Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. rs
Dienstag den 26. Juni
1923
Das Wichtigste.
— Reichskanzler Euno hat in einer Rede zu Königsberg üb Unmöglichkeit einer Aufgabe des passiven Wider- standes betont.
— Durch eine Verordnung des Oberkommandierenden der Be- satzungstruppen ist die Beschlagnahme aller Kohlenlager im besetzten Gebiet verfügt worden.
— Die englische Zeitung „Observer" bringt Enthüllungen über Frankreichs Beziehungen zu den rheinischen Separatisten.
„Noch nicht verwirklichte Ideale."
Soll Deutsch-Oberschlesien zu einem zweiten Ruhrgebiet werden? Diese Frage ist akut geworden durch die in der Entgegnung der deutschen Regierung auf die polnische Verbalnote vom 25. April getroffene Feststellung, wonach „die polnischen aufständischen Organisationen in Polnisch-Ober- schlesien für den Fall einer Zuteilung der Delbrückschächte an Deutschland offenbar mit Waffengewalt drohen und näch unwidersprochener Meldung der Lokalpresse an verschiedenen Orten kompagnieweise, größtenteils mit Gewehren ausgerüstet, regelrechte militärische Uebungen abhalten". Wer wollte sich, auch ohne pessimistisch angekränkelt zu sein, ver- hehlens daß die Lage ernst geworden ist. Die deutsche Regierung hat ihre Antwort aus einen versöhnlichen Ton gestimmt und-Her Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß die Be- Hürden von Polnisch-Oberschlesien wesentlich zur Entspannung beitragen könnten, wenn sie von den Aufständischen abrücken und den durch das Genfer Abkommen der deutschen Minderheit gewährleisteten Rechten einen wirksamen Schutz angedeihen lassen wollten. Wie ist es r.m diesen auch durch § 92 bundsrats vom 22. September 1922 festgesetzten Schutz bestellt? Sehr Übel! Im Mai d. Is. sind, augenscheinlich nach französischem Muster, allein mehr als 170 Deutsche aus Polen ausgewiesen worden/ Gutsbesitzer, Kaufleute, Geistliche, so daß z. B. in Pomerellen — ein schlagender Beweis für die polnische „Toleranz" — ein ganzes Dutzend Kirchspiele der geistlichen Fürsorge verlustig gegangen ist. Dasselbe Schicksal bedroht ungefähr 300 000 Optanten, die von Rechts wegen nicht ausgewiesen werden dürfen. Außerdem sucht man die Deutschen der polnischen Staatsangehörigkeit ungeachtet der Bestimmungen des Versailler Vertrages zu entkleiden, obwohl dieser jeden als polnischen Bürger angesehen wissen will, der am 1. Januar 1908 und am 20. Januar 1920 in Polen ansässig war. Wessen Eltern inzwischen gestprben sinds oder wer das Land auch nur auf einige Tage einmal verlassen hat, soll ausgewiesen werden. Mit diesen Auslegungs- künsten wird sich das Haager Schiedsgericht zu befassen haben, und wenn aus der Welt nicht alle Vernunft verschwunden ist, d. h. nicht alle Richter aus Franzosen und Belgiern bestehen, dürste die deutsche Bevölkerung in Polen der Entscheidum ruhig entgegensehen, läge nicht die Gefahr vor, daß die Poler den Spruch nicht anerkennen. Mit welchen Mitteln will mar ihn im Haag zur Durchführung bringen, wer soll ihn voll strecken? Wer so, wie es geschehen ist, mit dem klaren Wort laut von Verträgen umspringt und ihren Sinn verfälscht unt entstellt, der wird auch eine neue Umdeutung des Schieds- spruchs fertig bringen. Polen war feit seinem Bestehen immer der Tummelplatz politischer Vergewaltigungen gewesen und hat diese polnische Wirtschaft bis zu seiner Aufteilung fortgeführt. Kaum wiedererstanden, beginnt es das alte Spiel von neuem und sucht seinen Landhunger mit deut schem Besitz zu stillen. Die Angriffe auf Danzig, Memel, Wilna, Weißrußland sind dafür Beispiele, und pochend au| französischen Beistand, sucht die Sarmaten-RepMik ihre Fänge noch tiefer in Oberschlesien zu schlagen.
