Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 104
Sonnabend, den 1. September
1923
: Wochenrückblick.
1 Nachdem kurz vor dem Rücktritt des Kabinetts Cutto pdf die Spannung zwischen Berlin und Dresden in Verfolg der Bürgerkrieg-Auseinandersetzungen merklich vergrößert hatte, schlug der Reichskanzler Stresemann um Mißverständnissen vorzübeugen, den inoffiziellen Weg nach Bayern ein und hat mit seinem Privat- hesuch beim bayerischen Ministerpräsidenten v. Knilling, hie die Haltung der Münchener Presse mrd der Bayerischen Volkspartei erkennen läßt, die ein wenig gesunkene Temperatur der Beziehungen zwischen Reich und Bayern wieder auf den normalen Grad gebracht. Wenn Dr. Stresemann die ihm nachgesagte Absicht, mit den Ministerpräsidenten der anderen Länder nähere Fühlung zu nehmen, ausführen sollte, wird das der Regierungskoalition, die er als die stärkste Zusammenfassung der parlamentarischen Kräfte bezeichnet hat, förderlich fein.
In München-Gladbach hat eine mit Pomp angekündigte Agitations-Versammlung der r h e iu i s ch e n S o n - derbündler mit einem vollen Mißerfolg geendet. Es gelang ihnen zwar, unter dem Schutz der Polizei, in das Versammlungslokal einzudringen, das, von einer riesigen Volksmenge umringt, etwa 300, meist auswärtiges Lumpengesindel, Personen enthielt. Die eingeschlossenen Sonder- bündler quittierten auf die Verbrennung ihrer Fahnen Und Propagandaschriften, auf den donnernden Protest aus 30000 Kehle» mit Revolverschüssen, doch kamen glücklicherweise ernstliche Verletzungen nicht vor. Dorten, der Erzverräter, hatte es vorgezogen, nicht zu erscheinen und überließ es seinem übelberüchtigten Kumpan Matches,! einem angeblichen Redakteur, eine Ansprache zu Halten. Unter den Rednern wurde auch ein katholischer Geistlicher Dr. Kreniers genannt, was den Arischem erwecken konnte, als ob ein Teil des Klerus in separatistischem Fahrwasser schwimme und Kremers, der sich auch in Ahrweiler mit Angriffen auf Preußen und Aufforderung zur Steuer-
^ Weigerung agitatorisch betätigt hat, Agent einer solchen Richtung sei. Die Aufklärung über seine Persönlichkeit Vorleben ist derart, daß die £ , Verdacht geraten kann, irgend etwas mit diesem als Religionslehrer Gescheiterten zu tun zu haben. Alle Separatistenführer besitzen einen faulen Fleck und paffen daher ausgezeichnet zu ihren französischen und belgischen Schützern. Wer die um die Friedrichshalle in Gladbach sich abspielenden Szenen verfolgt hat, wird über die Gesinnung der Bevölkerung nicht im Zweifel sein: sie hält am passiven Widerstand fest, weist alle Lockungen ab und gibt jedem Separatisten ihre Verachtung zu erkennen. In diese Stimmung platzte die Meldung hinein, die Regierung habe die Benutzung der Regiebahnenfür den Lebensmitteltransport in Erwägung gezogen. Deutsche Vertreter sollen mit der Rheinland- kommission in Koblenz über die Ernährungsverhältnisse verhandeln. Das wurde in weiten Kreisen an Ruhr und Rhein als der Anfang des Abblasens ausgefaßt, und man erinnerte daran, daß der Reichskanzler in feiner Antrittsrede das Wort vom passiven Widerstand nicht gebraucht hat. Aus dieser diplomatischen Finesse ist in Verbindung mit jener Nachricht eine Beunruhigung der Bevölkerung entstanden, die ein Chronist als unleugbare Tatsache nicht mit Stillschweigen übergehen darf. Man ist im besetzten Gebiet einer vernünftigen Verständigung mit Frankreich nicht abgeneigt, nur erblickt man in der Benutzung der Regiebahnen einen Abbau jenes Dammes, den der deutsche Eisenbahner als Held gegen französische Willkür aufgerichtet hat, und warnt davor, sich „mit einem Stückchen Speck", wie es die Bahnbenutzung darstellt, in eine Falle locken zu lassen. Dagegen werden andere Stimmen laut, die rundweg den Verzicht auf den passiven Widerstand, gleichviel in welcher Form, berneinen, obschon sie zugeben, daß in der Reichskanzlei die Ernährungsfragen, die an der Ruhr und in den Rheinlanden