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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1500 Mk., für Hersfeld 1500. Mk., Abholer 1300. Mt. / / Aurelgea pre« für die einspaltige Bellt,eile oder deren Raum 200.- Mt., für auswärts 250 Mt., die Retlamereile 500- Mt. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchbruckerel I* Hersfeld.

Mitglied des Vereius Deutscher Zeilungs-Verleger. / / Für die Gchriftleituag verantwortlich Franz Fuut in Hersfeld. / / Fernsprecher Rr. 8.

Nr. 74 Sonnabend den 23. Juni 1923

Das Wichtigste.

Der Notenumlauf der Reichsbank hat sich in der Be­richtswoche auf über 10 Billionen Mark erhöht.

Zur Abwehr der französischen Hungerblockade ist die Lebensmittelversorgung des Ruhrgebiets auf eine neue Basis gestellt.

Aus Paris verlautet, daß die Ministerpräsidenten Englands und Frankreichs nach llebcrreichung der fran­zösischen Antwort in Boulogne-sur-mer zusammenkommen werden.

Die sogenannteNotverordnung^fürdas Saar- gebiet ist französischerseits aufgehoben worden.

In Albanien ist, nach Pariser Meldungen, eine Re- volutio» ausgebrochen.

Der Beginn der Sommerferien ist in Anbetracht der Eiseubahntariferhohung auf den 3 0. Juni verschoben.

Wochenrückblick.

Während die belgische Ministerkrisis ihre Kreise weiter Sieht, bleibt es unwahrscheinlich, daß eine Einigung zwischen Belgien und Frankreich über die Antwortnote über den eng­lischen Fragebogen erzielt ist. Wäre dies der Fall, dann wäre nicht einzusehen, warum die Note in London noch nicht überreicht ist. Roch befinden sich, wie aus den Besprechungen des belgischen Botschafters mit Poincare hoevorgeht, die Verhandlungen im Vorstadium derInstruktionen", um die Fortsetzung der Unterhaltungen mit Lord Curzon zu ermöglichen, aber man beeilt sich in Paris damit nicht, son­dern schiebt sie auf die lange Bank in der Erwartung, daß der wirtschaftliche Niederbruch Deutschlands die Rphrfrage ganz von selbst zu einer Lösung führen wird. Allein in

angefragt habe, wann auf eine endgültige französische Ant­wort zu rechnen sei,wenigstens auf diejenigen Punkte der Antwortnote, deren Beantwortung dem französischen Aus­wärtigen Amt auch während der belgischen Ministerkrisis durch die letzte Mitteilung der belgischen Regierung möglich sei. Das ist eine verblümte Mahnung, von der Ver- schleppungspolitik abzulassen, und im Unterhause gibt man sich nicht der Täuschung hin, daß nicht etwa Poincare alles aufbietet, um Deutschland zu zermürben, um eine vollendete Tatsache zu schaffen. Die Regierung hält sich allerdings zu- rück und versagt sich jede Kritik an ftanzösischen Verbrechen und Gewalttaten im Ruhrgebiet. Auch B a I d w i n stellt sich taub. Er hat auf eine Anftage im Unterhause erklärt, seine Regierung habe noch keine amtliche Bestätigung über die von den Franzosen über das besetzte Gebiet verhängte Lebensmiftelsperre. Das ist freilich ein bequemes Mittel, sich unbequeme Frager vom Leibe zu halten; denn welche amtliche englische Stelle soll sich mit der Taffache befassen, daß die für die Ruhrbevölkerung bestimmten Vorräte von der ftanzösischen Soldateska an der Grenze festgehalten oder, wie es geschehen ist, geplündert und verbraucht werden! Die Aushungerungsversuche sind notorisch, das beweist schon die Anftage, und ihre Richtbeantwortung ist ein weiterer Be­weis für das Zartgefühl, womit Blutmenschen vom Schlage eines Poincare begegnet wird. Menschlichkeit ist das am allerwenigsten abgegriffene Kapitel im Kodex der Diplo­matie, und es wird nur ausgeschlagen, wenn ein greifbarer Profit dabei in Aussicht steht.

