Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld
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Nr. 83 Sonnabend den 14. Juli 1923
Das Wichtigste.
— Baldwin hat bei seiner Erklärung im Unterbau: sofortige Inangriffnahme einer Antwort tu Deutschland in Aussicht gestellt.
— Französische Truppen haben einen vierstündigen V o r st o s ins unbesetzte Gebiet, auf Barmen, unternommen.
— 3n Lausanne sind neu« Schwierigkeiten auf getaucht.
Englische Abrechnung mitFrankreich,
Der englische Ministerpräsident hat am Donners tag, wie erwartet, im Unterhaus Erklärungen von größter Tragweite abgegeben. Haut und Zuschauertribünen waren dicht besetzt, in bei Diplomatenloge waren zahlreiche Botschafter uni Gesandte, darunter der deutsche Botschafter S t h a । mer und der französische Botschafter Sain 1 A u l a i r e anwesend. Baldwins Ausführungen wurden häufig durch lebhafte Aeußerungen der Zu- stimmung und Hört! Hört!-Nufe, besonders von feite« der Oppositionsparteien, unterstrichen. Sein« Schlußworte, daß die britischen Vorschläge kein anderes Ziel verfolgten, als die B e - friedung Europas und die Wiederherstellung der erschöpften Welt, ernteten stürmischen Beifall.
Nachdem monatelang ein politisches „Tief" auf Europa gelastet hatte, scheint das Wetter aufzuklären; nicht in dem Maße freilich, daß die deutsche Note eine volle Ernte verspricht, aber es scheint einem Mißwachsjahr vorgebeugt zu sein durch die gleichzeitig im Oberhaus und im Unterhaus abgegebenen Erklärungen. Unmittelbar vor dieser Temperaturwende wurden pessimistische Stimmen laut, und in Paris . VersöLnliGkett gestimmten
englischen Presse zu frohlocken mit dem Feldgeschrei.- „Beharrlichkeit führt zum Ziel!"
Um so größer war die von einigen Wutausbrüchen begleitete Enttäuschung, als man Baldwins Rede zergliederte. Deutschfreundlichkeit vermochte man ihr nicht nachzusagen, denn abgesehen von dem sich in einigen Wendungen über die schweren Leiden der Ruhrbevölkerung äußernden Mitgefühl, hielt er daran fest, „daß Deutschland für die während des Krieges verursachten Schäden im vollsten Ausmaße seiner Kraft Reparationen leisten soll, und die Einschränkung, dieses habe nur im Rahmen seiner Leistungsfähigkeit zu zahlen, ist so selbstverständlich, daß sie nur von der Derbohrtheit eines PoincarS beanstandet werden könnte. Auch soll Die deutsche Note vor Anfang August einer Antwort^ gewürdigt werden, was erheblich von der kurzer Hand verfügten Ablehnung des Apachenhäuptlings absticht. Auch sonst unter- scheidet sich die englische, aus dem Geschäftsstandpunkt stehende Behandlungsmethode wesentlich von der französischen und spitzt sich zu auf eine gründliche Abrechnung mrt der bisher befolgten Ruhrpolitik, richtiger: mit PoincarS selber. Das tritt um so klarer dadurch Hervor, als sein Helfershelfer Theunis als völlig unbeachtlrch überhaupt mit Stillschweigen Übergängen wird.
An sich Neues bietet die programmatische Erklärung der Regierung nicht. Wir haben Punkt für Punkt ihre Gedankengänge seit einem halben Jahre auf den verschiedensten Seiten in England verfolgen können. Offizws beeinflußt oder nicht, waren sie mit wenigen Ausnahmen auf Mißbilligung der Ruhrbesetzung und ihrer Folgen eingestellt, und so faßt die Rede Baldwins je^t amtlich zusammen, was er bisher halbamtlich verlauten ließ. Was England zugemutet wurde, war eine Kapitulation, ahn- lich derjenigen, die Deutschland aufgezwungen werden soll In dieser Hinsicht hat PoincarS seinen Gegner gründlich unterschätzt. ,
Baldwin hat auf einen direkten Angriff verzichtet, aber die Aufzählung von Tatsachen, die PoincarS be- lasten, wirkt wie eine Breitseite auf ein nicht gefechts- bereites Schlachtschiff und wenn auch die englische Antwort auf die deutsche Note noch aussteht, darf man doch wohl hoffen, sie werde im Tone der Regierungserklärung ausfallen, was einer mittelbaren Unterstützung Deutschlands gleichkäme.
