Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld Erschelst Sienstas, Donnerstag und GovnabenS. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bnogen monatlich 4000.— Mk.. für Hersfeld 4000- Mk., Abholer 3500 — Mk. / / Anzeigen prei« für die einspaltige Detitzeile ober deren Raum 500.— Mt.. für auswärts 800 — Mt.. die Retlamezetle 2000.— Mt. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchbrnckerei in Serssil».
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Nr. 85
Donnerstag den 19. Juli
1923
Das Wichtigste.
— Lord Eurzons Entwurf einer Antwort a n Deutschland hat dem britischen Kabinett zur Beschlußfassung vorgelegen.
— Die letzte Vollsitzung der Lausanner Konferenz hat mit einer Bestätigung der Einigungsverhandlungen geendet. Damit sind die Arbeiten der Konferenz offiziell abgeschlossen. Die Unterzeichnung des Vertrages erfolgt am 2 4. Juli.
— Der Reichseisenbahnrat hat die neuen Tariferhöhungen der Reichsbahn zum 1. August genehmigt und sich für die Einführung wertbeständiger Tarife, voraussichtlich zum 1. September, ausgesprochen.
Der Kern -es Uebels.
Don unserem wirtschaftspolitischen Mitarbeiter.
Ein Pfund Butter 52 000 Mark! Ein Paar Stiefel 600 000 Mark! Ein Anzug 5 Millionen Mark! Wen überkommt nicht ein Grauen angesichts dieser ins Unermeßliche gestiegenen Preise? Wieviel Menschen, besonders der älteren Generation, stehen diesen Ziffern mit den vielen Nullen fassungslos gegenüber und wünschen sehnsüchtig die „gute, alte Zeit" herbei! Die Hausfrau geht nur noch äußerst ungern „einholen", da die bei jedem Gang höheren Preise ihr stets von neuem einen gelinden Schrecken einjagen. Alles schimpft und zerreibt sich die Nerven an diesen zerrütteten Zuständen. — Und dennoch hat es seine Berechtigung, die etwas sonderbar klingende Frage zu stellen, ob denn die Waren wirklich teurer geworden sind. Man nehme einmal ein gutes altes Dorkriegszehnmarkstück — nur theoretisch natürlich, denn wer hat heute noch jene sagenhaften glänzenden Goldstückchen im Besitz — und kaufe dafür ein Pfund Butter. Und siehe da, er bekommt mindestens auf besagte 10 Mark noch 225 000 Mark heraus. Das wäre sogar noch wenig, da n 10-Markstück in
an einem hoch besseren ®6rtmeficri ein Amerikaner bekam vor dem Kriege in Deutschland für einen Dollar fast genau die gleiche Menge Butter wie heute, nämlich etwa 3% Pfund. Nun ist aber Butter im Verhältnis zu anderen Waren noch am stärksten im Preise gestiegen; im allgemeinen wird man für hochwertiges Geld in Deutschland heute mehr Ware bekommen als früher.
So erstaunlich es auch klingt, immer wieder muß darauf hingewiesen werden, daß nicht die Waren teurer geworden sind sondern, daß sich der Wert unserer Geldscheine von Tag zu Tag verringert. Aus diesem Grunde ist es auch nicht weniger als recht und billig, daß der Kaufmann seine Warenpreise der jeweiligen Geldentwertung anpaßt, wenn er sein Warenlager auf der gleichen Höhe halten soll. Die so oft auftauchende Forderung, daß er alte, zum niedrigeren Preise eingekaufte Waren auch dementsprechend billiger abgeben müsse, zeugt nur von Unkenntnis des ganzen Problems und müßte, konsequent durchgeführt, zur Gefährdung der Versorgung mit lebensnotwendigen T edarfsmitteln führen. Die Wuchergesetzgebung hat hier eine Auffassung sanktioniert, die allmählich auch in weiteren Kreisen des Volkes als rückständig angesehen werden wird.
