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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Derugspreis beträgt für V2 September 1000 000.- Mt., für Abholer 950000 Mt. / / Anreigenpreis für die einspaltige Detitreile ober deren Raum 30 Mt., Reklamereile 100 Mt. mal Zeitungsanreigenschlüssel des D. D 3. D. b. Zt. 50 000). / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buch- druckerei in Sersfeld. Mitglied des Vereins Deutscher Aeitungs-Verleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Sersfelb. / / Fernsprecher Rr. 8.

Nr. 116

Sonnabend, den 29. September

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1923

Das Wichtigste.

3n Bochum wurde eine Demonstrationsversammtung de K 0 mmunistenvon der Polizei auseinandergetrieben

Die italienische Flotte ist wiederum m den Hafen vor Korfu eingelaufen.

Der Banknotenumlauf der Reichsbank hat sich in de, Berrchts^woche um 2000 Billionen Mark vermehrt.

Wochenrückbttck.

Das über Deutschland hereingebrochene Unheil hat eine Tr^rnngkeit im Volke verbreitet und die Erregung aufs höchste anschwellen lassen, die durch den Aufruf der bayerischen -Regierung an das bayerische Volk und die Ernennung des oberbayerischen Regierungspräsidenten Dr. v. Kahr zum Ge- neralstaatskommissar noch gesteigert wurde. Bayern ist dein Reich mit seiner Ausnahmeverordnung zuvorgekommen, so daß jetzt zwei Vorbeugungsmaßregeln paral­lel laufen, ein Zustand, der Reibungen verursachen könnte, wenn auch die Reichsoberhoheit dadurch, daß dem Reichswehr- Minister Dr. Geßler die Durchführung der auf Grund des Artikels 48 Absatz 2 der Reichsverfassung erlassenen Verord- nung des Reichspräsidenten übertragen wurde, gewahrt er­scheint. Indessen scheinen diese Befürchtungen gegenstandslos zu fein, denn die bayerische Regierung hat durch ihr ener­gisches Eingreifen gegen die Rechtsradikalen erreicht, daß denr Versammlungsverbot Folge geleistet wurde und die p 0 l i - jtif che Hochspannung nachgelassen hat. Zwei Ströme von verschiedener Wasserfärbung vereinigen sich in einem Bett und werden zu einem Gewässer von derselben Farbe, um demselben Ziele zuzustreben. Daß Hitler bei ernenn rzusESnenstoß- mit- Gahv^d e n MWr z-qWWWW, hen würde, bedarf für jeden Kenner der bayerischen Verhältnisse Heines Beweises.

Eine weitere Entspannung auf dem Gebiet der europäi­schen Politik hat sich in dem Konflikt zwischen Ita­lien und Griechenland vollzogen. Anfangs donnerte es an den Pforten der Adria bedenklich, und daß es kein Theaterdonner war, machten die italienischen Forderungen den Griechen klar. Die Botschafterkonferenz tat ihr möglichstes, um den Ausbruch eines Balkankrieges zu verhindern, und die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, der ein sorgfältig vorbereitetes, also sehr schwer im Punkte der Täterschaft nach­weisbares Verbrechen feststellte, verbreitete insofern Auf­klärung, als er den Griechen wenigstens den guten Willen nicht abstreiten konnte. Me Grenzpolizei war so schlecht orga­nisiert, daß man von ihr keine Unterstützung und keine Auf­hellung der Mordtaten verlangen konnte, und so gilt auch hier die Nürnberger Weisheit, daß man keinen hängt, man hätte ihn denn zuvor. Griechenlands Sühnegeld ist Italien zu-w- sprochen worden, und die Italiener haben pünktlich am Abeno des 26. September Korfu geräumt, um die Insel tags darauf den griechischen Behörden zu übergeben.

