Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld
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Nr. 91 Dienstag den 2. August 1913
Das Wichtigste.
— Nach Erklärungen, bie Vertreter der Landwirtschaft dem Reichskanzler abgaben, ist mit einer guten Brotgetreide- » rnt , und einer baldigen Besserung der Kartoffeloer- fotgung zu rechnen.
— Der Notenumlauf der Reichsbank hat sich in der Berichtswoche auf über 31 Billionen vermehrt.
— Der bayerische Landtag hat den Verfassungsgesetz. « > t w u r f betreffend Volksbegehren und Volksentscheid a b g «- lehnt.
— Die Zahl der Todesopfer bei der Eisenbahnkatastrophe in K r e i e n s e n hat sich auf 4 7 erhöht.
— Der englische Premierminister B a l d w i n plant die Herausgabe eines Weißbuches, in dem die letzten Dokumente zur Reparationsfrage veröffentlicht werden sollen.
Marksturz und Defizttwirtschast
Von unserm wirtschaftspolitischen Mitarbeiter.
Wir haben uns gewiß in dieser Zeit ständiger Geldentwertung schon recht sehr an lange Ziffernreihen gewöhnt; doch was sich in den letzten Tagen an neuen Nullen über uns ergossen hat, übersteigt denn doch alle bisher für möglich gehaltenen Zustände. Der Wertschwund der Mark hat eine derartige Schnelligkeit angenommen, daß die gewandteste Um« stellungsfähigkeit nachzuhinken beginnt. In kürzester Frist hat sich der Stand des Wertmessers unserer Mark, des Dollars, vervielfacht, hat er die erste Million überschritten. Damit dürfte die zweite Aktion zur Stützung der Mark als gescheitert angesehen werden. Wie bereits in unseren vorhergehenden wirtschaftspolitischen Betrachtungen betont wurde, mußte eine künstliche Regulierung der Devisenkurse ohne gleichzeitige produktionstechnische Umstellung, ohne genügende Regulierung der Staatsfinanzen und ohne stärkste Be- --——--- her Auslandsbörsen fehlschlagen. Im Gegenteil hatte die ganze Aktion mit ihrer Devisen-Zwangswirtschaft nur schädigende Einwirkungen zur Folge. Denn Warenpreissteigerungen, wie wir sie in den letzten Tagen erleben mußten, sind bisher auch nicht in ähnlichem Verhält- nis dagewesen. Eine ganze Anzahl von Artikeln hat ihren Preisstand in einem Zeitraum von nur 14 Tagen etwa verzehnfacht. Kosteten ein Paar Stiefel vor vierzehn Tagen noch etwa 4—600 000 M., so muß man heute dafür rund 3 bis 6 Millionen bezahlen. Ein Anzug, den man vor 2 Wochen noch für 2 bis 4 Millionen Mark erhielt, kostet heute rund
20 Millionen. Zudem ist durch die viel zu geringe Zuteilung an Devisen vielfach, besonders in den Großstädten, eine der- artige Knappheit an Lebensmitteln eingetreten, daß dadurch die Gefahr neuer Unruhen heraufbeschworen worden ist.
Theoretisch ist selbstverständlich durch ein weiteres Sinken des Markwertes, der gegenwärtig etwa auf dem zweihundert- sechzigtausendsten Teil seines Borkriegswertes angelangt ist, durchaus möglich. Als Beispiel sei angeführt, daß an der Moskauer Börse der Dollar kürzlich mit 1 8 0 M i l I i o n e n Rubel notiert wurde. Allerdings kann man wohl jetzt schon sagen, daß die deutsche Mark als Währungseinheit nahe- zu wertlos geworden ist. Die Wirtschaftspraxis geht in immer größerem Maße zu anderen Rechnungseinheiten über, und eines Tages wird die Mark zwar noch als Zahlungsmittel, aber nicht mehr als Wertmesser dienen. Es ist bezeichnend, daß selbst der Staat seinem eigenen Zahlungsmittel skeptisch gegenübersteht und zur Berechnung in Gold (Zollaufgeld, Ausfuhrabgab
ichsbahn ihre Tarife auf wert. :fbauen. Um eine einigermaßen
Jahres wird auch die Reichsbahn ihre Tarife auf wertbeständiger Grundlage aufbauen. Um eine einigermaßen geregelte Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs zu ermöglichen, wird es schließlich trotz aller damit verbundenen Nachteile keinen anderen Ausweg geben, als auch offiziell einen einheitlichen Rechnungsmaßstab zur Ein
führung zu bringen.
