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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Nr. 84

Dienstag den 17. Juli

1923

Das WichiiMe.

Die Verkehrssperre zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Gebiet ist um 10 Tage verlängert worden.

Der Notenumlauf der Reichsbank hat die z w a n - zig st» Billion überschritten.

Nach einer leidenschaftlichen Rede Mussolini» hat die italienische Kammer für ihn ein Vertrauensvotum und den Uebergang zur Einzelberatung der Wahlreform be­schlossen.

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Warnung vor Uebertreibungen

Die Flucht des ehemaligen Korvettenkapitäns Ehrhardt Baus dem Leipziger Untersuchungsgefängnis hat berechtigtes Aufsehen erregt. Gehört doch der Flüchtling zu der kleinen Zahl jener, auf die sich die Amnestie der am Kapp-Putsch Be­teiligten nicht erstreckt. Mit seiner Verhaftung in München und seiner Ueberführung nach Leipzig hörte jedoch die Le- / gendenbildung um diesen Gegenrevoltutionär nicht auf, und sein rätselhaftes Entweichen gibt ihr neue Nahrung. Es ist dringend zu wünschen, daß alle Umstände des Falles aufgeklärt werden, schon deshalb, weil er ge­eignet ist, Unruhe in der Bevölkerung nach mehrfacher Rich­tung zu erzeugen.

Es wäre absurd anzunehmen, daß irgendeine höhere Stelle Interesse daran hätte, Ehrhardt seiner Strafe zu ent- ziehen, um die Kappaffäre zu verdunkeln. Sie ist abgeschlossen und wird keine Ueberras ch u n gen mehr bieten, selbst wenn alle ihretwegen Verfolgten dem Strafrichter aus­geliefert werden. Aber unsere Behörden sind in den Verdacht geraten, ihre Pflicht versäumt oder gar die Befreiung tat­kräftig gefördert zu haben. Politische Verbrecher erheischen

K eine verdoppelte Aufmerksamkeit, sie dürfen nicht einer Be­wachung nach Schema F unterworfen sein, zumal da ihre An- "^^MMMMWWWMMÄ sein. Wer war, in der Lage, ihn doch wohl nach dem Original- schlüssel verfertigen zu lassen? Indessen über diesen Punkt wird sich niemand besonders aufregen; daß Gefangene ent­fliehen, gehört nicht zu den Seltenheiten, und wenn es einem Verurteilten vom Schlage eines Ehrhardt gelingt, werden sich feine Gesinnungsgenossen es sich nicht nehmen lassen, ihn als Helden zu feiern, wie einst der Dichter Kinckel samt seinem Befreier Schurz gefeiert wurde. Beide fanden damals den Weg ins Ausland und waren damit für die preußische Regie­rung erledigt. Das könnte eigentlich auch für die Reichs­regierung gelten. Ihr ist der Schutz der Republik anver­traut, und wer vorurteilslos die innerpolitische Lage prüft, muß sich eingestehen, daß zwar die Radikalen von rechts und links ziemlich mobil sind, aber mehr Geschrei als Wolle produzieren.

Die großen Parteien verfügen denn doch über die nötige Widerstandskraft, um die Staatsordnung aufrechtzuerhalten. Was Deutschland in dieser Epoche braucht, ist Ruhe und friedlicher Ausgleich der Gegensätze. Der Feind steht im Westen und pocht an die Tore. Da scheint es gewagt, die Flucht Ehrhardts zu einer Haupt- und Staatsatkion zu machen und diese zu Parteizwecken in dem Maße auszumünzen, als wäre der Bestand des Reiches ge­fährdet. Es wird verbreitet, die Flucht wäre ein Beweis für die Schwäche der Staatsgewalt, während doch höchstens von einer Verfehlung eines einzelnen Beamten gesprochen werden könnte. Die Gefahr putschistischer Geheimbünde wird an die Wand gemalt, und schließlich wird das Schreckensgemälde eines Faschistenregiments in Deutschland entworfen. Aber wir wissen doch längst, daß ihre Lungenkraft zwar groß, ihre Zahl indessen viel zu gering ist, um den Staat ernstlich zu erschüttern. Man läßt sie in Bayern gewähren eben wegen der Gefahrlosigkeit der sich in starken Worten er­schöpfenden Bewegung.

