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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Bost bezogen monatlich 4000 Mt.. für Hersfeld 4000. Mt., Abholer 3500. Mt. / / Anzeigen preis für die einspaltige Betitzeile ober deren Raum 800.- Mt.. für auöwärt« 1000. Mt.. die Reklamezeile 3000. Mt. / / Druck und Verlag von Ludwig Fants Buchdruckerei in HersfelL. Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Rr. 8.

Nr. 88 Donnerstag den 26. Juli 1923

Das Wichtigste.

Mit Rücksicht auf die gespannte politische Lage hat der preußische Mini st er des Innern sämtliche Versamm > lungen unter freiem Himmel mit Einschluß der Um­züge bis auf weiteres untersagt.

Die Vorbesprechungen über die Auflegung einer neuen Goldanleihe des Reiches haben zu einer Einigung geführt, so daß die Ausgabe bevor steht.

Im französischen Ministcrrat hat der Minister der öffent­lichen Arbeiten Le Trocquer über seine Inspektions­reise im Ruhrgebiet einen längerenSiegesbericht" erstattet.

Umstellung der Devisenpolitik.

Von unseremwirtschaftspolitischenMitarbeiter.

Es ist erstaunlich, welche ungeheure Belastung ein Volk ertragen tann. Wie oft schon konnte man hören: Nun geht es nicht mehr weiter; der Zusamyienbruch muß kommen. Und schließlich tauchen immer neue ungeahnte Schwierigkeiten auf, und auch sie werden überwunden. Gewiß, wir sind schon recht häufig nur mit Mühe und Not am Abgrund vor­beigekommen, vielleicht war d.e Gefahr oft größer, als wir ahnten, doch es siegte die Vernunft. Sie wird hoffentlich auch weiter siegen über jeneVolksbeglücker" zweifelhafter Art, die glauben, durch einen Bürgerkrieg irgend etwas bessern zu können. Das Elend würde nur noch größer wer­den. Nur nüchterne Erwägungen befäh-gen uns, auch Be­lastungen schwerster Art zu überwinden. Die letzten Tage haben es uns bewiesen. Der Devisenmarkt drohte der Schau­platz heißer Kämpfe zu werden. Neichsbank und Großbanken waren vorübergehend in scharfer Weise aneinandergeraten, so daß zeitweilig der ganze Geldverkehr bedroht schien. Doch es muß anerkannt werden, daß die leitenden Stellen begangene Fehler schnell eingesehen haben und sich entsprechend der neuen Situation umzustellen wußten. Wieviel besser ist doch

oer ÄmnEng- als oer ewige Wechsel leitender Persönlichkeiten, wenn die einmal eingeschlagene Richtung sich nicht bewährt! Niemand ist unfehlbar.

Die allzu starre Regulierung des Devisenver- kehrs: künstliche Niedrighaltung der Kurse, schematisch gleich­mäßige Zuteilung von nur etwa 2 bis 3 Prozent, mußte sich rines Tages von selbst ad absurdum führen. Durch das Festhalten der Devisenkurse entstand allmählich zwischen den Berliner Kursen und denen der Auslandsbörsen eine Span­nung, die sich für den Dollar zeitweilig auf 100 000 M. und mehr belief. Dieser Umstand führte schließlich dazu, daß ein Angebot an Devisen überhaupt nicht mehr vorhanden war, im Gegenteil ein großer Teil direkt ins Ausland abwanderte. Andererseits wurden infolge der ge­ringen Zuteilungen die Anforderungen an Devisen immer größer, da die einzelnen Firmen wenigstens nicht ganz leer ausgehen wollten. Vielfach war inzwischen eine geregelte Einfuhr der notwendigsten Stoffe überhaupt unmöglich ge­worden.

