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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag. Sonnentag and Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 4000- Ml.. für Serssel» 4000.- Mt.. Äbboltt 3500.- Mt. , , Xtn eigen p»i- für die einspaltige Petitretle oder deren Raum 500-Mt.. für auswärts 800.- Mt.. die ReNamezeile 2000.- Mt. / / Druck und Derlag von Ludwig Suats Duchbruckerei tu VerSfeld. Mitglied des DereiuS Deutscher ZeituagS-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in HerSfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 82 Donnerstag den 12. Juli 1923

Das Wichtigst«.

In London wird betont daß di« bevorstehenden Re- gierungserklärungen keinen Bruch mit Frank- reich bedeuten werden.

Die belgische Regierung hat sich bei dem deutschen Geschäftsträger in Brüssel wegen des Zwischenfalls entschuldigt.

Im unbesetzten Gebiet hat ein Feuergefecht zwischen Schutzpolizei und Belgiern stattgefunden.,

Ein halbes Jahr Buhrkrieg.

BonunseremwirtschastspolitischenMitarbeiter.

Ein halbes Jahr ist verstrichen, seitdem Frankreich unter dem Vorwande nichterfüllter deutscher Reparationsverpflich- tungen und eigener wirtschaftlicher Not den Einfall in das Ruhrgebiet vollzog. Heute, nach einem halben Jahre, liegt wohl für den letzten Neutralen auf der Hand, daß es sich bei dem französischen Vorgehen um eine rein politifch-impe- rialistische Angelegenheit handelt und gehandelt hat, deren Folgen in erschreckendem, alle Vorausschätzungen noch weit übersteigendem Ausmaß die Wirtschaft und damit die breiten Massen der Bevölkerung, in erster Linie natürlich Deutschlands, in fast gleichem Maße aber bereits Frankreichs, und von Tag zu Tag fühlbarer der ganzen Welt zu tragen haben. Es braucht nur kurz der tatsächliche Erfolg oder richtiger Mißerfolg der vorgeschützten wirtschaft­lichen Bestrebungen Frankreichs in diesem halben Jahre ver­glichen zu werden mit der wirtschaftlichen Ein­buße, die alle Beteiligten erlitten, und unter den Folgen eben dieser wirtschaftlichen Einbußen ergibt sich das gleiche Bild eines politischen Mißerfolges bezüglich der eigentlichen Ziele und gewaltiger politischer Einbuße auf anderen Gebie­ten, mit denen selbst dieser Mißerfolg bezahlt worden ist.

~ p^fi-.^'1'^ Fvanzoien stand der Dollar auf rund 10 000 Mark. Heute notiert er in Berlin trotz allen Zwangsmaßnahmen und trotz geringfügigster Zuteilung auf die angeforderten Beträge fast 200 000 Mark, und im Aus­lande ist die Mark auf einen Stand gesunken, der zeitweilig einem Dollarwert von 275 000 Mark entsprach. Der Papier- geldumlauf in Deutschland hat sich vervielfacht und ist von fünf Viertel Billionen bis auf fünfundzwanzig- einhalb Billionen Mark in diesem halben Jahre ge­stiegen, stärker noch haben sich die schwebenden Schulden des Reichs und noch weit stärker die Kosten der Lebenshaltung erhöht, während die Arbeitslosigkeit und alle anderen Aeuße­rungen der Not im Volke im grotesken Maße gestiegen sind. Die Teuerung in Deutschland steigt von Tag zu Tag, Streiks sind wieder an der Tagesordnung, und das Problem der wertbeständigen Einkommen und der Sicherung des Existenz- minimiums für die arbeitenden Massen sowie der Sicherung des Geldbedarfs für die Reichs- und Landesbehörden ist so gewaltig geworden, daß es das ganze täglische politische und geschäftliche Leben beherrscht. Immer schwieriger wird die Sicherung der erforderlichen Nahrungsmittel- und Rohstoff­einfuhr, immer schwieriger die Erhaltung wenigstens eines Teiles des Vermögens für den gewerblichen Mittelstand und die Deckung des landwirtschaftlichen Betriebsbedarfes. Bis zum Siebzigtausendfachen des Vorlriegs - fatz es sind ziffernmäßig einzelne Warenpreise gestiegen, und die Steigerungen folgen sich so schnell, daß Kalkulationen schon nach wenigen Tagen überholt sind.

