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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag nnt? Sonnabend. Der Berngspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 12000- Mt., für Sersfeld 12000- Mt., Abholer000-Mt. / / «metgeu prei« für Sie einspaltige Dellkeile oder deren Raum 800 Mk., für auswärts 1000. Mt., die Reklamezeile 3000 Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Duchbruckerei in Sersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs'Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Sersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 89 Sonnabend den 28. Juli 1923

Das Wichtigste.

Zwischen Paris und Brüssel ist eine Einigung über die Antwort an England zustande gekommen. Dieselbe wird am Montag in London getrennt übergeben werden.

Die Besetzung Mannheims ist auf den ganzen Vorort R h e i n a u ausgedehnt worden.

General Degoutte hat auf Fürsprache Man- signore Testas den in Mainz zum Tode verurteilten Land- wirtichaftslehrer Görges begnadigt. . ........ -

WschenrückbliS.

Die sächsischen Zustände haben die Aufmerksamkeit beul Neichsregierung erregt, so daß sie eine Warnung vor dem Bürgerkrieg erließ. Als dann der sächsische Innenminister Liebmann seinen Rechenschaftsbericht erstattete, entspann sich zwischen der sozialdemokratischen und der kommunistischen Presse ein Meinungsaustausch, bei dem der Minister nicht glimpflich behandelt wurde. Die Sozialdemokraten halten es für töricht, an ein dauerndes Zusammenarbeiten zwischen beiden Parteien zu glauben und sehen das Scheitern der Aktion, wenn sich die Regierung nicht bVn Kommunisten an« paßt, voraus. Die Kommunisten werfen der Regierung Un­zulänglichkeit, Halbheit, Schlappheit vor und vermissen den wirksamen Kampf gegen dieReaktion"; sie verlangen Bil­dung bewaffneter proletarischer Hundertschaften und ver­höhnen den Genossen Liebmann. Während dieser Ausein- Midersetzung ereigneten sich die blutigen Exzesse in Frankfurt, in die Sozialdemokraten verwickelt waren, und die Wahlen der Metallarbeiter zum Kasseler Vertretertag, die in Sachsen 62 Prozent für die Sozialdemokratie und 48 Prozent für den rM*M* sprechen darf. Es ist ver­ständlich, daß die offizielle Parteivertretung nunmehr offen die Gemeinschaft mit den Kommunisten von sich weist, namentlich auch die Beteiligung an den Anti- faschistem-ersammlungen verwirft, also alle kommunistischen Gewaltmethoden. issber ganz scheint die Zeignersche Regierung ihre Anhänger doch nicht mehr in der Hand zu haben, denn der Vorstand der D. S. P. D. für Plauen verlangt die Unter­stützung der Fraktion im Reichstag zur Durchführung ihrer Forderungendurch den Aufmarsch der Massen". Dieser Aufmarsch sieht einem Abmarsch ins kommunistische Lager verteufelt ähnlich.

Volksbegehren und Volksentscheid' sind verfassungsmäßige Mittel, um über den Kopf der Volksvertretung hinweg brennende Fragen zu lösen. In Bayern ist man mit den Bestimmungen dar­über nicht zufrieden, und das hat sich zu einer Vorlage verdichtet, in der die Herabsetzung der für ein Volksbegehren notwendigen Stimmenzahl vorgenommen werden soll. Trotz der heftigen Opposition der Linken wurden im Verfassungs- ausschuß des Landtages die beiden ersten wichtigen Artikel angenommen, nachdem der Denwkrat Dr. Dirr behauptet hatte, die Vorlage bezwecke. Bayern zu einem Sturmbock gegen die Reichsverfassung herzurichten, und der Vorschlag sei von geheimen Verbänden ausgegangen Man darf ge­spannt sein, ob in der Vollsitzung des Landtages diese Be­hauptung mit Tatsachen erhärtet werden kann.

