppen auf beiden Seiten gelingen wird, diese gewonnene Zeit zu wirtschaftlichen Ver­besserungen auszunutzen, eine Zeitspanne im übrigen, die sicherlich hinter der Dauer der Frühjahrs-Stützungsaktion bei der jetzigen Kräfteverteilung zurückbleiben muß. Gelingt das nicht, so werden wir in ganz kurzer Zeit verstärktem Dollardruck und verstärkter Not gegenüberstehen und mit der Zeit nichts gewonnen haben als die Unmöglichkeit, uns noch einmal durch Kompromisse weiterzuhelfen.

Dis MM Markstützzwg. '

Die Frage der Markstützung, die, wie gemeldet, in einer Besprechung zwischen dem Reichskanzler und Bankfachleuten eingehend erörtert worden ist, wird vermutlich nochmals mit einem größeren Kreise von Wirtschaftssachverständigen im Reichswirtschaftsministerium besprochen werden. Hierbei wird die Regierung auch Mitteilung über die sofort zu ergreifenden Maßnahmen zur Einschrän­kung des Devisenhandels machen. Zwar glaubt man, daß es der Reichsbank, die durch die mit ihr in Ver­bindung stehenden Firmen an den au s l ä n d i s ch e n P l ä t - zen interveniert hat, nicht leichtfallen wird, die neue Stützungsaktion durchzuführen, da sie doch gezwungen ist, zwecks Ankaufs der im Auslande befindlichen Markbestände ihre dort unterhaltenen Goldvorräte zu lombardieren, ist trotzdem aber der Auffassung, daß die bisherige katastrophale Markentwertung eine künstliche war, zumal es ausge­schlossen erscheint, daß der Markkurs, wie es auch heute noch der Fall ist, um die Hälfte unter dem Kurs der österreichischen Krone bleibt.

Ueber die Umstellung derSteuer-undLohn- pol.itik und der damit zusammenhängenden Fragen wird am Donnerstag eine, Besprechung des Reichskanzlers mit den Parteiführern abgehalten werden. . /

BsrösppMng der Beamiencehälier.

Die Verhandlungen der Reichsregierung mit den Spitzenorganisationen über die Erhöhung der Bezüge der Beamten und Angestellten haben am Dienstag abend zu einer Verständigung geführt. Der Teuerungs- z u s ch l a g wird vom 16. Juni ab auf. 6000 vom Hundert erhöht, die Frauenzulage betrügt künftig 64000 M., die B e i a tz u n g sz u I a ge ist für alle Orte gleichmäßig auf 83 310 Mark festgesetzt worden.

Die bisherigen Ortssonderzuschläge erhöhen sich von 75 vom Hundert auf 153 vom Hundert, von 150 vom Hundert auf 306 vom Hundert, von 225 auf 457 vom Hundert, von 300 auf 610 vom Hundert, von 375 auf 763 vorn Hundert, von 450 auf 910 vom Hundert, von 525 auf 1067 vom Hun­dert (Berlin), von 600 auf 1220 vom Hundert, von 675 auf 1373 vom Hundert, von 750 auf 1526 vom Hundert, von 1125 auf 2287 vom Hundert, von 1500 auf 2746 vom Hundert, von 1800 auf 3050 vom Hundert. Die Kinderzulage erhöht sich automatisch durch die Erhöhung des allgemeinen prozentualen Teuerungszuschlages um rund 102,6 v. H., nie überhaupt die Aufbesserung der Gesamtbezüge der Be­amten 102,6 vom Hundert beträgt. Die Auszahlung der neuen Bezüge soll auf dem schnellsten Wege erfolgen.

Verfünssachung des Lohnsteuer- Abzuges. .