Die Mark ist tot. Daran kann kein Gesetz und keine Stützungsaktion etwas ändern, es gibt nur ein Zah­lungsmittel, nicht aber mehr einen Wertmesser Mark; an dessen Stelle sind Goldmark, kursgesicherte Mark, Kohle, Roggen, Holz, Devisen und anderes getreten. Französische Gewalt und blinde Willkür, beginnend mit dem Versailler Vertrag und endend mit dem Ruhreinfall, hat di« Kuh geschlachtet, die Milch geben soll. Und was hat Frank, reich dabei erreicht? Trotz Erpressung, trotz Diebstahls und Eingriffs in die Privatvermögen, trotz Geldschrankknackerei in den Reichsbankniederlassungen und in Privathäusern decken die Einnahmen des Ruhrabenteuers nicht entfernt die in bar aufzuwendenden Kosten. Zu diesen Mehrausgaben tritt der Fortfall der gewaltigen bisherigen Einnahmen aus Reparationsleistungen Wohl behaupten ftanzösische Tendenzmeldungen täglick wieder, daß gewaltige Kohlenmengen an der Ruhr beschlag­nahmt und abtransportiert seien. Die Tatsachen ergeben anderes. Nie haben seit Waffenstillstandsabschluß so viel« ftanzösische Hochöfen kalt gestanden wie jetzt, und wieder jetzt nach dreijähriger Pause Frankreich als Käufer große, Mengen auf den Weltkohlenmärkten, ohne damit die Kohlen- not der Industrie beheben zu können, die ganz und gar au) die reiche Versorgung mit deutscher Reparationskohle ein­

gestellt war. Der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete stockt, der Frank fällt an den Börsen der Welt langsam, aber sicher und immer beträchtlicher und ist heute bereits auf knapp zwei Drittel seines Wertes vor einem halben Jahre angelangt, trotzdem auch Frankreich gewaltige Geld, summen zur Stützung seiner Valuta geopfert hat.

Deutschland leidet Not, bittere Not unter dem statt* zösischen Vorgehen, Frankreich hat bisher nichts verdient und nur verloren. Frankreich erleidet auch politisch eine Einbuße nach der anderen. Ganz abgesehen davon, daß das ftanzösische Schwert immer stumpfer wird, daß Meutereien und Massendesertionen an der Tagesordnung und öffent­liches Geheimnis in solcher Häufigkeit sind, daß jetzt schon der ftanzösische Deserteur im holländischen Straßenleben eine alltägliche Erscheinung ist, bezahlt Frankreich außenpolitisch die Rosten mit einer Prestigeminderung und hat im Orient- stieben durch Verzicht auf die Einlösung seiner türkischen Forderungen Milliardenwerte eingebüßt. Schon mehrt sich der politische Gegendruck aus der ungünstigen Weltwirtschafts, läge, namentlich der englische Handel ist in Mitleidenschaft gezogen, Skandinavien, Holland und die Mittelmeerländer spüren täglich an sinkendem Export die Folgen des Ruhr- abenteuers.

Die Ruhrbeletzung zehrt an Kraft von Volk und Wirt­schaft in Deutschland wie in Frankreich. Deutschland, ge- schwächt schon durch Jahre feindlichen und innerpolitischen zerstörenden Druckes, steht vor der Krise. Aber doppelt heißt es darum die Zähne zusammenbeißen und den Blick auf den Feind zu richten, damit nicht wir der erste sind, der zufammenbricht. Muß Frankreich nachgeben, wird Deutsch- lands Zukunft nicht leicht, aber ehrlicher Arbeit Erfolg und Gewinn wieder sicher sein.

Fest wie nie zuvor?

