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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 4000 Mk., für Hersfeld 4000 Mk., Abholer 3500. Mk. / / Anzeigen preis für die einspaltige Detitzeile ober deren Raum 500. Mk., für auswärts 800. Mt., die Rellamezeile 2000 Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in versfrl», Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs'Derleger. / / Für die Schristleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 87 Dienstag den 24. Juli 1923

Das Wichtigste.

Durch eine Verordnung der Interalliierten Rheinland- kommission wird der passive Widerstand unter schwerste Strafen gestellt.

Vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig hat der Prozeß gegen die in die Angelegenheit des Korvettenkapitäns Ehrhardt verwickelte Prinzessin von Hohenlohe be­gonnen.

Der Notenumlauf der R e i ch s b a n k hat in der Be­richtswoche 26 Billionen überschritten.

Der Denkmals-Redner.

Pvincars scheint gewillt, jede Denkmals-Einweihung mit einer Rede zu begleiten. Sie im einzelnen zu widerlegen, würde zu weit führen; wir müssen uns mit einigen Proben seiner advokatorischen Rhetorik (verdeutscht: Lügenkunst) be­gnügen. Da beschuldigt er Deutschland, den Wiederauf­bau der französischen Gebiete verzögert zu haben, während doch jedes Kind in Paris gehört hat, welche Goldquelle die von der Pariser Bureaukratie bewirkte Geschäftsverschleppung für sie selber geworden ist. Er beklagt, daß die Freunde Frankreichs nicht mit ihm in das Ruhr­revier hineingegangen sind. Das ist eitel Heuchelei, denn sie würden dem französischen Bluthunde alsbald einen Maulkorb angelegt haben. Ferner vergleicht er den Zustand der von den Deutschen zerstörten Landstriche mit dem an der Ruhr, aber er vergißt zu bemerken, daß die Zerstörung in der 9?ot= läge des Krieges stattfand, während die Ruhrbevöl­kerung, entwaffnet wie sie war, im Frieden e i n e r s e l b st im Kriege unerhörten Behandlung unter­worfen wurde; daß Schändung von Kindern. Mädchen und Frauen täglich mit Ermordungen friedlicher Bürger abwech- selten; daß die französische Soldateska zum Raub- und Diebs- gesindel wurde und das Wappenschild Frankreichs mit ewiger Schmach chWAdOr tzav, was man

sation marschieren nennt. Vielleicht haben die Eitoyens von Villers-Eotterets niemals etwas von diesen perversen Bestia­litäten vernommen und werden deshalb in der Feststimmung der Denkmalsenthüllung empfänglich gewesen sein für die ihnen aufgetischte Fabel von deutschen Riesenkonzernen, die sich das Monopol auf das Nationalvermögen gesichert hätten. Darum sei es notwendig, daß sich, um dieser Gefahr zu be­gegnen, England, Italien und Belgien mit Frankreich enger als zuvor Zusammenschlüssen.

Man darf gespannt sein, ob Poincare diese Wachtelmäre den Diplomaten am Konferenztisch verabreichen wird. Eine Versammlung von Sachverständigen, die nicht mit der Leicht­gläubigkeit des französischen Kleinrentners behaftet sind, würde ihm vermutlich den Besuch einer Kaltwasser- h e i l a n st a l t dringend empfehlen, vorausgesetzt, daß es überhaupt in absehbarer Zeit zu Verhandlungen kommt. So durchsichtig die Taktik des Hinausschiebens auf französischer Seite ist, so schwer hält es, sie wirksam zu bekämpfen. Poincare will die Frage des passiven Widerstandes durch die Ermüdung Deutschlands lösen und setzt alles daran, ihn durch die Verdoppelung und Verdreifachung seiner Ge­waltpolitik zu brechen. Wir haben bisher nicht erfahren, ob Baldwin auf der ihm nachgesagten Befristung der Antwort auf seinen Vorschlägen beharrt, aber selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, werden pch die an einer Entscheidung über den Verhandlungsbeginn interessierten Mächte kaum längere Zeit an der Rase herumführen lassen, weil sich mit jedem neuen Tage die Finanzlage des deutschen Schuldner­landes verschlechtert und der Krieg nicht für Frankreich allein, sondern auf Rechnung und Gefahr der Entente unternommen wurde.

