Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 126
Dienstag den 23. Oktober
1923
Das Wichtigste.
— Rheinische Separatisten haben in Aachen die Rheini. sche Republik ausgerufen.
— Die bayerische Regierung hat die bayeri. schen Teile der Reichswehr in Pflicht genommen,
— Bei den Wahlen in O e st e r r e i ch haben die G r o ß - deutschen beträchtliche Einbuße erlitten.
Sonderbündler.
. Deutschland hat schon andere Republiken Überständer, wie die eben in Aachen aufgemachte; sie waren Eintagsfliegen, die am Morgen schwärmten und am Abend verschwunden waren. Der deutsche Einheitsgedanke, der Traum deutscher Jahrhunderte, der 1871 in Erfüllung ging, ist deshalb so unbezwinglich geworden, weil er vornehmlich eine wirtschaftliche Grundlage für alle Stämme schaffte, nachdem mit dem Norddeutschen Bund die Probe auf das Exempel gemacht war: Sie Bekömmlichkeit dieses Versuches für die Staaten nördlich der Mainlinie reizte zur Nachahmung, und das rege Nationalbewußtsein tat ein übriges, um die Einigung aller Deutschen zu vollenden in den Formen, die ein Bismarck hellseherisch dem Reich unter Schonung der verschiedenen Stammeseigentümlichkeiten gab. Die Weimarer Verfassung ging auf Einschränkung dieses Förderalismus aus und eckte verschiedentlich damit an, namentlich in dem Punkte, wo für die Einzelverwaltungen ein Anprall am empfindlichsten wirkt, bei der Finanz- und Iustizhoheit der Länder. Sie wehrten sich ihrer Haut. Gut, ein Ausgleich war bald geschafft, ohne daß die Reichstreue irgendwie in Zweifel aezogen werden konnte.
Was jetzt in Aachen mit der Ausrufung einer rheinischen Republik geschehen ist, mutet wie ein Narrenstreich an, und doch hat man sich gegenwärtig zu halten, wie gefährlich in ■ Narrenhänden die vollziehende Gewalt werden kann, sobald vie Wirrinye rvcachl pcy Die Moste Der Neutralität vorbindet. Hat doch der belgische Oberkommissar Kolin-Iacquemins erklärt, einer vollzogenenen Tatsache gegenüber neutral bleiben zu wollen und er nur die Urheber der Proklamation dieser Re- publik für die öffentliche Ordnung verantwortlich mache. Damit begeht er einen Denkfehler; er selber ist für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich und hat die Pflicht, nachdem sie durch die „vollzogene Tatsache" gestört worden ist, gegen die Unruhestifter einzuschreiten. Der Rechtsbruch, vollzogen durch landfremdes Gesinde!, unter Ari- führung eines als Sonderbündler bekannten Kaufmanns, ist so herausfordernd, daß die R h e i n l a n d k o mm if si o n sofort dazu Stellung nahmen muß, zumal da die Reichsregierung, im besetzten Gebiete aller Exekutive entblößt, lediglich auf Proteste angewiesen ist. Wird in dieser Weise von gewalttätigen, an sich herzlich unbedeutenden Minderheiten in andern Städten des Rheinlandes fortgefahren, um vollendete Tatsachen zu schaffen, so könnten dort einer waffenlosen Ein- wohnerschaft lauter Zwergrepubliken aufgehalst werden von Revolutionären, die nicht den geringsten Rechtstitel für ihr Vorgehen besitzen und auf Ablösung der Rheinlande vom Reich ausgehen. Da wir uns der Vertrauensseligkeit entwöhnt haben und die englische Diplomatie keiner Entschluß- kraft fähig halten, müssen wir unsere Hoffnung auf den gesunden Sinn der Bevölkerung setzen. Sie hat es in der Hand, mit allen Mitteln, mit Steuerverweigerung, Generalstreik, Einstellung von Lebensmittelzufuhren und dergl. die Aufrührer zu Paaren zu treiben, wenn die Rheinland-Kommission versagen sollte und die Schutzpolizei nicht nötigt, ihres Amtes zu walten. In Aachen hat diese Polizeitruppe mit dem Gewehr bei Fuß dem Unfug zugesehen, eine befremdliche Erscheinung, die auf eine Verschwörung hindeutet. Augen- scheinlich hielten die Drahtzieher der Bewegung mit dem Ausbruch des bayerischen und sächsischen Konflikts den Zeitpunkt für gekommen, dem Reichsbestande den Fangstoß zu geben. Darin dürsten sie sich geirrt haben.
