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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag. Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt für 1. Hälfte November 5 Milliarden Mk., für Abholer 4,9 Milliarden Mk. / / Anreigen preis für die einspaltige Vetifteile ober deren Raum 30 Mk., Reklamereile 100 Mt. mal der am Zahlungstag gültigen Anreigenschlüffebahl des B. D I. D. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funk« Buchdruckerei in Sersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Verleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franr Funk in LerSfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 133

Donnerstag den S. November

1923

Das Wichtigste.

Die sächsische Regierung hat wegen der gegen dir Regierung Zeigner angewandten Reichsexekution die Entscheidung des Etaatsgerichtshofes angerufen.

In Thüringen werden die proletarischen Hundertschaften durch die Reichswehr aufgelöst.

Im Ruhrgebiet verschärft sich die Wir tsch afts - not immer mehr. Auf einer Zeche sind blutige Aus- schreitungen vorgefallen.

Die bulgarische Regierung hat dg» jugoslawische Ultimatum angenommen. - i

Die Lebensretter."

' Von vr. C. Mühling.

Die vor Jahresfrist vom Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten Amerikas mit so großem Ernst ausgestellte Forderung, daß die Leistungsfähigkeit Deutschlands von einer aus unparteiischen Sachverständigen bestehenden Kommission geprüft werden sollte, weil ohne eine solche Prüfung und eine auf ihr beruhende endgültige Feststellung der deutschen Reparationszahlungen die Wirtschaft von ganz Europa zu­grunde gehen und die der Vereinigten Staaten schweren Scha­ben leiden würde, hat wohl in England, in Deutschland und in Italien zustimmenden Widerhall gefunden, ist aber in Frankreich entschieden abgelehnt worden. Und da Deutsch- land auf die Entschlüsse der Verbündeten nicht den geringsten Einfluß hat, England und Italien aber die Aufrechterhaltung der für den Krieg geschlossenen Bündnisse allen anderen In­teressen überordneten, ist der Borschlag des amerikanischen Staatsmannes ohne jede praktische Wirkung ge-

Nachdem nun der große Friedensstörer Europas durch die Ruhrbesetzung den wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutsch, lands herbeigeführt hat und seine politische Vernichtung vor­bereitet, also dicht vor dem Ziele seiner Politik steht, hat England in letzter Stunde im Bewußtsein der Ge­fahr, mit der es der französische Militarismus bedroht, den Gedanken Hughes noch einmal aufgegriffen und seine Ver­bündeten in einer sehr eindringlichen Note aufgefordert, diese Sachverständigenkommission nun endlich einzuberufen. Vorher hatte sich Lord Curzon vergewissert, daß die Vereinigten Staaten auchheutenoch bereit seien, sich an einer solchen Konferenz zu beteiligen. Die Antwort, die ihm von Amerika zuteil wurde, war so vorsichtig gefaßt, kam den vorauszusehen- den französischen Bedenken so weit entgegen, daß selbst die Leute in England, die den Versicherungen Poincarss keinen Glauben schenken, und die Ziele seiner deutschen Politik durch­schauen, der Ansicht waren, daß Frankreich den Vorschlag Englands mit den von den Vereinigten Staaten gemachten Vorbehalten annehmen würde. Denn diese Vorbehalte sicher­ten Frankreich vor der Gefahr, durch die Beschlüsse der Sach­verständigenkonferenz zum Verzicht auf irgendeine feiner Forderungen gezwungen zu werden, weil diese Beschlüsse nur den Charakter von Ratschlägen haben sollten, sie sicherten Frankreich auch gegen jede will­kürliche Herabsetzung der deutschen Schuld und gegen jeden Erlaß der nochmals ausdrücklich anerkannten Verpflichtung. Die Sachverständigen sollten nur die Aufgabe haben, d i e Grenze für die Erfüllbarkeit dieser Verpflichtun­gen festzustellen. Auch dem Wunsche, daß, wie es der Vertrag von Versailles vorschreibt, dieReparationskommission dieSach- verständigen berufen sollte, war in der amerikanischen Antwort Rechnung getragen. Trotzdem auf die französischen An­sprüche also die zarteste Rücksicht genommen worden war, hat Frankreich, wenn es auch diesmal die Prüfung der deutschen Leistungsfähigkeit nicht grundsätzlich ablehnt, durch eine von ihm aufgestellte Forderung die Erreichung des Ziels, das Eng- land und die Vereinigten Staaten bei Einberufung der Sach- verständigenkonferenz im Auge haben, nämlich die endliche Beruhigung Europas, unmöglich g e m a ch t. Es hat nämlich verlangt, daß die Sachverständigen nur die augenblickliche Leistungsfähigkeit Deutschlands feststellen, und daß die Versklavung der besetzten Gebiete fort- dauert, bis die deutsche Schuld getilgt ist. Miteinander ver- bunden, bedeuten diese beiden Forderungen nichts anderes alsdieVerewigungderBesetzungdesRuhr- gebietes.

