Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 86 Sonnabend den 21. Juli 1923
Das Wichtigste.
— Die verschiedenen Strömungen im englischen Kabi> nett haben es immer noch nicht zu einer Absen. dung der Antwort an die interessierten Mächte komme» lassen.
— Die Gehaltsverhandlungen mit den Beamte» haben zu einer Einigung geführt; die Bezüge werden verdoppelt.
— Der von Ehrhardt bei seiner Flucht benutzte Kraft- wagen ist in einer Münchener Garage aufgefunden und b e - schlagnahmt worden.
Wochenrückblick.
„Zum letzten, zum allerletzten, zum allerallerletzten Male Schluß der Vorstellung!" erklingt es an den Gestaden des Genfer Sees, und Sir Horace R u m b o l d t, der Vorsitzende des ersten der drei Hauptkomitees, beglückwünschte die Teilnehmer der Lausanner Friedenskonferenz zu der endlich erzielten „Verständigung". Ob bei diesem Wort ein Augenlächeln über die Züge der Unterhändler gehuscht ist, hat uns kein Berichterstatter verraten, sie meldeten uns nur, daß der Friede wirklich geschlossen ist und die Vertrags- Unterzeichnung am 24. Juli vor sich gehen soll. Mit der Verständigung hat es eine besondere Bewandtnis. Da harren nämlich noch einige kleine Bestellungen ihrer Erledigung, die der vorsichtige Ismet Pascha mit der Klausel „Freibleibend" versehen hat. So u. a. die A m n e st i e zugunsten der Armenier. Die Türken behalten sich in diesem Punkte Handlungsfreiheit vor und machen die Amnestierung von dem Wohlverhalten dieser Staatsbürger abhängig. Gleichfalls in der Schwebe blieb dieBezahlungderCoupons in Gold. Ism«t Pascha verstand sich nur dazu, mit den Inbabern zu verhandeln, was neue Verträge erfordert, von Ä Ausfall GriWenland in demselbM Masse wie die Türkei profitieren müßte Schließlich kamen die Petroleum-Konzessionen zur Sprache, die durch ein Schiedsgericht geregelt werden sollen. Es bleibe jedem Poli. tiker zu berechnen überlassen, wieviel Kriege aus diesen drei ungelösten Fragen herausdestilliert werden können. Da die Franzosen vornehmlich an den Goldzahlungen interessiert sind, haben sie es in der Hand, an diesem Punkt ihre bekannte Friedfertigkeit zu bekräftigen; einstweilen sind sie leer ausgegangen, und in allen Hauptstücken ist die Angara- Regierung Siegerin geblieben, was dem „Temps" die Klage erpreßt hat, Frankreich könne sich nicht mit dem Orientfrieden befassen, weil es dadurch von den Ereignissen im Westen abgelenkt würde.
Ebenfalls unzufrieden mit Lausanne gebärdet sich Rußland. Eingeladen, das Meerengen-Abkommen zu unterzeichnen, scheint man in Moskau sich damit nicht befreunden zu wollen, und möchte die Ellbogenfreiheit in der orientalischen Frage bewahren. Mehr in das Reich der Erfindungen gehört wohl die französische Behauptung, Lord Eurzon habe Rußland geraten, in keinerlei Beziehungen zu Frankreich zu treten, was in Moskau befolgt sei, aus Furcht vor üblen Folgen für den russischen Handel, ein Beitrag zu der englisch-finnzösischen Spannung, der sich recht kleinlich ausnimmt.
Ernster und für Deutschland bedeutsam ist die von Frankreich auf Grund des § 19b des Anhangs II zu Teil VIII des Verfailler Vertrages verlangte Zuckerliefe - r u n g. Hierbei hat sich Italien von der französischen Regierung ins Schlepptau nehmen lassen. Nach diesem Paragraphen ist Deutschland verpflichtet, „Material und Arbeitskräfte zu liefern, die eine der alliierten Regierungen mit Zustimmung der Reparationskommission zum Zwecke des Wiederaufbaus der zerstörten Gebiete, oder zur Wiederauf- richtung oder Förderung ihres industriellen oder wirtschaftlichen Lebens anfordert". Dagegen ist materiell geltend zu machen, daß bei Abfassung der Bestimmung niemand an Zucker gedacht hat, wasmaßen man damit keine zerstörten Gebiete aufbauen kann und unter derartigen Materialien Baustoffe und nichts anderes zu verstehen sind. Formell ist Frankreich entgegenzuhalten, daß seit der-Ruhrbesetzung an Frankreich überhaupt nichts mehr auf Grund des Friedensvertrages geliefert wird. Am Mittwoch ist die Repara- tionskommission zusammen getreten, um vier deutsche Bevollmächtigte anzuhoren, die in einstiindiger Sitzung den deutschen ablehnenden Standpunkt verteidigt haben. Wann die Entscheidung gefällt wird, ist noch nicht bekannt geworden. Der Zwischenfall ist ein Zeichen dafür, daß man in Paris alles hervorfucht, um für Deutschland die Schwierigkeiten zu häufen und Belegstücke für seinen bösen Willen heranzu- fchaffen.