Ist es bei alledem ein Wunder, wenn das Ausland den Glauben an den Wert unseres Zahlungsmittels verloren hat. Sicher spielen auch Börsenmanöver, in erster Linie s e i t e n s F r a n k r e i ch s, bei dem ungeheuren Marksturz an den Auslandsplätzen eine große Rolle. Die im Ruhrgebiet geraubten Milliardenbeträge an Papiermark wurden in geschickter Weise auf den Auslandsmarkt geworfen um damit der kranken Mark einen weiteren Stoß zu versetzen. .Derartige künstliche Beeinflussungen konnten verschiedentlich festgestellt werden. Andererseits kann man es dem Ausland kaum verdenken, wenn es zu unserer Finanzlage kein Zutrauen mehr hat. Ein Unternehmen, bet dem die Ausgaben um ein Vielfaches die Einnahmen übersteigere, durfte sich in Kaufmannskreifen auch nicht gerade beionderer Zuneigung erfreuen. Beim Deutschen Reiche aber betrugen die ordentlichen Einnahmen in der zweiten Iulldekade n u r den vierundzwanzigsten Teil b e r Uns- gaben, also rund 4 Prozept. Man mache sich einmal klar, was es bedeutet, wenn man einer Einnahme von 4 Millionen Mark Ausgaben von 100 Millionen Mark gegen- überzustehen hat. Eine derartige Defizit-Wirtschaft muß zum Unheil führen. ... .
An dieser Stelle wäre r ller Eingriff vonnoten und sicher viel wirksamer als <1? am Devisenmarkt, die
doch nur wirtschaftliche Hemmungen zur Folge haben. Zwar ist inzwischen eine Anpassung der Steuergesetze an die Geldentwertung geplant, doch dürfte die Durchführung dieser Maßnahmen bei der „schnellen" Arbeit des Reichstages und der übrigen Instanzen noch so lange Zeit in Anspruch nehmen, daß die Einnahmen bis dahin überhaupt keinen nennenswerten Bruchteil der Ausgaben mehr ausmachen. Es handelt sich nicht darum, die tatfäch- lichen Steuern zu erhöhen, sondern nur darum, die veranlagten Beträge in der der Geldentwertung entsprechende!: Höhe einzuziehen. Dazu wäre es vielleicht sogar notwendig, manche Steuern niedriger anzusetzen, damit nicht allzuhohe Forderungen die Steuermoral völlig erdrosseln.
Einen ungefähren Maßstab dafür, wie hoch der Steuer- ertrag sein könnte, bietet die Tatsache, daß im Juni die einzige der Geldentwertung sich anpassende Steuer, der Lohnabzug, allein etwa ein Drittel der gesamten Reichseinnahmen ausgemacht hat.
Ueber die unbedingte Notwendigkeit, die Staatsbetriebe, in erster Linie die Reichsbahn, berät' umzugestalten, daß sie rentabel arbeiten und keiner Zuschüsse bedürfen, ist bereits soviel gesagt und geschrieben worden, daß es sich nicht lohnt, immer von Neuem darauf einzugehen. Ebenso, wie notwendig es ist, daß die Reichsbank nicht immer weiter mit der größten Bereitwilligkeit alle ihr vom Finanzminister präsentierten Schatzanweisungen hinnimmt und dafür neue Notenmengen über uns ergießt. Was zu geschehen hat, dürfte im allgemeinen bekannt sein. Warum findet man auch in der jetzigen Regierung nicht den Mut und die Energie, einmal kräftig durchzugreifen? K. S.
Die Ernährungslage.
In der Reichskanzlei fand am Dienstag unter dem
Vorsitz des Reichskanzlers eine Besprechung mit den Vertretern der landwirtschaftlichen Spitzen- vrganisationen statt, an der der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft und einige andere Mitglieder des Kabinetts teilnahmen. In der Besprechung wurde die gesamte Eruährungotage und insve- sondere die Versorgung der städtische« Bevölkerung einer eingehenden Erörterung unterzogen.