Alle Reden polnischer Staatsmänner atmen unversöhn- lichen Deutschenhaß. Der Premier-Minister verwahrt sich schroff gegen den Vorwurf der Intoleranz, der mit Tatsachen aus Oberschlesien belegt werden kann; der Außenminister wettert gegen das deutsche Danzig und schützt die Gefahr vor, die von Zoppot aus durch Spielhöllen die harmlose Schlachta bedrohen. Vor dem Besuche von Monaco, Spa, Interlaken und andern Heilstätten für' Finanzschäden sind die Polen ja durch den Stand der polnischen Valuta geschützt. Polen leidet zurzeit, wie es in einer in Kattowitz gefaßten Entschließung der Insurgenten heißt, an nicht verwirklichten Idealen und meint damit die Annektierung von ganz Oberschlesien. Seit Frankreich anfängt, sein Ideal, das ihm Herr Dariac umgrenzt hat mit der Entdeutschung des linken Rhein- Ufers, der Saar und der Ruhr, zu verwirklichen, regen sich /auch in Polen Austzehnungsgelüste. Es entspricht nicht dem /diplomatischen Brauch, offensichtliche, an einen wehrlosen st Staat begangene Rechtsverletzungen zu glorifizieren. Herr
Seyda hat es getan; er hat Frankreich die Sympathie Polens für den Ruhreinbruch ausgesprochen, und nun scheint er nach Vorwänden zu einem Bruch mit Deutschland zu suchen. Dazu muß die deutscherseits verfügte Ausweisung lästiger Ausländer polnischer Staatsangehörigkeit herhalten. Es kann dem Herrn Außenminister schwerlich entgangen sein, welcher Abhub von dieser Maßregel betroffen worden ist, Verbrecher und jenes Gesinde!, das fortwährend die deutsche Polizei in Atem hält. Wenn es mit dieser Schicht seiner Volksgenossen Staat machen will, sei es ihm unbenommen; jeder Politiker hat das Recht, sich auf die seinem Niveau zusagende Stufe zu stellen, nur muß er gestatten, daß man seine Politik danach einschätzt. Glücklicherweise ist dieser Vasall Frankreichs nicht allein maßgebend für die Ruhe Europas, und so steht zu hoffen, daß ihm ruhebedürstigere Faktoren die Verwirklichung seiner Ideale noch auf einige Zeit hinausschieben werden.
Englische Enthüllungen über Frankreichs Ltmiriebe im Rheinland.
Ein neuer Geheimbericht. — Die Rolle Dortens. — Schwere Bloßstellung des französischen Oberkommissars.
Die englische Zeitung Observer veröffentlicht Enthüllungen über die französischen Pläne für die Los- trennung des Rheinlandes vom Reich in Gestalt eines ausführlichen, vom 16. April 1883 datierten Geheimberichts des französischen Oberkommissars im Rheinland an seine Regierung in Paris. Der als „persönlich und streng vertraulich" bezeichnete Bericht besaht sich, wie der französische Oberkommissar darin selbst zugibt, „mit den Anstrengungen, die von zwei bereitwilligen Parteien, dem französischen Oberkom-zrisfariat auf der einen WWWWUlMWWKWU^ Wer ■t?^mf«r**’! paratisten auf der anderen Seite, während zahlreicher Monate unternommen wurden, um ihr gemeinsames Ziel, die Befreiung des Rheinlandes, zu erreichen".