Einen weiteren Nadelstich hat die Rheinlandkommission den deutschen Katholiken verabfolgt, indem sie die Abhalttyrg der 68. Genecaloersammlung der Katholiken
Deutschlands in Köln verboten hat. Sie war gedacht ah „Vorarbeit für Völkerversöhnung und.Völkerfrieden", als reinreligiöseVeranstaltung ohne jede äußerlich« Festlichkeit. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diesen brutalen Eingriff in das kirchliche Leben, den sich der „treuestt Sohn der Kirche" zuschulden kommen läßt, als Antwort aufdenBriefdesPapstesPius auffaßt. Erreicht wird mit dieser Quälerei nur das eine, daß den rheinischen Katholiken, wenn das noch geschehen sein sollte, die Augen geöffnet werden über das, was ihrer wartet, wenn sie dauernd unter die Fuchtel einer „rheinischen Republik" geraten. Der- arfige Verfolgungen sind der beste Kitt für das Zusammen- gehörigkeitsgefühl aller deutschen Katholiken und stählen ihre Widerstandskraft. Aber auch den Engländern wird mit dem Verbot ein Schlag versetzt, und es wird ihnen, die als Schutzherren Kölns anzusehen sind, zum Bewußtsein gebracht, daß ihre Macht sich der Rheinlandkommission gegenüber als Ohnmacht erweist. Dieser Gewaltstreich wird nicht verfehlen, in der ganzen katholischen Welt Aufsehen zu erregen und die Frage beantworten, wo eigentlich die „Hunnen" zu suchen sind. xxx
Das zaudernde England.
Premierministerkonferenz vor Absenkung der Antwort?
Das britische Kabinett erörterte, wie angekündigt, am Donnerstag in zweieinhalbstündiger Sitzung die Dokumente, die an die Alliierten und die Vereinigten Staaten gesandt werden sollen, nämlich den Entwurf der Antwort an Deutschland, einen Mantelbrief an die Alliierten und eine erläuternde Denkschrift. Sämtliche drei Schriftstücke sind von Lord Curzon entworsen worden. Reuter erfährt, dass keine Entscheidung erreicht worden ist, und dass es nicht sehr über- Alliierten und an die Vereinigten Staaten bis zur nächsten Woche verschoben werden sollte. — Der diplomatische Berichterstatter der Daily News bezeichnet es als möglich, dass es vor Absendung der britischen Antwort an Berlin zu einer Zusammenkunft zwischen den alliierten Premierministern kommen werde.
Das Wort auf der Goldwage.
Wesentliche Abänderung des Entwurfs aus
H ö f l i ch k e i t s r ü ck s i ch t e n?
Der parlamentarische Korrespondent des Daily Telegraph schreibt, die Verzögerung in der Feststellung der diplomatischen Schriftstücke über die Reparations- und dre Ruhr- frage sei nicht auf.Mein u n g so er s ch i e d e n h e : t en über politische Fragen unter den Ministern zuruckzufuhren, sondern vielmehr auf den Wunsch, so weit wie möglich keinerlei Empfindlichkeiten zu verletzen. Man hoffe, daß auf einer neuen im Unterhaus anberaumten Kabinettssitzung der Wortlaut der Note endgültig Billigung finden werde, was schon bezüglich ihres Inhaltes der Fall gewesen sei. Der diplomatische Korrespondent des Daily Telegraph hört, daß ebenso wie bei der ministeriellen Erklärung in der vorigen Woche auch an dem Wortlaut der Schriftstücke
sehr wesentliche Abänderungen
vorgenommen worden seien. Die meisten dieser Abänderungen hätten sich auf die sprachliche Fassung bezogen und seien auf den Wunsch zurückzuführen, den britischen Standpunkt, je stärker er in sich selbst sei, um so ruhiger und höflicher darzulegen. Entgegen anders lautenden Gerüchten könne versichert werden, daß kein Versuch gemacht worden sei, das Kabinett von den grundlegenden und fest geste l lten Prinzipien seiner Politik bezüglich der fraglichen Probleme abzubringen da dies dem brittschen Reich im Ausland, besonders in Amerika, schweren moralischen Schaden zufügen würde. Uebrigens seien jetzt angesichts des Ernstes und der Bedeutung des Problems vom nationalen Standpunkte aus die Ansichten von Staatsmännern eingeholt worden, die nicht dem Kabinett angehören, besonders eines „älteren Staatsmannes", der im In- und Ausland große Achtung ung großes Vertrauen genießt.
Hochgehende Hoffnungen in par s.
Die Stimmung in Pariser politischen Kreisen ist plötzlich außerordentlich o p t i m i st i s ch. An einen Bruch mit England wird nicht mehr geglaubt. Der „Matin" wiederholt seine von uns bereits wiedergegebenen Vorschläge und betont, daß sie offiziellen Charakter hätten. Heute handele es sich vor allen Dingen darum, einen v o r l ä u - ftqen modus vi ve ndi^u finden. Erst sollen die Re- varottonszahlungen Deutschlands für die nächsten 15 Jahre keltgestellt werden, und nach Ablauf dieser Frist könne die KtbgÜltige Summe festgelegt werden. Frankreich könne i in Hegenblid nicht zusagen, daß die Besetzung
abgeändert werden solle, sobald der Widerstand eingestellt werde. Erst müsse man sehen, ob sich gemäß den Wünschen Frankreichs eine Lösung der Rparationsfrage finden lasse.