Bei diesem Handel ist nicht zu vergessen, welche Rolle der Völkerbund dabei gespielt hat. Mitten in einer Tagung begriffen, die sich mit allen möglichen Angelegenheiten, mit der von Frankreich beantragten Auflösung der Abrüstungs- kommission, mit der deutsch-polnischen Frage, mit den Repa­rationen usw. beschäftigte, ereigneten sich die Morde von Ianina. Sofort schlug Mussolini zu, obwohl hier ein Schul- fall vorlag, der vor das Foruni des Völkerbundes gehörte. Wer der selbstbewußte Italiener schob diese Instanz kalt­lächelnd beiseite, er erklärte, das Statut des Völkerbundes träfe auf diesen Zwischenfall nicht, die Besetzung Korfus sei friedlicher Art ungefähr so friedlich wie der Ueberfall auf das Ruhrgebiet und wenn der Bund sich zu dieser Ansicht nicht bekehren wolle, werde Italien aus dem Völkerbund aus­treten. Wenn Italien auch nicht alle seine Forderungen, z. B. in Sachen der Ehrenbezeigungen, erfüllt sah, den Völker- bund hat es glatt in den Sand gestreckt und darf sich dieses Sieges rühmen.

Eine Unstimmigkeit zwischen Deutschland und Sowjetrußland auf finanz-wirtschaftlichem Ge­biet verdient beachtet zu werden. Der Volkskommissar Sokolnikow hat über seine Verhandlungen mit Berlin in Moskau berichtet und Beschwerde geführt, daß Deutschland, obwohl es den Vertrag von Rapallo geschlossen habe, noch an dem Gesetz von 1921 festhalte, das die Einfuhr russischer Zahlungsmittel nach Deutschland verbietet. Auch bemängelt der Kommissar den Versuch, jetzt an deutschen Börsen an­nullierte festverzinsliche russische Papiere einzuführen. Das bezeichnete er als wenig sowjetfreundlich und regt die Frage der Vergeltungsmaßregeln an, z. B. ein Verbot der Einfuhr der deutschen Mark, deutscher Banknoten und Wertpapierre. Ob diese Drohung den Reichsfinanzminister schrecken wird? Den Vergleich mit dem russischen Rubel kann die deutsche Mark noch immer gushalten, und wer bei dem Verbot am

schlechtesten fahren würde, ist nicht Deutschland. Zu allen Finanzelend uns auch noch den Rubel als Zahlungsmittel aufhalsen lassen, das wäre zuviel. Wir haben genug damü zu tun, uns die russischen, unseren Kommunisten zugeschanz. ten Waffenlager vom Halse zu halten. . 'd.

Ruhe in München.

Der Donnerstagabend ist in München überall ruhig verlaufen. Die angesagten Hitler-Versammlungen haben auf Grund des Verbots des Generalstaatskommissars Dr v. Kahr nicht stattgefunden. Wo sich Leute vor den bekanntgegebenen Versammlungslokalen einfanden, wurden sie von der Polizei auf das Verbot aufmerksam gemacht und m L h e l 0 s e n t f e r n t. Zu Z u s a m m e u» stöszen ist es nirgends gekommen. In der Fclling. strafte hielt von einem Fenster des Völkischen Beobach. ters aus Hitler eine kurze Ansprache an die dort angestaute Menge, worin er betonte, daß der Kampf gegen den Internationalismus weitergeführt werde. Später wirkte auch Hitlers Parteifreund Esser be- ruhigend auf die Menge ein und mahnte, bevor die Polizei einschreiten könne, ruhig nach Hause zu gehen. Gegen 10 Uhr hatte sich auch die Fellingstraße wieder geleert.

proiestschreiben Hitlers an Kahr.

Der Führer der Nationalsozialisten, Adolf Hitler, hat in einem Schreiben an den Generalstaatskommissar von Kahr schärf sten Protest gegen das Verbot seiner Versammlungen eingelegt. In längeren Beobachtungen Nimmt derVölkische Beobachter" zu der Entwicklung in Bayern Stellung und meint, Dr. von Kahr habe in ernsten Augenblicken versagt. (!) Bei aller Anerkennung gewisser Staatsmann und völkischen Diktator. Seine Ernennung zum ausführenden Organ der bayerischen Regierung, welche nur ein ausführendes Organ der Bayerischen Volkspartei sei, bedeute einen ersten separatistischen Putschver­such. (I!) Mit seinem Verbot der nationalsozialistischen Versammlungen habe sich Herr von Kahr in Gegensatz zum gesamten deutschen Kampfbund gestellt. Bayern wisse also, wohin die Reise gehe.

