Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 111 Dienstag, den 18. September 1923
Das Wichtigste.
— PoincarL ist in seiner Sonntagsrede auf das Angebot Stresemanns nicht eingegangen und hat betont, daß Frankreich seine Pfänder fest halten wird.
— Die Regierung von Fiume ist zurückgetreten und hat ihren Platz einem von Rom ernannten italienischen General geräumt.
— Die Aufhebung der Grenzsperre zum Ruhr- gebiet ist in der Nacht zum Sonntag unter großem Andrang der Bevölkerung erfolgt.
Frankreichs Sicherheit.
1 ^Die beiden Reden, die PoinoarS am letzten Sonntag ge- P°lien hat, beschäftigen sich nicht mit der großen Rede Stresemanns nom letzten Mittwoch, die so viele Hoffnungen erweckt hat. Sie behandeln das in dieser Rede angebotene Opfer des deutschen Privatbesitzers wie eine ganz selbstverständliche, nebensächliche Angelegenheit, über die ^s sich nicht lohnt, ein Wort zu verlieren. Dagegen wenden sie sich mit ganz besonderer Schärfe gegen „gewisse Leute", für welche die Vorschriften des Versailler Vertrags über die Reparationen heute tote Buchstaben sind, die Frankreich kritisieren und verdammen, von ihm die Aufgabe seiner „unzeitgemäßen Reklamationen" und die Revision seiner Forderungen durch Rationen, die am Kriege nicht teil» genommen haben, verlangen. Diese Leute wollten von Frankreichs Forderungen nicht mehr sprechen, obwohl sie doch nicht im geringsten erfüllt sind; was Deutschland unternahm, um Frankreich zu ruinieren, solle der Vergangenheit angehören und im Fluß der Ereignisse die Vergangenheit nicht mehr gelten. In der zweiten Rede werden dieselben Leute ironisch dafür bedankt, daß sie Frankreich anstatt positiver Sicher- heiten gegen deutsche Angriffe H^,kte anbieten, d ie n ichts hindern würden, seine Revanche vorzubereiten und zur Tat zu machen. Es ist klar, daß der französische Minister mit diesen bitteren Worten die englischen Staatsmänner treffen wollte, die in ihrer berühmten Note vom 11. August 1923 alle diese Vorschläge zu einer Verständigung über die Repa- rationsfrage gemacht haben. Aber weshalb kommt Herr PoincarS jetzt, da hinter den Kulissen Verhandlungen mit der deuffchen Regierung im Gange sind, auf diese Note zurück, die er doch schon in einem umfangreichen Aktenstück beantwortet hat, das noch unerledigt im Foreign Office ruht? Irgendein Anlaß für diese ironische Bitterkeit gegen den Verbündeten ist in der Öffentlichkeit nicht bekannt geworden. Der Ton dieser Reden, ein Ton, wie er nur auf Grund eines tiefen Grolls angeschlagen zu werden pflegt, ist nicht zu er- klären, wenn nicht während der letzten Wochen, also seit dem Empfang der französischen Antwort auf die englische Note, von den in Frankreich weilenden englischen Ministern Versuche gemacht worden sind, durch neue Angebote Frankreich zu veran- lassen, den Anerbietungen Stresemanns ein wenig entgegenzukommen.
Man ist in England der nach meiner Ueberzeugung unrichtigen Ansicht, daß Frankreichs Vorgehen gegen Deutsch- land seinen eigentlichen Grund nicht in dem Wunsche habe, bezahlt zu werden, sondern in dem Wunsche, sich für alle Zeiten gegen einen deutschen Angriff zu sichern, und glaubt, das Herr PoincarS geneigter sein werde, auf die englischen Wünsche einzugehen, wenn man ihm noch einmal das Bünd, nis anbietet, das am Tage der Unterzeichnung des Vertrags von Versailles sowohl von England als von den Vereinigten Staaten unterfertigt worden, aber vom amerikanischen Kongreß und darum auch vom englischen Parlament nicht ratifiziert worden ist.