Zunächst muß Klarheit über die Vorbedingung aller Aussprache erzielt werden, über den passiven Widerstand. Es ist angeblich authentisch vom deutschen Botschafter in London am 19. Juli im Auftrage der Reichs­regierung erklärt worden,daß der Ruhrbevölke^ung keine Aufgabe ihres Widerstandes zugemutet werden könne, falls sie nicht gleichzeitig die sichere Garantie erhalte, daß das widerrechtlich besetzte Gebiet in kürzester Frist geräumt werde". Will sich Lord Curzon diesen Standpunkt zu eigen machen, dann kann er sich auf das Gutachten der englischen Kronjuristen stützen. Sie halten die Verletzung des Versailler Vertrages durch die Ruhrbesetzung für vorliegend und es ist nicht ersichtlich, wo­durch diese Auslegung inzwischen hinfällig geworden sein sollte. Zudem stellt diese Ansicht die Basis dar, auf der sich die ganze englische Vermittlungsaktion aufbaut, alles andere erscheint daneben nur als logische Folgerung. So die Ein­setzung eines unabhängigen Tribunals, das die Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit vorzunehmen hätte; sodann, die Untersuchung der drei verschiedenen von Deutschland ange­botenen Garantien und schließlich die Zusicherung an Deutsch­

land, daß es als gleichberechtigt zu den mündlichen Verhandlungen zuzulassen sei. Was über diese Vorschläge bisher verlautet, ist mehr oder weniger apokryph, da strengste Geheimhaltung zwischen den beteiligten Kabinetten verein­bart worden und dadurch Kombinationen und Vermutungen Tür und Tor geöffnet ist. Erst wenn der Wortlaut der den Mächten übergebenen vier englischen Dokumente, vorliegt, wird sich darüber reden lassen. Dann wird sich auch heraus­stellen, ob Lord Eurzon wirklich, wie von einer Stelle be­hauptet wurde, Deutschland den Rat erteilt habe, den Abbau des Widerstandes vorzunehmen, nachdem sich das Kabinett Cuno dazu verstanden habe, die Ruhrbesetzung in drei Stufen gegen Uebergabe von Garantien (Eisenbahnbonds und Ver­pfändung von Realwerten anderer Art) abzubauen.

Bemerkenswert ist, daß in diesem Zeitpunkt Herr Dr. Benesch, der tschechoslowakische Außenminister, sich vernehmen läßt, indem er die internationale Finanzkontrolle nach österreichischm Vorbild aufs Tapet brächte. Daß sie sich in Oesterreich, einem klein gewordenen Staat, durchführen ließ, beweist noch nichts für ihre Durchführbarkeit in Deutsch­land, einem 60-Millionenstaat mit wirtschaftlich äußerst kom­plizierten Verhältnissen. Aber vielleicht berührt Poincars in seiner nächsten Denkmalsrede dieses Thema. Diese Kon­trolle würde ihm eine Handhabe gegen den deutschen Der- schwörungskonzern un^ seine Monopole bieten und wäre ein dankbarer Stoff zur Aufhetzung der Massen.

Hetzrede poincares gegen

die deutsche Industrie.

Er kommt seinen Alliierten wirtschaftlich. Hysterische Angst oder Zwechliige?

Bei seiner Sonntags-Rede in Villers-Eotterets führte Poincare ungefähr folgendes aus:

Wie immer auch Frankreich seine durch Deutschlands Bemühungen hinausgezögerte und erschwerte Wiederer- Hebung durchgeführt habe. io bebrohe es nicht die wirtschaft- liche Macht irgendeiner Nation. Die Engländer würoen gut daran tun, wenn sie ihre Beunruhigung auf näher­liegende Dinge richteten. Warum seien sie denn nicht mit Frankreich in das Ruhrgebiet eingedrungen? Sie wür­den dann viel besser die wahren Gefahren der Zukunft er­kennen. Sie müßten sie in der fürchterlichen Or­ganisation der deutschen Industrie finden.

