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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt für Va September 300 000. Mk., für Abholer 280000. Mk. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Itlihtlle ober deren Raum 70 000. Mt.. die Reklamerelle 150 000. Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld,

Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher 3tr. 8.

Nr. 107 " Sonnabend, den S. September 1923

Wochenrückblick.

Die Fülle der wichtigen Ereignisse, die sich in der letzten Woche abgespielt haben, ist so groß, daß die Herstellung eines selbst in ganz unausgesüllten Umrissen gezeichneten Weltbildes in einem einzigen kurzen Arttkel nicht möglich ist. Es kann deshalb nur das Wichtigste vom Wichtigen hier eine Stelle finden. In der Reparationsfrage sind seit den Antworten Frankreichs und Belgiens an England keine Fortschritte gemacht worden. Die maßgebenden eng­lischen Minister haben einen Urlaub angetreten und gedenken frühestens in zwei Wochen die vorläufig abgebrochene Unter­haltung mit den Mächten, die die Ruhr besetzt haben, wieder aufzunehmen. Sie wollen augenscheinlich abwarten, ob nicht durch die neue deutsche Regierung die Möglichkeit einer Verständigung zwischen Deutschland und den Einbruchsmächten und dadurch eine Entspannung des franzö- sisch-englischen Gegensatzes herbeigeführt wird.

In dieser Hoffnung konnten sie durch die Rede des Reichskanzlers nur bestärkt werden. Denn in dieser Rede wurde den verbündeten Mächten ein Zugeständnis gemacht, das weit über die uns auferlegte Last des furchtbarsten aller Friedensverträge hinausgeht. Es wurde ihnen die Ver­pfändung des gesamten deutschen Privatbe­sitz e s angeboten. Die Rede Stresemanns hat begreiflicher­weise in Frankreich und England Beifall gefunden. Aber wie ist sie von der französischen Regierung beantwortet worden? Durch eine Verschärfung der Raubpoli- t i k und der M e n s ch e n s ch i n d e r e i im Ruhrgebiet, und durch eine Maßregel der Rheinlandkommission, die darauf abzielt, durch die vollkommene Französierung der Verwaltung des ganzen linken Rhein- ufers die endgültige Lostrennung der Rheinlande von Deutschland vorzuberei- te n. Der versöhnliche Inhalt der Rede Stresemanns hat, wie vorauszusehen war, erstens die parlamentarische Stel­lung Poincarös befestigt, denn diese Umstellung der deutschen Politik wird als ein Erfolg seiner Ruhrpolitik bettachtet, und sie hat zweitens die französischen Machthaber veranlaßt, die Folterqualen seelischer und körperlicher Art, durch die sie auf uie^eooiterung oes veiepien Geyretes guten wollen. zu verdoppeln, in der Hoffnung, daß dem ersten Entgegenkom­men die vollständige Kapitulation folgen wird. Daß sie sich darin irren und Herr Stresemann behauptet nach wie vor, daß der passive Widerstand nicht aufgegeben werden wird, und hat sich durch persönliche Rücksprache mit den Wirtschaftsführern im Ruhrgebiet von der Entschlossen­heit zur Fortsetzung des Widerstandes überzeugt das ist eine Hoffnung, die wir uns nicht rauben lassen wollen.