Wir können Herrn Poincarä nur beipflichten, wenn ei behauptet, daß solche Bündnisse und auch der vom Mini, sterium Euno vorgeschlagene Garantievertrag den schon in Vertrag von Versailles ihm gewährten Sicherheiten keim neuen hinzufügen würde. Aber wir können ihn: nicht darin recht geben, daß diese Sicherheiten für Frankreich nicht voll, kommen ausreichend seien. Das Gegenteil ist richtig. N o ch Niemals ist durch irgendeinen Vertrag ein Land in solchem Maße gegen einen Angriff geschützt worden wie Frankreich durch die Artikel 4 2, 43 und 4 4 des Vertrages von Versailles. Denn diese Artikel bestimmen, daß ein Gebiet von 50 Kilomete Breite östlich des Rheins, abgesehen von den jetzt besetzten linksrheinischen Gebieten, n i e v o n e i n e m deutschen Soldaten betreten werden darf, and daß, wenn diese Bestimmung von Deutschland verletzt würde, solcher Vertragsbruch als feindselige Handlung und der Vertragsbrecher als Störer des Weltfriedens von allen Staaten , die den Vertrag unterzeichnet haben, betrachtet
werden soll. Das Völkerbundstatut aber bestimmt seinerseits, daß sich alle Mächte verpflichten, gegen jeden Störer des Weltfriedens, mag er nun dem Bunde nngehören ober' nicht, ihreGebiete zu schützen. Da ein deutscher Angriff gegen Frankreich undenkbar ist, ohne daß deutsche Soldaten die wehrlos gemachte Fünfzigkilometerzone betreten, so macht ein deutscher Angriff alle Mächte, die den Vertrag von Versailles unterzeichnet haben, mit Frankreich solidarisch. Solche Sicherheit ist noch niemals irgendeinem Staate gewährleistet worden. Und ebensowenig wie Herr Poincarö recht hat, wenn er behauptet, daß Frankreich nur durch die Verewigung der Besetzung des linken Rhein- ufers gegen einen deutschen Angriff sich schützen könne, eben- sowenig hat er recht, wenn er sagt, daß die ihm nicht genü- genden Sicherheiten des Vertrags von Versailles nicht ewig seien. Die Gültigkeit der Artikel 4 2, 4 3, 44 hat keine zeitliche Grenze.
Aus den letzten Sonntagsreden des französischen Ministers spricht fast mehr Groll gegen England als gegen Deutschland. Er stellt mit Bitterkeit fest, daß Frankreich llber die „kleinen Ungerechtigkeiten", die der englische Verbündete gegen es begeht, enttäuscht sei, und versteigt sich dabei fu einer nur im Munde eines eitlen Franzosen möglichen Aeußerung. Er sagt, dies« Ungerechtigkeiten verletzen die Franzosen, die sich eingebildet haben, s i e w ii r d e n u m ihrer selbst willen geliebt. Ist eine solche Einbil- dung nicht im höchsten Grade erstaunlich, aber gleichzeitig charakteristisch für den gallischen Größenwahn? Um seiner selbst willen soll man ein Volk lieben, das während seiner ganzen Geschichte mit einer durch keine Eigenschaft gerechtfertigten Anmaßung auf andere Nationen herabgeblickt hat, als ob sie nicht wert wären, ihm die Riemen seiner Schuhe aufzulösen. Um seiner selbst willen soll die Welt das grau- samste, blutdürstigste, selbstsüchtigste Volk der Erde liebenl
Illusion Rechnung trug, so muß er durch das, was sich jegt im Ruhrgebiet ereignet, vor allem aber durch die Reden des fran- zösischen Ministerpräsidenten, über die.man das cäsarische Motto: „mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten", schreiben könnte, gründlich bekehrt sein. Denn das französische Volk ist jetzt ohne Zweifel das has- senswürdigste unter allen Völkern der Erde.
Mg.
Absage poincares an Giresemann.
Der Vertragsbrecher pocht auf die Verträge. — ,W ir haben Pfänder, die wir behalten werden!" — Spitzen gegen England.