an erster Stelle stehen, eingehend erörtert werden. Die Vertreter der Länder werden jedoch die Mitteilung der Rheinlandkommission, die durch ihre Verkehrseinschränkungen die Ernährung beeinträchtigt hat, entgegcnnehmeu. Wir erfahren bei dieser Gelegenheit, daß die Koblenzer Konferenz von der Rheinlandkommission veranstaltet worden ist und die Regierung der Ansicht ist, dies sei geschehen, um Erleichte- \ rungen in der Beschaffung und Verwendung der Lebensrnittel in den besetzten Gebieten mitzuteilen. Mißtrauische Seelen werden von dieser Auskunft nicht ganz befriedigt sein und meinen, für eine derartige Mitteilung sei die Veranstaltung einer Konferenz ein auffallend großer Apparat, doch werden wir ja bald über deren Verlauf aufgeklärt werden. Nach einer anderen Mitteilung soll inzwischen eine Einigung erfolgt und die Benutzung der Regiebahnen im Interesse der notleidenden Bevölkerung gestattet sein. Bald nach der Verhaftung de Valeras haben die Wahlen in Irland stattgefunden, und mit einem Sieg der Vertragstreuen Jrländer geendigt. Die Anhänger de Valeras werden durch ihr Fernbleiben vom Dail Eireann (Parlament) den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Der Traum einer unabhängigen Republik scheint vorderhand ausgeträumt zu sein, weil die Mehrzahl sich mit dem Gewinn eines Freistaates innerhalb eines die verschiedensten Staatsformen in sich schließenden Groß-Englands begnügen und die Früchte jahrhundertelanger Kämpfe in Rube
genießen will. Es mutet seltsam an, daß der Haupt- kämpfer, dem das Land seine Befreiung verdankt, durch sein hartnäckiges Festhalten an feinem Ideal gescheiter: und, wie die Angriffe des Freistaat-Präsidenten Cosgrave auf ihn während der beispiellos heftigen Wahlbewegung bezeugen, zur komischen Figur in den Augen vieler seiner Landsleute geworden ist. Er hat das Schicksal eines tragikomischen Helden sicherlich nicht verdient, und verdankt es der auf Witz und Spott eiugcftclten Natur der Iren, denen die Respektlosigkeit im Blute liegt.
In der Brust Sowjetrußlands wohnen zwei Seelen. Die eine möchte den Staat ko dualistisch wieder aufbauen, die fintiere behält das lieber reifen kapitalistischer Staaten im fluge. So macht jetzt die weitere Zulassung ausländischen Kapitals in Rußland Fortschritte durch das Statut über die Gründung eines Hauptkonzessions-Komitees, das für alle Sowjetrepubliken Geltung haben soll und berechtigt ist, bei den Handelsvertretungen des Rätebundes ,tm Auslande ilnierausschüsse einzurichten. Diese Vertretungen sind schon in der Arbeit. So hat eine in Frankreich installierte eine Anzahl Flugzeuge für Rußland angekauft und die ProbS sliige sind von einem früher in Polen tätigen französischen >Mtluktionsoffizier vorgenommen worden, sehr zum Unwillen der Polen, die ihr Erstaunen über die Rüstungs- lieferung an den polnischen Erzfeind nicht unterdrücken kön- neu. Die Franzosen sind eben gewiegte Geschäftsleute; das hatten die Polen doch längst merken können, als ihnen von Frankreich die Ausrüstung des polnischen Heeres zu un- erhörten Preisen aufgehängt wurde. In einen anderen russischen Geschäftsbetrieb hat die bulgarische Regierung l?uh einbegriffen, indem sie, unbekümmert um eine von Tschrffcherin unterzeichnete Protestnote, einen Warna ein* laufenden russischen Dampfer zwang, einige siebzig angeblich im Dienste des Roten Kreuzes stehende Agenten an Bord 31t nehmen. Diese Herren stellen offiziell sich als Beamte vor,! die für die Rückwanderung von Russen nach ihrer Heimat besorgt sind, während sie in Wahrheit in Bulgarien bolschewistische Propaganda — wenigstens nach Ansicht der bul- gariichen Regierung — trieben. Rußland droht mit Ver- ÄÄÄW
Schußwaffen und Maschinengewehren zur Aufrechterhaltung >er „Ordnung" für durchaus erforderlich. Bulgarien wird nit Beweisen für diese Praxis aufwarten und dann wird sie Sache wie viele andere im Sande verlaufen. . 1
Räumers Programm.