Doch stellen sich nicht alle Engländer auf diesen Standpunkt. Das Unterhausmitglied Kedgwood ließ sich durch die kühle Haltung Baldwins nicht abhalten, die riesige Bedeutung der Aushungerungsfrage zu betonen und anzu- ftagen, ob bei Ausbruch von Unruhen die Nahrungsmittel­sperre untersucht werden würde. Erst da fand sich der Premierminister gedrängt, eine Erwägung über derartige Nachforschungen zuzusagen.

Nach allem, was über die weltbewegende Reparations- frage aus Amerika verlautet, scheint Präsident Harding den Plan eines Weltschiedsgerichtshofes nicht aufgegeben zu haben, will ihn aber nicht mit dem Beitritt der Vereinigten Staaten zum Völkerbund verquickt sehen. Was er jetzt in St. Louis über die Reparationen geäußert hat, driickt nichts Positives aus. Seine Hoffnung auf das Zustandekommen eines gerechten Abkommens zwischen berechtigten französi­schen Ansprüchen und deutscher Leistungsbereitschaft läßt jedes Eingehen auf die entsetzlichen Vorgänge an der Ruhr vermissen, und sein Appell an die deutsche Demokratie, den Begriff nationaler Ehrenhaftigkeit neu zu schaffen, würde erst wirkungsvoll sein können, wenn er auch auf die Neu­schaffung einer französischen Ehrenhasttg- keit sich erstreckt hätte.

Was sich augenblicklich in Polen abspielt, erheischt Be- *$Nbäl MGs durch Annexionen vom Nationalstaat ^

j Nationalitätenstaat gewordene Gebilde ist vom Aus- dehnungsdrang erfaßt, und anstatt seine innerpolitischen, ! wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu festigen, strebt es die Einverleibung Danzigs an und reibt sich an Litauen. Zu dieser Tendenz paßt der jetzt bekannt werdende englisch-polnische Vertrag, wonach England der polnischen Kriegsindustrie Kapital vorschießen und Kriegs­material für den Ausbau der Luftflotte und der Artillerie geben will. Auch die drohende Sprache, die der Außen­minister Seyda gegen den preußischen Ministerpräsidenten Braun wegen des Vorwurfs polnischer Intoleranz führte, gehört in dasselbe Kapitel. Jetzt wurde den Polen eine Abkühlung zuteil: die deutsche Valuta hat einen Währungssturz in Warschau bewirkt. Alle pol­nischen Valutabörsen mußten auf ministerielle Anordnung geschlossen werden, alle Banken und Exporteure haben ihre sämtlichen ftemden Devisen an die staatliche Darlehnskasse abzuliefern, und die Wirtschaftslage ist durch diese Maß­nahmen so bedenklich geworden, daß, wenn die Beschaffung der erforderlichen Devisen mißlingt, eine Katastrophe zu be­fürchten ist. Unter diesen Umständen ist es zu verstehen, wenn Seyda in einer in Warschau gepflogenen Unter­haltung von der Besetzung des Ruhrgebiets durch die Fran­zosen Heil für die polnische Wirtschaft und ihre Konsoli­dierung erwartet und seiner Sehnsucht nach dem freien Zu­gang zum Meer Ausdruck gibt.

Die Abwehr der Hungerblockade.

Eingreifen des internationalen Roten Kreuzes.

Aus dem Ruhrgebiet kommt das Verlangen, dass das internationale Rote Kreuz die Lebens- mitteltransporte nach dem Ruhrgebiet unter seinen

Schutz stellt und die internationale Caritas dem Ruhr- gebiet seine Fürsorge zuteil werden lässt wie dem Hungergebiet Sowjetrusslands. Die jetzt erfolgte Frei- scheinbar eine Erleichterung der Lebensmittelversor­gung des Ruhrgebietets und darauf berechnet, als fran­zösisches Entgegenkommen gegenüber den Lebensmittel­schwierigkeiten der Ruhrbevölkerung vor dem Auslande zu erscheinen. Tatsächlich erschweren die Fran- zosen nach wie vor systematisch den Trans­port von Lebens Mitteln. Es fehlt im Ruhr­gebiet vor allem an Kartoffeln. Auch die Vorräte an Hülsenfrüchten sind so gering, dass ernste Besorgnisse für die Versorgung des Ruhrgebietes mit Lebensmitteln gehegt werden müssen.

