Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt für September 300 000.— Mk., für Abholer 280000.— Mk. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Delltzrile oder deren Raum 40 000.— Mk., die Reklamezeile 80 000.— Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Verleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 106
Donnerstag, den 6. September
1923
Das Ende des Völkerbundes.
. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die italienische Re- grerung schon durch die Besetzung Korfus die von ihr unter, zeichnete Völkerbundssatzung gebrochen hat. Sie hat sich gegen den Artikel 10 dieses wie das Evangelium einer neuen Zeit des ewigen Friedens vor vier Jahren begrüßten Vertrages versündigt. Denn dieser Artikel verpflichtet alle Bundesmitglieder „die Unversehrtheit des Gebietes und die bestehende politische Unab» hangigkeit aller Bundesmitglieder zu achten und gegen jeden äußeren Angriff zu wahr e n". Italien hat aber die Unversehrtheit Griechenlands nicht nur nicht geachtet, und noch viel weniger gewahrt, sondern ist selbst zum Angriff geschnitten. Der Rat des Völkerbundes hatte auf Grund des Artikels 10 das Recht, ja die Pflicht, selbst ohne daß ein griechischer Antrag vorlag, „die für den Fall eines Angriffs erforderlichen Sicherheitsmaßregeln zu ergreifen". Das hat der Rat des Völkerbundes nicht getan und ist schon dadurch zum Verräter an den in der berühmten Präambel seiner Satzungen festgelegten Zweck seines Daseins geworden.
Nun hat Griechenland seinen Antrag gestellt. Es konnte ihn nicht auf Grund des Artikels 10 stellen, weil dieser sich nur mit den Pflichten d e s R a t e s im Falle eines Angriffs beschäftigt, nicht mit den Rechten des bedrohten Bundesmitgliedes. Es stellte ihn völlig korrekt auf Grund der Artikel 11 bis 15. Diesem Anträge muß der Völkerbund, nachgeben, sonst begeht er Selbstmord.
Mussolini aber hat am 4. September im Ministerrat er» klärt, daß er die Kompetenz des Völkerbundes in dieser Frage nicht anerkenne, daß der zwischen Griechenland und Italien entstandene Streit keine Macht etwas angehe, daß er so lange in Korfu bleiben würde, bis alle seine Forderungen gut und vollständig erfüllt seien, er hat das schwächliche Bestreben des Völkerbundes, in diesem ersten ernsten Fall, der ihm vorliegt, seine Daseinsberechtigung nachzuweisen, als unzulässig bezeichnet und behauptet, daß aus drei zuständig in dieser Frage sei, die über die von Griechenland angezogenen Vertragsbestimmungen Hinausgreife. Damit hat er sich eines zweiten Bruches des Völkerbundsv,er- trages schuldig gemacht, der nur deshalb abgeschlossen wurde, um die Schwachen gegen die Starken zu schützen und zu verhindern, daß ein starker Staat durch Anwendung von Gewalt ' sich zu seinem vermeintlichen Recht verhilst.
Aber Mussolini ist noch weiter gegangen. Er hat erklärt, daß Italien aus dem Völkerbünde austreten würde, wenn der Rat sich für zuständig erkläre. Mussolini behauptet nun, daß die von Griechenland angezogenen Vertragsbestimmungen deshalb nicht zur Anwendung gelangen könnten, weil es sich nicht um einen Krieg, sondern um eine friedliche Pfandnahme handele. Nehmen wir einmal an, daß .die Beschießung und Besetzung Korfus wirklich nur eine friedliche Pfandnahme sei, eine geradezu unsinnige Annahme, weil es seit undenklichen Zeiten, erst recht aber seit der Gründung der Gesellschaft der Nationen, für einen Grundsatz des Völkerrechts gilt, daß der gewaltsame Einfall in fremdes Land, aus welchem Grunde er auch erfolge, den Kriegszustand schafft, ohne ihn zu erklären — so trifft dieser Einwand doch nur auf den Artikel 11 zu. Der Artikel 12 beginnt mit den Worten: „Alle Bund es Mitglieder kommen überein, eine etwa zwischen ihnen entstehende Streitfrage, die zu einem Bruche führen könnte, entweder der Schiedsge- richtsbarkeit oder d er Prüfung durch den Rat zu unterbreiten." Daß die Besetzung Korfus eine Streitfrage ist, beweist der Protest Griechenlands gegen sie. Mussolini bricht also diese Bestimmung, in dergarnichtvoneinemKriegedieRedeist, indem er sich weigert, die entstandene Streitfrage dem Rat oder einem Schiedsgericht zu unterbrekten. Ähnliche Bestimmungen enthält der Artikel 13. Es ist so klar wie die Sonne, daß Mussolini die Völkerbundssatzung verletzt. Wenn er Bethmann Hollweg wäre, würde er jetzt sagen, in Fragen, in denen die Ehre Italiens