Besonders schwer wurde die Lebensmittel, k n d u st r i e betroffen, da sie sich aus der kaum vorhandenen eigenen Ausfuhr keine Devisen beschaffen konnte. So wurde schließlich in kurzer Frist eine große Gefahr sowohl für unsere Lebensmittelversorgung als auch für den Fortgang unserer Industrietätigkeit im allgemeinen heraufbeschworen. Vielfach mußten bereits Betriebseinschränkungen vorgenommen wer­den. Es konnte somit nicht mehr großes Erstaunen erregen, als eines Tages die Summe der angeforderten Devisen, in Papiermark umgerechnet, den gesamten Notenum- InufdesDeutschenReiches übertraf. Die Ver­handlungen über den daraufhin zwischen Reichsbank und Großbanken entstandenen Streit, deren Einzelheiten (i/spro- zentige Zuteilung, angedrohte Einstellung der Wechseldiskon­tierung) bekannt sein dürften, führten schließlich.zu einer er­heblichen Umstellung der Devisenpolitik. Das visherige starre System mußte einem beweglicheren Platz machen. Wenn man überhaupt noch von einer weiteren Stützung der Mark sprechen will und nicht von einer einfachen Angleichung an die Weltmarkparität.

Nicht zum wenigsten die gespannten Verhältnisse an un­serm Devisenmarkt hatten dahin geführt, daß die New Yorker Marknotierung einen weiteren Sturz ins Bodenlose voll­führte. In kurzer Frist war der der New Yorker Notierung entsprechende Dollarkurs von etwa 200 000 bis 250 000 M. auf 400 000 M. Hinaufgeschnellt, wohingegen der Berliner Kurs in der gleichen Zeit auf etwa 180 000 bis 220 000 M. gehalten wurde. Nach der Neuregelung wurde erstmalig am Montag eine fast völlige Analeichung der Kurse auf einem Stande von etwa 350 000 M. erzielt. Am Dienstag ging man sogar so weit, den amtlichen Kurs erheblich über demNiveau der letzten New Yorker Notierung fcstzusetzen. Man wollte damit offenbar bezwecken, daß endlich einmal auch andere Stellen als nur die Reichsbank als Abgeber auftreten sollten. Doch hatte man sich darin getäuscht: nur 400 englische Pfund kamen aus den Markt, eine Summe, die gegenüber den letzten Umsätzen völlig belanglos erscheint. Die New Yorker Börse setzte schließlich den Markkurs genau entsprechend der Berliner N ierung fest. Ob man damit nur der Reichs­

bank folgte, oder ob eine Intervention von deutscher Seite aus vorliegt, ist vorläufig nicht ersichtlich. Es ist selbstver­ständlich, daß eine Markstützung überhaupt nur Zweck hat, wenn auch an den Auslandsbörsen ein gewisser Einfluß ausgeübt wird. Sonst sollte man es besser unter- lassen, alle Tage mehrere Millionen Gold in Form ver­billigter Devisen einzelnen wenigen zufließen zu lassen.

Des weiteren wäre es, wenn man schon durchaus nicht von der immer wieder nur größeren Schaden [hftenben Zwangsbewirtschaftung ab gehen will, unbedingt notwendig, daß man nicht nur der Verteilung, sondern auch der B e - schaffung neuer Devisen sein Augenmerk zu- wendet. Es ist nicht möglich, daß die Reichsbank dauernd alleinige Abgeberin bleiben kann.

Leider ist festzustellen, daß der Hauptzweck der mit so großen Unkosten verbundenen und zu so außerordentlichen Schwierigkeiten im Außenhandel führenden Aktion, nämlich ein Aufhalten der durch die weitere Markentwertung be­dingten Steigerung der Warenpreise, nicht erreicht worden ist. Im Gegenteil haben die als Folge der zu geringen Devisenzuteilung eintretende Warenverknappung und die Erhöhung des Risikos erst recht preis steigernd gewirkt. Leider ist auch vorläufig eine Aenderung in Dieser Hinsicht nicht zu erwarten. Es wird noch manche Be­lastungsprobe zu bestehen sein, ehe wir wieder einmal zu normalen Verhältnissen kommen werden. Und gerade das Schlimmste wird uns noch bei dem Ucbergang zur Gesun­dung bevorstehen; denn nur noch radikale Mittel können uns helfen. K. S.

Verbot von Umzügen

und Versammlungen.

Maßnahmen des preußischen Innenministers zur Aufrechterhaltung der Ordnung.

