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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. 3 Der Bezugspreis beträgt für September 300 000. Mk., für Abholer 280000. Mk., / Anzeigenpreis für die einspaltige Detltreile oder deren Raum 40 000.- - Mk., die Reklamezeile SO 000 Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Sersfeld

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Nr. 105

Dienstag, den 4. September

1923

I Das Wichtigste.

Reichskanzler Dr. Stresemann hat in Stuttgart eine, Ar die Lösung des Ruhrkonflikts bedeutsame Rede gehalsten.

Die italienische Regierung lehnt es ab, eine Ent­scheidung des Völkerbundes im italienisch-griechischen Konflikt anzuerkennen.

; Das Zentrum des javanischen Reichs ist von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden.

Der letzte VerßZndWWversuch.

Die eine Hälfte der Rede, die Herr Dr. Stresemann im Auslandsinstitut zu Stuttgart am Sonntag gehalten hat, war über die Grenzen Deutschlands hinausgesprochen. Sie war in erster Linie an die AdresseFrankreichs gerichtet. Die andere Hälfte wandte sich mit den stärksten Beschwörungen andasdeutscheVolkin allen seinen Schichten.

Wenn Herr PoincärS auf die in dieser Rede enthal­tenen, klar umrissenen Angebote nicht eingeht, dann wird kein gutgläubiger Mensch in der Welt mehr glauben, und möge es der Lothringer noch in tausend Sonntagspredigten versichern, daß die Ruhrbesetzung keine politischen Zwecke hat. Herr Poincars findet in dieser Rede alles, was er wünschen kann. Das Angebot produktiver Pfän­der, von viel höherem Wert als die haben, die er jetzt ver­gebens mit seinen Bajonetten produttiv zu machen sucht, deren Jnpfandnahme ihren Ertrag um gewaltige Summen übersteigt und das französische Budget mit Hunderten von Millionen von Franken belastet. Herr Stresemann hat ganz rech?-, wenn er sagt, daß die Übereignung deutscher Bergwerke an der Ruhr und die Schaffung einer inter­nationalen Bahngefellschäst am Rhein, also die Jnpfand­nahme, zwar sehr wertvoller aber verhältnismäßig kleiner Bestandteile des deutschen Besitzes, zumal, wenn sie durch französische Bajonette lahmgelegt werden, nicht so viel Re-' Parationen bringen können wie das ganze deutsche Privat­vermögen und der Besitz des Reiches.

stanz, und er muß sich Eingriffe in sie gefallen lassen, wenn der Besitz sich solche Eingriffe gefallen lassen muß. Aber auch hier darf der Eingriff nicht so brutal sein, daß er die Produktionskraft der arbeitenden Bevölkerung allmählich schwächt. Und deshalb ist auch auf diesem Gebiete eine vorsichtige Differenzierung bei dem Ausrnaß der Wehr­pflicht für die verschiedenen Berufe erforderlich.

Die militärische Wehrpflicht, die uns durch den Ver­trag von Versailles geraubt worden ist, ist Don allen Klassen des deutschen Volkes schon kurze Zeit nach ihrer Einfüh­rung wie etwas Selbstverständliches getragen Warben. Es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß auch die Wehrpflicht des Besitzes und der Arbeit, wenn sie nur mit der erforderlichen Rücksicht auf die Lebensinteressen der deutschen Wirtschaft ausgestaltet wird, in der ungeheuren Not, in der wir uns befinden, wie eine heilige, durch das Ganze dem einzelnen zugute kommende Last getragen wird. Der große Vorzug der Rede Stresemanns ein Vorzug, der im Auslande und im Jnlande gewürdigt werden wird ist der, daß sie sich jeder Polemik enthält. Sie erschöpft sich in einer Schilderung des Tatbestandes un? einer Darlegung der Mittel, durch die dieser Tathestant zu ändern ist, ohne darauf einzugehen, welche äußeren odei inneren Feinde Deutschlands ihn herbeigeführt haben.

Es ist eine in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit blickende Rede. Freilich fällt sie in eine Zeit, in der selbst die für das Gedeihen und' den Frieden der Völker so wich­tige Frage der Reparation und ihrer Folgeerscheinungen vor anderen Ereignissen in den Hintergrund tritt, bieben Frieden der Welt betzrohen. Aber gerade darnrn ist sie von ganz besonderer Wichtigkeit. Denn sie muß ist ihrem Ernst im Änslande ben Eindruck machen, daß sie so ziemlich der le tz t e b i s a n d i e G r e n z e d e s Mög« lichen gehende Verständigungsversuch eines deutschen Reichskanzlers ist, und man sollte doch gerade deshalb, weil Die Welt an einem anderen Ende zu bremten anfängt, zu jedem Mittel feine Zuflucht nehmen, lum den Mitteleuropa verzehrenden Brand zu löschen.