Reichswirtschaftsminister v. R a u m e r hat am Freitag im Wirtschaftspolitischen Ausschuß des Reichswirtschaftsrates eine programmatische Erklärung abgegeben. Der Minister beschäftigte sich zunächst mit den steigenden «Löhnen und der immer stärker werdenden Inflation. Es sei ein Zurückgehen der Arbeitsleistung zu verzeichnen. Außerdem könne man die Augen nicht davor verschließen, daß durch die gesteigerten Löhne der Absatz zu stocken beginne. Neue Aufträge gingen überhaupt nicht mehr ein, sondern nur lediglich Reparaturaufträge. Eine Kapitalsnot ohnegleichen ist eingetreten, so daß durchaus mit der Möglichkeit zu rechnen sei, daß viel Betriebe nicht mehr fähig wären, die Löhne zu bezahlen. Die Löhne seit Ende Juli seien drei- bis viermal so stark ge- stiegen wie der Dollar. Mit dem
Zurückgehen der Ausfuhr ’
nehme die Möglichkeit ab, Valuten ins Land zu bekommen. Es sei bedauerlich, daß im gegenwärtigen Augenblicke nur die Notenpresse als einziges Aushilfsmittel in Frage käme und daher nicht stillgelegt werden könne. Von der finanziellen ^eite sei die Sanierung der Mark nicht herbeizuführen, sondern nurdurchdieWirtschaft. Es sei vorgekommen, daß der Staat auch Löhne für die Privatindustrie hätte bemahlen müssen. Das gehe so nicht weiter. Der Staat könne nicht mehr helfen. Der Redner führte im heiteren Verlauf seiner Ausführungen Ziffern über den erschreckenden Rückgang unserer Ausfuhr an.
In Goldmark umgerechnet betrug bie Ausfuhr im Mai 614 Millionen, im Jmn 380 Millionen, im Juli hingegen nur noch 105 Millionen. Mit dem Zurückgehen der Ausfuhr wachse die Schwierigkeit, Devisen zu beschaffen.
Der Redner warf dann den Gedanken auf, daß eine Goldnotenbank gegründet werden müsse. An dieser müsse natürlich auch die Reichsbank maßgebend beteiligt sein. Aber ohne interne nationale Beteiligung würde sich der Plan kaum verwirklichen lassen.. Es gelte, wertbeständige Zahlungsmittel zu beschaffen.
Auf die Lohnfrage ging der Redner nicht näher ein. Die
Außenhandelskontrolle könne fallen gelassen werden, zwar nicht generell, aber sie könne im weitgehendsten Maße abgebaut werden. Von feiten der Arbeitnehmer sei befürchtet, daß durch die Beseitigung der Außenhandelskontrolle die Ausschaltung der Arbeitnehmer erzielt werden solle. Er sei aber anderer Meinung: die Arbeitsgemeinschaft müsse erhalten bleiben.
Griechenlands Antwort an Italien.
llblehnungderdemütigenden Forderungen.