Der Sonderberichterstatter derDaily Ehronicke" schreibt sKtäpiich oer fedysmonttTTgen Wiederkehr des Tages des Einmarsches in das Ruhrgebiet, er habe bei einer Anzahl von Rundfahrten durch das besetzte Gebiet festgestellt, daß der Wille der Bevölkerung zum Aushalten niemals so stark gewesen sei wie jetzt.

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Libre Belgigue" schreibt:Die Besetzung des Ruhr- gebietes sollte durch den Druck auf den industriellen Herz, schlag Deutschlands dessen schlechten Willen besiegen und zur Zahlung der 132 Milliarden führen. Dies war die o f f i - stelle Hoffnung der französischen und der belgischen Regierung. Die Operation hat sich tech- nisch nicht nach den Voraussagen des französischen Kabinetts vollzogen. Man hatte die Unmöglichkeit vorhergesagt, daß Deutschland den Druck wirtschaftlich und finanziell länger als einen Monat oder anderthalb Monate aushalten könne. Nach 25 Wochen sehen wir im Ruhrgebiet wachsende Arbeits- losigkeit, Sabotage und Attentate und es ist nicht gelungen, die ungeheure Maschine wieder in Bewegung &u bringen. Nach sechs Monaten steht es also fest, daß der Druck der Besetzung den Willen des Reiches nicht beeinflußt hat. Der einzige Effekt ist die Zerstörung wirtschaftlicher Werte gewesen. Die Zeit arbeitet gegen uns, und das gibt den Engländern gegen Poincars Recht. Siegen wir, dann hat unser Sieg die Beute im voraus aufgezehrt!^

^Zn diesem Hause wohni ein Boche".

Der Ueberfall aufden deutschen Geschäftsträger in Brüssel. Das Bedauern der belgischen Re­gierung.

Wie Havas aus Brüssel meldet, begab sich der deutsche Geschäftsträger in Brüssel, Rüdiger, zum Minister des Auswärtigen, um sich bei ihm über den Neberfall, der Montag abend auf ihn verübt worden war, zn beschweren. Rüdiger erklärte, die beiden An- greifer hätten ihn alsBoche" beschimpft und alsdann mit Schlägen überfallen. Er fügte hinzu, dass am verflossenen Sonntag vormittag über -er Tür der Wohnung des kranken Vorstandes der Gesandtschaft mit grossen Buchstaben angeschrieben gewesen sei:3n die. sem Hause wohnt ein Boche, das ist eine Gelsell"

Die Angreifer waren ein Brüsseler, Sekretär der Kolonialgesestschaft, und ein Amerikaner. Minister Jaspar erklärte, dass die Urheber des Ueberfalles angeklagt und den Gesetzen gemäss bestraft werden sollten. Er drückte Rüdiger das Bedauern der Regierung aus und versicherte, dass Belgien sich seiner Verpflichtung als Gastgeber be­wußt sei. Für den Schutz des deutsche» Gesandtschaft^

gebäudes sowie der Wohnungen des Personals sind Polizeiverstärkungen entsandt worden.

' Wie ergänzend von zuständiger amtlicher Stelle in Berlin verlautet, ist dem deutschen Geschäftsträger nach seinem Besuch bei Jaspar eine Rote des belgischen M1- nisters für auswärtige Angelegenheiten übergeben worden, in der das Bedauern der belgischen Regierung über den Ueberfall erneut ausgesprochen, wei- tere Schntzmassregeln und die Ausnahme deS Strafver­fahrens nun auch schriftlichangekündigt werde».

vOie Tür bleibt offen."

Englische Beruhigungspillen für Frankreich.