Abgesehen aber von diesem Ar 'ebot, das weit,!, M'MM mmusigen pes «Wsi«ttwx Friedens yrnaus- s Eigentum und die Einkünfte des d der Einzelftgaten mit einer ersten der Höhe der Reparationsforderung be-

eht, die nur das

es un

Hhpothek von der Höhe der Reparationsforderung be­lasteten, schlägt Herr Stresemann zur Überbrückung des Gegensatzes zwrzryen w .

der Leistungsfähigkeit Deutschlandsdie Herstellung einer wirtschaftlichen Verbundenheit der Völker vor, die in den Verhältnissen ihrer Industrie aufeinander angewiesen sind, unddieumsoleistungsfähigerseinwerden, je mehr sie sich auch wirtschaftlich zu ver­mehrter Leistungsfähigkeit vereinigen". Man kann unter diesem Vorschlag nicht gut etwas anderes verstehen, als die seit langem einen ganz bestimmten Kreis von Wirtschaftspolitikern beherrschenden Gedanken eines Zusammenwirkens der großen deutschen Kohlenschätze mit den französischen Eisenschätzen durch eine gegenseitige Be- , teiligung der diese Schätze besitzenden Gesellschaften und Unternehmer. Die Projekte des Herrn R e ch b e r g sind so muß es erscheinen durch die gestrige Rede Strese- manus zu einem Bestandteil des Regierungsprogramms

Hes MhrlonsiM

geworden.

Aber Herr Stresemann hat doch nicht versäumt, mit großer Ensichiedenheit daraus hinzuweisen, daß alle diese Vorschläge nicht verwirklicht werden können, wenn der Ruhrkonflikt nicht beendigt wird, und er hat geschickt an den einzigen wesentlichen Unterschied zwischen der belgischen und der französischen Antwort an England erinnert, den Unterschied zwischen Poincares Wort von der Notwendig­keit der restlosen Zahlung der ganzen Reparations­schuld vor Räumung des Ruhrgebietes und der belgischen Erklärung, daß die Ruhrbesetzung nur so lange zu dauern brauche, bis die produktiven Pfänder Deutschlands durch ihre Leistungen effektiv werden.

In der zweiten Hälfte seiner Rede hat sich Stresemann an das deutsche Volk gewendet. Und er hat nach der rück­haltlosen Schilderung unserer fast verzweifelten Lage, die ihren auch für die Erfüllung des Londoner Zahlungsplanes katastrophalen Gipfelpunkt in dem Rückgang unserer Aus­fuhr von 600 Millionen auf 105 Millionen Goldmark im Monat findet, zwei glückliche Worte geprägt. Die Worte: Wehrpflicht des Besitzes und Wehrpflicht der Arbeit. Wenn das Vaterland in Not ist, muß sich auch der Besitz und darin hat Herr Stresemann voll­kommen recht Eingriffe in die Substanz gefallen lassen, falls die Erträge des Besitzes nicht,ausreichen, um der Not des Vaterlandes zu steuern. Das' ist in jedem Volke im Kriege so gewesen. Warum sollte es in dem furchtbaren Wirtschaftskriege, der jetzt auf deutschem Boden geführt ivird, anders sein? Nur darf der Eingriff in die Substanz sticht so brutal sein, daß die Wirtschaftskraft der von ihr getroffenen Werterzeuger plötzlich oder auch nur Ällmählichversiegt. Denn ein so rücksichtsloser Ein­griff in die Substanz würde uns erst recht und mit Sicher­heit in den Abgrund stoßen. Der Wehrpflicht des Besitzes aber muß die Wehrpflicht der dsr-est zur Seite stehen. Das einzige, was der Arbeiter dem Staate bieten kann, ist die Kraft seines Leibes und seines Hirns, das ist seine Sub-

eichs- und Privatbesitz als produktive fänder. Ein neuer Garantiepakt. ehrpflichtdes Besitzes- der Arbeit und Ives Beamtentum z. Bekämpfung des