Mit derartigen Uebertreibungen ist weder den sozial­demokratischen Arbeitermassen noch dem Bürgertum gedient, wohl aber setzt sich in unklaren Köpfen und im schlechter unterrichteten Ausland die Vorstellung fest, als wäre Deutschland von Geheimbünden mit stillschweigender Ge­nehmigung der Regierung unterminiert' und ein Ehrhardt brauchte nur auf den Knopf zu drücken, um die Explosion herbeizuführen. Will man von einer wirklichen Gefahr sprechen, dann könnte sie in den Putschgelüsten der Kom» munisten gefunden werden, nur muß man sich dabei ver­gegenwärtigen, mit welchem Gleichmut die Arbeitermasse« den Moskauern Revoluzzern zur Abwehr bereit gegenüber« stehen!

Der Fall Ehrhardt ist ungebührlich aufgebauscht worden, hat die Gemüter unnötig erhitzt und den Feinden Deutsch­lands Gelegenheit verschafft, über die Unsicherheit der inner- politischen Zustände zu orakeln. Vielleicht bringen die nächsten Tage die wünschenswerte Aufklärung über das Ent­

weichen, damit man auch im Auslande erkennt, daß auch in Deutschland die Kunst, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, nicht ausgestorben ist und daß die in allen deutschen Gauen umherspukenden Faschistenbanden in wohlbefestigten Luftschlössern hausen.

Mehrere Gefängm'sbeamte verhaftet. - Ehrhardt wahrscheinlich im Auto entflohen. Die 3Ro(k der Kran Ehrhardt.

Wie vom Leipziger Polizeipräsidium mitgeteilt wird, ist Ehrhardt höchstwahrscheinlich mit einem A u d t - wagen entkommen, der am Freitag nachmittag mit laufendem Motor vor dem HotelDeutsches Haus" am Königsplatz beobachtet wurde. Am Wagen war zunächst nur ein junger Mann, anscheinend der Führer. Kurz vor 5 Uhr erschienen weitere drei Männer im Lause von der Wächterstrasie oder dem Petersteinweg her, bestiegen das Auto und fuhren in besonders schnellem Tempo davon. Die Eile des Davonfahrens ist besonders auffällig und ver» Mächtig. Einige Tage vorher wurde in einer Leipziger Reparaturwerkstätte der Wagen eingestellt und trug dort die Nr. UL 53 47. Diese Nummer ist wahrschein, lich vor der Abfahrt mit der Nr. J. M. 5989 oder I. M. 5 9 8 3, wahrscheinlich aber mit der letzteren ver- tauscht worden.

Am Sonnabend nachmittag fand in Gegenwart des Ministers Fellisch und Vertretern des Neichsanwalts and der Polizeibehörden eine eingehende Untersuchung statt. Den Blättern zufolge sollen mehrere Beamte der Gefängnisanstalt in Haft genommen worden sein.

Eine grobe Fahrlässigkeit der Gefängnisverwaltung muß darin gesehen werden, daß die F r a u E h r h a r d t s i h r e n Mann jederzeit besuchen konnte, ohne daß chre llnt.erbc'ltunaen ständig in dem notwendigen Maße überwacht wurden. Man nimmt an. daß Frau EWaror ve>^,^ fangenen Schlüssel in die Hände gespielt Hat, die er für seine Flucht verwendet hat. Die Türen, die nicht von der Gefangenenanstalt zu öffnen sind, wurden allem An­schein nach von den Helfershelfern aufgeschlossen. Die m den Ehrhardtprozeß verwickelte Prinzessin Hohen- lohe ist wegen Fluchtverdachts verhaftet worden.