Das müßte sie erregen und zum Nachdenken bringen. Es seien nicht nur die ungeheuren Kartelle, die großen Syn­dikate, die weitgehenden horizontalen Organisationen, die die Unternehmer gleicher Produkte gründeten; es seien jetzt auch andere Instrumente industrieller Konzentration, u n - geheure vertikale Kombinationen, die nicht nur die Produzenten eines und desselben Artikels, sondern von oben bis unten alle Formen der Produktion von den Rohmaterialien bis zu den Fertigprodukten unter dem Namen Konzerne einander näher brächten.

Das seien ungeheure Kräfte, verstärkt durch die Einheit der Leitungen, welche Bergwerke, Stahlwerke, Schmelzereien, die Transportmittel zu Wasser und zu Lande besäßen und so das Monopol des nationalen Vermögens in Händen hätten. Jeden Tag setzten sie ich mehr an die Stelle des Staates. Sie beherrschten ihn, ie würden ihn beiseiteschieben, sie seien die Herren der deut- chen Presse und der deutschen Regierung. Sie machten die deutsche Republik einer neuen Kaste Untertan, die ebenso hochmütig sei wie , die der Junker und die sich ebenso heftig gegen die Freiheiten des Volkes wende. Solle dieses System wirtschaftlicher und sozialer Unterdrückung als natürlicher Verbündeter der militaristischen Reaktion sich endgültig im Herzen Europas festsetzen? Gebe es etwas, was dem demokratischen Gedanken Großbritanniens mehr zuwider laufe; als deren bester Hüter sich bis jetzt die beiden großen westlichen Demokratien bezeichnet hätten?

Wenn man jetzt die Unklugheit besäße, in einen festen und unabänderlichen Rahmen die Zahlungsfähig­kett des Deutschen Reiches einzuschließen, dann würde es sich rasch den Maßnahmen der Alliierten entziehen und bald unter dem Einfluß der außerordentlichen Entwicklung in­dustrieller Kräfte sich ungeahnt emporarbeiten. Deutschland würde dadurch den wirtschaftlichen Vorrang er­obern und zu gleicher Zeit in der Welt den Skandal rückständigster und unmoralischster poli­tischer Beherrschung (!) aufrichten.

Mussolinis Wahireform angenommen.

Aus Rom wird gemeldet: Die Kammer beendete die Erörterung des Gesetzentwurfs über die W- Hlreform. Der Text der Regierungsvorlage wurde bis auf un­wesentliche Abänderungen in geheimer Abstimmung mit 2 23 gegen 123 Stimmen angenommen. Das Ergebnis wurde lebhaft begrüßt. Mussolini erklärte darauf die Kammer bis auf weiteres für ver­tagt. Nach Schluss der Sitzung wurden auf Italien, den König und Mussolini begeisterte Kund­gebungen ausgebracht.

Französische Verordnung gegen den passiven Widerstand.

Eine neue Offensive Frankreichs zur Erzwingung der Entscheidung. Schwerste Strafen in Aussicht gestellt.

Die Interalliierte Rheiniandkommission hat folgende Verord- nung erlassen:

Die Interalliiert Rheinlandkommission verordnet angesichts der Notwendigkeit, die Unterdrückung gewisser Um­triebe zu sichern, die die Wirkung der Verordnungen zu ver- hindern oder den normalen Betrieb der von der Rheinland­kommission geschaffenen Organe und Dienststellen zu hemmen be-, zwecken:

I.

Jeder, der den rechtsverbindlichen Charakter einer Verordnung der Rheinlandkommission in Abrede stellt, sei es durch die Presse, Schriften usw., sei es durch mündliche Aus­führungen. die dazu bestimmt sind, öffentlich oder geheim der Be­völkerung, den Beamten und Angestellten öffentlicher Dienststellen oder allen Gruppen und Vereinigungen übermittelt zu werden, verfällt den für Uebertretung der Verordnungen der Rheinlandkommission vorgesehenen Strafen.

