Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag and Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt für Va September 1000 000.— Mk., für Abholer 950000.— Mk. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Detitzetle ober deren Raum 30 Mt., Reklamezeile 100 Mk. mal Zeitungsanzeigenschlüssel des D. D Z. D. b. Zt. 30 000). / / Druck u. Derlag von Ludwig Funks Buch
, bruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Verleger. / / Für die Gchrlftleituug verantwortlich Franz Funk in Sersfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 114 Dienstag, den 25. September 1923
Das Wichtigste.
— In Leipzig und Dresden ist eszublutlgeugu- s a tn.m enstößen gekommen.
— DerReichstag wird voraussichtlich erst am Freitag zusammentreten.
PoincarS hat am Sonntag wiederum drei gehässige Reden gegen Deutschland gehalten.
Die Suche nach dem Schuldigen.
„Der Kampf um die Ruhr und um den Rhein wird auf. gegeben", rufen die einen; „er wird nur mit andern Mitteln fortgeführt", wenden die andern ein. Angesichts der Tatsache, daß die Kosten, die das Durchhalten des passiven Wi- derstandes erfordert, den für die Reichsfinanzgebarung Ver- antwortlichen auf die Dauer unerschwinglich erscheinen, handelt es sich um einen Streit um Worte. Deutschland ist ver- armt; ihm stehen nicht Bodenschätze wie Rußland zur Verfügung, nicht dessen territorial günstige Lage. Nahrungs- sorgen der Bevölkerung erheischen dringende Abhilfe; jeder Tag liefert dafür mit Lebensmittelkrawallen und Raubzügen Erwerbsloser aufs platte Land schwerwiegende Belege. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, wenn die Reichs- -egierung nicht nur an das ganze Volk, sondern in erster Linie an die Ruhrbevölkerung selber appelliert, die am meisten unter der Besetzung gelitten und Beispiele von Opfermut sondergleichen gegeben hat.
In diesem kritischen Augenblick setzt nun eine Suche aach den Schuldigen ein, die angeblich Deutschland in 'ein namenloses Elend gestürzt haben, und diese Anklagen
srnv geeignet, M Parteit^WtzyMWx-ms KUM-^D^w»^«, Krairde zu entfachen, als ob einzelne deutsche Politiker im-
stände gewesen wären, den finanziellen Zusammenbruch einer von der Gefaintheit aller Deutschen gewallten Aktion zu verursachen. Nichts kann kurzsichtiger sein. Man vergegenwärtige sich ohne Voreingenommenheit den Gang der Ereig. Nisse: die Franzosen Überfällen unter nichtigen Vorwänden deutsches Gebiet mitten im Frieden. Keine gesittete Nation billigt dieses allen Gebräuchen des Völkerrechts hohnsprechende Vorgehen, und die vergewaltigte Bevölkerung schließt sich spontan und einmütig, ohne daß es einer behördlichen Aufforderung bedurfte, zum passiven Widerstand zusammen. Selbstverständlich erhalten die Beamten von ihren Vorgesetz. ten die Anweisung, den rechtswidrigen Befehlen der Fremd- linge nicht Folge zu leisten, und so stand seit vollen acht Monaten die Phalanx an der Ruhr auf Posten. Alle, die Arbeiterschaft unter der Führung der Gewerkschaften, taten ihre Pflicht und unterwarfen sich geduldig dem über sie verhängten Schicksal. Damals fiel es keinem der Neunmalklugen ein, diese Haltung mit einem einzigen Tadelswort zu mißbilligen. Unterstützungen flossen aus ganz Deutschland nach den Rheinlanden, und eine Billion nach der andern wurde widerspruchslos aus der Neichskasse zur Aufrecht
erhaltung des passiven Widerstandes gespendet. Wenn das ein Fehler gewesen wäre, hätten sich Warner erheben müssen, eben jene Elemente, die heute als Ankläger auftreten. Die deutsche Ruhrfinanzpolitik war in ihren Anfängen bereits so klar Umrissen, die Hoffnung auf ihr Gelingen so allgemein, daß eine ungewöhnlich dreiste Demagogie dazu gehört, nachträglich zu behaupten, einzelne Personen hätten mit finanziellen Taschenspielereien die Führer eines Sechzigmillionenvolkes und dieses selber düpiert. Wenn jemals, so ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, einen Ausgleich widerstrebender Meinungen zu suchen und der bedrohlich fortgeschrittenen Selbstzerflei- schung aktiven Widerstand entgegenzusetzen. Wir haben uns alle in der Leistungsfähigkeit Deutschlands getäuscht und sind ein Opfer der englischen Hinterhältigkeit geworden, die es bei moralischer Unterstützung unserer Aktion bewenden ließ, aber den Daumen auf dem Anleihebeutel hielt.