Zu dieser Hoffnung und Ansicht berechtigt die Baldwinsche Behauptung, daß Methoden, die nur zum Ruin Deutschlands führen können, für England, für seine Alliierten und für ganz Europa verhängnisvoll sein würden. Die Besetzung des Ruhrgebiets sei nicht geeignet, den Höchstbetrag der Reparationen für die Alliierten einzubringen. Damit ist dem Verlangen Frankreichs, sich allein aus den Ruhrerträgnissen zu befriedigen, die Spitze abgebrochen, und es wird Aufgabe der Alliierten, in die Frankreich diesmal nicht einbegriffen ist, fein, die Konsequenzen aus der Mißbilligung der Be- setzung zu ziehen. .. „
Und wie ist es um diese Erträgnisse beschaffen? PoincarS hat den Deputierten goldene Berge vorgeschwindelt und mit einem Sack Nüsse geklappert, die taub waren. Jetzt muß er sich im englischen Parlament sagen lassen, daß dies fintierten weniger an Reparationen erhalten gls vorher, und was sie erhalten, wird eingetrieben
um den Preis der zunehmenden Zerrüttung des deutschen Wirtschaftssystems. Was wird der Vater aller Hindernisse des Weltfriedens dagegen einwenden können? Wenn er die Zerrüttung der deutschen Wirtschaft ablcugnen will, so wird er doch am Stand des Franken ablesen können, was in der Finanzwelt vorgeht. Baldwin kommt ihm zu Hilfe, indem er als Folgen der Ruhrbesetzung für die verschiedenen Länder das Sinken der Wechselkurse, die Abnahme des Handels, die Zunahme der Arbeitslosigkeit feststellt, Dinge, die zu bestreiten ein Mut gehört, den selbst der mit allen Wassern gewaschene vormalige Advokat nicht aufzubringen vermag. Alle von Baldwin gemachten Vorschläge enthalten eine Verneinung der Politik Poincarss: er findet sein Genüge in der Verewigung des Konfliktes und verschärft ihn mit teuflischer Berechnung von Tag zu Tag durch Erweiterung der Besetzung und durch neue Ermordungen, Ausweisungen und Ausplünderungen. Baldwin spricht sich für baldige Beendigung des Konfliktes aus. Baldwin möchte einen ehrenvollen Abschluß der Besetzung, als einer ungewöhnlichen und bedauerlichen Erscheinung; PoincarS pocht auf die Kapitulation Deutschlands. Baldwin verlangt, daß der Schuldner in die Lage versetzt werde, zu zahlen; PoincarS vereitelt dies mit allen Mitteln und widersetzt sich der Prüfung der Zahlungsfähigkeit des Schuldners und der Anrufung einer Kommission, die diesen Zielen nachstreben soll.
Vor allem spricht sich Baldwin für die P r ü f u n g der n der deutschen Note enthaltenen Vor - ch l ä g e aus, die nicht ohne weiteres ignoriert werden dürfen, und da er annimmt, daß Frankreich und Belgien nicht geneigt sind, miteinzugreifen, hat er sich an die italienische Regierung gewandt. Er ist für ein gemeinsames Vorgehen und erhofft davon eine Einigung, nicht ohne noch einmal höflicherweise Frankreich und Belgien zur Mitarbeit aufzufordern.
Die nächsten Wochen werden zeigen, wie diese Kritik der französischen Politik auf die Parteien in Frankreich wirkt; denn wenn PoincarS sich wieder auf fein „Niemals" zurück- zieht, wird die nächste Reparationskonferenz, die er stets gefürchtet und abgelehnt hat, über ihn zur Tagesordnung gehen und die Isolierung Frankreichs eine vollendete Tatsache sein.
Der Wortlaut der Valdwin-Rede.