Nicht ohne jede Berechtigung wird dem entgegengehalten werden, daß sich das Einkommen des einzelnen durchaus nicht der Geldentwertung angepaßt habe. Nichtig. Doch ist dem gegenüber zu beachten, daß wir einen Krieg und weite Landesteile verloren haben, noch dazu Kriegsentschädigung bezahlen müssen und trotz allem unsere Produktion noch nicht wieder auf die Vorkriegshöhe gebracht haben. Wir sind nun einmal viel ärmer geworden und werden auf lange Zeit hinaus nicht die Möglichkeit haben, unsere Lebenshaltung der der Vorkriegszeit anzupassen. Das muß jeder Deutsche erkennen und anerkennen, wenn er es nicht für edler hält, auf Kosten anderer Volksgenossen zu leben.
Wenn wir nicht alle Hoffnung auf die Einsicht unserer Feinde setzen wollen — und es dürste jedem klar sein, daß das nahezu sinnlos ist —, so müssen wir vor allem danach trachten, unsere Produktion zu steigern und jeden unnötigen Verbrauch einzuschränken. Es ist nicht nur notwendig, daß wir wieder die Produktionsziffern der Vorkriegszeit erreichen, sondern wir müssen darüber hinauskommen. Größere Arbeitsintensität im allgemeinen ist erforderlich. Ehe wir nicht wieder zu einer einigermaßen günstigen Handelsbilanz durch Steigerung der Ausfuhr und wesentliche Eindämmung der Einfuhr kommen, können die Zustände nicht besser werden. In der Anspannung der ganzen Arbeitskraft und der größtmöglichen Einschränkung im Verbrauch liegen Aufgaben für den einzelnen, deren Wichtigkeit leider och nicht voll gewürdigt wird. Andererseits ist es selbstverständlich, daß der Staat die Wirtschaft nicht unnötigerweise beengen darf. Leider kann jedoch auch der jetzigen Regierung nicht der Borwurf erspart
bleiben, daß sie die produktionstechnische Seite des Wirtschasts- komplexes vernachlässigt. In dieser Verkennung der größeren Wichtigkeit des ersteren Problems liegt der Kernpunkt desjenigen Uebels, zu dessen Beseitigung wir nicht der Hilfe unserer Feinde bedürfen. Was mitten alle Markstützungsaktionen und Devisenverordnungen, die den Markkurs niedrig halten wollen, wenn sich gleichzeitig der Zustand der deutschen Wirtschaft von Tag zu Tag verschlechtert! Den besten Beweis des unnatürlichen Standes der amtlichen Devisennotierungen bieten die Kursdifferenzen gegenüber den Notierungen der Auslandsbörsen. Ist doch der Dollarkurs, den man auf Grund der New Parker Marknotierung errechnet, meist um mehrere zehntausend Prozent höher als der Berliner Kurs. Da aber aus diesem Grunde freiwillige Devisenverkäufe meist überhaupt nicht mehr stattfinden, so kann die starke Nachfrage nur zum geringen Teil, und zwar meist nur mit 2 bis 3 Prozent mit solchen Devisen gedeckt werden, die dem Fonds der Reichsbank entstammen. Mit derartig unorganischen Mitteln wird man unsere kranke Wirtschaft nicht zur Gesundung bringen. Die künstliche Reglementierung des Dollarkurses wird unsere wirtschaftliche Lage genau so wenig verbessern, wie der mit dem Finger auf „Schön Wetter" gestellte Zeiger des Barometers das gewünschte Wetter herbeiführt. .K 8.
Zwes Helfershelfer Ehrhardts fesigestellt.
Eine Reihe weiterer Verhaftungen in Leipzig.
Die Nachforschungen nsch den Helfershelfern Ehrhardts haben, wie dre Polizei mitteilt, folgendes ergeben: Der Führer des zur Flucht benutzten Kraftwagens ist der Kaufmann Fritz Hermann Götz, geboren 8. Mai 1899 in Blauen im Vogtland, zuletzt in Leipzig-Stötteritz wohnhaft. Als weiterer Helfers- Helfer summt der Student Hermann M a f s o w von Prince, geboren 5. Juni 1900 in Berlin, in Betracht.