Verlängerung der V rkrhrssperre um zehn Tage.

Die Interalliierte Rheinlandkommission hat be- schloffen, das Verkehrsverbot für deutsche Staats­angehörige zwischen dem besetzten und unbesetzten Gebiet, das am 16. Juli 12 Uhr nachts aushören sollte, bis zum 26. Juli 12 Uhr nachts zu verlängern.

Ein Anschlag am Essener Paßbureau besagt:Wegen ver- schiedener Uebeltaten in Barmen bleibt das Paßbureau bis zum 26. Juli geschlossen."

Nomcares Aniwmt an Ba!öwm.

In Senlis im Departement Oise hielt P o i n c ar 6 eine Rede anläßlich der Einweihung eines Kriegerdenkmals, die als Antwort auf die englische Regierungserklärung angesehen werden kann und der der halbamtliche Temps politische Be- deutung beimißt, die aber gegenüber der wuchtigen Rede Baldwins außerordentlich matt und bedeutungslos wirkt.

Poinicars kam in seinen Ausführungen wiederum, wie stets bei derartigen Anlässen, auf diedeutschen Provozie- rungen und Akte der Barbarei des deutschen Heeres" zu spre­chen. Er fuhr dann fort:In den vier Jahren des Krieges ist Frankreich viel stärker mitgenommen worden als jedes andere Land der Welt. Was hat es erreicht? Territoriale Entschädigungen? Keineswegs! Während befreundete Na­tionen ihre Grenzen erweitert haben, haben wir einfach nur das wiedererlangt, was der Friedensvertrag von Frankfurt uns durch Gewalt entrissen hatte. Selbst Elfaß-Lothringen ist uns nicht einmal innerhalb der Grenzen von 1814 (!) zu- rückerstattet worden.

Unsere Absichten sind heute die gleichen wie ge­stern. Wir verlangen keinen Zoll freinden Bodens. Wir wollen nur, daß ein auch von anderen Nationen unterzeich­neter Friedensvertrag bereits nach vier Jahren nicht als reif für ein archaoolgisches Museum betrachtet wird. Es scheint, daß wir damitzuvielverlangen, denn einige unserer Freunde erklären, der Vertrag gehöre der Geschichte an, die Welt habe sich gewandelt, Europa sei krank,, man müsse es zuerst wieder aufrichten, und, um es aufzurichten, sei es vor allem notwendig, daß man den Sturz Deutschlands ver­

hindere. Wenn Frankreich nicht in das Ruhrgebiet ein» marschiert wäre, wäre Deutschland trotzdem dem Abgrund entgegengegangen. (!) Aber Frankreich hätte dem mit leeren Händen zugeschaut, während es heute ein Pfand in der Hand halte, das es ihm erlaube, sich eventuell bezahlt zu machen. Dieser Entschluß sei Frankreich durch sein Landesinteresse aufgezwungen worden.

Er, Poincars, könne sich rühmen, stets ein t r e u e r A n» r Hänger der französisch-britischen Allianz gewesen zu sein. Vor dem Kriege habe er stets bei jenen gestanden, die eine enge Gemeinschaft der beiden freien großen Nationen Westeuropas empfohlen hätten. Niemand könne also inehr als er bedrückt sein, wenn die Freundschaft zerstört werden sollte, an deren Auftichtung er mitgearbeitet habe.

Englische Entrüstung über poincares Starrsinn.