Die Zufuhr von Lebensmitteln

in das Ruhrgebiet ist auf eine neue Basis gestellt worden. Die bisherigen Zuführungsbahnhöfe kommen nicht mehr in Betracht. Nach der vorübergehend ausgesprochenen Verkehrs- sperre ist ein Ring neuer Zufuhrbahnhöfe r i n g s um das Ruhrgebiet festgelegt worden, die die Anfuhr von Lebensmitteln derart ermöglichen, daß die Waren dicht an das besetzte Gebiet herankommen. Möglichst liegen diese Bahnhöfe sogar jenseits der Grenze, von wo die Waren ohne weitere Kontrollschwierigkeiten durch Autos weiterbefördert werden können. Eine Verfügung, die den Zweck hat, eine mög­lichst große Anzahl von Kraftwagen zur Verfügung zu halten, da die Einfuhr weiterer Kraftwagen in das besetzte Gebiet untersagt worden ist, ist in die Wege geleitet worden. Die nach stillgelegten Bahnhöfen bisher aufgelieferten Waren werden nach Möglichkeit von deutschen Beamten a u f ande­rem Wege ihrem Bestimmungsort zugeführt.

Ministerpräsidenten -Zusammenkunft in Boulogne-sur-mer.

Poincarss neue Bedingungen.

Aus Paris wird gemeldet: Sobald Frankreich und Belgien den englischen Fragebogen wegen der Einstel- lung des passiven Widerstandes beantwortet haben, soll, wiePetit Parisien" mitteilt, eine Begegnung zwischen Poincare und Bald Win stattfinden. Der Ort ist noch nicht bestimmt, doch nimmt man B o u - logne für Mer an. *

Der diplomatische Redakteur derDaily Mail", der sehr gute Beziehungen zu poincare unterhält und in wichtigen politischen Fragen immer den Standpunkt Frankreichs offi­ziell wiedergibt, teilt jetzt die Bedingungen mit, die Frank­reich an das englische Kabinett bei der Beantwortung des Fragebogens gestellt hat. Frankreich fordert die Zurück- ziehung aller Verordnungen der Reichsregierung, erklärt aber seine Bereitschaft, alle Ärafmaßnahmen gegen jene Personen a u fz u h e b e n, die den Widerstand leisten. Auch Krupp von Bohlen soll desnadigt werden, dagegen würden

die Zollschranken bestehen bleiben, und die Kohlensteuer von den Alliierten weiter erhoben werden. Wenn ein Waffenstillstand im Ruhrgebiet zustande käme, könnten die ftanzösischen und belgischen Truppen auf das unbe» dingt notwendige Maß herabgesetzt werden. Auch in den Großstädten sollen diese nicht verbleiben, sondern nur in den weniger bevölkerten Punkten. Die Alliierten würden sich nur das Recht einer Kontrolle vorbe- halten. Die Besetzung würde aufgehoben werden nach Maß- gäbe der deutschen Reparationsleistungen. Die Truppen wür- den vorläufig in Essen und Umgebung verbleiben. Im übrigen wird in dieser Darstellung betont, daß Frankreich friedliche Absichten m Europa habe.

Kabinett Theunis oder Neuwahlen!

Die Pariser Blätter melden aus Brüssel gleichlautend, daß Theunis am Freitag seine Beratungen beendet habe und bekanntgsben werde, daß er in der Lage sei, das neue Mini­sterium zu bilden. Der Brüsseler Berichterstatter desPetit Parisien" meldet, er habe in Abgeordnetenkreisen und in poli- tischen Kreisen erfahren, daß Theunis, obgleich er bei seinen Beratungen mit den verschiedenen Parteien keine Formel habe fht ben können, um die Frage der Genter Universität zu regeln, einen Weg gefunden habe, eine Regierung zu bilden. Wenn also nichts Unvorhergesehenes eintrete, sei es wcchrscheinlich, daß Theunis dem König eine günstige Ant- Wort überbringen werde.