1 W äh rungsv-erfalls.

Reichskanzler Dr. Stresemann traf Sonntag früh in Begleitung des Staatssekretärs der Reichskanzlei v. Rheinbaben in Stuttgart ein und wurde auf dem Bahn­hof vom Staatspräsidenten Dr. Hieber begrüßt. Der Reichs­kanzler empfing vormittags die Vertreter der württembergi- schen Presse. Zu der an diesen Empfang sich anschließenden Versammlung im Saale des Sieglehauses hatten sich insbe­sondere die Vertreter von Handel und Industrie Württem­bergs sowie Abordnungen aller Württembergischen Arbett- gever- und Arbeitnehmerverbände in großer Zahl einge­funden. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Staats­präsidenten ergriff der Reichskanzler das Wort zu einer großangelegten Rede, in der er u. a. ausführter

Die Zeiten, in denen wir leben, sind von ungeheurem Ernst. Es würde mir völlig falsch erscheinen, wenn wir uns, irgendwie über die Situation hinwegtäuschen wollten. Vieh richtiger scheint es mir, den Dingen ins Auge z ui sehen und zu fagen^. was ist. Die tiefsten Kräfte emes! Volkes erwachsen aus der Not. Wir sind in einer Not, die kaum zu beheben ist.

Wir Mdch^eL- Mf den Boden der Stellung prödu!jsver Pfänder zu treten. Reichsbezch und Prwatbesitz sinn die Pfänder, die wir dargebvten haben.

DerTemps" vermißt in der Kritik memer letzten Rede neue Ideen, und er behauptet, daß mein VorMMg lerne gleichwertige Lösung wäre gegenüber denjenigen ^orseran­gen, die Frankreich aufgestellt hat. '

Was will Frankreich?

Seine Pfänderpolitik bezieht sich auf die Schaffung einer internationalen Bahngesell>chast am Rh ein, auf die Übereignung deutscher B c rgwerke an d e r R u h r. Wenn Frankreichs Ziele nicht politische Ziele sind, sondern auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiete liegen, so stimmt es nicht, daß die Garantie des deutschen Eisenbahnbesitzes und der g e s a m t e n d eutscheu Wirtschaft dem Herausreißen einzelner Teile aus diesem Gesamtkomplex nicht mindestens gleichwertig sei.

Deutschland braucht ein Moratorium für seine Leistungen, Deutschland könn seine Reparatronsverpfttchtun- qen zunächst nur als Zinsverpflichtungen aufnahmen. Will man diese Zinsverpflichtungen kapitalisieren, will man den Ländern, die ihre Kriegsverpflichtungen schneller abdecken wollen, große Summen auf einmal zur Bersugung stellen, so kann das nur auf dem Wege einer i nier n a 11 0' nalen Anleihe geschehen, für die die deutschen Proo lk- twen Pfänder hasten. Deutschland wird un heutigen Wirt- schaftsverfall solche Anleihen kaum in nennenswertem Maße erreichen. Erst wenn sie Welt sich darüber klar sein ivirv, daß die Beendigung ves Ruhrkonfliktes gleichzeitig der An­fang einer neuen Friedensära ist, und daß eine w i r t *

s ch a s t l i ch e Verbundenheit der Völker an die Stelle der heutigen Zerfleischung tritt, werden die Alliierten im Verein mit Deutschland sie Frage der Anleihe lösen kün­den, sie zur Befriedigung Europas vielleicht erhältlich, zur Fortführung eines Zerstürungswerkes niemals zur Ver­fügung stehen wird. Ein in seiner Souveränität wieder- hergestelltes Deutschland, im Äesitz seiner wirtschaftlichen Hilfskräfte, die es in dem angebotenen Maße zur Re­parationsverpflichtung zur Verfügung stellt, würde bei Adoptierung dieser Grundsätze wohl in der Lage sein, die Garantie der Zinsverpflichtungen zu über- nebmen, auf die sich alsdann eine Weltanleihe für den euro­päischen Frieden aufbauen könnte.

Der Reichskanzler ging dann auf die Frage der Sicher­heiten ein:

Wenn es sich darum handelt, daß die mn Rhein inte» «stierten Staaten sich vereinigen sollen, um die Unver­sehrtheit des gegenwärtigen Gebiets;«- ft an d es aus eine zu bestimmende Zeit sich gegenseitig zu sichern, so wird Deutschünw jederzeit bereit sein, einem solchen Bündu is 6ei^utreten, um der Gefahr entgegenzurottken, die erneute Zusammenstöße, insbesondere ein erneutes Verbluten der Volkskraft bringt. Ein wirt­schaftlich mit Frankreich verbundenes Deutschland wird für die Durchführung einer solchen FriedcnSidce diedezikbargrößteFriedenSsichcr- heit bieten. Eine Zerstückelung Deutschlands, der Versuch der Abtrennung deutscher Gebiete oder der Versuch einer wirtfckÄftl.chcn und verkehrstechnischen Beherrschung seiner Grenzbezirke würde beut Geiste eines solchen Abschlusses dauernd entgegenwirken. ^