Der amtliche preußische Pressedienst teilt mit:

Möglichkeit, Versammlungen unter freiem Himmel zu unter­sagen, wenn die öffentlich eSicherheitunmittel- bar gefährdet ist. "Zahlreiche Vorgänge der letzten Zeit haben gezeigt, daß die politischen Leidenschaften als Folge ständig zunehmender Verhetzung von radikalen Seiten derart überhand genommen haben, daß unmittel - b a r e G e f a h r e n für die öffentliche Ruhe, Sicherheit und Ordnung für den Fall bestehen, daß jetzt politische Kund­gebungen mit parteipolitischem Charakter unter freiem Himmel abgehalten werden.

Die Zusammenstöße der letzten Wochen, z. B. bei den Stahlhelmfeiern in Eilenburg und Eisleben, des Iungsturms in Dramburg sowie bei den j ü n g st e n K u n d - gebungen in Frankfurt a. M. reden eine deutliche Sprache. Der preußische Minister des Innern hat deshalb unter dem Datum des 24. Juli an die Oberpräsidenten die Verfügung ergehen lassen, sämtliche Versammlun­gen unter freiemHimmel mit Einschluß der Umzüge bis auf weiteres zu untersagen.

Ueberall in der Bevölkerung, wo man sich über die Not­wendigkeit klar ist, im vaterländischen Lebensinteresse die Parteiinteressen zurücktreten zu lassen, wird die in diesem Verbot liegende Warnung und Mahnung zur Be­sonnenheit vollauf verstanden werden. Man wird es sicherlich begrüßen, daß mit dem Unterbleiben der für die nächste Zeit beabsichtigten öffentlichen politischen Demonstrationen auch ein wesentlicher Faktor der innerpoliti- fchen Beunruhigung in Fortfall kommt."

Ein Rundschreiben des Reichsinnenministers.

Der Reichsminister des Innern hat ebenfalls ein Rundschreiben an die Landesregierungen ergehen lassen, in dem auf die Möglichkeit von Zusammen­stößen, insbesondere am 29. Juli, hingewiesen und ersucht wird, alle Maßnahmen zur Verhinderung von Störungen der Ruhe und Ordnung zu treffen. Ganz be­sonders wird auf die genaue Durchführung der reichs- und landesgesetzlichen Bestimmungen über das Waffentragen und das Mitführen von Waffen in Versammlungen und Aufzügen hingewiesen. Mit Rücksicht auf die Notwendigkeit der Ruhe und Geschlossenheit im Innern, gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt, ersucht der Reichsmi lister in dem Rundschreiben, von vornherein mit wirk amen Mitteln einzugreifen.

Beschleunigte Herausgabe der Goldanleihe.

Stücke zu 5 Dollars. Lauheit 12 Jahre

Die Besprechungen, die zwischen Den.lern des Finanz- mtnißeriums. der Reichsbank und der Großbanken über dir Beacbunh Anen G»ldanieih« des Reiches fortaeiefii warben ^ibrr * ' i r g. » ' < $. i >1 d; t » ® ' " r u

iiner Einigung geführt. Es steht nur noch die Zu. timmung der zuständigen Regierungsstellen aus, die heute erfolgen dürfte. Die Auflage der Geldanleihe wird dann ehr rasch in die Wege geleitet werden. Der Betrag der Anleihe wird bei weitem nicht an denjenigen der Dollar- ichatzanleihe heranreichen. Die Anleihe wird eine L a u f» seit von zwölf Jahren bei fünfprozentiger Verzinsung haben. Die kleinsten Stücke sollen auf ) Dollar oder 2 1 Goldmark lauten. Der Zeich- rungskurs liegt etwas unter pari. Maßgebend für die Einlösung der Stücke und die Zinszahlung ist der jeweilige Rew Yorker Wechselkurs.

Fünf-Millionen-Scheine.