Der Steuerausschuß des Reichstags erledigte die Be- mtung einer Verordnung über die Erhöhung der Abzüge (Tom einkommensteuerpflichtigen Einkommen bei der Lohn­steuer. Die Vorlage sieht die Verdreifachung der Werbungs- tosten, eine Dervierfachung der Ermäßigung für den Mann und die Ehefrau und eine Verfünffachung der Ermäßigung für die Kinder gegenüber den Sätzen der Verordnung vom 12. Mai d. I. por. Mitglieder des Ausschusses von der Fechten wie der Linken forderten erhebliche Erhöhungen dieser Abzüge.

Auf diese Anregungen bemerkte Reichsfinanzminister Dr. H ermes, daß die Frage der geforderten Einkommen- steuerregelung im. Reichsfinanzministerium in Angriff ge­nommen werde. Die Regierung nehme die Frage der Ge­staltung der M a r k e n t w e r t u n g nachhaltig in ihre Hand, er müsse es aber ablehnen, in diesen: Augenblick Näheres hier­über zu sagen.

Beschlossen wurde allgemein die Verfünffachung der Abzüge für Werbekosten, Ehegatten und Kinde r.

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Auf dem Wege zum wertbeständigen Lohn.

Ueber die Frage des w e r t b e st ä n d i g e n Lohnes fand am Dienstag im R e i ch s a r b e i t s m i n i st e r i um eine Besprechung mit den Spitzenorganisationen der Arbeitnehmer statt. Es ergab sich dabei, daß sich die Absichten des Ministeriums und die Vorschläge der Ge­werkschaften ungefähr in gleicher Richtung be­wegen. Eine Reihe von Fragen.bedarf noch der Klärung sowohl seitens der Regierung als auch der Gewerkschaften. Man hofft aber, schon im Laufe nächster Woche in gemein­samen Verhandlungen zur endgültigen Regelung zu ge­langen.

Die Ferien - Überraschung

Her Reichsbahn.

200 300 Prozent höhere Eisenbahntarife für Juli. Der Todesstoß für den Sommerreise­verkehr.

Während in den meisten Zweigen der deutschen Wirt- schaft die Tarife über die Gehaltserhöhungen für Juni noch nicht einmal abgeschlossen sind, schreitet die Reichsbahn nach den Aufschlägen zum 1. Juni nun zur Erhöhung der Personen- und Gütertarife ab 1. Juli, wie sie in diesem Ausmaße und dieser Rigorosität noch nicht dagewesen sind. Halbamtlich verlautet darüber:

In der letzten Sitzung des Ständigen Ausschusses des Reichseisenbahnrates sprach sich die Mehrheit des Ausschusses für die von der Verwaltung vorgesehene Erhöhung der Gütertarife um 250 Pro­zent aus. Eine Erhöhung der Personentarife zum 1. Juli d. I. um 300 Prozent für die erste und zweite Klaffe und um 200 Prozent für die dritte und vierte Klasse wurde mit beträcht­licher Stimmenmehrheit angenommen. Die Ent­scheidung des Neichsverkehrsministers steht noch aus."

Ganz abgesehen von den schweren Folgen für die Gesamt- wirtschaft und für die weitere Preisgestaltung der lebens­wichtigen Produkte wird unmittelbar durch dies schroffe Vor­gehen gerade in diesem Augenblick das Heer der Arbeitnehmer wie der ganze Mittelstand geschädigt. Für allzu viele schwindet mit der "neuen Tariferhöhung die letzte Aussicht auf die ach so nötige! Sommerreise, und seufzend macht der Familienvater einen Strich durch seine sorgsam ausgeklügelte Reiserechnung, denn ein Mi lli o nenfahr ge ld kann er natürlich nicht aufbringen. Geschädigt werden aber auch - alle Sommerfrischen und Kurorte, deren Aus-j sichten für dieses Jahr bei der allgemeinen Teuerung ohnehin nicht sehr glänzend waren. ' Geschädigt wird durch diesen Marsch an der Spitze der Teuerung schließlich auch der E i s e n b a h n f i s k u s ' s e l b st werden, dem die erhöhten Tarife wohl leere Züge, aber kaum volle Kassen einbringekt werden.

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