Der wahre und einzige Schuldige ist jedoch P o t n c a r L Auf ihn muß gezielt werden. Er hat die militärische Schwache Englands, diesen Riesenfehler Lloyd Georges, ausgenutzt, um die Peitsche des Versailler Vertrages Fu Skorpionen gegen Deutschland umzuwandeln, hat Recht und Gesetz mit Füßen getreten und läßt keinen Sonntag vorübergegen, ohne den wehrlosen, am Boden liegenden Gegner zu ver- höhnen und zu beschimpfen. So hat er am letzten Sonntag sich sogar zu drei Reden vor den Kriegsdenkmälern in Champenoux, Toul und im Priesterwald aufgeschwungen, um sich als Geschichtsfälscher den ersten Platz zu stchern. Er hat offenbar keine Ahnung, wie dieses (Einträufein von ätzendem Gift in offene Wunden auch auf das Ausland ^wirken muß und wie schlecht diese Pose einem Sieger zu Gepcht steht.
In Erwartung der Ruh"^gu!dation versteigt er stch zu " ' ~ ,'chland an den Rand -Gen, was bei der Wehren anoewendeten abscheu-
dem Frohlocken darüber, D c des Abgrundes gebrach losigkeit Deutschlands und
erregenden Mittel ein recht billiger „Sieg" ist. Mer daß er seiner Politik Mäßigung nachrühmt, wird in der Kulturwelt doch mit gebührendem Hohnlachen quittiert werden. Wenn er schließlich damit auftrumpft: „Wir halten uns an unser Gelbbuch, an unsere öffentlichen Erklärungen! Wix haben nichts hinzuzusiigen und nichts zurückzunehmen!", so dürfte dies doch wohl nicht das letzte Wort in der Ruhr- frage sein . . . Andere Staaten haben da auch mitzusprechen und werden es tun, denn noch ist nicht aller Tage Abend, und man wird sich schwerlich in Europa damit zufrieden geben, von Poincars ein Diktat entgegenzunehmen, sondern bei wei- terer Verwüstung der Weltwirtschaft noch den schuldigen Urheber suchen und ihn zu finden wissen. —nd.
Mittwoch oder Donnerstag
Regierungserklärung.
o. KniIling gegen b i e Einstellung des Wider, ftanbes? — Ein Appell an die gesamte Welt.—
Verhandlungen durch die neuen Botschafter?
Wie angekündigt, haben am Montag nachmittag die Besprechungen zwischen Reichsregierung und d'e'n Vertretern der besetzten Gebiete begonnen und damit auch die Konferenzen, die die Entscheidung über die Frage des passiven Widerstandesbringen sollen. Am Sonntag tagte bis in die späten Abendstunden eine Ministerkonferenz unter dem Vorsitz des Reichskanzlers, in der man, wie von zuständiger Seite erklärt wird, darüber beriet,
„was die Regierung heute und morgen den Ruhrvertretern und der Konferenz der Ministerpräsidenten erklären und welche Positiven Schritte nach Westen hin für die besten zu halten seien". WWMrMeschtuv, ser *id. «eu^Ä^^.^
hing gebracht hätte, wurde nicht gefaßt. Das Programm für die weiteren Berliner Besprechungen dürfte wie folgt aussehen: Dienstag wird die Konferenz der Ministerpräsidenten statfinden. In parlamentarischen Kreisen rechnet man damit, daß zum mindesten der bayerische Ministerpräsident von Knilling gegen das Abstoppen der deutschen Verteidigungsmaßnahmen im Westen Stellung nehmen wird. Trotzdem glaubt man, daß sich auch die Mehrheit der Ministerpräsidenten der Einzelstaaten mit der von der Regierung einzuschlagenden Politik einverstanden erklären wird.