Der Geheimbericht des französischen Oberkommissariats im Rheinland beginnt mit der Feststellung, daß die früheren Berichte die verschiedenen Krisen behandelten, die die fran- zösischen Beziehungen mit Dr. Dorten seit dem Monat Mai 19 21 durchgemacht haben, in dem der Verfasser des Berichts „mit der Aufgabe betraut wurde, mit Dorten in Fühlung zu treten." Es heißt weiter, mit der Unterstützung des französischen Oberkommissars, sei Dorten in der Lage gewesen, seine Anhänger zusammen- zubekommen, ihre Begeisterung hochzuhalten, seine Propa-^ ganda zu verbreiten und Zeitungen zu gründen. Dorten sei Allmählich auf das Niveau eines u n t e r ge o r d nete n Agenten in französischem Solde herabgesunken. Seine Feinde seien nur zu froh gewesen, dies herauszufinden, und im „antipreußischen, aber durch und durch deut- s ch e n" Rheinland hätten Dortens Feinde es verstanden, diese Tatsache als tödliche Waffe zur Beeinflussung der rhei- Nischen Politik zu Miußen.
Es heißt weiter, Dorten habe versucht, die rheinische separatistische Bewegung mit den übrigen separatistischen Mittelpunkten des nichtbesetzten Deutschland zu verbinden. Er sei in Verhandlungen mit Dr. Heim, „dem König der bayerischen Bauern", getreten. Dorten sei jedoch gezwungen gewesen, seine Pläne aufzugeben. Der Bericht führt fort, Dorten habe vor kurzem
eine große Anstrengung im Ruhrgebiet gemacht und habe ein Sekretariat in Düsseldorf gegründet, mit dem er, wie er sage, vollkommen zufrieden sei. Er sei ohne Schwierigkeiten in der Lage gewesen, dieNamenvon etwa 50 einflußreichen Personen zu erhalten, die sich schon bereit erklärt hätten, Mitglieder des zukünftigen ratgebenden Ausschusses des rheinischen Staats zu werden, sowie von 300 bis 400 Personen als zukünftigen Mitgliedern eines Wirtschaftsausschusses. Der Verfasser des Berichts fährt fort: „Außerdem war ich im Verlauf einer Unterredung mit Herrn Dahlen, dem Präsidenten des nieder- rheinischen Leitungsausschusses, in der Lage, einige Ziffern zu erhalten. Er versicherte mir, daß er in den Bezirken von Aachen, Düsseldorf und Köln auf
einige zehntausend Anhänger rechnen könne, die des vollsten Vertrauens würdig seien. Dies ist viel mehr als der von Artikel 18 der Reichsverfassung vorgeschriebene Prozentsatz. Köln erzielte nicht das volle Ergebnis, das man erhofft hatte, und zwar wegen der englischen Besetzung und der Schlappheit »und des Taktmangels des dortigen Delegierten, des Architekten Müller." Der Bericht befaßt sich hierauf mit
Dortens Aktionsmethode.
Da Dorten gefunden habe, daß, große Ausschüsse „Indiskretionen begünstigen", berufe er nur die Häupter der Bezirks, „seinen vertraulichen Ge n e r a l st a b", ein, durch den die Beschlüsse den unteren Rängen übermittelt würden.
Dortens Arbeit beschränke sich auf die ländliche Bevölkerung und den M i t t e l st a n d ; „Propaganda unter den Arbeitern", so sagte Dorten, „könnte zu sozialistischen Gegenoffensiven führen." Der französische Oberkommissar erklärt, im Verlaufe von Unterredungen, die er mit gewissen Vertrauensleuten Dortens, wie G r a n d' Ry und D a h l e n von Aachen, Müller von Köln und Simon von Wiesbaden gehabt habe, habe er sehen können, daß
. Dorten als der einzige Führer
betrachtet werde, der in der Lage sei, die rheinische Berve- qung zu einem erfolgreichen Ziele zu bringen. Der Bericht fährt fort: Ende Februar 1923 habe das Oberkommissariat Dr. Dorten drei ernste Dinge vorgeworfen: 1. daß er nichts tue, um die separatistische Bewegung zu entwickeln, daß er wissentlich ihre Bedeutung übertreibe und die französischen Anstrengunge'n im Ruhrgebiet mit einem voll- st ändigenMangelanAktivitätim Rheinland begleite; 2. daß er die ihm anvertrauten Fonds mißbraucht habe, und 3. daß er in der französischen Presse gegen das Oberkommissariat gerichtete Fehden entfacht habe. Der Verfasser des Berichts, der Dorten gegen diese Anwürfe in Schutz nimmt, erklärt, viele Agenten'Dortens hätten wirklich Energie gezeigt und hätten unter Führung Dortens
„einige zweifellos interessante" Ergebnisse
erzielt, deren Einzelheiten er allerdings augenblicklich nicht in der Lage sei, mitzuteilen. Der Berichterstatter fährt fort: „Die Persönlichkeit jedoch, die sicher d e n g r ö ß t e n E i n- flußaufDr. Dortenausübteundmitihmim- mer in sehr engen Beziehungen blieb, war General Mangln." Dorten habe nie den ihm von dem General bereiteten Empfang und auch nicht „die großen Pläne, die sie zusammenerörterten", vergessen. Dorten habe den General Mangin als den Mann angesehen, der als einziger fähig sei, „Frankreichs Geschick am Rhein! zu erfüllen".
