Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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^* ^2 Donnerstag, den 20. September 1993
Das Wichttaste.
Baldwin ist zu dem Besuch bei PoinearL in Pari« eingetroffen.
— Infolge des Umsichgreifens der Lprracher Un. ruhen ist über Oberbaden der Ausnahmezustani »erhängt worden.
— Der Reichstag wird voraussichtlich in der kom- menden Woche zusammentreten.
— In den als schwarze Devisenbörsen bekannten CafLs Berlins eine D e v i f e n - R a z z i a vorgenommen worden, die Hunderte von Milliarden Devisen ans Tageslicht fördert«,
Frankreich will Kapitulation, nicht Verständigung.
Der englische Ministerpräsident ist am 18. September itf Parts eingetroffen. An demselben Tage veröffentlichte bei ? m p§" einen Artikel, der dazu bestimmt ist, ihm mitzu- ^Uen, daß die ftanzösische Regierung dem Ministerium btrefemann, nachdem es etwas über einen Monat im Ami kaum noch größeres Vertrauen ent. gegenbringt als seinen Vorgängern. Denn es versuche, anstatt den berechtigten Wünschen Frankreichs rntgegenzukommen, eine europäische Koalition unter Führung Englands gegen Frankreich zustande zu bringen und setze alle seine Hoffnungen auf die Entzweiung der Alliierten, handele also nicht so, wie sein Führer in seiner ersten sympathisch begrüßten Programmrede versprochen habe. Wenn Herr Baldwin diesen Artikel, mit dem ihn Poincare begrüßt, und die Reden, die der französische Ministerpräsident am Sonntag gehalten hat, und in denen die von ihm angebotenen Sicherungen Frankreichs in der schroffsten Form abgelehnt wurden, liest, so wird er sich bewußt sein, daß er auf einen sehr frostigen Empfang im iw ^niE bot.
-^^Wpih.i.«!^ ! I) II IIWMIIU»^^ tu lation nicht nur von Deutschland, sondern auch von England verlangt.
Das Gespräch, das zwischen dem englischen und französischen Staatsmann stattfindet, wird wahrscheinlich nicht zu dieser Kapitulation führen, aber es wird in Herrn Baldwin den Eindruck hinterlassen, daß Poincare fest entschlossen ist, in der Reparationsfrage nicht um ein Haar breit von der Linie abzuweichen, die er in seiner Antwort auf die englische Note vom 11. August gezogen hat, daß er Deutschland niederzwingen will und sich durchs die Drohung des endgültigen Bruchs der Entente von diesem Vorhaben nicht abschrecken lassen wird. Er wird bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, Herrn Baldwin darauf aufmerksam zu machen, daß die von ihm an der Ruhr befolgte Politik, trotzdem sie von England bekämpft worden ist, dicht vor ihrem Errfolg st ehe, und daß er es vor seinem Volke nicht verantworten könne, wenn er sie nun nicht zum endgültigen und sicheren Siege führe, das heißt zur be- dingungslosen Kapitulation.
Man kann nicht leugnen, daß solchen Ausführungen gegenüber der englische Ministerpräsident sich in einer unbequemen Lage befindet. Wenn er für die Befreiung des Ruhrgebietes eintritt, so wird ihm Poincarö antworten können: „Sie sind ja päpstlicher als der Papst. Sehen Sie denn nicht, daß Deutschland im Begriff ist, zu kapitulieren, daß ich es durch meine brutalen Methoden zur Kapitulation zwinge, daß der Widerstand im Erlöschen begriffen ist? Sagen Sie nur Ihren Landsleuten, daß ich trotz allem, was geschehen ist, England an den Früchten meines Sieges teilnehmen lassen werde, denn ich betrachte mich mit Belgien zusammen als Vorkämpfer für die Interessen des Siegerbundes."