Diese Strafen können auf das Doppelte erhöht wer­den, wenn die Schuldigen

o) den Widerstand gegen diese Verordnun­gen, Bestimn/nngen und Anordnungen organi­siert haben, besonders, indem sie unter ihrem Be­fehl stehenden oder ihnen zngehörenden Personen einschärfen, sich nicht danach zu richten, oder an­deren Personen die Mittel liefern, sie zu umgehen;

b) durch Propagandatätigkeit den Wi­derstand gegen die obengenannten Verordnungen, Bestimmungen und Anordnungen herausfordern oder diesen Widerstand den Personen oder den Mit­gliedern von Gruppen und Vereinen, denen sie Aus­kunft zu geben oder vorzustehen haben, anrateu.

Es ist v e oMWWWWtchnuna bei bet Verteilung von Mitteln ober Gaben in natura mitzuwirken. die dazu bestimmt sind. die Feindseligkeit geger die alliierten Behörden oder die Nichtbefolgung oder den aktiver oder passiven Widerstand gegen die in obigem Artikel I erwähn­ten Verordnungen, Bestimmungen und Anordnungen aufrecht- zverhalten, besonders durch Hilfsmittel, Entschädi­gungen oder Belohnungen.

Der ^oteiHu^ aus Araeniinien.

Parade vor dem Reichspräsidenten.

Der Besuch des argentinischen SchulschiffesPresidentr Sarmiento", der durch die Teilnahme des Reichspräsidenten des Reichskanzlers und des argentinischen Gesandten an den Begrüßungsfeiern für Offiziere und Mannschaften des Schiffes einen bedeutungsvollen Eharakter erhielt, wurde zu einer Kundgebung der gegen seit! gen Freund- schaft. deren Herzlichkeit einen starken Eindruck machte Am Sonntag nachmittag hatten sich viele Tausende an den Landungsbrücken ein gefunden, als

der Reichspräsident

in Begleitung des Oberbürgermeisters Diestel. Admirals Behnke und des Staats,ekretärs von Maltzahn der Hamburger StaatsdampferJohannes Dallbaum" betrat. Nach einer kurzen Fahrt elbabwärts wurde um 4 Uhr 30 Min. derPresidente Sarmiento" an gesteuert. Das ar­gentinische Schulschiff hatte geflaggt, seine Mannschaft stand in Paradestellung an Deck und in den Wanten. Als der Staatsdampfer mit dem Reichspräsidenten gesichtet wurde f a I u t i e r t e herPresidente Sarmiento" mit 21 Schüs­sen. Die Mannschaft begrüßte den Reichspräsidenten mit drei Hurras, und die Kapelle spielteDeutschland, Deutsch­land über alles", während der Reichspräsident mit Oberbür­germeister Dr. Diestel und den anderen ihn begleitenden Herren an Bord ging.

Die Begrüßung

vollzog sich sehr herzlich. Der Reichspräsident äußerte feine Freude, nach langer Zeit ein argentinisches Schiff in Deutsch­land begrüßen zu können und gab der Hoffnung Ausdruck, daß dieser Besuch dazu beitragen möge, die alte und in ernster Zeit erprobte Freundschaft zwischen beiden Ländern erneut zu besiegeln. Beim Verlassen des Schisses wurde zum zweitenmal Salut geschossen. Präsident Ebert besuchte darauf mit dem Gesandten. Moline und den argentinischen Offizieren den j

KreuzerBerlin".

Kapitän z. S. von Löwenfeld empfing die Gäste und stellte seine Offiziere vor. Der Reichspräsident begrüßte jede der in Parade aufgestellten Divisionen einzeln und besichtigte dann eingehend den Kreuzer, der vor dem Antritt seiner diesjährigen Uebungsfahrt steht. Noch einem kurzen Aufent-