Wichtiger als diese Angelegenheit ist nicht nur für Bayern, sondern für ganz Deutschland der Rückgang derGetreibeanbaufläche.die. trotzdem die Sommer­getreide sich flächenmäßig vergrößerten, bei Winterweizen, Winterroggen, Winterspelz und Wintergerste 14 243 Hektar betrug. Die Anbaufläche für Hülsenfrücht-, Zuckerrüben und Bewässerungswiesen verminderte sich um 13 526 Hektar, doch wurden mit Kartoffeln, Runkelrüben, Klee, Luzerne und anderen Wiesen mehr bestellt 27 278 Hektar, so daß das Plus der gesamten Anbaufläche noch 13 035 Hektar beträgt. Der sich für Bayern ergebende Verlust an Wintergetreide kann aber wettgemacht werden durch ruisischeGinfuhr. Der zwischen den für Handelsvertretung zuständigen Stellen am 5.3ult abgeschlossene Lieferungsvertrag verspricht 20 Mil­lionen Pud Getreide für Deutschland, das als Gegenleistung im wesentlichen Industrieerzeugnisse bietet. Die Ernte- aussichten sind günstig, und so steht zu hoffen, daß wir aus dem östlichen Absatzlande für unsere Waren Ersatz erhalten für das Getreide aus den Gebieten, die uns der Versailler Vertrag geraubt hat.

Im östlichen Nachbarlande lassen die Fanatiker nach wie vor ihrem polnischen Deutschenhaß die Zügel schießen und haben es in der letzten Zeit, besonders in Polnisch-Ober- schlesien, auf die deutschen Schulen, die deutschen Katholiken und ihre deuffchen Geistlichen abgesehen, die fast ausnahmslos vertrieben werden. Selten vernimmt man, daß eine Beschwerde Erfolg zeitigt, wie in Rybnik, wo töe Pol-N piff Anweisung des Präsidenten der Genüschlen

Kommission, Calonder, den Deuffchen ein geraubtes Schuh lokal wiedergeben mußten. Im allgemeinen sind die Ver­folgungen und Störungen kirchlicher Handlungen derart, daß die deutschen Katholiken sich weigern, an dem deutsch-pol­nischen Katholikentag, der von dem päpstlichen Administrator ins Leben gerufen werden soll, teilzunehmen. Die Polen glauben sich unter dem Schutze ihres Pariser Lehnsherrn alles erlauben zu dürfen. Indessen bekommt ihnen die politisch- siamesische Zwillingsbrüderschaft schlecht, namentlich in fi­nanzieller Hinsicht. Die kranke deutsche Mark hat nicht nur den französischen Frank angesteckt, sondern auch dies polnische Mark. Die in der Textilindustrie ausgebrochene Streikepidemie, hervorgerufen durch die Markentwertung und ihre Auswirkung auf die Löhne, greift auf die Metall­arbeiter über und droht die ganze polnische Industrie zum Erliegen zu bringen. An diesen Punkt hakt die Opposition zegen die außerdem mit außenpolitischen Mißerfolgen ge­segnete Regierung ein und hält ihr das Scheitern der Kleinen Entente und die Niederlage im Kampfe gegen Danzig vor, Krankheitserscheinungen, die sich auch dem andern Siamesen Im Westen schmerzlich fühlbar machen.

In der italienischen Kammer hat Mussolini mit 223 gegen 123 Stimmen seine Wahlvorlage durchgebracht, begleitet von einem Vertrauensvotum, von dem sich, soweit es die Wahlreform betrifft, die Popu­lären ausschließen. Doch scheint die Position des Minister­präsidenten gefestigter denn je. was ihm einen starken Rück­halt für seine Ruhrpolitik bietet. Sie ist, wie er in seine- Wahlreformrede einfließen ließ, bestimmtvom Schutze ita­lienischer Interessen, aber auch vom allgemein gefühlten Be- dürfnis, aus einer Krisis Herauszugelangen, die unseren Kon­tinent verarmt und erniedrigt". Man wird dies in Paris verstehen; die Zeiten sind vorüber, wo man im Quirinal auf jedes Wort des französischen Botschafters hinhorchte. xxx

Ein Schreiben der sächsischen an Sie Neichsregierung.