Der Brüsseler Berichterstatter desMatin" schreibt im Gegensatz dazu, daß in der Frage der Flamenuniversität eine Einigung zwischen Liberalen und Katholiken erzielt worden sei, daß aber die Schwierigkeiten hinsichtlich der Dauer der militärischen Dienstzeit und über die Sprachenfrage im Heer noch nicht behoben seien. Der Berichterstatter glaubt, daß Theunis darauf verzichten müsse, das Ministerium zu bilden, und daß man zur Auflösung der Äamper schreiten müsse.

Rücktritt Lord Curzons?

Eine unbestätigte Londoner Meldung.

beabsichtige, binnen kurzem aus Gesundheitsrücksichten zurück,«treten. Chamberlain wäre nicht ab­geneigt, den Posten des Außenministers zu übernehmen, es sei jedoch ernstlich die Rede davon, dass Grey CurzonS Nachfolger sein werde. Lord Robert Cecil erstrebe ebenfalls den Posten. Der Bericht derDaily Sketchs wird durch kein arideres Blatt bestätigt. . .

Aufhebung der Saar-Verordnung.

Um dem Völkerbund zuvorzukommenl

Die Saarregierung hat in einem Brief dem Völker- bundsrate mitgeteilt, daß sie in ihrer Sitzung am 18. Juni die vielfach beanstandete Notverord- nung durch eine andere Verordnung ersetzt habe, ohite daß über den Ehrakter dieser neuen Verordnung etwas Näheres gesagt ist.

Man empfindet dieses Vorgehen in englischen Kreisen als einen Versuch, die Interventionsforderuna der englischen Regierung gegenstandslos zu machen und weist darauf hin, daß das englische Interventionsgesuch sich nicht nur gegen die Notverordnung richtet, sondern daß Unterstaatssekretär Mac Neill ausdrücklich im Unterhaus« erklärt habe, England wünsche im allgemeinen Aufklärung darüber, ob die Tätigkeit der Regierungskommission dem Geiste des Versailler Vertrages entspreche. Infolgedessen könne natürlich die Zurückziehung der Notver­ordnung keinerlei Aenderung der Stellung­nahme der englischen Regierung zur Folge haben. .

Andererseits erfährt man, daß die ftanzösische Regierung eifrig bemüht ist, die Ansicht der übrigen im Völkerbundsrat vertretenen Regierungen über das englische Interventions- gesucht zu sondieren. Es erscheint somit unzweifelhaft, daß die englische Forderung einer Untersuchung bei der nächsten Tagung des Völkerbundsrates zur Sprache kommen wird.

Das System der französischen Bankräuber.

Wie bekannt, ist die Reichsbank innerhalb des besetzten Gebietes in unerhörter Weise fortgesetzt von den Franzosenberaubt worden. Zunächstbeschlaanahm- ten" die Franzosen auf dem Transport nach den Bankanstal- ten befindliche Notsendungen auf Bahnstationen, Straßen, Schiffen und auf der Post. Später drangen sie in die Reichs­bankanstalten selbst ein und entwendeten dieKassen- und Tresorbestände". Ein besonders krasser Fall dieser Art hat ich letzthin in Dortmund ereignet. Französische Truppen^ besetzten unter Führung von ftanzösischen Zivilbeamten both, rühmorgens die Reichsbankhauptstelle, bemächtigten sich ge-f waltsam der Schlüssel bis auf einen, der in einem£ Papier korb versteckt war, den sie aber unglücklicher-k weise dadurch fanden, daß ein französischer Soldat in bemE Korbe nach deutschenBriefmarken suchte. Sie nah-h menaus dem Tresor ungefähr52MilliardenMarn fort, womit die Gesamtsumme der der Reichsbank geraubtem