„Chicago Tribune" will wissen, daß es sich bei den Schwierigkeiten im englischen Kabinett darum handelt, daß Baldwin eine energischere. Abfassung wünschte.
Vom Quak d'Orsay war behauptet worden, daß Deutsch- land bei der englischen Regierung beantragt habe, daß die Besetzung nach bet Einstellung des Widerstandes unsichtbar werden solle und daß Deutschland, wenn diese Forderung erfüllt sei, eineArtKapitulation vornehmen würde. Diese Nachricht wird in London ausdrücklich dementiert, und das Foreign Office betont, daß derartige Verhandlungen niemals stattgefunden hätten^ — Donnerstag nachmittag sprach der französische Botschafter, Graf Saint Aulaire im Foreign Office vor, um Eurzon zu sprechen. Da dieser gerade mit Baldwin konferierte, wurde er, Saint Aulaire, nur von dem Unterstaatssekretär empfangen. Graf Saint Aulaire reiste nach Paris ab, ohne im Besitze genauerer Mitteilungen über die englische Antwort zu sein.
Der A oktauf gegen die deutsche Wirtschaft.
Drschlagnahme des Essener Handelshofes.
Bet dem Essener Oberbürgermeisteramt ist ein Schreiben des Generals Iacquemot eingelaufen, nach dem die Büro- räume des Handelshofes vom 18. 7. ab be - schlagnahmt und zur Verfügung der interalliierten Misston für die Kontrolle der Hütten- und Bergwerke in Essen gestellt werden. Das g a n z e M o b i l a r u s w., S ch r e i b - Maschinen und Telephonapparate müssen in brauchbarem Zustande an Ort und Stelle sein. Die jetzigen Besitz« sowie die Gemeindeverwaltung werden für die Befolgung dieses Befehls verantwortlich gemacht. Es wird ein Bestandsverzeichnis ausgenommen werden. Den gerechnet vom TT 7. ab, gewähr normten und die Räume zu verlassen. Inzwischen hat am 19. 7. die Bc- standsaufnahme bereits stattgefunden. Welch ungeheuer tiefen Eingriff diese Beschlagnahme für das Essener Wirtschaftsleben bedeutet, ist daraus zu ersehen, daß von der DeschlaMrahine nicht weniger als 43 Firmen und 128 Zimmer betroffen werden.
Einigung zwischen Michsbank und Großbanken.
Im Zusammenhang mit den Vorgängen an der Devisenbörse fand am Freitag eine Besprechung einer Abordnung der Derlt« er Großbanken mit dem Reichsbank- präsidenren Havenstein statt. In Dankkreisen wird zu- gegeben, daß in mancher Beziehung etwas leichtfertig mit Sevilenanforbetungen umgegangen worden ist, und « herrscht auch bei d« Stempelvereinigung die Er- ksnntnt«, daß solche Anforderungen gesichtet und vorsichtig ausgenommen werden sollten. Die Verhandlungen sind zu voller Zufriedenheit ausgefallen. wie uns von zuständiger Stelle erklärt wird; eine vollständige Einigung wurde erzielt und ein Zusammenarbeiten gewährleistet.
Ehrhardts Kraftwagen beschlagnahmt.
Nach dem Leipziger Polizeibericht ist der Kraftwagen, der Ehrhardt zur Flucht gedient hat, mit dem Kennzeichen DA 3347 versehen, am 17. Juli in einer Garage in München ermittelt worden. Besitzer des Wagens ist der Ingenieur Erich Tönjes, geboren 8. Juni 1896 in Essen. Er ist, wie seine Mittäter, ebenfalls flüchtig. Der Wagen ist am 16. Juli, nachmittags zwischen 4 und 6 Uhr, von Tönjes und zwei anderen Männern bei den Steyr-Automobilfabriken i n reparaturbedürftigem Zustande einge- liefert worden. Der Wagen wurde sichergcstettt.
Worowski doch das Opfer einer Verschwörung.
Aus Lausanne wird gemeldet: In der Voruntersuchung gegen d - Mörder des Sowjetdeler,irrten Worowski, Con- radi, h»« der Sekretär des Russischen Roten Kreuzes in Genf, 3 o I o n i n , das Geständnis abgelegt, Son» radi mtt Geldmitteln unterstützt zu haben. Er erklärte, Worow/i "^oft getötet zu haben, wenn es Eonradi nicht, gelungen w. . Das Verwaltungskomitee der russischen Gmb arantenkolorie in Belgrad hat'an das Schweizer Volk einen Aufruf gerichtet, in dem es das Schweizer Volk bittet, seine Stimme zur' Verteidigung Conradis airzuhören, dessen Tat nur die An. ort auf die Ermordung Tausender von Un .--kdigen gewesen sei.