Das Reutersche Bureau erfährt, daß alles Ge- rede über einen Bruch mit Frankreich wegen der Repara- tionsfrage in amtlichen Kreisen in London nach­drücklich mißbilligt wird. Bezüglich des Inhalts der Erklärung über die britische Politik, die am Donnerstag in beiden Häusern des Parlaments abgegeben werden wird, sei nichts bekannt, doch könne zuverlässig gesagt werden, daß diese Erklärung nichtsAufsehenerregendes (noth- ing spectacular) bringen werde. Sie wird den Versuch machen, vor der Welt die Ansichten der britischen Regierung über die Wiederherstellung Europas offen darzulegen. Die Tür werde offen gelassen werden für eine volle Zusam­menarbeit zwischen England und Frankreich, und man hoffe auftichtig, daß die ftanzösische Regierung eine Möglich­keit sehen werde, sich mit der britischen Regierung zusammen- zufinden. Selbst wenn es sich als notwendig erweisen sollte, daß Großbritannien seine eigene Richtlinie verfolge, so wäre zu bemerken, daß Frankreich schonzweimaleineSon- deraktion gegenüber Deutschland unternommen habe (ein­mal als es das Ruhrgebiet besetzte, und dann, als es das erste deutsche Angebot beantwortete) ohne England zu be­fragen, und daß es doch keinenBruch in der (En­tente verursacht habe. Die britische Regierung ziehe sicher keine Aktion in Erwägung, die einen derartig drastische« . Charakter habe^-- -

Was Baldwin zu sagen haben wird.

Der parlamentarische Berichterstatter der Times schreibt, man erwarte nicht, daß Donnerstag im Unterhaus eine all­gemeine Diskussion stattfinden werde. Die Erklärung Bald- wins werde wahrscheinlich viel länger sein, als die sonst üblichen Antworten auf parlamentarische Anfragen. Er werde wahrscheinlich nochmals den Wunsch bekennen, eine gemeinsame Antwortmit den übrigen Alliierten ab. zusenden, und erklären, die von Frankreich auf den britischen Fragebogen erteilte Antwort habe noch nicht gestattet, dieses Verfahren einzuschlagen. Frankreich habe übrigens selbst die Möglichkeit der Einsetzung einer Körperschaft, die nicht in Verbindung mit der Reparationskommission stehe, in Erwä­gung gezogen. Endlich sei eine

Konferenz aller interessierten Mächte

nichts Neues. Dieser Gedanke sei von Poincar6 auf der Lon­doner Konferenz vom August 1922 angenommen und nur wegen des Abbruchs der Ianuarkonferenz in Paris unberück­sichtigt geblieben; er würd« Italien sehr willkommen sein. Als Konferenzort könne, wie ursprünglich beab­sichtigt, Brüssel vorgeschlagen werden. Auch einen Sicherheitspakt der Westmächte zustandezubrin- gen, könne erwogen werden. Der diplomatische Berichter- statter des Daily Telegraph schreibt, die Möglichkeit sei vor- behalten, daß Frankreich während der kommenden Wochen oder Monate seine bisher so unvollständige Antwort auf die britische Frageliste in der Weise ergänze, daß

ein allgemein gehaltenes Abkommen mitDeutschland auf der Grundlage der Einstellung des passiven Widerstandes gegen Wiedererlangung der indu­striellen und administrativen Freiheiten im Ruhrgebiet ge- troffen werde. Die Regierungserklärung werde jedenfalls audj darauf hinzielen, gewisse hartnäckige Auf- fassungen zu beseitigen, die irrtümlicherweise von alli­ierter Seite in bezug auf die neuerdings in britischen Kreisen erörterten Gedanken gehegt worden wären.

Feuergefechi zwischen Belgiern und Schutzpolizei.

Dienstag nachmittag zwischen 5 und 6 Uhr verlangten fünf belgische Soldaten, die sich mit einem Fuhrwerk in unbesetzten Gebiet anscheinend verfahren hatten, in Wulfen von einem Gastwirt Getränke und Zigarren. Als ihnen dies verweigert wurde, entwendeten sie eine Kiste Zigarren und fuhren weiter. Fünf hiervon benach- richtigte Schupobeamte versuchten sie auf offener Landstraße anzuhalten. Als dabei seitens der Belgier ein SchuH^ fiel, entwickelte sich ein kurzes Feuergefecht.! bei dem auf beiden Seiten etwa zwölf Schüsse ab- gegeben wurden. Das Fuhrwerk entkam ins besetzte, Gebiet. Nach Angabe von Augenzeugen sind d r e i B e l g i er! verwundet worden. I