verletzt ist, erkenne er keine Schiedsgerichtsbarkeit an, obwohl er durch die Völkerbundsakte dazu verpflichtet sei. Solche Ehren not kenne kein Gebot. Das tut er wohlweislich nicht, sondern er behauptet, daß die Völkerbundsakte auf den Streitfall zwischen Italien und Griechenland nicht anwendbar sei. Herr Mussolini erklärte weiter, daß er so lange in Korfu bleiben werde, bis alle feine Forderungen erfüllt seien und sichert sich dadurch di e Möglichkeit, für alle Zeiten auf dieser einst der venezianischen Republik gehörigen Insel zu bleiben. Denn mindestens eine von den Forderungen, die er aufstellt, wird wahrscheinlich nicht erfüllt werden. Das ist die Verhängung der Todesstrafe über die Mörder der italienischen Offiziere. Denn darin unterscheiden , sich die Griechen nicht von den Nürnberger«, daß sie niemanden hängen, den sie nicht haben, und niemanden zum Tode verurteilen können, den sie nicht kennen. Wenn Mussolini so lange in Korfu bleiben will, bis die Mörder gefunden sind, dann wird er wahrscheinlich ebenso solange dort bleiben, wie Poincarö im Ruhrgebiet zu bleiben vorhat, d. h. so lange, bis Deutschland 132 Milliarden Goldmark bis auf den letzten Pfennig bezahlt hat, also bis zu den üriechilcheN Kalenderu. _ _
Wie stellen sich nun die Mächte zu Mussolinis Verhalten? England hält den Völkerbund für zuständig und verlangt, daß der Rat sich mit dem Antrag Griechenlands beschäftigt. Frankreich verhält sich zurückhaltend, neigt aber schon deshalb mehr auf die Seite Italiens, weil es die Möglichkeit voraussteht, daß auch die Besetzung des Ruhrgebiets zum Gegenstand eines Völkerbundsurteils gemacht wird. Die kleiner Staaten, die im Völkerbund vertreten sind, steher samt und sonders auf der Seite Griechenlands Denn wenn sie es nicht täten, hätte es für sie gar keiner Zweck, noch länger im Völkerbund zu bleiben. Die Ver einigten Staaten, deren Präsident für die Satzungen bei Völkerbundes in erster Linie verantwortlich ist, iümmcn sich auch in dieser Frage nicht um die Streitigkeiten des ihnen gründlich verleideten Europas. Wenn England au! seinem Standpunkt verharrt, — und. es ist eigentlich kaun möglich, daß es das nicht tut — darin wird sich bet seinen starken Übergewicht im Völkerbund — es hat mit den Da minien allein sechs Stimmen und alle kleinen Staaten an seiner Seite — der Völkerbund für z u st ä n d i g erklären Und dann bricht er, weil Italien dann aus- tritt, auseinander. Im entgegengesetzten Falle, das heißt, wenn sich der Rat für unzuständig erklärt, dann begeht er Selbstmord bei der ersten Gelegenheit, bei der er sich bewähren sollte. So erscheinen die Tage dieser Versammlung in jedem Falle gezählt zu sein, t \ \ Mo".
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Mussolini droht mit Austritt -
: aus dem Völkerbund.
Die „Agenzia Stefani" meldet: Im Käbinettsrat Hak der Ministerpräsident einige kurze Erflärungen über die auswärtige Lage abgegeben. Die öffentliche Meinung Europas, sagte er, beginne ihre Haltung zu ändern, und die Zahl der Stimmen, die der Aktion Italiens günstig gesinnt wären, nehme zu. Sicherlich wäre man in Italien durch die Haltung eines großen Teiles der englischen Presse sehr überrascht und betrübt worden.
„Ich hoffe," erflärte der Ministerpräsident wörtlich, „diese derbe realpolitische Lehre, die wir von der anderen Seite des Kanals erhalten haben, wird die Italiener endgültig von der Krankheit der konventionellen Phrasen heilen. Der Völkerbundsrat hat das Bestreben gezeigt, sich der Aufgabe zu unterziehen, die Frage zu entscheiden. Das ist durchaus unzulässig. Die italienische Delegation wird daher erflären, daß der Völkerbundsrat aus drei fundamentalen Gründen vollkommen unzuständig ist, die Frage zu entscheiden, die über die von Griechenland angeführten Vertragsbestimmungen hinausgreist. Sollte der Rat sich trotzdem für zuständig erklären, so würde Italien vor die Frage gestellt werden, ob es im Völkerbund bleiben oder aus ihm austreten soll. Ich habe mich bereits für die zweite Möglichkeit entschieden und ersuche den Ministerrat, zu erflären, ob er mit den unserem Delegierten Giurati gestern gegebenen formellen Anweisungen einverstanden ist, die Salaudra im Völkerbund erläutern wird."
Der Ministerrat stimmte voll und rückhaltlos der vom Ministerpräsidenten eingenommenen Haltung zu.
Die Untersuchung des Missionsmordes.