Nach den übereinftimmenben Aeußerungen der Vertreter der Landwirtschaft kann mit einer
guten Brotgetreideernte gerechnet werden. Die vorliegenden Meldungen gaben auch zu der Hoffnung auf eine baldige Besserung in der Kartoffel- Versorgung begründeten Anlaß, da die Frühkartoffeln ernte in einzelnen Gegenden bereits begonnen hat und in den anderen Landstrichen innerhalb der nächsten und übernächsten Woche anfangen wird. In Verbindung damit wurde auch die wichtige Frage der F e ttv er s o r g u n g behandelt. Hier bestehen insofern besondere Schwierigkeiten, als die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Speisefetten von jeher zu einem sehr wesentlichen Teil auf die Zufuhr aus dem Auslande und also
auf die Devisenbeschaffung angewiesen
war. Die Verhandlungen über eine Erleichterung auf diesem Gebiet, die zwischen der Reichsregierung und der Reichsbank geführt werden, stehen vor dem Abschluß.
Die Vertreter der landwirtschaftlichen Spitzenorgani- sationen wiesen darauf hin, daß die Versorgung an einzelnen Stellen durch W a g e n m a n g e l erschwert und daß in Schlesien diese Schwierigkeiten durch einen Transport- arbeitet st reit wesentlich verschärft würden, so daß dort größere Mengen von Lebensmitteln, die zur Versendung in die Städte bereit ständen, nutzlos liegen blieben. Don der Reichsregierung wurde zugesagt, daß auf die Beseitigung dieser Schwierigkeiten mit allem Nachdruck hingewirkt werden würde. — Weiter wurde die Notwendigkeit erörtert, dem Landwirt die Möglichkeit zu geben, den Erlös für seine Erzeugnisse wertbeständig anzulegen. Sei- tens der Vertteter der Landwirtschaft wurde darauf hingewiesen, daß dies für die Landwirtschaft besonders nötig sei, weil sie ihre Erzeugnisse nur einmal im Jahre umsetzen könne. Der Plan der Reichsregierung, eine
wertbeständige, leicht begehbare Goldanleihe auszugeben, wurde daher von den Vertretern der Landwirtschaft begrüßt. Sie erklärten sich be« t:eit, die Durchführung eines solchen Planes zu fördern. Die Besprechung, in der noch einige land- wirtschaftliche Einzelfragen behandelt wurden, schloß mit der einmütigen Versicherung der Vertteter der Land- wirtschaft, daß sie ihre Berufsgenossen auffordern würden, ihr Möglichstes zu tun, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern und die Ernährungsschmicr-gleiten in den Städten zu beheben.
An Oeuisckl^nds Landwirte.
Der Reichsausschuß der deutschen Lanowirtschast erläßt einen Aufruf, in dem es heißt:
Wir haben mit der Reichsregierung über die Not der städtischen Bevölkerung und die Sckwieriakeittn beraten, die ihrer Versorgung mit Lebens Mitteln erwachsen. Die Not in den Städten ist groß; es fehlt
insbesondere an Kartoffeln, aber auch an anderen Nahrungsmitteln. Die deutsche Landwirtschaft trägt keine Schuld an dieser Not. Infolge der Ruhrbesetzung ist die Einfuhr von Nahrungsmitteln aus Mangel an Devisen so gut wie unmöglich geworden, so daß die Erzeugung der deutschen Landwirtschaft mehr als je die Grundlage ansererVolksernährung bildet. Aber die Ernte hat sich um vier Wochen verspätet, und wo schon Vorräte zur Verfügung stehen, ist ihre Beförderung durch Streik im Transportgewerbe verzögert worden. Die Städte dürfen nicht von Nahrungsmitteln entblößt bleiben; auch
unseren Brüdern an Rnhr und Rhein
müssen wir helfen und ihnen im Abwehrkampfe beistchen. Auf den Feldern härrt eine gute Körnerernte der Bergung. Was schon gedroschen ist und zum Verkauf kommen kann, mu6 unverzüglich der städtischen Bevölkerung zugeführt werden. Was in den Kräften der deutschen Landwirtschaft steht, muß jetzt geschehen.