Baldwin schickte seinen Bemerkungen über die Antwort auf die deutsche Note ein Erklärung voraus, in der er die Tatsache hervorhob, daß der einzige Gegenstand i: n e r möglichen Meinungsverschiedenheit
Ät den Alliierten d ie wirksamste Methode eichung der Endziele beträfe, die für alle von vitaler Bedeutung seien und über die alle übereinstimmten. In «klein, was wir zu sagen oder zu tun bereit sind, wird die britische Regierung, wie das Herz Frankreichs von dem ein« S'gen Wunsche bewegt, daß der gute Wille zwischen den htionen, die zusammen gelitten haben, aufrechterhalten werden soll und daß jeder erhalten s o l l, w a s ihm qebührt. Wir sind ebenso entschlossen, wie irgend einer Der Verbündeten, daß Deutschland
bis zum vollsten Umfange seiner Fähigkeit
Reparationen leisten soll, und wir sind bereit, jede Maßregel ju ergreifen, um Deutschland zu zwingen, bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu bezahlen. Aber wir sind als eine Nation von Geschäftsleuten uns dessen bewußt, daß, wenn wir von Deutschland eine übermäßige Lei- st u n g fordern, wir keinen Erfolg haben und daß wir und unsere Verbündeten die Hauptleidtragenden sein werden. Viele von den Folgen, die wir als Ergebnis der Ruhrbesetzung vorhergesehen haben, sind auf dem Wege, sich zu verwirklichen. Wir sind überzeugt, daß eine unbeschränkte Fortsetzung dieses Zustandes mit schwerer Gefahr belastet i st. Baldwin betonte nachdrücklich, daß diese Lage nicht Deutschland allein angehe und daß die öffent- liche Meinung Europas und nicht zuletzt Großbritanniens über die Fortdauer dieser Verhältnisse mehr und mehr beunruhigt werde. Die
Notwendigkeit des Eingreifens
bat sich deshalb der britischen Regierung in wachsendem Maße aufgedrängt und es zeigt sich, daß über die Haltung der bauptsachllch beteiligten Parteien mehr Klarheit geschaffen werden muß. Man wird allgemein folgenden Vorschlägen zustimmen:
Daß die Periode des Konflikts sobald als möglich beendigt werden soll, daß die unbegrenzte Besetzung eines Landes durch ein anderes in Friedenszeit eine an und für sich unge- wSholtche und bebauerlicheErscheinung ist. für die sobald als möglich ein ehrenhafter Ab- schlich gefunden werden muß, daß der Schuldner nUth lediglich aufgefordert werden soll, seine Schul- beu |» zahlen, sonder» daß er in die Lage versetzt werden muß, dies tun zu können, ferner daß di, ZahlungSkShigkeit des Schuldners, soweit Zweifel Weilte* bestehen, geprüft und fest ge stell, w«»d«, soll, und daß vereinte Anstrengungen g«^ «Raub* «orroe» müssen, um diese Ziele zu erreichen
Der Frieden wird erst dann endgültig gesichert sein, wenn die Fragen der Reparationen, der interalliierten Schulden und der Sicherheit eines pazifizierten Europa gelöst sind. Wir hoffen, daß wir für diese Bestrebungen ebenso wie für die allgemeine Beurteilung der Lage die Z u st i m . mung der Alliierten finden. Wir sind nicht der Meinung, daß die in der deutschen Note enthaltenen Vor- schlüge, seien sie nun angemessen oder nicht, ignoriert werden sollen.
Wir können nicht billigen,
daß eine schriftliche Auseinandersetzung dieser Art über Angelegenheiten, die die Interessen aller berühren, gänzlich einseitig geführt werde, oder daß Vorschläge, von denen es sich zeigt, daß sie Seime einer möglichen Regelung enthalten, gleichgültig behandelt werden. Wir sind der Meinung, daß solche Vorschläge geprüft und untersucht werden sollen, um ausfindig zu machen, ob die Möglichkeit besteht, einen Fortschritt zu erzielen.