Wenn man sich heute die englische Note vom 11. August wieder durchlieft, so muß man sich sagen, daß solcher Sprache gegenüber für den Vertreter eines Volkes, das zwei Drittel der bewohnten Erde beherrscht, nur ein Ultimos um schroffster Art übrig bliebe. Denn angesichts dieser Note sind schon die letzten beiden Reden Poincares wie Faustschläge in das Gesicht des Verbündeten. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß in dem Artikel 48 dieser Not« Lord Curzon schon zu^i Ausdruck gebracht hatte, daß das Angebot der Note oom 20. Juli, die Sicherheit Frankreichs mit den liniierten in entgegenkommender Weise zu besprechen im Hinblick auf die ausgesprochene Gleichgültig- keit Frankreichs keinen ersprießlicher Zweck mehr habe. England bietet also Frankreich tr seiner Note vom 11. August gar keine Sicherheiten mehr an Wie kommt Herr Poincare dazu, nach dieser deutlichen Ev Härung nochmals mit großem Pathos zu verkünden, daß bu von England angebotenen Sicherungsverträge vollkom men ungenügend seien, daß sie sogar eine Ab schwächung des Vertrages von Versailles bilden, wen sich nicht gleichzeitig auf die Sicherung der östlichen Nach
»am Deutschlands beziehen? Das kann doch nur darin seiner Srund haben, daß England trotz dieser Erklärung in bei Note vom 11. August, weil Frankreich in seiner Antwort lesagt hatte, es sei keineswegs gleichgültig gegenüber den Sicherungsanerbietungen Englands, wolle nur nicht dulden, >aß sie mit der Reparationsfrage in Zusammenhang gebracht oürden, noch einmal versucht hat, einen neuen barantievertrag zur Basis der bevor- tehenden Verhandlung zu machen. Auf nesen nochmaligen Versuch, von dem die Oeffentlichkeit aller- nngs nichts erfahren hat, ohne den aber die letzten Heben PoincarSs unerklärlich bleiben, lntwortet nun der ftanzösische Ministerpräsident mit einer 0 groben Ablehnung, daß die Wiederaufnahme der Dis- ussion ganz unmöglich erscheint, und mit der unverblümten tlufforderung, das Anerbieten durch eine Militärkon- ' e n t i 0 n, auf die England gar nicht eingehen kann, ohne te allgemeine Wehrpflicht wieder einzuführen, md mit der Aufforderung, Polen, Litauen und >ie Tschechoslowakei in den Garanttever- rag einzuschließen. Das Echo, das Poincarss lieden in England gefunden haben, kann Herrn Valdwin da- wn überzeugen, daß selbst die extremen Franzosenfreuilde n der konservativen Partei solche Forderung ablehnen.
Unter diesem Eindruck wird er von Paris abreisen. Mit liefen Absage belastet wird er zu Beginn nächsten Monats, wr dem Parlament und nicht viel später vor der Reichs- onferenz Rechenschaft ablegen müssen.
Wenn England nicht vor seinen Dominions als ein Staat erscheinen will, dessen Welteinfluß sich nit großer Schnelligkeit auf der ab-! teilenden Linie bewegt, dann muß das englische kabinett spätestens bis dahin ein Mittel gefunden! a b e n , um aus dem Kampf, den es mit der ungewöhnlich i charfen Note vom 11. August eingeleitet hat, als Sieger »ervorzugehen. Ueber solche Mittel verfügt es, s muß nur einen Pitt finden, der den Nut hat, sie anzuroenden.
»MW«jMWMWW^MM8m^^ man kann es üns nicht erdenken, daß wir nach allem, was wir erfahren haben, die Hoffnung auf sein Erscheinen allmählich aufgeben. Da aber ine Verständigung mit Frankreich, nur unter Ver - icht auf die Einheit des Deutschen Reiches tnb — was vielleicht noch schlimmer ist — luf jede Selbstachtung und auf unsere khre möglich erscheint, andererseits aber jeder Kerständigungsversuch von unserer Seite die Nachtstellung der französischen Partei stärkt, die Deutsch-, anbs erbittertsten und konsequentesten Feind, PoincarS, auf hren Schild gehoben hat, so dürfen wir diese Hoffnung, die ich vielleicht doch noch erfüllen wird, nicht aufgeben, nüssen jedenfalls s o handeln, wie wir handeln würden, venn wir sie hegten; denn wenn sie sich dann auch nicht er« !üllt, würde das Schicksal, das uns beschießen ist, nicht so 'urchtbar sein, wie das, was uns mit Sicherheit trifft, wenn wir bedingungslos kapitulieren. Mg.
Ei -erufung des Michsiaas?
Die von der Regierung in Aussicht genommenen vährungspolitischen Reformen haben naturgemäs? zu -inem lebhaften Meinungsaustausch unter Parlamentariern fast aller Parteien geführt. >ioch im Laufe des Mittwochs traten die Fraktionen der Deutschnationalen Volkspartei und des Zentrums zu- ammen um sich mit den aktuellen politischen Fragen zu beschäftigen, während für die nächsten Tage mit Frak- ionssitzungen der übrigen Parteien zu rechnen ist. Vrel- 'ach wird der Meinung Ausdruck gegeben, dass die neuen einschneidenden Reform Pläne ber Regierung nicht im Verordnungswege, sondern im Wege der «£■ setzgebung durchgeMxt werden müßten, und es wird ^aher in parlamentarischen Kreisen mit einem Zusam• wen tritt des Reichstags in der nachsten
Woche gerechnet. ,
Line Entfchließunä der Hessischen Zenttumspartei.
In Frankfurt a. M. fand am Dienstag eine Bertrauens- männer-Dersammlung der Hessischen- kurhessischen und nah säuischen Z e n tr u m s p a r t e i statt, auf der der Vorschende der Deutschen Zentrumspartei, Senatsprasident vr. Marx, ein Referat über die innen- und außenpoütnche Lage e c - [tattete. Die Versammlung faßte folgende Entschließung^,, Wir halten fest am Deutschen Reich und seiner Verfassung. Darum stehen wir auch fest hinter der verfassungsmäßigen Regierung, von der wir die Herbeiführung ein er ehrlichen , aber auch erträglichen Verständigung mi Frankreich erhoffen, unter Wahrung der Unversehrtheit des Reiches und; einer So i - oeränität. Die Verhältnisse drängen auf möglichst rasche und vollständige Losung der schwebenden Fragen."