Am Mittwoch endlich wird das Kabinett endgültig Beschluß fassen. Am gleichen Tage oder sonst am Donnerstag soll dann eine Erklärung herausgegeben werden, die durch das Reichskabinett, die Ministerpräsidenten, die Vertreter des besetzten Gebietes und die politischen Parteien des Reichstages
— mit Ausnahme der Deutschnationalen und wahrscheinlich auch der Kommunisten — gedeckt werden soll.
Wie diese Erklärung abgegeben werden soll, ob im Auswärtigen Ausschuß des Reichstages, ob durch eine amtliche Verlautbarung oder durch Anschlag steht im Augenblick noch nicht fest. In Kreisen der Koalition wird auch folgende Möglichkeit erwogen: An die Spitze der Erklärung könnte ein
Appell an die gesamte Welt
gestellt werden. Deutschland könnte noch einmal feierlich feststellen, daß der R u h r e i n b r u ch r e ch t s w i d r i g ist, daß Deutschland nur der Gewalt weicht, und durch die Aufgabe des passiven Wider standes oder in weiterenVerhandlungendenRuhreinbruch niemals als Rechtsgrundlage anerkannt. Von einer bedingungslosen Kapitulation könne deswegen nicht die Rede sein, weil sie v o n d e n B e w o h n e r n d e r besetzten Gebiete nicht verstanden werden würLe.
*
Es wird neuerdings folgender Gedanke erörtert: Die Regierung könnte sich entschließen, wieder Botschafternach P a r i s u n d B r ü s s e l zu schicken. Bei der Nachsuchung um das Agrement würde man sich von der französischen und belgischen Regierung die Zusicherung geben lassen, daß sie bereit sind, mit den Botschaftern über das RuhrgebietinVerhandlungeneinzutreten. Die Kreise, die über diesen Gedanken reden, sind hoffnungsvoll genug, zu glauben, daß so vielleicht gratfreies) dahin gebracht werden könnte, in der Frage der Ehren - Punkte nachzu geben. In diplomatischen Kreisen erhält sich übrigens das Gerücht, daß am Sonnabend eine Besprechung zwischen den Reichskanzler und dem französischen Botschafter in Berlin stattgefunden habe. Hierbei habe die oben skizzierte Frage eine Rolle gespielt.
Reichstagr-zn-ümmentritt crft Freitag. _
Wie aus Parlamentarischen Kreisen verlautet, ist du Vollsitzung b c s Reichstages-» die für Mittr. ock dieser Woche in '. .-'ich- nom ren war, vorerst an Freitag dieser Woche verschoben worden.
Poincarc besteht auf bedingungsloser Kapitulation.
Drei Hetzreden in einem Atem.
P o i n c a r 6 hat am Sonntag bei den üblichen Krieger- dcnkmals-Einweihungen drei Reden gehalten, die an Hohn, Heuchelei und Demagogie, an Geschichtsfülschungeu und verhetzender Lüge die Reden früherer Sonntage fast noch übertreffen. Es genügt, aus den Reden die Kernpunkte her. auszugreifen.
In Champenoux sagte Poincars:
„Lassen wir die Deutschen sprechen, lassen wir sie tun, ivas sie wollen, und warten wir darauf, daß sie sich vor den augenscheinlichen Ereignissen beugen. Wenn sie ganz am Rande des Abgrundes angelangt sein werden, werden sie immer noch Gott sei Dank Herr darüber sein, nicht hinein- zufallen. Sie brauchen nur die Eitelkeit ab- z u l e g e n, die ihren Widerstand inspiriert, und endlich z« beweisen, daß sie den ehrlichen Willen haben, ihre Versprechungen zu halten."