Während in Sachsen sich das Gewitter mit einigen kalten Schlägen zu verzichen scheint, ist man in Berlin und München daran gegangen, einigende Momente hervorzusu- chen. Wir haben zu unterscheiden zwischen der Haltung der Regierungen und der Presse, besonders der sozialdemokratischen, demokratischen und kommunistischen, besonders der letzteren, die in ihrer „Roten Fahne", kaum, daß ihr wieder das Erscheinen gestattet ist, nach „Waffen in die Hände der Arbeiterschaft" ruft, um den Streit mit Bayern blutig aus- zutragen. Davon kann angesichts der Haltung der Reichs- regierung nicht die Rede sein. Die bayerische Regierung hat zwar den Generalleutnant von L o s s o w mit der Weiter- sührung der bayerischen Division beauftragt und damit auf das durch die Weimarer Verfassung aufgehobene bayerische Reservatrecht zurückgegriffen, aber sie hat auch einstweilen davon Abstand genommen, die in Bayern stehenden Reichs- wehrtruppen auf Bayern zu vereidigen, wie sie »ursprünglich geplant hatte. Das ist ein Entgegenkommen, da« einstweilen einem Bruche vorbeugt. Auf der andern Seite wird man erkannt haben, welche Bewandtnis es mit dem Meutern des Generals hat. Herr von Lossow wollte seinen Abschied nehmen, aber die bayerische Regierung verwehrte es ihm und ernannte ihn zum Landeskommandanten, womit er in einen Konflikt der Pflichten gegen das Reich und Bayern hineingetrieben wurde. Viel schlimmer wstre es gewesen, wenn die bayerische Eigenliebe, durch die Aufzwingung der Abschied« perücht, sich
zu offenem Widerstand gegen die Reichsregierung hätte hin. rerßen lassen. Das war die politische Seite der Angelegen. Heit, die außerdem durch den Befehl des Chefs der Heeresleitung, (der von der Vereidigung der bayerischen 7. Division als von einer vollendeten Tatsache ausgeht), dem dem Reich geleisteten Eid treu zu bleiben, eine gefährliche Zuspitzung erfahren hatte. Einstweilen sieht man in Berlin den General Kreß von Kressenstein als Nachfolger des Generals von Lossow an und ist bemüht, die militärische Disziplinarstage in den Vordergrund zu schieben, die letzten Endes als Personalfrage nebensächlich erscheint, wenn durch eine das bayerische Selbst- bewußtsein empfindlich berührende Entscheidung eine dauernde Mirargerung Bayerns entsteht. Daß diese in gewissem Grade schon letzt vorhanden ist und geschübt wird durch Drohungen einer unverantwortlichen Presse, dürfte niemand verborgen geblieben sein. War doch unlängst zu lesen, Bayern müsse vom Reich abgesperrt und wirtschaftlich auf die Knie gedrückt werden! Ane bedauerliche Verkennung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse. Nicht Bayern bedroht'den Bestand Deutschlands, sondern die kommunistische Wühlarbeit, wie sie in Sachsen seit Jahren gang und gäbe ist. Der bolschewistische Zug in der sächsischen Regierungspolitik ist unverkennbar; trotzdem tadelt die sozialdemokratische Presse das Eingreifen der Reichswehr in Sachsen und erklärt es für ein Mittel, sich dort „so unbeliebt zu machen wie nur möglich". .Auch leugnet der Vorwärts die Gefährlichkeit der Unruhen in den sächsischen Industriestädten, was sich bei einem Regierungsorgan besonders merkwürdig ausnimmt, da durch amtliche Erklärungen mit dieser Gefährlichkeit die Herbeiholung der Reichswehr gerechtfertigt wurde. Sachsen ist noch immer das liebe Kmd, Bayern der schwarze Mann, obschon es dem Reiche in Treue anhängt. Hoffentlich löst sich der jüngste Konflikt zur Zufriedenheit beider Teil auf und wendet die Blicke auf den Westen, wo augenblicklich der Feind zu neuen Schlügen rusholt. p.