Beratungen beim GcneralfiaatsfommUar.

Dr. von Kahr beriet am Donnerstag nachmittag mit den anerkannten Vertretern der bayerischen Wirtschaft sowie der Verwaltungs- und Verkehrsbehörden, um Maßnahmen zur Abstellung von Mißständen vorzubereiten und der Not ent= zegenzuwirken. Die Geladenen stellten sämtlich bem Generalkommissar ihre Mitwirkung zur Verfügung. Beim Empfang einer Vertretung des Bayerischen Beamtenbundes versicherte Minister­präsident Dr. von Knilling, daß alles geschehe, um die aus den besetzten Gebieten Ausgewiesenen zurückzuführen und die Gefangenen zu befreien. Die Vertretung versicherte ihrerseits, daß sie die Regierung in ihren vaterländischen Aufgaben unterstützen werde. .

Oie Milllärbesehwhaber

und die Ziviltommiffare.

Halbamtlich wird bekanntgegeben:

Der Reichswehrminister hat auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten von, 26. September die vollziehende Gewalt auf folgende Militärbefehlshaber über- tragen:

General von Dassel für den Bezirk des Wehr­kreises 1 (Ostpreußen, Nestprovinz Westpreußen),

General von T s ch i ch w i tz für den Bezirk des Wehr­kreises 2 (Pommern, Schleswig-Holstein, Grenzmark West- preußen, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg Strelitz, olden- burgischer Landesteil Eutin, Groß-Hamburg, Lübeck),

General von Horn für den Bezirk des Wehrkreises 3 (Brandenburg. Niederschlesien, Oberschlesien, Grenzmark Posen),

General Müller für den Bezirk des Wehrkeises 4 (Provinz Sofien, ohne R-g.-Bez. Erfurt, Freistaat Sachsen, Anhalt, braunschweigischer Landesteil Lalvörde), _

General R e , n h a r d t für den Bezirk des Wehrkreyes 0 (Hessen-Nassau, Rea.-Bez. Crfurt, Hessen, Thüringen, Wal­deck, Württemberg, Baden), . , .

General von Loßberg fürden Bezirk des Wehr­kreises 6 (Hannover, unbesetztes Westfalen, unbesetztes RIMN- land, Braunschweig, Oldenburg, Bremen, Lippe-Detmold, Schaumburg-Lippe), c ,

General von Lossow für den Bezirk des Wehr- kreises 7 (Bayern).

Im Einvernehmen mit dein Reichsnnmster des Innern hat der Reichswehrminister zu Regierungskommis- s a r e n ernannt: .. , < _ m r

Dr. Siehr, Oberpräsident, für das Gebiet des Aehr- kreises 1,

Hartwig, Mitglied des Landtages, für den Beziri des Wehrkreises 2,

Richter, Polizeipräsident, für den Bezirk des Wehr kreises 3,

Gronowski, Oberpräsident, für den Bezirk des Wehr kreises 6.

Kein Zivilkommissar für Bayern.

In der Verordnung des Reichswehrministers über die Ernennung der mit vollziehender Gewalt ausgestatteten Mi. litärbefehlshaber und der ihnen beigegebenen Zivilkommissar« muß es auffallen, daß für die Wehrkreise 4, 5 und 7 Zivil­kommissare nicht genannt waren. Es scheint, daß zumindest für den Wehrkreis 7 (Bayern) eine solche Ernennung zurzeit auch nicht beabsichtigt ist. Im übrigen wird darauf verwiesen, daß in der Verordnung des Reichsprüsi- denten die Ernennung von Zivilkommissaren nicht eine Muß. Vorschrift ist; es heißt dort lediglich, daß eine solche Ernen­nung stattfinden könne.