Die sächsische Regierung hat, wie amtlich mitgeteilt wird, unter dem 25. Juli an die Reichsregierung ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt:

Die Reichsregierung hat eine Erklärung veröffentlicht, in der sie zu den Möglichkeiten eines Bürgerkrieges Stellung nimmt. Am Schluß dieser Erklärung heißt es, daß die Reichs­regierung auch bemüht ist, mit den Landesregierun­gen von Sachsen und Thüringen im Interesse der ruhigen Entwicklung unserer inneren Verhältnisse ein Einverständnis zu pflegen, ist bekannt. Sie wird es auch in dieser Beziehung nicht anpflichtmäßiger, ernster Aufmerksamkeit fehlen lassen.

Diese Erklärung hat hier (in Sachsen) außerordentlich überrascht. Soll damit gesagt sein, daß die sächsische und thüringische Regierung einer besonderen Ober­aufsicht bedürfen, soll behauptet werden, in Sachsen hätten die inneren Verhältnisse derartige Formen angenom. men, daß von Sachsen aus ein Bürgerkrieg drohe? Die sächsische Regierung darf die Neichsregierung um eine Erklärung darüber bitten, ob dies der Sinn ihrer Erklärung ist, gegebenenfalls was sonst der Sinn dieser ihrer Erklärung ist und was sie zu einer derartigen Stellungnahme gegen die sächsische Regierung veranlaßt hat. Für den Fall, daß die Reichsregierung behaupten will, von Sachsen aus drohe die Gefahr eines Bürgerkrieges, darf die sächsische Re­gierung um Mitteilung der Tatsachen bitten, auf die die Neichsregierung eine solche Annahme stützt."

Vollkommene Ein-kett

aber qeirenie Aniworien.

Verständigung -wischen Brüssel und Paris. Man bewahrt sich dieAktionsfreiheit".

Havas teilt mit, zwischen der französischen und der belgischen Regierung sei jetzt über die Haupt­fragen der auf die englischen Dokumente zu erteilenden Antwort, eine Verständigung erzielt worden. Der Wortlaut der Noten werde unverzüglich fest­gesetzt werden. Die Antwort von Paris und Brüssel würde nicht identisch sein, sich aber völlig in gleicher Richtung bewegen.

Im einzelnen berichtet Havas dazu:

Die französische und die belgische Regierung haben oen Meinungsaustausch über die letzte britische Reparationsnote beendet. Die beiden Ka b in ette sind vollkommen einig, aufs neue zu bestätigen, daß eine Verhandlung mit dem Deutschen Reiche nur nach Einstellung des passiven W i d e r st a n d e s ins Auge gefaßt und daß die Räumung des Ruhrgebiets nur erfolgen kann, wenn Deuffch- Innö genügend Zahlungen geleiftei hat. Dieselbe »Weichheit der' Ansichten ist in Paris und Brüssel hinsichtlich der Folge, die dem britischen Vorschlag gegeben werden soll, «-cziLlt worden.

Augenblicklich ist nur noch erforderlich, den Tex 1 bet Antworten Frankreichs und Belgiens festzu- legem Es scheint sicher zu sein, daß jedes der beiden! Kabinett« für sich eine Antwort erteilt, in der sie ähnliche Gedanken ausführen, die jedoch in dem gleichen Wortlaut gehalten sind. Die Tatsache, daß die französische und die belgische Regierung getrennt antworten, darf nicht als Anzeichen einer Meinungs­verschiedenheit ausgelegt werden. Die beiden Kabinette glauben tatsächlich, daß sie ohne Angelegenheiten sich eine gewisse Aktionsfreiheit bewahren können. Die beiden Minister haben ihre Texte ausgetauscht und ebenso Bemerkungen, die sie glaubten, formulieren zu müssen.

Nach der Havasnote wird wahrscheinlich der endgültig« Wortlaut der beiden Noten am Sonnabend fertig- gestellt und am Montag in London über­reicht werden. Poincarö begibt sich für drei Tage auf seinen Landsitz. Es ist immer noch davon die Rede, daß Poincarch Theunis und Iaspar im Laufe der kommenden Woche eine Zusammenkunft haben werden. .