In T o u l führte er aus:
„Nach dem letzten Krieg hat man Deutschland keinen Quadratzentimeter ohne den Willen seiner Bewohner (!) genommen. Deutschland kann sich also über keinen Gewaltakt beklagen. Weit davon entfernt. Es ist mit einer Mäßigung behandelt worden, die in d er Ge s ch i ch t e, wenig Beispiel hat. Deutschland aber feilscht, es sucht sich zu drücken (I), es zeigt in der Ausführung seiner Ver- pflichtungen keinerlei guten Willen. Deutschland ist eine der reichsten Nationen der Welt. Vor Beginn des Krieges über« traf es darin weit Frankreich. Deutschlaird behalt seine wunderbaren landwirtschaftlichen Gegenden, seine Boden- werte, seine Kohlen, seine Fabriken und Arbeiter. Er fehlt
Wille, zu bezahlen."_____
Seine dritte Rede, auf einem Schlachtfeldtz cm P r t e jt e r- wald, schloß Poincars mit den Worten:
„Man muß zunächst mit den Hinterlistigkeiten und den Abschweifungen aufhören (!). Man muß die letzten Reste des passiven Widerstandes beseitigen und muß aufhören, nutzlose Vorbedingungen zu stellen. Bedingungen lassen wir uns nicht vorschreiben. Wir halten uns an unser Gelbbuch, an unsere öffentlichen Erklärungen! Wir haben nichts hinzu zu fügen und nichts zurückzunehmen!"
Reichsregierung und ilmsturOrohZ'nge».
Kabinettssitzung über etwa notwendige
Maßnahmen.
Amtlich wird mitgeteilt:
„In der Oeffentlichkeit sind in letzter Zeit wiederholt Ge- rüchte aufgetaucht über Bewegungen,' die sich gegen die Staatsgewalt richteten und einen U m sturz norbereiteten. Don verschiedenen Seiten sind nach dieser Richtung auch öffentlich Drohungen ausgesprochen worden.
An der Stellung der Reichsregierung gegenüber etwaigen derartigen Versuchen kann ein Zweifel nicht bestehen. Unter dem VorsitzdesReichspräsidentenhat eine Beratung stattgefunden, an welcher der Reichskanzler, der Reichsminister des Innern, der Reichswehrminister und der Chef der Heeresleitung, General von Seeckt, teilgenommen haben. Diese Beratung hatte den Zweck, alle Maßnahmen vorzubereiten, die notwendig werden kön- nen, um derartige B e st r c b u n g e n unschädlich zu machen.
Es besteht unter den verantwortlichen Faktoren der Reichsregierung volle Uebereinstimmung darüber, daß gegen- über jedem Versuch, die Staatsgewalt zu erschüttern, von welcher Seite er auch kommen mag, sofort die erforderlichen Maßnahmen ergriffen und die der Reichsregierung genügend zur Verfügung stehenden Machtmisttel des Staate, eingesetzt werden."
Blutiger Zusammenstoß zwischen Stahlhelmleuten und roten Hundertscholtlern
Aus Leipzig wird gemeldet: Anläßlich einer Fahnenweihe des Stahlhelmbundes kam es in Wiederitzsch hart an der preußischen Grenze zu b l u t i g e n Zusammen- stützen zwischen Stahlhelmleuten und Angehörigen der roten Hundertschaften. Die Polizei hatte den Stahlhelm- leuten eine Feier in geschlossenem Raum gestattet, sie wollten jedoch nach Podelwitz marschieren. Dabei tam es zu den erwähnten Zusammenstößen, die sich b i s i n d , e Räch mit tags stunden fort setzten. Von Leipzig wurde Landespolizei und Sanitätspersonal nach Wiede- ritzsch gesandt. — Im Kreiskrankenhaus St. Jakob wurden elf Schwerverletzte eingeliefert, d-rvon sind