mit, muß sich schon lange Zeit vor der Flucht Ehrhardts m Leipzig aufgehalten haben, ohne polizeilich ange - meldet gewesen zu sein. Er muß in Wohnungen seiner Gesinnungsgenossen gewohnt haben. Im Gegensatz zu Götz, der nach der Flucht Ehrhardts in Leipzig nicht mehr gesehen worden ist, wurde Massow von Prince noch zwei Tage nachher, am 15. Juli, hier gesehen. Beide sind der Polizei nicht unbekannt. Götz war Mitglied der Orgesch in München. Massow von Prince, der zur Zeit des Erzberger-Mordes bei der Organisation Consul in München arbeitete, verlegte nach dem Attentat seinen Wohnsitz nach Hamburg. Er saß dort wegen Geheimbündelei und eines Sprengstoffattentates auf eine sozialdemokratische Zeitung in Untersuchungshaft. Wie festgestellt worden ist, hat Götz bei der Flucht Ehrhardts im Auto zwei Koffer mit Schußwaffen mitgenommen. — Am Dienstag wurde in Leipzig eine weitere Reihe von Personen festgenommen, die im Verdacht stehen, die Flucht Ehrhardts begünstigt zu haben.
Eurzons Entwurf vor dem britischen Kabinett.
Aus London wird berichtet: Der von Lord Curzon aufgestellte Entwurf der Antwort an Deutschland ist den Mitgliedern des Kabinetts zum Stu- dium übergeben und am Mittwoch in der Kabinetts- sitzung geprüft worden. Da natürlich jede einzelne Zeile sorgfältig studiert und die Interessen und Wünsche aller Richtungen in Betracht gezogen werden müssen, nimmt man an, daß mehrere Kabinettsitzu ng en notwendig sein werden, um die Angelegenheit zu erledigen. Trotzdem glaubt man, den Entwurf noch Ende dieser Woche, spätestens aber Anfang der nächsten, in Paris, Brüssel, Tokio und Washington vorlegen zu können. In dem Begleitbrief wird ausdrücklich unter Begründung der Dringlichkeit der Angelegenheit eine schnelle Antwort erbeten. Wer nichtsdestoweniger glaubt man nicht daran, daß die Antwort vor Ende der folgenden oder Anfang der übernächsten Woche hier eintreffen werde. Selbst wenn sich alle Alliierten mit dem Hauptpunkt einverstanden erklären sollten, würden noch Besprechungen über kleinere Einwendungen notwendig sein, ehe die Antwort in Berlin übergeben und veröffentlicht wird. Bis dahin soll der Inhalt streng geheimgehalten werden. Man warnt davor, Prophezeiungen über ihn zu machen.
Kompro chne gong in Parte?
Der diplomatische Berichterstatter des „Daily.Telegraph" begrüßt eine seit 24 Stunden eingetretene Aenderung inderHaltungderfranzösischeu Regierung, gleichviel, ob sie rein taktischer Natur, oder ob sie als Zeichen
großen Entgegenkommens zu deuten sei, sowie die französischen Zugeständnisse an die Alliierten. In der Frage der Zusammensetzung der Körperschaft zur Feststellung der deutschen Zahlungsfähigkeit werde es kein st a r r e s F e st h a l t e n an bestimmten Doktrinen geben. In der Frage der Regelung der Reparationen würden die Schwierigkeiten nicht unüberbrückbar sein. Das würde aber nicht bedeuten, daß ein Staatsmann wie Baldwin, der das Schuldenfundie- rungsabkommen mit Amerika abgeschlossen habe, die Verpflichtungen der Alliierten Englands als etwas Nebensächliches behandele und eine Verminderung der deutschen Aktiven seit Januar unberücksichtigt lasse. Der Berichterstatter kommt dann auf die Frage des passiven Widerstandes zu sprechen und schreibt, es sei nicht gleichgültig, ob Baldwin den passiven Widerstand rein moralisch verurteile, oder ob er die beklagenswerten Folgen desselben bedauere und Berlin zur E i n st c l l u n g de s Widerstandes aus Zweck mäßig keitsgründen auffordere. Deutschland müsse eine Versicherung erhalten, daß sein Gebiet sobald wie möglich geräumt werde.