Die griechische Antwortnote ist am Donnerstag der italienischen Gesandtschaft durch den Chef der politischen Sektion im Ministerium des Äußern übergeben worden. Die Rote erklärt, die griechische Regierung betrachte die in der italienischen Verbalnote enthaltene Behauptung der italieni- chen Regierung als ungerecht, nach welcher sich die grie- Hische Regierung einer schweren Beleidigung Italiens chuldig gemacht habe. Es sei der griechischen Regierung u n- nöglich, die Hauptpunkte der unter Num - nervier, fünf und sechs in der italienischen Verballote formulierten Forderungen anzuneh« N e n, die einen
Angriff auf die Ehre und die Souveränität tes Staates bedeuteten. Indem die griechische Regierung lichtsdestoweniger in Betracht ziehe, daß das abscheuliche lltterttat auf griechischem Boden begangen wurde, und zwar fegen Bürger einer großen befreundeten Nation, die mit Üner internationalen Mission betraut waren, erkläre sie, vlgendes annehmen zu wollen:
1. Die griechische Regierung werde der italienischen Regierung in ausführlich st er amtlicher Form ihr Bedauern aussprechen. Zu diesem Zweck werde der Platzkommandant von Athen dem italienischen Gesandten einen Besuch abstatten.
2. Die griechische Regierung werde einen Trauer- gottesdienstfürdieOpferinder Athener Kirche abhalten lasten, dem alle Regierungsmitglie- der beiwohnen werden.
3. Am gleichen Tage würden der italienischen Flagge Ehrenbezeugungen in folgender Weise Weise erwiesen werden: Eine Abteilung der Athener Garnison werde sich aur italienischen Gesandtschaft be- geben und die italienische Flagge durch Erweisung der herkömmlichen Ehrenbezeugungen grüßen.
Feierlichkeit den Opfern in Prevesa im Augenblick der Überführung der Leichen an Bord eines italienischen Schiffes erwiesen werden.
Die griechische Regierung sei außerdem geneigt, den Familien der Opfer aus Billigkeit eine gerechte Enl- s ch ä d i g u n g,zu bewilligen, und die Mithilfe des Ober- sten Perone anzunehmen, der die Untersuchung durch Mitteilungen erleichtern solle, die für die Entdeckung der Schuldigen von Nutzen sein könnten. Die griechische Regierung möchte hoffen, so schließt die Antwortnote, daß die italienische Regierung die Wohlbegründetheit des dargelegten Standpunktes ebenso anerkennen werde, wie den versöhnlichen G e i st und den lebhaften Wunsch der grio- chischen Regierung, die italienische Regierung in der gerechtesten Weise zufriedenzustellen.
Eingreifen -es Völkerbundes?
Die englische Treffe befaßt sich eingehend mit dem italienisch-griechischen Konflikt. Die Blätter raten der italienischen Regierung Mäßigung an und treten für die Verweisung der Streitfrage an den Völkerbund ein. In einer Reutermeldung heißt es, dem Vernehmen nach beabsichtige die britische Regierung für den Augenblick keinerlei Aktion. Der allgemeine Eindruck in verantwortlichen Kreisen gehe dahin, daß die Bedingungen des italienischen Ultimatums unverhältnismäßig streng seien. Es erscheine fast sicher, daß Griechenland diese Frage an den Völkerbund verweisen werde.
Der diplomatische Berichterstatter der „Daily News* hebt hervor, daß die italienische Regierung nach Artikel 12 der Völkerbundssatzung zwar Schiffe nach dem Piräus absenden, sie jedoch bis frühestens Ende November, und noch wahrscheinlicher bis zu einem Zeitpunkt zwischen März und Juni nächsten Jahres zu feindlichen Zwecken nicht benutzen dürste. Es könne daher angenommen werden, bafo wenn die beiden Länder ihre Differenzen nicht rasch beff legen könnten, der Völkerbund diese Frage in die Hand nehmen werde. <.r;
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Inland und Ausland.
Reichskanzler Dr. Stresemann begibt sich am Sonnabend nach Stuttgart.
Der neue Reichspostminister, Dr. Höfle, hat am Donnerstag die Leitung des Post- und Telegraphenwesens übernommen. In einer Ansprache an das Personal des Reichs- Postministeriums führte er aus, daß die B e f r e i u n g v 0 n den außenpolitischen Fesseln die Voraussetzung für die Gesundung unseres Vaterlandes und den Wiederauft bau des Postwesens sei. Das Ruhrgebiet müsse befreitwerdeu, damit das Wirtschaftsleben wieder ge-