Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 87 Dienstag den 24. Juli 1923
Das Wichtigste.
— Durch eine Verordnung der Interalliierten Rheinland- kommission wird der passive Widerstand unter schwerste Strafen gestellt.
— Vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig hat der Prozeß gegen die in die Angelegenheit des Korvettenkapitäns Ehrhardt verwickelte Prinzessin von Hohenlohe begonnen.
— Der Notenumlauf der R e i ch s b a n k hat in der Berichtswoche 26 Billionen überschritten.
Der Denkmals-Redner.
Pvincars scheint gewillt, jede Denkmals-Einweihung mit einer Rede zu begleiten. Sie im einzelnen zu widerlegen, würde zu weit führen; wir müssen uns mit einigen Proben seiner advokatorischen Rhetorik (verdeutscht: Lügenkunst) begnügen. Da beschuldigt er Deutschland, den Wiederaufbau der französischen Gebiete verzögert zu haben, während doch jedes Kind in Paris gehört hat, welche Goldquelle die von der Pariser Bureaukratie bewirkte Geschäftsverschleppung für sie selber geworden ist. Er beklagt, daß die Freunde Frankreichs nicht mit ihm in das Ruhrrevier hineingegangen sind. Das ist eitel Heuchelei, denn sie würden dem französischen Bluthunde alsbald einen Maulkorb angelegt haben. Ferner vergleicht er den Zustand der von den Deutschen zerstörten Landstriche mit dem an der Ruhr, aber er vergißt zu bemerken, daß die Zerstörung in der 9?ot= läge des Krieges stattfand, während die Ruhrbevölkerung, entwaffnet wie sie war, im Frieden e i n e r s e l b st im Kriege unerhörten Behandlung unterworfen wurde; daß Schändung von Kindern. Mädchen und Frauen täglich mit Ermordungen friedlicher Bürger abwech- selten; daß die französische Soldateska zum Raub- und Diebs- gesindel wurde und das Wappenschild Frankreichs mit ewiger Schmach chWAdOr tzav, was man
sation marschieren nennt. Vielleicht haben die Eitoyens von Villers-Eotterets niemals etwas von diesen perversen Bestialitäten vernommen und werden deshalb in der Feststimmung der Denkmalsenthüllung empfänglich gewesen sein für die ihnen aufgetischte Fabel von deutschen Riesenkonzernen, die sich das Monopol auf das Nationalvermögen gesichert hätten. Darum sei es notwendig, daß sich, um dieser Gefahr zu begegnen, England, Italien und Belgien mit Frankreich enger als zuvor Zusammenschlüssen.
Man darf gespannt sein, ob Poincare diese Wachtelmäre den Diplomaten am Konferenztisch verabreichen wird. Eine Versammlung von Sachverständigen, die nicht mit der Leichtgläubigkeit des französischen Kleinrentners behaftet sind, würde ihm vermutlich den Besuch einer Kaltwasser- h e i l a n st a l t dringend empfehlen, vorausgesetzt, daß es überhaupt in absehbarer Zeit zu Verhandlungen kommt. So durchsichtig die Taktik des Hinausschiebens auf französischer Seite ist, so schwer hält es, sie wirksam zu bekämpfen. Poincare will die Frage des passiven Widerstandes durch die Ermüdung Deutschlands lösen und setzt alles daran, ihn durch die Verdoppelung und Verdreifachung seiner Gewaltpolitik zu brechen. Wir haben bisher nicht erfahren, ob Baldwin auf der ihm nachgesagten Befristung der Antwort auf seinen Vorschlägen beharrt, aber selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, werden pch die an einer Entscheidung über den Verhandlungsbeginn interessierten Mächte kaum längere Zeit an der Rase herumführen lassen, weil sich mit jedem neuen Tage die Finanzlage des deutschen Schuldnerlandes verschlechtert und der Krieg nicht für Frankreich allein, sondern auf Rechnung und Gefahr der Entente unternommen wurde.