Bei der Enthüllung eines Kriegerdenkmals in Dun sur- Reuse hielt Sonntag vormittag Ministerpräsident Poincarö sie erste der angekündigten beiden politischen Reden, poincars sagte ungefähr folgendes:
Der deutsche Adler ist wieder fortgeflogen mit blutigen schwingen und zertrümmerten Klauen. Wir werden ihn nie wieder eben. Bleiben wir aber auf unserer Hut vor den Ideen, die er noch in seinem gefiederten Kopfe trägt. Es sei zu hoffen, daß er mit seinen großsprecherischen Planieren nur seine Enttäuschung verhüllen (I) wolle. „Ich begreife," so fuhr Poincarä fort, „daß ig den Völkern, die den deutschen. Einbruch nicht erfahren haben, schwer fällt, sich die Leiden vorzustellen, die Frank- reich und Belgien erdulden mußten. Bei der Unterzeichnung des Friedens haben sich alle Alliierten gegenseitig das Versprechen gegeben — und das besiegte Deutschland hat es be- -chworen—, daß die begangenen Verbrechen nicht unbestraft (!) bleiben würden und daß alle Schäden, die an Personen und Sachen durch den Einfall verursacht wur- bm, repariert werden würden.
Weil die Deutschen ihre Verpflichtung verleugnet haben und wir es nun für gut halten, sie daran zu erinnern, kritisieren und verdammen und gewisseLeute. Warum, so fragen sie, geben wir unsere unzeitgemäßen Reklamationen nicht auf, warum halten wir uns so genau an die Verträge? (!)
Warum wollen wir unsere Forderungen nicht von Nationen revidieren lassen, die nicht am Kriege teilgenom- men haben? Wenn wir keine Kommission annehmen, die Deutschland von der Zahlung seiner Schulden befreit, dann bezeichnet man uns als Herr sch süchtig m Anbetracht unserer Forderungen und macht uns Unversöhnlich- keit zum Vorwurf. Alles, was Deut.chland unternahm, was dazu diente, Frankreich zu ruinieren, soll der Bergan - genheit angehören, und im Fluß der Ecergnin e zahlt die Vergangenheit nicht mehr. Alles, was Deutschland unter- nahm, um sich seinen Verpflichtungen zu entziehen, soll eben- falls vergessen werden; auch das soll der Vergangenheit an- «ren, und die Vergangenheit von gestern liegt manchem i zu fern. Man will von unseren Forderungen nicht mehr sprechen, die aber doch noch Gegenwart sind; mon ncut 8» für übertrieben und lästig, wenn wir als die am störten
Betroffenen die Notwendigkeit verspüren, rasch entschädigt zu werden. Diese kleine Ungerechtigkeit müssen wir ohne Unwillen hinnehmen. Das verletzt die Franzosen, die sich ein« gebildet haben, sie würden um ihrer selbst willen geliebt, und die sich nun enttäuscht fühlen.
Es wäre ein ebenso großer Irrtum, wenn wir uns ein« bilden wollten, daß unsere Freunde und nicht w i r s e l b st die Verteidigung unserer Interessen durchzuführen haben, wie es unrecht wäre, zu befürchten, daß wir, indem wir unser Recht wahren, irgend jemand schädigen könnten. Unsere Rechte sind in Verträgen niederge» legt, die unsere Alliierten unterzeichnet haben. Es würde keine Sicherheit mehr in den Beziehungen der Völker geben, wenn abgeschlossene Verträge ver- leugnet würden.
Weder einer neutralen Kommission, noch internationalen Sachverständigen, noch einer internationalen Fideikommission, auch nicht einmal dem Völkerbund, dessen Aufgaben groß sind, Hat der Vertrag von Versailles die Aufgabe zuerteilt, die Höhe der deutschen Schuld festzusehen oder die Bedingungen zu bestimmen, uüter denen sie bezahlt werden soll, son- der» einer besonderen Kommission, die Repara- t i o n s k o m m i s f i o n heißt, und deren Befugnisse Deutschland ausdrücklich anerkannt hat. Wenn man daran denkt, sie beiseite zu schieben, so geschieht die«, weil man glaubt, daß sie neuen Konzessionen wenig geneigt ist. Aber diese neuen Konzessionen würden den übernommenen Verpflichtungen zuwiderlaufen, und das ist Anlaß genug, daß wir uns dazu nicht Her- geben. Wir haben Pfänder in der Hand, die wir behalten werden, bis wir Befriedigung erzielt haben."