Der zwischen Italien und Griechenland aus­gebrochene Stteit ist durch die Besetzung beq^nfel Korfu in ein Stadium getreten, die es dem Völkerbund unmöglich wachte, sich nicht um ihn zu kümmern. Er steht der rücksichts­losen Energie Mussolinis, der ganz nach berühmten Mustern als Kardinalforderung die bedingungslose Erfüllung seines Ultimatums verlangt, und Korfu nicht räumen will, bevor das kleine Griechenland kapituliert hat, ganz hilflos gegenüber. Derschwarze Herzog" erkennt die Zuständigkett des Völkerbundes nicht an und verbietet seinem Vertreter tn Genf, an irgendeiner Verhandlung teilzunehmen, die sich mit Italiens Sühneforderung oder gar mit der Besetzung Korfus beschäftigt. Die englische Presse stellte sich in einem bis zu Drohungen gesteigerten Ton auf die Seite Griechenlands. Die französische Presse geriet in Verlegenheit. Ihr schien und dabei gehorchte sie den vom Quai d'Orsey ausgehenden Winken die Gelegenheit günstig, das in der Reparations­frage England näher als Frankreich stehende Italien auf seine Seite zu ziehen, indem sie für seine Auffassung von der Kompetenz des Völkerbundes eintrat. DerTemps"erklärte noch in den letzten Tagen, Frankreichwürde sr chm tt Italien solidarisch erklären, wenn der Vol- kerbund wie es doch seine Satzung ihm vorschreibt das Verfahren gegen Italien einleiten würde. Ganz w o hl aber ist der französischen Presse nicht bei dieser Stellungnahme. Denn auf ganz genau entgegen­gesetztem Standpunkt stehen -die ihm verbündeten Staaten der Kleinen Entente und alle kleinen Staaten Europas. Machte Poincarö bie Drohung des Temps" wahr, so würde Frankreich mit Italien vollkommen isoliert einem Weltbunde g e g e n ü b e r st e h e n. Die Lage ist die, däß der Völker- bund, wenn er dem Gebot seiner Statuten folgt, wahrscheinlich einen Krieg entfesselt, weil Italien nur mit Gewalt aus Korfu vertrieben werden kann, daß er aber den Frieden auch.dann nicht mit Sicherheit aufrechterhalten kann, wenn er seine Satzungen b r i ch t, weil sich die Balkanvölker und an ihrer Spitze das mit seinen italienischen Grenzen unzufriedene Jugoslawien einen solchen Bruch des Vertrags zugunsten einer Großmacht nicht gefallen lassen werden. Die englische Regierung hat in einer offiziösen Mitteilung erklären lassen, daß sie chre Flotte dem Völkerbund zur Verfügung stellen würde, wenn er die Bundesexekution gegen Italien beschließen sollte. Wie in der Reparationsfrage stehen also auch im italienisch-griechischen Konflikt, in einem Konflikt, aus dem ein neuer nicht zu lokalisierender Krieg entstehen kann, die beiden W e st - machte in verschiedenen Lagern.

In Deuffchland, das als unbeteiligter Zuschauer

dieses emporsteigende Unwetter beobachtet, ist inzwischen eine früher weltgebietendeMacht so klein geworden,daß man sie kaum noch mit einem milliardenfach ver­größernden Mikroskop wahrnehmen kann: diedeutsche Mark. Man gibt es augenscheinlich auf, sie zu retten. Man sucht nach einem Ersatz, nachdem die Verordnungen, die mit gewollter Brutalität in das deut­sche Wirtschaftsleben eingreifen und bisher nichts geholfen haben. Die Devisen ließen sich nicht aus ihren Verstecken hervorlocken und sollen nun durch einen Devisenkom­missar, der mit unbeschränkten Vollmachten ausgestattet ist, endlich erfaßt werden. Daß es der E n t w a f f n u n g s- kommissar Dr. Peters ist, dem man diese Aufgabe überträgt, ist hoffentlich kein böses Omen. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß es sich bei diesem Experiment viel­leicht um die Entwaffnung der deutschen Wirtschaft handelt.

Der Ersatz, den man sucht, ist noch nicht endgültig ge­funden. Vier Pläne sind von unseren Wirtschaftspoli­tikern ausgearbeitet worden, die alle das gemeinsame Ziel verfolgen, eine neue wertbeständige Währung zu schaffen. Sie unterscheiden sich nur durch die Wahl der Werte, aus die sich diese Wertbeständigkeit stützen soll. Die Welt muß also damit rechnen, daß auf irgendeine Weise die deutsche Papiermark aus dem wirtschaftlichen Leben verschwindet. Die Goldmark, die natürlich auch wieder aus Papier be­stehen wird, mag sie nun durch Roggen oder durch Bürg­schaften gedeckt sein, wird aber ebenso wie die Papiermark als internationales Zahlungsmittel von unserer Handels- und Zahlungsbilanz ab­hängen. Und wenn die deutsche Ausfuhr, die im Monat August nur noch 60 Millionen Goldmark be­tragen hat, hinter der Einfuhr, die wir nicht entbehren können, weil unser Boden unser Volk nicht ernährt, um ungezählte Milliarden zurückbleibt, wird auch die neue Goldmark sehr bald im Kurse sinken. Deshalb sind alle diese Mittel nicht ausschlaggebend für die Rettung der deutschen Wirtschaft. Sie wird dem Tode nicht ent­gehen, wenn ihr nicht die Möglichkeit gegeben wird, wenig­stens so viel zu erzeugen und aus zuführen, L^tii ^ M^irr ^tiT fT^^ r^r^l^H^

brauchen, um nicht zu verhungern. Dazui st Freiheit von fremdländischer Herrschaft die erste und unerläßliche Voraussetzung. Wer eine Forderung an Deuffchland hat, muß auf ihre Erfüllung für alle Zeit verzichten, wenn er chm die Freiheit nicht wiedergibt.