Ausnahmezustand in Oberbaden.
Wegen der Unruhen in Oberbaden wurde vom badi- chen Staatsministerium mit Verordnung vom 18. Gep. ember aus Grund des Artikels 48, Absatz 4 der Reichs «erfassung der Ausnahmezustand über die Amts »ezirke Lörrach, Dchopsheim, SchSnau uni Säckingen verhängt. Die Polizeistunde wird für all» iffentlichen Lokale und Vergnügungsstätten aus abends * Khr festgesetzt. Der Straßenbahnverkehr ist von 10 Uhr abends bis 5 Uhr früh verboten.
Vor dem Generalstreik?
Die Unruhen in Baden breiten sich immer weiter aus. Die K P. D. ruft zum sofortigen General streii in ganz Baden auf. Den streikenden Arbeitern von Lörrach falben sich auch die Arbeiter der chemischen Fabriken anderer Betriebe, so in Braun selben, Lieblingen und anderen Orten «ngeschlosseu. Die aus Lörrach anmarschierenden streikenden Arbeiter mürben in Waldshut von einem starken Aufgebot der Schutzpolizei mit Maschinengewehren empfangen und zur Umkehr gezwungen. — In Grenzach haben Lohnverhandlungen stattgefunden, wobei ein Stunden- lohn von über 11 Millionen Mark vereinbart uurbe.
Auch in Schopfheim ist es wegen Lohnforderungen der Arbeiterschaft zum Generalstreik gekommen. Obwohl die Forderungen der Arbeiter bewilligt wurden, sind mehrere Arbeit- seber als Geiseln nach Lörrach mitgenommen notben. Au der deutschen Paßstelle an der deutsch-schweizeri- chen Grenze Kud k o m m u n i st i s ch e Kontrollposten lUfon^eSt worden, um die Fabrikanten zu verhindern, sich in * Sckmxri, zurückzuziehen.
Im Lrnfte des MMrovchs hat sich die Lage in Lörrach und irrt."'MrSM MWA m LukUlch INt'-Pmizek von oeu^wb nomstoanten fdwrf angegriffen, mit Handgranaten beworfen tnb «te Revolvern beschossen. Die Polizei erwidert« las Feuer und verletzte zwei Personen. Der Eisen- iahnoerkehr ist nahezu völlig stillgelegt. Bon der Schweizer Grenze werden keine Güterzüge mehr auf iadisches Gebiet angenommen, da ein Teil der Eisenbahn- trbeiter sich mit den Streikenden in Lörrach solidarisch er- Kört hat. Der Postverkehr ist in Lörrach eingestellt.
devisenrazzia im Zentrum Verlins. t»ttcx Leitung be» Devisenkommissars. — gahl- ceidht $ ef 6» durchsucht. — Der Riesenumsatz »er schwarzen Börsen. —Die Beobachtungen des
Kommissars.
Auf Ersuchen des Devisenkommissars fand am Dienstag »bend im Zentrum der Reichshauptstadt eine sehr ausgedehnt« Razzia auf wilde Devisenhändler statt, die einen ausgezeichneten Erfolg hatte. Es ist ja ein öffentliches Geheimnis, daß in der Münz- und Grenadierstraßc. in den größeren bekann- ^n Cafes in ber Friedrichstadt und im Westen sich z a h l l o s < wilde Devisenbörsen befinden, sehr zum Schaden des Reiches. An diesen Börsen werden nicht Milliarden,
sondern
Billionen täglich umgesetzt.
azahl non BeaMten der M eipräsidiums, des Fremden Finanzverwaltung und ben
In der Hauptsache setzen sich diese wilden Devisenhändler aus dem u :> «rmü n schien ö st l i ch e n Z u st r om ruiammens leider Gottes aber auch aus zahlreichen deutschen Schieber» und Betrügern. 'Diese unerwünschten Elemente wieder ein 'mal zu war Aufgabe der Razzia. Unter Lei tun, [inner, waren eine große Anzahl r. Teilung W des BerUner Volize-vralld, amtes, der Schutzoolizei. der , Devisenkommissr-rs zulmmnengesaßt, die
iibet'.osö'end in die Lokale einfielen.
In der Hanpftwcke wurden das Kaisereaft, .dtoriacafct
alfc Au » qÜnq « des beirefsenden Lokals besetzten, drai aen die ht Zivil gekleideten Beamten in das Innere der ßd ffe ein. Man iah, daß zahlreiche Gäste bemüht wäre» ir^nbeinra Lusaang, und sei es durch bas Fenster, zu ^„ Vergebens,' überall stellten sich ihnen d,e Grmien en gegen und^^ien sie an der Flucht. Zahllos waren . Fälle, in denen
Tevisru tu hoben Werten hinter und unter Sofas in<j Tische geworfen s muiden g'lTe Gäste wie Personal, mußten sil
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