Ostpreußens Verfassungstreue.

Die Führer der politischen Parteien in der Provinz Ost­preußen waren für heute zu einer Besprechung der politischen Lage zum Oberpräsidium geladen. Nach eingehenden Dar­legungen des Oberprüsi denten über die gegenwärtige Lage im Reiche und in der Provinz erklärten die anwesenden Ver­treter sämtlicher politischer Parteien, von den Deutsch- nationalen bis zu den Sozialdemokraten i n v 0 l l e r E i n m ü t i g k e i t, daß sie zu ihrem Teile dazu beitragen würden, die Regierung und ihre Bestrebungen zur Erhaltung von Ruhe und Ordnung, zur Siche­rung der Reichseinheit und im Interesse der außenpolitischen Sicherung der Provinz nach jeder Richtung zu unter­stützen.

Der Ätusnahmezustano m wachsen.

Generalleutnant M ü l l e r, auf den die vollziehende Gewalt im Freistaat Sachsen übergegangen ist, hat sofort alle Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel verboten, ferner jede Betätigung, die barauf gerichtet ist, durch Wort, Schrift oder andere Maßnahmen lebenswich­tige Betriebe stillzulegen, untersagt. Der Druck und Vertrieb von politischen Flugblättern und das Er- scheinen neuer Zeitungen und Zeitschriften ist für genehmigungspflichtig erklärt worden. Alle Qhb sammlungen in den noch festzusetzenden militärischen Bann­kreisen und Kasernen und öffentlichen Dienstgebüuden sind untersagt worden. Die erste Wirkung dieses energischen Vor- gehens zeigte sich bereits gestern abend, als im Anschluß an die Beerdigung des vor einigen Tagen erschossenen Erwerbs­losenführers Könnecke sich große Massen auf dem Altmarkt sammelten. In wenigen Augenblicken säuberten Sipo und Reichswehr den Platz und die Straßen. Seitdem .ist Dresden voll stänbig ruhig.

Worauf Frankreich warten will.

Havas veröffentlicht eine Mitteilung, worin es heißt, in offiziellen französischen Kreisen verfolge man natürlich mit Interesse die politischen Ereignisse in Deutschland, na­mentlich in B a y e r n. Jedoch werde keine formelle Meinung ausgesprochen, da die Antagonismen, die sich augenblicklich zeigen, im wesentlichen innerpolitischer Art seien. Der Zu­stand der Erregung erfordere eine Verdoppelung der Wachsamkeit und Vorsicht der alliierten Regierungen angesichts der ganzen Bedeutung der Kundgebung, bie die Einstellung des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet an» kündigt. Bis jetzt fei übrigens noch keinerlei offi­zielle Mitteilung irgendwelcher Art seitens Deutsch­lands ergangen. Die jranzösnche Regierung warte also ab, da sie fest entschlossen sei, Deutschland nach seinen Hand- lungcn zu beurteilen und mit dem Deutschen Reiche erst an dem Tage in Verhandlungen einzuireten, an dem effektiv und dauerhaft in dem besetzten Gebiet das normale Regime m y d e r h e r g e st e l l t sei, das am 11. Januar bestanden habe.

Neuer Vorstoß ins nyßssetz^s Gebi^.

Am Mittwoch abend drangen vier Offziere und 20 fran- zösische Soldaten, von Holzen kommend, ungefähr vier Kilo- meter in das unbesetzte Gebiet und den Stadtteil Schwerte westlich von der Bahnlinie ein, verlangten von best Per-1 fönen auf der Straße Ausweise und mißhandelten eine' Anzahl von Leuten in den W.rtschäften mit GumnnknüppIn und Gewehrkolben. Plötzlich fiele» auch Schüsse. Der 1 ->»i jährige Arbeiter ß ü b n e r wurde getötet, vier andere Arbeiter verletzt. Die Franzosen flüchteten nach! Abgabe der Elch"e.