Zunächst muß Klarheit über die Vorbedingung aller Aussprache erzielt werden, über den passiven Widerstand. Es ist angeblich authentisch vom deutschen Botschafter in London am 19. Juli im Auftrage der Reichsregierung erklärt worden, „daß der Ruhrbevölke^ung keine Aufgabe ihres Widerstandes zugemutet werden könne, falls sie nicht gleichzeitig die sichere Garantie erhalte, daß das widerrechtlich besetzte Gebiet in kürzester Frist geräumt werde". Will sich Lord Curzon diesen Standpunkt zu eigen machen, dann kann er sich auf das Gutachten der englischen Kronjuristen stützen. Sie halten die Verletzung des Versailler Vertrages durch die Ruhrbesetzung für vorliegend und es ist nicht ersichtlich, wodurch diese Auslegung inzwischen hinfällig geworden sein sollte. Zudem stellt diese Ansicht die Basis dar, auf der sich die ganze englische Vermittlungsaktion aufbaut, alles andere erscheint daneben nur als logische Folgerung. So die Einsetzung eines unabhängigen Tribunals, das die Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit vorzunehmen hätte; sodann, die Untersuchung der drei verschiedenen von Deutschland angebotenen Garantien und schließlich die Zusicherung an Deutsch
land, daß es als gleichberechtigt zu den mündlichen Verhandlungen zuzulassen sei. Was über diese Vorschläge bisher verlautet, ist mehr oder weniger apokryph, da strengste Geheimhaltung zwischen den beteiligten Kabinetten vereinbart worden und dadurch Kombinationen und Vermutungen Tür und Tor geöffnet ist. Erst wenn der Wortlaut der den Mächten übergebenen vier englischen Dokumente, vorliegt, wird sich darüber reden lassen. Dann wird sich auch herausstellen, ob Lord Eurzon wirklich, wie von einer Stelle behauptet wurde, Deutschland den Rat erteilt habe, den Abbau des Widerstandes vorzunehmen, nachdem sich das Kabinett Cuno dazu verstanden habe, die Ruhrbesetzung in drei Stufen gegen Uebergabe von Garantien (Eisenbahnbonds und Verpfändung von Realwerten anderer Art) abzubauen.
Bemerkenswert ist, daß in diesem Zeitpunkt Herr Dr. Benesch, der tschechoslowakische Außenminister, sich vernehmen läßt, indem er die internationale Finanzkontrolle nach österreichischm Vorbild aufs Tapet brächte. Daß sie sich in Oesterreich, einem klein gewordenen Staat, durchführen ließ, beweist noch nichts für ihre Durchführbarkeit in Deutschland, einem 60-Millionenstaat mit wirtschaftlich äußerst komplizierten Verhältnissen. Aber vielleicht berührt Poincars in seiner nächsten Denkmalsrede dieses Thema. Diese Kontrolle würde ihm eine Handhabe gegen den deutschen Der- schwörungskonzern un^ seine Monopole bieten und wäre ein dankbarer Stoff zur Aufhetzung der Massen.
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Hetzrede poincares gegen
die deutsche Industrie.
Er kommt seinen Alliierten wirtschaftlich. — Hysterische Angst oder Zwechliige?
Bei seiner Sonntags-Rede in Villers-Eotterets führte Poincare ungefähr folgendes aus:
Wie immer auch Frankreich seine durch Deutschlands Bemühungen hinausgezögerte und erschwerte Wiederer- Hebung durchgeführt habe. io bebrohe es nicht die wirtschaft- liche Macht irgendeiner Nation. Die Engländer würoen gut daran tun, wenn sie ihre Beunruhigung auf näherliegende Dinge richteten. Warum seien sie denn nicht mit Frankreich in das Ruhrgebiet eingedrungen? Sie würden dann viel besser die wahren Gefahren der Zukunft erkennen. Sie müßten sie in der fürchterlichen Organisation der deutschen Industrie finden.