In der Annahme, daß die französische und die belgische Regierung nicht geneigt sind, die Initiative beim Vorschlag einer Antwort zu ergreifen, haben wir diese Regierungen sowie die italienische benachrichtigt, daß wir gewillt sind, die Verantwortung für die Vorbereitung des Entwurf einer Ant- wort selb st zu übernehmen.
Da wir der Auffassung sind, daß vereintes Vorgehen besser ist, als getrenntes, werden wir die Antwort so bald als möglich unseren Alliierten zur Erwägung undRückäußerung unterbreiten, und wir geben uns der Hoffnung hin, daß wir mit ihnen in bezug auf die Fassung zu einer Einigung gelangen. Wir werden die Alliierten sowie die interessierten Staaten vertrauensvoll einladen, Vorschläge, die keinen anderen Zweck haben als die Befriedung Europas und die Erholung der erschöpften Welt, in sympathische Erwägung zu ziehen.
Wir sind fest überzeugt, daß Methoden, die nutz xu-m-_2L-U-i_iL_S?. c u t j cti 1 a n b s führen können, für Eng
ür ganz Europa
land, für feine A
verhängnisvoll sein würden. Wir haben es von Anfang an klar gemacht, daß unserer Ansicht nach di« Besetzung des Ruhrgebietes nicht geeignet ist, den Höchstbetrag an Reparationen für die Alliierten einzu- bringen. (Beifall.) Im Januar haben wir in Paris ein Angebot gemacht, welches wir als eine sehr großmütige Regelung betrachteten, um etwas zu verhindern, was wir für eine Wirtschaftskatastrophe hielten. Dieses Angebot wurde von unseren Alliierten verworfen, und seitdem haben wir beiseite gestanden, beseelt von dem Geiste aufrichtiger Loyalität für die Allianz, die unseres Erachtens die Hauptsicherheit für den europäischen Frieden war und ist. Viele der damals vorausgcsehcnen Folgen treten heute in die Erscheinung. Die Alliierten erhalten weniger an Reparationen als vor der Besetzung. (Hört, hört!! bei der Opposition), und was sie erhalten wird eingetrieben um den Preis der zunehmenden Zerrüt- tung des deutschen Wirtschaftssystems, mit der Aussicht aus den vollständigen Zusammenbruch dieses Systems in der Zukunft. (Hört, hört!) Die Einwohner der betreffenden Gebiete sind in vielen Fällen schwe- ren Leiden unterworfen, und es besteht die ernste Besorgnis einer Lebensmittelknappheit. In dem Maße, Wie, die produktiven Kräfte Deutschlands erschöpft werden, schwindet die Wiederherstellung seines Kredites und die Zahlung seiner Schulden in eine ungewisse Ankunft. Den Preis für diesen Stand der Dinge bezahlt jedes europäische Land, ein Land mit dem Sinken feiner Wechselkurse, ein anderes mit der Abnahme seines Handels, ein drittes mit zunehmender Arbeitslosigkeit. Es ist keine Uebertreibung, wenn man sagt, daß die Wiederherstellung der Welt in Gefahr ist, und daß der Frieden, für den so große Opfer gebracht wurden, auf dem Spiele steht."
Baldwin sagte zum Schluß seiner Rede noch: Wir hoffen auf die Mitarbeit Frankreichs und Belgiens nicht weniger als auf Italiens Mitarbeit. Tatsächlich haben wir allen Grund anninshpien, daß die Ansichten der italienischen Regierung sich in wesent- licher Uebereinstimmung mit den unsrigen befinden.
Sofortige 3 a-Hnffnahme der Antwort.
Nachdem Baldwin seine Rede beendet hatte, sprach; Ramsüy MacDonald die Hoffnung aus, daß die Bemühungen s des Premierministers von Erfolg gekrönt werden möchten, | und stellte mehrere ergänzende Anfragen, welche der | Premierminister wie folgt beantwortete: Die Angelegenheit ‘ der Antwort auf die deutsche Note werde sofort in An - r griff genommen werden. Was eine Erörterung imk Unterhaufe betreffe, so hoffe er, daß sich dazu die Gelegen-l heit bei der zweiten Lesung der Consolidated Fonds-Bill^