Die Sachverständige -mission würde, wenn sie unter der Herrschaft dieser französischen Forderungen verhandelte, -nur zu einer nutzlosen Vergeudung von Zeit und Arbeit ge­zwungen werden. Es ist liegreiflich, daß sich kein ernster amerikanischer Staatsmann bereitfinden lassen wird, sich an einem so aussichtslosen Unternehmen zu beteiligen, und daß auch in England Stimmen laut werden, die der Regierung -raten, ihren Vorschlag lieber zuruazuz.ehen, als ihn durch den Mann und das Volk, das sie Beruhigung

Europas offenbar nicht will, sinnlos machen zn lassen.

Es gibt freilich auch Leute in England, die eine Sach. verständigenkonferenz, die unter den Vorbehalten Frank- reichs berät, immer noch für besser hält als gar keine, weil, wenn auch nur die augenblickliche Leistungsfähig­keit Deutschlands festgestellt wird, der vollkommene wirtschaft- liche Zusammenbruch Deutschlands wenigstens durch ein M o- ratorium, das nicht einstimmig beschlossen zu werden braucht, vertagt werden kann und während dieser Vertagung Umstände eintreten können, die eine Aenderung der frauzö- fischen Politik herbeiführen.

Dafür, daß die Bemühungen Englands, die vollkommene wirtschaftliche Vernichtung und politische Zerstückelung Deutschlands zu verhindern, nicht in uns Deutschen den Glauben erwecken, daß irgendein freundliches Gefühl gegen uns über den im Kriege großgezogenen Haß zu siegen be­ginnt, hat die englische Regierung zur größten Genugtuung Frankreichs in diesen Tagen gesorgt. Sie hat nämlich, als sie.durch die Presse erfuhr, daß der deutsche Krön- prinz den dringenden Wunsch habe, in seine Heimat, zu seiner Frau und zu seinen Kindern zurückzukehren, durch ihren Botschafter in Paris die französische Regierung auf- gefordert, von der holländischen Regierung die Verhinderung der Rückkehr des Kronprinzen zu verlangen. Dieser Schritt läßt sich nur dadurch erklären, daß man in London auch heute noch, wie einst Lloyd George in seiner berühmten Knock- out-Rede, die Deutschen nicht zu denMenschen" rechnet und deshalb glaubt, daß sie auch nicht wie Menschen behandelt yu werden brauche::. Wir wissen also, daß Englands Vor­schlag zur Prüfung der deutschen Leistungsfähigkeit durch Sachverständige ausschließlich selbstsüchtige Beweggründe hat.

Das muß uns aber bei unserer Machtlosigkeit gleichgültig sein. Wenn jemand am Ertrinken ist, so wird er sich nicht darum kümmern, ob der, der ihn: ein Rettungsseil zuwirft, E.xrrww*»*** wünscht, ein schweres und qualvolles Leben bleibt. Er wird zunächst einmal sein Leben zu erhalten suchen und es der Zukunft überlasten, wie es sich gestaltet.

Verhandlungen über eine

rein büraerüche Regierung.

Im Reichstag haben im Laufe des Dienstags Verhand- lungen der bürgerlichen Fraktionen, über die Frage der Bildung einer rein bürgerlichen Regierung stattgefunden. Angeregt wurden diese Besprechungen durch die Unterredung, die der Führer der Deutschnationalen, Ab­geordneter H e r g t, wie bereits gemeldet, mittags mit dem Reichskanzler hatte. In dieser Besprechung wurden die Grund- lagen einer Zusammenarbeit der bürgerlichen Fraktion der Arbeitsgemeinschaft mit der deutschnationalen Fraktion er­örtert, ohne daß ein positives Resultat erstell wurde.

Eine selbstverständliche Voraussetzung der Deutschnatrona- len für die Bildung einer bürgerlichen Regierung ist d:e AuflösungderGroßen Koalition in Preußen. Die D e m o k r a t e n verhalten sich aber ablehnend, weil sie eine ungünstige Einwirkung auf die auswärtige Politik und auf die Verhältnisse im Rheinland bei einem Eintritt der Deutschnationalen in die Regierung befürchten.

Bezeichnend ist das im Reichstag verbreitete Gerücht, daß eventuell der deutsche B o t s ch n f t e r i n W a sh t n g- ton Kanzler einer b ü r g e r 11 ch e n K o a l i t i o n werden könnte. Die deutschnationale Fraktion wird, wenn der Reichstag zusammentreien sollte, einen Antrag einbringen, wonach eine Aenderung der Weimarer Verfassung durch einen R e i ch s t a g s a u s s ch u ß o n 28, M ' tglied e r n be­raten werden soll, um die Schrmengkenen des^Verhältnisses

Die Pressestelle der Deutschmt.. alen Volkspartei verbreitet folgende Erklärung:Der Abg. Herzt hatre mit Herrn l)r. Stresemann eine persönliche Unterredung, die nur t n formatorischen Charakter hatte und streng vertrau- lich war. Abg. Hergt hatte dabei Gelegenheit, das bereits seit längerer Zeit" vollständig f e r t i g g e st e l I t e P r o qramm der Deutsch nationalen Volkspart ei für die Bildung einer neuen Reg: e r u n g dar- zuleqen. Dieses Programm hat auch bereits das Einverständ­nis weitester Kreise der Wirtschaft und der nationalen Be­wegung gefunden, so daß die neu zu bildendeRegierung .-es Vertrauens" mit Recht diesen Namen tragen wurde. Oz- f i z i e l l ist von keiner Seite an die Deutschnationale Volks­partei herangetreten worden."