Der Londoner Berichterstatter des New Pork Herold meldet über den Eindruck der Rede PoincarSs, in englische« Kreisen habe gestern abend der Eindruck geherrscht, daß die Rede die Uebermittlung des britischen Antwortentwurfs nach Paris nur noch zueinerreinen Formalität mache. Baldwin sei wie sein Vorgänger offenkundig bereit, weit­gehende Konzessionen hinsichtlich der französischen Schulden bei England zu machen, aber nurdann,wennFrank- reich sich bereit finde, seine Haltung zu ä n - dern und zu einer geschäftsmäßigen Rege­lung der Reparationsfrage feine Zustim­mung zu geben. Während aber der französische Mini- , sterpräsident seinen Standpunkt unnachgiebig aufrechterhalte, lägen in London Anzeichen dafür vor, daß Belgien in großer Besorgnis sei wegen etwaiger Rückwirkungen, die sich nach einem endgültigen englisch-französischen Bruch fühlbar machen würdem

Wie Bsldwins Erklärung zustande kam.

die Regierungserklärung, die Baldwin abgegeben hat, erst eine Stunde vor ihrer Abgabe die endgültige Fassung be- kam. Es unterliegt keinem Zweifel, daß bis zum letzten Augenblick nicht nur daran gefeilt, sondern daß sie mehrfach vorher umgearbeitet worden ist. Der Ton ist immer milder geworden, in erster Linie, wie es scheint, weil die Regierung aus Frankreich einen Wink erhielt, daß vielleicht doch noch eine Möglichkeit besteht, Poincars umzustimmen, wenn die Verhandlungen fortgesetzt würden. Insbesondere soll Iaspar Donnerstag mittag noch telephonisch sehr eindringlich mit Lord Curzon gesprochen haben. Auch die Ereignisse.in Lausanne haben mitgewirkt. B e n e s ch hat ebenfalls, wie in eingeweihten Kreisen immer wieder versichert wird, es verstanden, den Augenblick zu benutzen.

Endlich haben auch die Verhältnisse innerhalb der k o n. servativen Partei. dabei mitgesprochen, wenn im Laufe der letzten Tage der Ton gegen Frankreich immer sanfter wurde. In drei Wochen geht das Parlament in die Ferien. und dann hat die Regierung freiere Hand. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Baldwin den Gang der Dinge nicht allzusehr beschleunigt, damit eventuelles energi­sches Auftreten erst notwendig wird, wenn die Herren Abge­ordneten in Schottland auf der Jagd oder sonst auf Reisen sind.

Übrigens hat ein Mitglied des Kabinetts einem Iourna» listen gegenüber die folgende Erklärung abgegeben:Es ist nicht berechtigt zu sagen, daß unsere Erklärung nicht energisch genug ist. Große Worte würden den Prozeß nicht beschleuni- gen. ' Man kann ebensogut seinen festen Willen kundgeben, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen. Nur Willens- festig kett kann dem Elend der Welt ein Ende machen."

Euno Telr^ramm an Amerika.

Wie aus New ?)ort durch Funkspruch gemeldet wird, wendet fich Reichskanzler Dr. Euno in einer an den Prä­sidenten von den United American Lines gerichteten Botschaft an das amerikanische Volk und spricht darin die Hoffnung aus, daß die Völker von Amerika und Deutschland sich in wechselseitiger wirt­schaftlicher Arbeit zusammenschliesren. Den Anlaß z« der Botschaft bildet die bevorstehende Ankunft des neuen DampfersAlbert Ballin".

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Der Londoner Berichterstatter des Petit Parisien hält trotz der Ableugnungen, die von Paris aus erfolgt feien/ das Gerücht von einer amerikanischen Interven. ti on in der Reparationsfrage aufrecht. London beherberge viele Senatoren und Kongreßmitglieder der Vereinigten Staaten, und alle, die er gesprochen habe, hätten offen erklärt, daß die amerikanische Mitarbeit möglich >ei, wenn die Alliierten sich geeinigt hätten. Baldwin habe den Führern der sozialistischen Opposition mitgeteilt, daß er ihre Anfrage, ob der Entwurf der Antwort an Deutschland auch Washington übermittelt werde, erst in einigen Tagen beantworten werde, wenn die offiziellen Verhand­lungen nicht mehr gestört werden könnten.