Weitere Ausdehnung der Besetzung.

Donnerstag früh besetzten die französischen Kom­pagnien an der Lahn aufwärts von Limburg aus im un­besetztes Gebiet D e h r e n und R u n k e l und marschierten weiter aus Limburg zu. In Runkel wurden sofort Gelder der Nebenstelle der Nassauischen Landesbank be­schlagnahmt. Ferner wurde beobachtet, wie die Franzosen Pakete aus dem Paßamt wegtrugen.

Beschlagnahme aller Devisen.

Eine durchgreifende Notverordnung. Dr. Peters Erfassungs-Kom missar?

Das Reichskabinett hat am Donnerstag abend die Bera­tungen ' über die wirtschaftlichen und finanziellen Zwangs- Maßnahmen fortgesetzt. Auf Grund seiner Beschlüsse steht die Herausgabe einer Notverordnung auf Grund des Ar- tikels 48 unmittelbar bevor, die besondere Maßnahmen zur Erfassung von Devisen, Banknoten und ausländischen Wert- papieren verkündet. Durch diese Verordnung des Reichsprä­sidenten wird ein

Kommissar zur Erfassung des Devisenbesitzes

eingesetzt werden. Dieses Amt wird wahrscheinlich dem frühe­ren EntwaffnungAommissar, Dr. Peters, übertragen wer- den, der schon einmal bewiesen hat, daß er in der Lage ist, in kurzer Zeit eine eigene Verwaltung mit wenigen Kräften anf- zubauen, und unter voller Wahrung der Autorität des Staates auch mit relativ milden Mitteln schwierige Aufgaben zu Ende zu führen. Das Kabinett wird gleichzeitig mit der Verordnung des Reichspräsidenten ziemlich

umfangreiche Ausführungsbestimmungen

über die Beschlagnahme der Devisen, Banknoten und auslän­dische Wertpapiere veröffentlichen. Von der Zwangsverwal­tung ausgeschlossen sind diejenigen Devisen, die zu wirklich produktiven Zwecken verwendet werden. Darüber wer­den in den Ausführungsbestimmungen eingehende Anordnmrgen getroffen werden. Im übrigen wird zunächst eine öffent­liche Aufforderung des Devisenkommissars zur Abliefe­rung erfolgen. Gleichzeitig wird der Devisenkommissar die ein­zelnen Bestimmungen-über Strafmaßnahmen, insbesondere über die Beschlagnahme von nichtabgeliesertem De- Visenbesitz, veröffentlichen.

Fristverlüngerung sm die., Sevisenablieserung.

Da die Verordnung über die Ablieferung ausländischer Vermögensgegenstände vom 25. August 1923 (Reichsgesetz­

blatt 1, S. 833) durch die Verkehrsschwierigkeiten zum Teil nur verspätet bekannt geworden ist, hat der Reichspräsident in einer neuen Verordnung

1. die Frist, innerhalb der die Ablieferung ausländischer Zahlungsmittel sowie von Goldmünzen und Gold und Silber in Barren den 25prozentigen Steuervorteil genießt (§ 7 Abs. 1 b obengenannter Verordnung) bis zum 10. Septtm- ber 1923 verlängert;

2. die Frist für die Abgabe der Erklärung darüber, welche ausländischen Vermögensgegenstände sich in der Zeit vom 10. bis 20. August 1923 in dem Vermögen des Abgabepflichtigen, der seiner Ablieferungspflicht nicht oder nicht vollständig nachkommt, befunden haben, sowie, was ein deutscher Abgabepflichtiger au ausländischen Ver­mögensgegenständen nach dem 31. Juli 1923 veräußert hat (§ 8 Absatz 1 der Verordnung), bis zum 30. September 1923 verlängert.

Außerdem ist durch Änderung des § 4 Absatz 4 der Verordnung der Reichsregierung die Ermächttgung erteilt, auch im Juli 1923 erfolgte freiwillige Hin- gäbe von Zahlungsmitteln in ausländischer Währung an das Reich als Erfüllung der Ablieferung s- pflicht an das Reich anzusehen.