Der Bericht schließt:
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abgeschnitten habe. Denn in Paris habe er seine Politik als in vollständiger Uebereinstimmung mit! Frankreich befindlich bezeichnet: „Keine B a st a r d «j lösungen mehr, die preußischen Manövern helfen- könnten", sondern „ein unabhängiger Rhein-i landstaat, der Anteil an den Reparationen nimmt".
Beschlagnahme aller Kohlenlager.
Wie die Agentur Havas aus Düsseldorf be-! richtet, hat der Oberkommandierende der Besetzungstruppen eine neue Verordnung erlassen, wonach! alle Kohlenlager im, besetzten Gebiet, deren Ausbeutung die französisch-belgische Kontrollkommission für notwendig erachtet, beschlagnahmt werden. Den' Direktoren der Fabriken und Bergwerke wird nicht- mehr gestattet, den Kohlenvorräten if, gend etwas zu entnehmen. Ausnahmen können nur mit besonderer Genehmigung gestattet werden. Bei Zuwiderhandlung gegen die Verordnung sowie für den' Fall, daß den französisch-belgischen Feststellungs- oder, Ueberwachungsorganen Hindernisse in den Weg gelegt werden, soll Geldstrafe, von mindestens hundert Millionen Mark, sowi/ Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahr.cn oder eine dieser beiden Strafe« verhängt werden. Auch die Angestellten eines Unter, nehmens, die es an der Uebertvachung haben fehlen lassen, soll die gleiche Strafe treffen.
Eine Kanzlerrede in Königsberg.
Anläßlich der landwirtschaftlichen Ausstellung der deutschen Ostmesse, zu deren Eröffnung mehrere Mitglieder des Reichskabinetts am Sonntag in Königsberg anwesend waren, nahm Reichskanzler Dr. Euno in der Hindenburg-Oberreal- schule unter geladenen Gästen Gelegenheit zu einer Ansprache. Im Verlause seiner Rede führte der Kanzler u. a. aus:
Ostpreußen könne der unbedingten Unterstützung des Reiches sicher sein, so namentlich, was den Hafenbau in Königsberg anbelangt, der zur Lebensnotwendigkeit Ostpreußens gehört. Angesichts der gegenwärtigen Lage tauche aber wohl die Frage auf, ob wir imstande sein werden, diese Zusicherung zu halten. Man blickt dabei nach den Gebieten, in denen deutsche Männer trotz 4 Jahre Krieg und 4 Jahre Friedlosigkeit unerschütterlich ihre Treue zum Reich halten unter dem Druck der feindlichen Besatzung. Sie Haltens fest und werden .
festhalten wie am ersten Tage, |
ja, vielleicht noch fester trotz aller Opfer an Freiheit, an Gutl und an Blut. Alle versichern sie, daß sie nicht lassen vom. Reich. Wir aber, die wir auf sie bauen, müssen unsere Politik offenundgerade gestalten, das sind wir ihnen schuldig. ^-^' ' * ------------ ------- ^".M ^t