In einer Bekanntmachung ist die Belohnung für die Entdeckung der Mörder der italienischen Militärmission auf & Million Drachmen festgesetzt worden. Ein Telegramm des Generalgouverneurs von Epirus gibt dem Bericht des Unterpräfekten von Philiates wieder und sagt, daß kurz vor dem Verbrechen
13 mit Mauserpistolen'^ bewaffnete Albanier
In den Dörfern Skefari und Smerto auf der Straße Pbilia-
>es—Sagiada erschienen seien und sich mit großer Sogfalt in i>en Dörfern verborgen gehalten haben. Ein Muselman von Philiates teilte den Behörden mit, daß er eine albanische Lande bei Konispolis gesehen habe, die nach dem Verbrechen wieder nach Albanien zu gelangen »ersuchte. Der „Agenzia Stefani" wird aus Durazzo ge- ueldet, daß am Morgen der Ermordung der italienischen Mission die Anwesenheit des wegen seiner Wildheit sehr bekannten -
epirotischen Banditen namens Marku in der Nähe des griechischen Militärpostens von Kakavia bemerk wurde. Der Präfekt und der Bürgermeister von Ar- gyrokastro bemerkten den Banditen und bekundeten ihre Überraschung, ihn zusammen mit griechischen Soldaten zu sehen. Sie merkten nach einer halben Stunde, daß der Bandit sich nach einem i n d e r N ä h e v o n Kakavia gelegen -'n Ort begeben hatte, aus dem der Bürgermeister und der Präfekt etwa 20 Gewehrschüsse hörten. Nach der Mordtat hatten sie den Eindruck, daß
diese Schüsse das Signal waren, um die Mörder herbeizurufen. Der Präfekt von Arghrokasto machte nach dem Morde dem griechischen Oberst gegenüber, der das Regiment von Kakavia kommandierte, die Bemerkung, wie seltsam es sei. daß Mark« nach dem Verbrechen ungestraft bei den griechischen Militär-Grenzposten umhergehen dürfe. Ein albanischer Offizier erflärte, daß er am 29. August durch eine vertrauenswürdige Person, die er zur griechischen Grenze geschickt hatte, erfahren habe, daß die griechischen Behörden am Morgen des Verbrechens am Tatort sieben bewaffnete Personen gesehen hatten, die griechische Uniform trugen, jedoch kein Abzeichen am Käppi hatten. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren diese sieben Personen die Mörder.
Griechenland an die doMasterlonserenz.
Die griechische Regierung hat dem französischen Ge- schäftsträger die Antwort auf die Note des Botschafterrates übermittelt. In dieser ersucht sie um die Bildung mission, die auf albanischem Gebiet Erhebungen anstellen soll und teilt gleichzeitig mit, daß alle von den griechischen Behörden angestelllen Erhebungen nicht zur Feststellung der Mörder und auch nicht zur Aufhellung der Beweggründe der Täter geführt haben. Ferner wird der Boffchafterrat ersucht, seinen ganzen Einfluß aufzubieten, um Italien zu veranlassen, seine auf Genugtuung und Reparationen bezüglichen Forderungen zurückzu« ziehen, und Korfu unverzüglich zuräumen. Die griechische Antwort äußert sich nickst über Genugtuungen und Reparationen, die Griechenland Italien für die Niedermetzelung der Mission biete.
Der Kampf gegen das Währungs-Elend
Von unserem wirtschaftspolitischen Sonderberichterstatter
Wie verlautet, haben innerhalb der Regierung und der maßgebenden Industrie- und Bankkreise neue Besprechungen begonnen, die sich mit Fragen der Währungs- Polittk, vor allem also der Markstützung, befassen. Es sind bereits auch schon verschiedene Vorschläge ausge- arbettet und unterbreitet worden. Besonders lebhaft wird ein Plan besprochen, dessen Urheber einer der hervorragendsten Finanzsachverständigen der Rechtsparteien ist Soweit wir unterrichtet finty dürste sich dieser Plan darauf aufbauen, daß nicht daS Reich, sondern die Privatwirtschaft von sich aus versuchen müsse, eine neue Währung aufzubauen. Die Jndustriekonzerne selbst würden als Garanten auftreten, für die eine Emissionsbarck fungieren würde. Natürlich würde dieReichsbankirgendwie beteiligt werden müssen.
Wie weit die maßgebenden Kreise der Wirffchast und der Regierung mit diesem Plan einverstanden sind, läßt sich im Augenblick noch nicht sagen. Nach unseren Jnfor- mationen scheint er aber auf großen Widerstand zu stoßen. In einem Plan der Industrie spielt die Frage der Gründung einer Goldnotenbank, von der bereits in der letzten großen Sitzung des Wirtschaftspoli- ttschen Ausschusses des Reichswirtschaftsrates gesprochen worden war, eine wesentliche Rolle. • < v >.
Die Beamkengehättep im September.
Die Beamtengehälter haben eine Erhöhung um 186 Prozent erfahren. Über die Sonderzuschläge soll erst noch ein Abkommen getroffen werden. Der Frauen- zuschlag ist um 20 Millionen, die Besatzungszulage auf s 12 Millionen Mark, die KAlderzulage im besetzten Gebiet ' auf 24 Millionen erhöht worden. Die Nachtdienstzulage beträgt 75 000 Mark pro Stunde, und die Sonderzulage für das alt- und neubesetzte Gebiet ist auf 10 Prozent der : Gesamtbezüge festgelegt worden. Im Anschluß an die ♦