Man will die Eröffnung offizieller Verhandlungen ab­hängig machen von der Wiederherstellung der Arbeit im Richrgebtet. Jeder ehrliche Trusts) im Ruhrgebiet und am Rhein sehnt sich nach der Stunde, in der diese blühenden deut­scher« Lande der eigenen regen wirtschaftlichen Tätigkeit wicdergegcben werden. Diese Stunde wird gekommen sein, wenn wir die Sicherheit haben, daß auf der Grundlage dieser deutschen produktiven Pfand- l c i st u n g die Lösung des Konfliktes möglich ist. die der Sinn unseres passiven Widerstandes war. Denn «wtiaMggkrMgjgjtget^^ sondern er

sollte nur dazu "dienen, uns den Zustand der Freiheit des Ruhrgebietes wieder zu verbürgen. Wir sind bereit zu schweren materiellen Opfern, aber wir sind nicht bereit, die Freiheit deutschen Bodens irgend jemand gegenüber preis- -"gebeut (Lebhafter Beifall.)

Lassen Sie mich nach dieser Darlegung der außenpoliti- schen Fragen, die uns gegenwätig bedrängen, einige Worte über , - - ' . .

tH O'." unsere innere Lage i sagen. Ich möchte gar kein Hehl daraus machen, daß wir in einem Zustand heftiger finanzieller Be- drangni s, in einem Zustand höchster wirtschaft * sicher N o t sind. Wir sind heute, abgedrängt von Rhein und Ruhr, in einen wirtschaftlichen Verfall gekommen, der dazu geführt hat, daß unsere Ausfuhr in wenigen Monaten hon 600 Millionen Goldmark auf 105 Millionen Goldmark zurückgegangen ist. Wenn Sie sich Horstellen, daß wir vor dem Kriege eine Ausfuhr von 10 Mil­liarden Goldmark gehabt haben, so sehen Sie, was uns von der einstigen Stärke des Friedens geblieben ist.

Was brauchen wir demgegenüber? Welche Aufgaben stehen vor uns? Wenn ich von einem Kriegszustand sprach und unzweifelhaft ist der Zustand an Rhein und Ruhr kern Friedenszustand dann glaube ich, brauchen wir auch eine Wehrpflicht, eine Wehrpflicht des Besitzes, aber auch eine Wehrpflicht der Arbeit. Wir brauchen auch eine Wehrpflicht des Beamtentums gegenüber dem Reiche und gegenüber dem Staat. Ich beginne mit der

Wehrpflicht des Besitzes.

Sei man sich doch darüber klar, daß eine Entwicklung, die zur Besitzbildung führt, überhaupt nur solange garantiert ist, als der Staat besteht, und als der verfassungsmäßige Staatsbegriff aufrecht erhalten werden kann. Wir werden zu starken Eingriffen kommen. Wir müssen das, was an wirtschaftlicher Kraft in Deutschland ist, soweit für den Staat in Anspruch nehmen, daß feine außenpoli­tischen und innenpolitischen Bedürfnisse dadurch gedeckt werden.

Wir erreichen den Frieden nur, wenn uns die Wirt­schaft das garantiert, was wir an Stelle der produktiven Pfänder brauchen, wir er­reichen aber im Innern die Ordnung des Staatshaus­haltes, die Aufechterhaltung des ganzen Staates nur dann, wenn wir in erster Linie von dem Besitz ganz ande­re Opfer verlangen als sie bisher in Anspruch genommen worden sind. Ihr muß gegenüberstehen eine

Wehrpflicht der Arbeit.

Wenn ich an den Verhältnissen des Ruhrgebietes eines am meisten bedauere, dann ist es die erzwungene Ar-r beitslosigkeit, die auch zu demoralisieren-, den Folgen führen kann und vielleicht führen wird. Wir brauchen da, wo lebenswichtige Notwendigkeiten des Staates vorliegen, auch die Überarbeit für das allgemeine- Wohl. Wenn wir über den größten Teil des besetzten Ge­bietes nicht mehr verfügen, wenn die Kohlenproduktion * sich unter Kontrolle vollzieht, dann müssen wir wenigstens im unbesetzten Gebiet das lebte berausbolen und nur Ver-