Nas Gespenst der Revanche.
In der Sonntag abend in Brieulles-sur-Meuse gehaltenen Rede sprach PoincarS von der Frage der fran- sagte er, „deren sich Deutschland schuldig gemacht hat, Diejenigen nichts ober fast nichts kosten würden, die die moralische Verantowrtung dafür tragen, so mürben früher oder später die jungen Deutschen der alten Schule glauben, daß sie um diesen Preis den Ver- such von neuem unternehmen könnten. Wenn Andererseits das Deutsche Reich seine M i l i t ä r k r a f t r e - prgantfleren und sich wieder bewaffnen könnte, würde ps eines Tages versuchen, das Instrument, das es sich ge- fchmiedet hat, wieder zu benutzen.
Wir müssen also den Betrag unserer Reparationen fordern und auch über die Aufrechterhaltung unserer Sicherheit wachen. In beiden Fragen werden wir den Sperling in der Hand nicht um der Taube auf dem Dache willen aufgeben.
Deutschland hat tatsächlich seit mehreren Monaten die Tätigkeit der Interalliierten Kontrollkommission lahm gelegt. Deutschland, das heute in Muße Kanonen, Flugzeuge und Munition, sei es bei sich oder in anderen Ländern, herstellen kann (I), Deutschland, das in einigen Jahren bewaffnet und zur Revanche bereit wieder vor uns erscheinen kann, Deutschland, das den Versuch macht, iuderWeltunsere tapferen und treuen schwarze» Truppen zu diskreditieren, weil es nicht will, daß wir eine Nation von 100 Millionen Menschen sind, und weil es sich schmeichelt, uns rasch durch die Zahl zu beherrschen — dieses Deutschland gibt uns heute Zusicherungen in Worten, die es für verlockend hält, und in
Versprechungen, von denen es Wunder erwartet.
Mit der Schaffung des Völkerbundes hat der Friedens- Vertrag von Versailles den Grundsatz ausgestellt, daß alle Nationen, die daran teilnehme», sich gegenseitig verpflichten, ihre Gebiete zu respektieren. Ein Sonderpakt für die Rhein- grenze würde dem Text des Vertrages nichts hinzu- Algen. Ein Garantiepakt, welches auch feine Unterzeichner ein mögen, kann für uns keinerlei praktischen Wert haben, wenn er im Falle eines Angriffs keine r a s ch e und wirkungsvolle militärische Sicherheit garantiert.
Nein, ich danke!
Wenn man uns als Garantie für unsere Sicherheit nur Pakte dieser Art bietet, so bedeutet uns dieser aufgeputzte Block (bloc enfarine) nichts, was irgendwie von Wert wäre. Es ist wohl bekannt, daß sämtliche Regierungen, die in Frankreich seit 1919 aufeinander gefolgt sind, erklärt haben, daß die Besetzungsfristen für das linke Rheinufer nicht zu laufen begonnen hätten, da Deutschland keine von den Vertragsbestimmungen ausgefuhrt hat. (!) Das ist ein Ziel, zu dem wir uns nicht hergeben werden. - Poincar«? versicherte, daß Frankreich die durch den Friedens-Ü vertrag ihm gewährten Sicherheiten festhalten werde.
Die aufgehobene Grenzsperre. P
Die Sperre ist in der Nacht zum Sonntag an allen Kon-t troDfteUen ausgehoben worden. Viele Tausende strömten aus« dem besetzten Gebiet nach Frankfurt. Die Kontrolle war^ äußerst streng; passieren durfte nur wer auf seinem ^uswet»