Das müßte sie erregen und zum Nachdenken bringen. Es seien nicht nur die ungeheuren Kartelle, die großen Syndikate, die weitgehenden horizontalen Organisationen, die die Unternehmer gleicher Produkte gründeten; es seien jetzt auch andere Instrumente industrieller Konzentration, u n - geheure vertikale Kombinationen, die nicht nur die Produzenten eines und desselben Artikels, sondern von oben bis unten alle Formen der Produktion von den Rohmaterialien bis zu den Fertigprodukten unter dem Namen Konzerne einander näher brächten.
Das seien ungeheure Kräfte, verstärkt durch die Einheit der Leitungen, welche Bergwerke, Stahlwerke, Schmelzereien, die Transportmittel zu Wasser und zu Lande besäßen und so das Monopol des nationalen Vermögens in Händen hätten. Jeden Tag setzten sie ich mehr an die Stelle des Staates. Sie beherrschten ihn, ie würden ihn beiseiteschieben, sie seien die Herren der deut- chen Presse und der deutschen Regierung. Sie machten die deutsche Republik einer neuen Kaste Untertan, die ebenso hochmütig sei wie , die der Junker und die sich ebenso heftig gegen die Freiheiten des Volkes wende. Solle dieses System wirtschaftlicher und sozialer Unterdrückung als natürlicher Verbündeter der militaristischen Reaktion sich endgültig im Herzen Europas festsetzen? Gebe es etwas, was dem demokratischen Gedanken Großbritanniens mehr zuwider laufe; als deren bester Hüter sich bis jetzt die beiden großen westlichen Demokratien bezeichnet hätten?
Wenn man jetzt die Unklugheit besäße, in einen festen und unabänderlichen Rahmen die Zahlungsfähigkett des Deutschen Reiches einzuschließen, dann würde es sich rasch den Maßnahmen der Alliierten entziehen und bald unter dem Einfluß der außerordentlichen Entwicklung industrieller Kräfte sich ungeahnt emporarbeiten. Deutschland würde dadurch den wirtschaftlichen Vorrang erobern und zu gleicher Zeit in der Welt den Skandal rückständigster und unmoralischster politischer Beherrschung (!) aufrichten.
Mussolinis Wahireform angenommen.
Aus Rom wird gemeldet: Die Kammer beendete die Erörterung des Gesetzentwurfs über die W- Hlreform. Der Text der Regierungsvorlage wurde bis auf unwesentliche Abänderungen in geheimer Abstimmung mit 2 23 gegen 123 Stimmen angenommen. Das Ergebnis wurde lebhaft begrüßt. Mussolini erklärte darauf die Kammer bis auf weiteres für vertagt. Nach Schluss der Sitzung wurden auf Italien, den König und Mussolini begeisterte Kundgebungen ausgebracht.
Französische Verordnung gegen den passiven Widerstand.
Eine neue Offensive Frankreichs zur Erzwingung der Entscheidung. — Schwerste Strafen in Aussicht gestellt.
Die Interalliierte Rheiniandkommission hat folgende Verord- nung erlassen:
Die Interalliiert Rheinlandkommission verordnet angesichts der Notwendigkeit, die Unterdrückung gewisser Umtriebe zu sichern, die die Wirkung der Verordnungen zu ver- hindern oder den normalen Betrieb der von der Rheinlandkommission geschaffenen Organe und Dienststellen zu hemmen be-, zwecken:
I.
Jeder, der den rechtsverbindlichen Charakter einer Verordnung der Rheinlandkommission in Abrede stellt, sei es durch die Presse, Schriften usw., sei es durch mündliche Ausführungen. die dazu bestimmt sind, öffentlich oder geheim der Bevölkerung, den Beamten und Angestellten öffentlicher Dienststellen oder allen Gruppen und Vereinigungen übermittelt zu werden, verfällt den für Uebertretung der Verordnungen der Rheinlandkommission vorgesehenen Strafen.