Eine neue Bal-win-Rede gegen die Ruhrbesetzung.

Keine Reparation ohne finanzielle Stabilität.

Der englische Premierminister B a l d w i n ging in einer Rede in Glasgow auf die Abhängigkeit Englands von seinem industriellen System ein und sagte, die Hoffnung, die man sich bei Beendigung des Krieges gemacht habe, hätte sich nicht erfüllt. Der erste Schritt, der gemacht werden müsse, um die Desorganisation der ausländischen Märkte zu bekämpfen, sei die Regelung der Reparationsfrage mit den Deutschen. " (Beifall.) Eine Besetzung in der Art, wie sie gegenwärtig im Ruhrgebiet in Kraft sei, habe biefelbe Wirkung auf den internationalen Handel, wie wenn man die

Klinge feines Taschenmessers in ein Uhrwerk

hinein ftecfe. Der internationale Zander sei ein äußerst fester Mechanismus. Die Menschen lernten jetzt für einen riesigen Preis die Grundlehren des Wirt­schaftslebens und Wechselverkehrs kennen. Infolge des Standes der Wechselkurse sei es immer schwieriger, finan- zielte Abmachungen mit dem Ausland zu treffen und den internationalen Handel in Gang zu halten. Großbritannien Habe bisher von der Verwirrung in Europa nicht gelitten, »der es

fange an, jetzt darunter zu leiden.

Wenn die gegenwärtige Lage nicht geändert werde, so werde Mb die Zeit kommen, wo Mitteleuropa für die Einfuhrgüter keine Zahlung mehr leisten könne. Das Ergebnis würde ein immer weiter fortschreitender Zusammenbruch des Internationalen Handels mit diesen Ländern sein. Länder wie England, die vom Ausfuhrhandel abhängig seien, würden die größte Last zu tragen haben. Außerdem würde es k e i n e Reparationen geben, solange keine finan­zielle Stabilität erreicht sei. Welchen Erfolg der erste Schritt zur Regelung des Reparationsproblems habe, könne er nicht sagen, er könne nur wiederholt darauf hinweisen, daß die Regierung keine Anstrengungen unterlas- s e n werde, um eine Regelung zustande zu bringen.

Goergss begnadigt.

Aus Essen wird gemeldet: General Degoutte hat Monsignore T e st a, der sich namens des Papstes um die Begnadigung des in Mainz zum Tode verurteil­ten Goerges bemüht hatte, mitgeteilt, dass dem Gnadengesuch stattgegeben worden ist.

Das Militärpolizeigericht in Mitten verurteilte die Kaufleute Freischmidt und Overberg aus Mitten zu sechs Monaten Gefängnis und 5 Millionen Mark Geld­strafe, weil sie in einem Kaffee, als die Kapelle das v e u ts ch l g n d l i e b spielte, mitgesungen hatten. Als erschwerender Umstand wurde angesehen, daß der Vorfall sich em 14. Juli, dem Tage des franzö^ischenNatio» «alfeiertages, abgespielt hatte. (!) Vom Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Doß, wurde Berufung eingelegt.

AusSeHnuttg 0er Besetzung Mannheims.

Wie aus Mannheim gedrahtet wird, erschien Freitag früh 4 Uhr ein französischer Offizier und 20 Mann auf der Polizeiwache von Rheinau und erklärten, daß R h e i n a u beseht sei. Die auf der Wache Anwesenden wurden sofort von den Franzosen vertrieben. Bisher war die iSeiehung des Mannheimer Vororts Rheinau noch nicht tffettio, nur ein Teil des Rhcinauer Hafens war besetzt. Jetzig ist auch der Ort selbst in die Besetzung einbezogen worden. |

Diese Ausdehnung der Besetzung ist aller Wahrschein-8 Weit nach darauf zurück.; »sichren, daß in der letzten Zeit b »te deutsche Polizei in Rheinau deutsche Arbeiter, die üu^