Nie Schlußsitzung in Lausanne.
Die Unterzeichnung des Friedensverträges von Lausanne, die am kommenden Dienstag stattfindet, wird von den gegenwärtigen Unterhändlern vollzogen werden unter dem Vorsitz des schweizerischen Bundespräsidenten. Rußland wurde eingeladen, innerhalb drei Wochen das Meer- engenabkommen in K o n st a n t i n o p e l zu unterzeichnen, falls es nicht Vertreter zur Unterzeichnung nach Lausanne entsenden wolle.
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Die Schlußsitzung der Konferenz gliederte sich in drei Teile, nämlich die Schlußsitzung des politischen, die Schlußsitzung des Finanzkomitees und die Schlußsitzung des Wirtschaftskomitees, in denen nacheinander die letzten Vereinbarungen bestätigt und einzelne noch offene Fragen er- ^^MMOMMMw«LMWM- '«m„tz«sl»b jener Konuree- sitzung hielten die Präsidenten Sir H o r a c e R u m b o l d, . General PeIl6 und M o n t a g n a längere Ansprachen, in denen sie ihrer Genugtuung über den Erfolg der Verhandlungen und den nunmehr gesicherten Friedensschluß Ausdruck gaben.
Sir Horace Rumbold
sprach namens seiner Regierung seine Freude über die Wiederaufnahme der alten freundschaftlichen Beziehungen mit der Türkei aus. Nach, Sir Horace Rumbold wies auch General P e l l 6 auf die jahrhundertealten Beziehungen zwischen seinem Lande und der Türkei hin und hob hervor, daß 'bet Friede nunmehr virtuell geschlossen sei. Der amerikanische Vertreter begrüßte mit Freude und Dankbarkeit die Wiederherstellung des Friedens und sprach die Hoffnung aus, daß die Geduld und die Aufrichtigkeit, die man während der schweren Verhandlungen gezeigt habe, auch bei der Durchführung des Vertrages anhalten werden. In seiner Erwiderung am Schluß der Vollsitzung antwortete
Ismet Pascha,
der allen Rednern dankte, besonders nachdrücklich auf die Rede Rumbolds und betonte die türkische Freundschaft für England. Er hob u. a. hervor, daß die Türkei auf dem Fuße voller Gleichberechtigung nach Lausanne gekommen sei und in Lausanne verhandelt habe. — Der Vertreter Bulgariens wiederholte die früheren bulgarischen Vor- behalte über den Zugang zum Meere. Die Vertreter Ru- mänicns und Jugoslawiens sprachen das Befremden darüber aus, daß man sie nicht davon verständigt habe, daß die heutige Sitzung die Schlußsitzung fei; sie würden daher bei der Unterzeichnung des Friedensvertrages noch besondere Erklärungen über die Haltung ihrer Länder abgeben müssen. Alle Redner dankten schließlich der Schweiz für die erwiesene Gastfreundschaft. *
Nach Beendigung der Sitzung wurden die Delegierten von den sie erwartenden Journalisten auf das lebhafteste beglückwünscht. Ismet Pastha und tfija Nuri Bei, die beiden türkischen Bevollmächtigten, verhehlten ihre große Genugtuung über den Friedensschluß nicht. General' P e l l e erklärte: Dieser Vertrag wird uns noch viel Arbeit machen, aber ich hoffe, daß, nachdem der Friede geschlossen ist, er in demselben Geiste, der die Verhandlungen geleitet hat, anrewandt wird, und daß er den Aus- gangspunkt für engere freundschaftliche Beziehungen bildet.
Machhaus-Zn-/rp Nation
im bayerischen fonMag.
Km Bayerischen Landtag wurde am Mittwoch die im Zu- sammenhang mit dem Ausgang des Hochverratsprozestes Fuchs-Machhaus von den Sozialdemokraten eingebrachte In- terpellgtion behandelt. Von der Regierung wurde Aufschluß verlangt, was sie zu tun gedenke, um den hochverräterischen, gegen die Einheit des Reiches gerichteten Bestrebungen in Bayern wirksam zu begegnen.