Ausrufung der Rheinischen Aevublik in NachM.
Aus Aachen wird gemeldet: In der Nacht z,im Sonn- tag haben bewaffnete Sonderbündler, deren Zahl auf 2000 geschätzt wird, überraschend die öffentlichen Gebäude, vor allem Rathaus, Post und Negierungsgebäude besetzt. Die Sonderbündler versuchen, mit den Behörden in Verhandlungen einzutreten.
Im einzelnen verlautet über den Putsch: Abends zwischen 5 und 6.^ Ühr tauchten in den Straßen fremde, frag- vürdtge Elemente auf, die sämtliche öffentlichen Ge- -äud« besetzten, so die Post, die Polizei, das Regierungs- ßebäube, das Landratsamt. Sonntag früh sahen die Bewohner auf dem Rathaus, dem Negierungsgebäude, der Post and der Reichsbank
die grünweißrote Flagge
der sogenannten Rheinischen Republik wehen. Die Polizei, die am Vormittag noch auf den Straßen zu sehen war, zog sich später zurück. An ihrer Stelle standen zahlreicheLeute mit Armbinden an den Hauptpunkten der inneren ötadt, die den Zugang zur Regierung und Post verwehrten. Belgische Panzerautos sah man durch die Straßen fahren. Sämtliche Restaurants waren den Tag über ge- 'chlosserr. Ueberall sind Plakate folgenden Inhalts angeschlagen:
Rheinländer! Die Rhei n i s ch e Rep ub li k ist d a. Jeder Widerstand wird unnachsichtlich unterdrückt.
' Plünderer und Ruhestörer werden strengstens bestraft. Wir werden für L e b e n s m i t t e l und Arbeit sorgen. Darum wahret Ruhe und Ordnung!
Die Bevölkerung sammelt sich vor den Plakaten und geht dann ruhig ihres Weges. Von irgendeiner Wirkung aus die Öffentlichkeit ist bisher nichts zu bemerken.
Der belgische Oberkommissar
für die besetzten Gebiete Kolin-Faegumnns erklärte den Anführern der Bewegung, daß er neuste! z u bleiben beabsichtige, und daß er, da er sich einer vollzogenen Tatsache gegenüberbefinde. die Urheber der Proklamation der Rheinischen Republik als für die öffentliche Ordnung verantwortlich ansehe.
Die Führer der Putschisten.
Nach den vorliegenden Meldungen rührt die in der belgischen Zone ausgebrochene Bewegung weder von der Gruppe Dorten, noch von der Gruppe Smeets, noch von der Gruppe Matthes, des Führers der rheinischen Separatistenpartei „Freies Rheinland", her. An der Spitze der Bewegung befindet sich vielmehr der in Separatistenkreisen bekannte Aachener Kaufmann Beckers, der früher der Gruppe Dorten und auch der Gruppe Smeets angehorke. sich aber von diesen trennte. Es ist nichts Genaues darüber be- kannt, ob er sich der Gruppe Matthes genähert hat oder notiert handelt.
Der Putsch in Mainz vereitei.
Die Agentur Havas verbreitet folgende Meldung aus Mainz: Separatisten drangen um 4 Uhr 30 Min in die Stadt ein. Sie wurden mit Schüssen emp
fangen und zogen sich zurück, um weitere Befehle abzuwarten. — Auch in Jülich ist ein Versuch der Separatisten, die rheinische Republik auszurufen, am Widerstand der Behörden gescheitert, die Sonderbündler sind »»verrichteter Sache wieder abgezogen. — Nach Weiteren vorliegenden Meldungen ist der Putsch vollständig auf Aachen beschränkt geblieben. ,
Verschärfung des
bayerischen Konflikts.