Der neuen Währung entgegen.

Die Beratungen des Währungsausschusses.

Am Freitag vormittag trat der Währungsposittsch« Ausschuß des Reichswirtschaftsrates zusammen, um sich nochmals mit bem Helfferich-Entwurf über die Schaffuns einer neuen Goldwährung zu beschäftigen. Die Verhand­lungen konnten soweit gebracht worden, daß sich in der Mittagstunden ein Redaktionsausschuß 8 un Finanzmini st er begeben konnte, um diesem den Ent Wurf mit redaktionellen Änderungen zu übermitteln. Ma, rechnet damit, daß die Vorlage in aller kürzester Zeit so weit fertiggestellt Mn wird, daß das Reichst ab inet 51 d) m U ihr beschäftigen kann. Damtt ist abe den Form zur Grundlage deS neuen Regierung Sentwurf« gemacht wird. Man rechnet vielmehr in streifen des Aus­schusses damit, daß er in irgend eine Verbindungmit dem Goldnotenplan der Industrie gebracht wird. Die Wahl ist in erster Linie auf den Helfferich-Plan gefallen, weil er als einzigster au.f dem schnellste« Wege in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann. I« Wirtschaftskreisen glaubt man annehmen zu dürfen, daß die Regierung beabsichtige, nicht bett Roggen direkt, son­dern eine bestimmte Menge Feingold jmt Währungsgrundlage zu machen.

Der Regierungsentwurf wird also voraussichtlich den Entwurf Dr. Helfferichs mit dem Plan der Industrie über die Goldnotenbawk miteinander verquicken, und so, daß der Gedanke der Roggemnark fallengelaffen wird, und dafür die auf Goldwerte beruhende Goldmark geschaffen wird, mit einer Goldnotenbank^ die unabhängig vom Reiche ist und von der Wirt- schaftgarantiert wird. Natürlich wird die Reichs- dank in irgend einer Form beteiligt werden. Man hofft, daß diese Vorlage bereits in aller Kürze fertiggestellt werden kaun.

In Kreisen des Ausschusses wurde lebhaft die neue Devisenverordnung besprochen. Man ist erstaunt darüber, daß gerade in diesem Augenblick die neue Devisen­verordnung herausgebracht wird und fürchtet, daß vor­zeitig die Valuten aus dem Volke herausgezogen werden, die zur Deckung der neuen Währung dienen müßten. Weiter besteht aber auch die Gefahr, daß sie auf die Verordnung hin in Schlupfwinkeln verborgen gehalten werden, auch denen sie nie wieder herausgezogen werden könnten.

Die vier Währungsresormpläne.

Es sind jetzt vor allem v i e r P l S n e, die sich nicht nur der allgemeinen Stellungnahme erfreuen, sondern unter den«, tatsächlich die Wahl vorgenommen zu werden scheint. Funk, Bernhard, Helfferich find drei Namen, deren jeder ein Finanz- und Wirtschaftsprogramm bedeutet, wozu all viertes bedeutsames Programm das des ReichSver- bandrsderdeutschenJndustrie ausgearbettet von Professor Bonn kommt.

Für Funk ist die Vorbedingung der Schaffung einer ge- funden Währung die Errichtung einer private« Goldnotenbank auf folgende Weise: a) 200 000 000 zu­züglich eines Agios von 100 000 000 werden von Industrie, Handel, Banken usw. unter ausländischer Beteiligung aufge- brqcht in Gold (Einzahlung in Devisen), b) 200 000 006 bis 300 000 000 Devisen werden von denselben Kreisen sofort gegen Inempfangnahme von Noten eingezahlt, c) Die Reichsbank gibt der neuen Bank 200 000 000 Gold gegen ; Empfang von 200 000 000 Goldnoten, d) Die Goldmark­bank darf Wechsel und goldsichere Lombards geben bis zu der ' Höhe, daß selbst an den Tagen der schärfsten Anspannung die > Golddeckung mindestens ein Drittel beträgt, e) Die Reichs- i bank .gibt dem Reich einen Kredit von 200 000 000 (siehe unter c). f) Die Goldmarkbank gibt dem Reich gleichfalls einen Kredit von 200 000 000 Mark. Dadurch, daß das ffgpiwl plus Reserven 300 000 000 beträat. sind biete hierfür