Sache der Regierung wird es sein, für Ruhe und Ordnung zusorgen, damit die (Erntearbeiten und der Versand ungestört vonstatten gehen und Angstkäufe vermieden werden. An alle deutschen Landwirte aber ergeht unser Ruf und unsere Mahnung: Helft, daß alles, was ihr an Erträgnissen des Landes zum Verkauf stellen konnt, unverzüglich geliefert wird und in die Hand der Verbraucher gelangt!
Pessimismus in London.
Den Londoner Blättern zufolge erstattete Lord E u r z o n in der Vollsitzung des englischen Kabinetts am Dienstag Bericht über die Antwortnoten Frankreichs und Belgiens.
An gutunterrichteter Londoner Stelle wird erklärt, daß die englische Regierung von der französischen und belgischen Antwort enttäuscht sei. B a l d w i n habe dem Ministerrat vorgeschlagen, die letzten Dokumente, die von den gehcuuaehatUu wurden, noch vor Donnerstag zu veröffentlichen. Es wurde aber darauf hingewiesen, daß es technisch unmöglich sei, noch bis Donnerstag das geplante Weißbuch herzustellen, das diese Dokumente enthalten würde. Man glaubt aber, daß die Veröffentlichung gleichwohl stattfinden wird, obwohl das Weißbuch voraussichtlich nur den Abgeordneten des Unterhauses zugestellt werden wird und erst nachher dem Publikum. Es wird erklärt, daß aus der französischen Ant- wart nicht der geringste Wunsch Poincarös zu erkennen sei, seine bisherige Repararationspolitik auch nui um das mindeste abzuändern. Die Hoffnung auf di« Fortsetzung derUnterhandlungen ist deshalb sehr gering geworden. Es darf mit der M ö g li ch keil gerechnet werden, daß die englische Regierung getrennt auf die letzten deutschen Borschläge vom 7. Juni antworten wird und daß sie versucht, sich dafür vom Parlament vor dessen Verttagung freie Hand geben zu lassen.
In Beantwortung einer Frage hat B a l d w i n in Unterhause das Versprechen abgegeben, daß das Parlament falls nötig, während der Ferien zusammen berufen werden würde, um die weitere Entwicklung bei Dinge zu prüfen. Der Premierminister fügte jedoch hinzu er wäre ernstlich bestrebt, das (Eintreten einer solchen Not wendigkeit zu verhüten.
Die Rot tm Ruhrqebiei.
Wie die Kölnische Zeitung aus dem Ruhrgebiet meldet schreitet die Lebensmittelknappheit im ganzen Gebiete fort. Die Wochenmärkte machen einen geradezu trostlosen Eindruck, da zahlreiche Handelsartikel und Erzeugnisse überhaupt nicht mehr zum Vorschein kommen. An den wenigen Verka ifsstätten drängen sich die Käufer in lange« Kette.
Eine einige tausend Mann umfassende Abteilung der Be- legschaft einer großen Zeche des Industriezentrums war am Dienstag nicht zur Arbeit erschienen. Der Betriebsrat ließ die Zechenleitung wissen, die Abteilung könne nicht arbeiten, da die Frauen der Arbeiter seit Sonnabend ohne Kartoffeln und die Bergleute infolgedessen nicht genügend ernährt seien, um die Arbeit zu verrichten.
Streit im Oberhausener Revier.
Im Oberhausener Bezirk ist eine neue Streit- bewegung ausgebrochen. Am Sonnabend trat die Belegschaft der G u t e n - H o f f n u n g s - H ü t t e in den Ausstand und demonstrierte oo. dem Hauptverwaltungsgebäude wegen bei Lohnforderungen. Der Betriebsrat wurde von der Arbeiterschaft abgesetzt mit der Begründung, er oertrete ihre Interessen nicht genügend. Mit dem darauf neugewühlten G e g e n- betriebsrat zu verhandeln, weigert sich aber die Direktton. Man erwartet das Uebergreifen der Bewegung auf die Zeche Alstaden.
Die Bewegung ist bis jetzt in voller Ruhe verlaufen. Die Polizei brauchte nirgends einzugreifen. Die Kommunisten treiben eine lebhafte Propaganda für eine gemeinsam« Aktion der Bergarbeiter. Das „Ruhrecho" bezeichnet die Forderung der Oberhausener Bergarbeiter auf