Die bayerische Staatsregierung hat am Sonnabend einen Aufruf erlassen, in dem mitgeteilt wird, daß sie im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Rnhe und Ordnung in Bayern und zur Wahrung der bayerischen Belange bis zur Wieder- Herstellung des Einvernehmens zwischen Bayern und dem Reich den bayerischen Teil der Reichswehr ihrerseits als Treuhänders» des beut schen Volkes i n Pflicht genommen, den General von Lossow als bayerischen Landeskom- Mandanten eingesetzt und mit der Wetterführung der bayerischen Division beauftragt hat.
Bruch der Reichsverfaffung.
Halbamtlich wurde dazu am Sonntag früh in Berlin mitgeteilt:
„Die neueste Maßnahme der bayerischen Regierung stellt zweifellos einen glatten Bruch der R c i ch s v e r f a s s u n g dar. Es ist tief bedauerlich, dass eine verantwortliche deutsche Landesregierung in einer Zeit s ch w e r st e r a u ß e n» der wünsche und Sonderinteressen gegenüber der Gesamtheit des Reiches durchsetze» zu sollen glaubt, und damit den, Reich und der Reichsregierung die Zusammenfassung aller Kräfte gegen den von außen kommenden Zerstörungswillen außerordentlich er- ■ schwerst."
Die Reichsregierung hat weiter einen Aufruf erlassen, In dem es u. a. heißt:
„Es ist unerhört, wenn in der Zeit, in der die Reichs- cegierung die Kräfte des ganzen Volkes braucht zur Erhaltung des Deutschtums gegen den französischen Ver- nichtungswillen, der Generalstabskommis- lar glaubt, die Brandfackel der Zwietracht in das deutsche B o l k dadurch hineinwerfen zu können, daß er davon spricht, es handle sich letzten Endes um die Frage: Hie deutsch oder uichtdeutsch. Im Kampfe um die Erhaltung der Reichseinheit fordern wir alle Deutschen ruf, den Erregern der Zwietracht entgegenzu- treten im Kampfe für das einzige, was uns gegenüber der uns angedrohten Vernichtung des deutschen Volkes geblieben ist, für das Deutsche Reich und für die deutsche E i n h e i t."
Auch der Chef der Heeresleitung, General von Seeckt, wendet sich in einem Aufruf an das Reichsheer bzw. die bayerischen Truppen. Er sagt darin' „Wer der Anordnung der bayerischen Regierung entspricht, bricht seinen dem Reich geleisteten Eid und macht sich des militärischen Ü n g e h o r s a m s schuldig. Ich for- dere die 7. (bayerische) D ision des Reichsheeres hierdurch feierlich auf, ihrem dem Reich geleisteten Eid treu zu bleiben und sich den Befehlen ihres höchsten militärischen Befehlshabers bedingungslos zu fügen. Der Reichstreue aller anderen Teile des Heeres holte ich mich heute und stets für versichert. ,
Die bayerische Regierung hat die Verbreitung dieser beiden Kundgebungen in Bayern verboten, die des Herrn von Seeckt allerdings später wieder zum Abdruck sreigcgeben. Der Aufruf der Reichsregierung ist verbeten geblieben.
Entspann una?
Wolfs Telsgraphenbureau teilte am Montag früh mit:
Die durch das bayerische Vorgehen geschaffene Lage hat eine entschiede ne Entspannung erfahren. Ane Neuvereidigung der Trüvpen der 7. (bayerischen -Division hat nicht stattgefunden und ist nicht geplant Dem Vernehmen nach wird beabsichtigt, die verschiedenen, in letzter Ze't zutage getretenen gegensätzlichen Aufsagungen zwgchen dem Reich und Bayern z u m G e g e n st a n d d e r E r o r t e - r u n g i n einer Sitzung des R e i dj s r n t e s zu machen, um einen den Interessen des Reichs, Bayerns und der übrigen Länder gerecht werdenden Ausgleich zu ermöglichen.
Ols D '.pp'n tro^ em au? Bayern verpflichtet!
Die vorstehend- Jnkcrmatlon des amtlichen Nach- rßcht-nburraus scheint nicht ganz den Tatsachen zu entsprechen, denn »"ach Meldungen der Telegraphen-Union ist die Verpflichtung der Truppen auf Bayer, bereits erfolgt.