Diese Strafen können auf das Doppelte erhöht werden, wenn die Schuldigen
o) den Widerstand gegen diese Verordnungen, Bestimn/nngen und Anordnungen organisiert haben, besonders, indem sie unter ihrem Befehl stehenden oder ihnen zngehörenden Personen einschärfen, sich nicht danach zu richten, oder anderen Personen die Mittel liefern, sie zu umgehen;
b) durch Propagandatätigkeit den Widerstand gegen die obengenannten Verordnungen, Bestimmungen und Anordnungen herausfordern oder diesen Widerstand den Personen oder den Mitgliedern von Gruppen und Vereinen, denen sie Auskunft zu geben oder vorzustehen haben, anrateu.
Es ist v e oMWWWWtchnuna bei bet Verteilung von Mitteln ober Gaben in natura mitzuwirken. die dazu bestimmt sind. die Feindseligkeit geger die alliierten Behörden oder die Nichtbefolgung oder den aktiver oder passiven Widerstand gegen die in obigem Artikel I erwähnten Verordnungen, Bestimmungen und Anordnungen aufrecht- zverhalten, besonders durch Hilfsmittel, Entschädigungen oder Belohnungen.
Der ^oteiHu^ aus Araeniinien.
Parade vor dem Reichspräsidenten.
Der Besuch des argentinischen Schulschiffes „Presidentr Sarmiento", der durch die Teilnahme des Reichspräsidenten des Reichskanzlers und des argentinischen Gesandten an den Begrüßungsfeiern für Offiziere und Mannschaften des Schiffes einen bedeutungsvollen Eharakter erhielt, wurde zu einer Kundgebung der gegen seit! gen Freund- schaft. deren Herzlichkeit einen starken Eindruck machte Am Sonntag nachmittag hatten sich viele Tausende an den Landungsbrücken ein gefunden, als
der Reichspräsident
in Begleitung des Oberbürgermeisters Diestel. Admirals Behnke und des Staats,ekretärs von Maltzahn der Hamburger Staatsdampfer „Johannes Dallbaum" betrat. Nach einer kurzen Fahrt elbabwärts wurde um 4 Uhr 30 Min. der „Presidente Sarmiento" an gesteuert. Das argentinische Schulschiff hatte geflaggt, seine Mannschaft stand in Paradestellung an Deck und in den Wanten. Als der Staatsdampfer mit dem Reichspräsidenten gesichtet wurde f a I u t i e r t e her „Presidente Sarmiento" mit 21 Schüssen. Die Mannschaft begrüßte den Reichspräsidenten mit drei Hurras, und die Kapelle spielte „Deutschland, Deutschland über alles", während der Reichspräsident mit Oberbürgermeister Dr. Diestel und den anderen ihn begleitenden Herren an Bord ging.
Die Begrüßung
vollzog sich sehr herzlich. Der Reichspräsident äußerte feine Freude, nach langer Zeit ein argentinisches Schiff in Deutschland begrüßen zu können und gab der Hoffnung Ausdruck, daß dieser Besuch dazu beitragen möge, die alte und in ernster Zeit erprobte Freundschaft zwischen beiden Ländern erneut zu besiegeln. Beim Verlassen des Schisses wurde zum zweitenmal Salut geschossen. Präsident Ebert besuchte darauf mit dem Gesandten. Moline und den argentinischen Offizieren den j
Kreuzer „Berlin".
Kapitän z. S. von Löwenfeld empfing die Gäste und stellte seine Offiziere vor. Der Reichspräsident begrüßte jede der in Parade aufgestellten Divisionen einzeln und besichtigte dann eingehend den Kreuzer, der vor dem Antritt seiner diesjährigen Uebungsfahrt steht. Noch einem kurzen Aufent-