Die seit Beginn dieser Woche eingetretene ungeheure Preis- iteigerung sowie die auffallend starken Abhebungen von Bar­mitteln von den Banken, die im Zusammenhang mit den inner- politischen Befürchtungen stehen, stellen die Reichsbank vor eine außerordentlich schwierige Situation. Obwohl täglich zwei Billionen Papiermark in den Verkehr gegeben werden, ergeben sich doch erhebliche Schwierigkeiten und Verzögerungen, die besonders stark in Berlin in Erscheinung treten. Wie der Deutsche Handelsdienst" erfährt, hofft die Reichsbank jedoch, in wenigen Tagen all dieser Schwierigkeiten Herr zu werden. Am Freitag werden bereits große Mengen der er st jetzt neu geschaffenen 6-Millionen-Scheine in den Ver­kehr gebracht. Im Laufe der nächsten Woche sollen große Massen von Scheinen zu 500 000 Mark ausgegeben werden. Gegen Mitte der kommenden Woche wird auch der 1-Millionen- Schein in bedeutenden Mengen in den Verkehr geworfen werden.

Weitgehendes englisches Entgegenkommen gegenüber Frankreich in der Sicherheitszulage.

Im Zusammenhang mit gewissen französischen Presse­berichten ersährt Reuter, dass die Haltung der britischen «Hegiewmig ot«*«*®®*^^^ er f ranz Schis ch e n Sicherheit stets durchaus wohlwollend gewesen sei, und das? noch heute die Meinung herrsche, dass die bri- tische Regierung geneigt sei, die Frage mit der französi­schen Regierung zu erörtern und sehr weit zu gehen, um die französischen Wünsche zu befriedigen.

«

Auf eine Anfrage bestätigte Baldwin, daß sich vor der Vertagung des Unterhauses noch Gelegenheit für eine Erörterung derRuhrfrage finden werde.

Kenworthy fragte, warum der Entwurf der Antwort an Deutschland nicht der serbischen, rumänischen, portugiesischen und anderen Regierungen übermittelt worden sei. Es erfolgte keine Antwort.

Siegeszuversicht le Trocquers.

Eine Transportfrage besteht nicht mehr.

Wie aus Paris gemeldet wird, hat Le Trocquer dem französischen Kabinett über seine Ruhrinspektionsreise Bericht erstattet. Er habe insbesondere hervorgehoben, daß der Abtransport von Kohle und Koks durch­aus regelmäßig funktioniere, und daß alle Maßnahmen getroffen seien, um während der Dauer des deutschen passiven Widerstandes, die Frankreich geschuldeten Mengen an Brennkohle sicherzustellen. Le Trocquer erklärte weiter, eine Transportfrage bestehe nicht mehr im Ruhr- gebiet. Sowohl auf dem Rhein als auch sonst sei nunmehr die Schiffahrt in der Lage, unter französischer Flagge alle notwendigen Transporte zu leisten. Auch bei denEisen - bahnen sei dieLage hervorragend. Die Eisen­bahnregie sichere gegenwärtig außer den Militärtransporten alle Transporte für die Reparationen und bewältige auch den täglich größer werdenden Handelsverkehr. Sie befördere jeden Tag 300 Personen- und 400 ELterzüge, und da diese nicht mehr ausreichten, würde auf gewissen Linien die Zahl der Personenzüge noch erhöht werden. Der Minister teilte weiter mit, die deutsche Bevölkerung benutze nunmehr in steigendem Maße (?) die Züge der französischen Eisenbahnregie. In den Hauptbahnhöfen seien in der Woche vom 14. bis 20. Juli 25 000 Personen befördert worden. Insbesondere im Ruhrgebiet selbst und dort wieder in Dortmund und Essen, sei die Zahl der Reisenden gestiegen.

* Der verschärfte Druck.

Im Bereiche der 47. Division haben die Franzosen eine Unzahl von Wohnungseinrichtungen verlangt, die bis zum 5. August abgeliefert werde» müssen. Im einzelnen wurden folgende Stadtverwal­tungen zur Lieferung aufgefordert: es sollen liefern, Herne 206, Gelsenkirchen 100, Recklinghausen sH Wanne 30, Witten 15, Waltrop 15, Westerholt 1S Wohnungseinrichtungen. In Westerholt haben bin Franzosen zu diesem Zwecke sämtliche Woh­nungseinrichtungen und M ö b e l st ü ck « l» Tischlereien und v» e i ch ä f t e n beschlagnahmt. Weiter ist eine Anordnung bekannt geworden, wonach