M« SiQhüisieruna Nr Mark

Die Frage der Feststellung eines bestimmten Wertverhalt- nistes zwischen der Papier mark und einem festen Zahl u h & wette ist bis jetzt nod) u i ch t e n t! ch i e d e Das Reichskabinett hat sich Mittwoch nad) mittag mit dwiew Problem erneut beschäftigt.

Es wird in parlamentarischen Kreisen bezweifelt, ob ein Beschluß in dem Sinne zustande kommt, daß diese Relation festgelegt wird. Möglicherweise werden angesichts der Schwierigkeiten dieses Gegenstandes noch andere Wege für die Stabilisierung der Mark in Erwägung ge- zogen. Der Reichsfinanzminister hat sich mit zahlreichen Sachverständigen in Verbindung gesetzt und güt ihnen diese Frage eingehend erörtert.

Vor -er Katastrophe im Ruhrgröiei.

Blutig» Zusamchenstöß» in Kray.

Trotz des Festhaltens der amtlichen Devisenkurse spitzt sich die Wirtschaftslage im Ruhrgebiet von Tag zu Tag in steigendem Maße zu. Die Teuerung schreitet gewaltig vorwärts, weil einzelne Geschäfte dazu über- gegangen sind, die Grundpreise statt des Multiplikators heraufzusetzen. Die Preise stehen zu den Einnahmen der grossen Massen in gar keinem Verhältnis. Die grosse Menge der Bvölkerung ist auf di Erwerbslosensiirsorge angewiesen. Aus diesen Anlässen sind denn auch auf der Zeche V o n i s a z i u s in Kray dre ersten schweren

Z u s a m m e n st ü ü e erfolgt, wobei e l n Bergmann von der Polizei getötet, 80 bis 85 Leute verwundet und ferner ein Polizeibeamter und mehrere Betriebsbeamte schwer verletzt wurden.

Im einzelnen wird über die beklagenswerten Vorgänge puf der Zeche Bonifazius noch berichtet:

Die Belegschaften hatten Dienstag nachmittag eine er- -regte Demonstration vor dem Gebäude der Betriebsleitung veranstaltet, weil die ausgezahlten Erwerbslofengelder zu niedrig waren. Die Verwaltung konnte den Leuten aller­dings erklären, daß sie nur die" Vermittlerin sei und ihre Aufgabe nur darin bestehe, die von der Erwerbslofenfürforge überwiesenen Gelder auszuzahlen. Die Demonstration zog sich noch drei Stunden hin und führte dazu, daß der Betriebs- sichrer mißhandelt wurde, während der Betriebsin- f p c t tot als :N etf e W^iWj^.wii^^

n i ch t fre i ge g eb e n warben. vchuMM vnnrrdl'n anderer Ausweg, als die Polizei herbeizuholen, die von der Waffe Gebrauch machen mußte. Es kam dabei zu den angegebenen bedauerlichen Verlusten. Die Zeche Bonifazius war feit sieben Monaten von den Franzosen besetzt. In den letzten 14 Tagen hatten die Leute in der Spitze ca. 280 Mll- arben Mark ausge^qhlt bekbmmen, während heute ein Pfund Schmalz im Ruhrgebiet 200 Milliarden Mark kostet.

Der Aufmarsch an der sächsischen Grenze.

Nach einer Besichtigung der Grenzpostierung entwirft der Berichterstatter desBerliner Lokal-Anzeigers" folgendes Bild von den nach ihrer Angabe als Verstärkung für die bayerische Landespolizei aufmarschierten Verbänden:

Die st ä r k st e und leitende G r u p p e ist der Bund Wicking, der vielfach Mitglieder der ehe­maligen Ehrhardt-Brigade enthält. Ihm ist das sogenannte Iungdo-Regiment unterstellt, während der Bund Bayern und Reich nur in beschränktem Umfange ver­treten ist. Am besten sind die Wickinger bewaffnet, die auch körperlich das tüchtigste Material darstellen und A n zeichen von Kriegser fahl:ung und Mannes» z u ch t an den Tag legen. Wenn auch schon die vorhandene Bewaffnung und chlusrüstung alle Bormarschabsichten aus- schließt, darf doch behauptet werden, daß von den Wickingern, die ich auf etwa 4000 Mann schätze, ein wirksamer Gre nz s ch u tz" ausgestellt werden kann. Bemerkenswert, wenn auch nach der ganzen Lage der Dinge selbstverständ­lich, ist die Tatsache, daß die Nothelfer durch die baye- rische Regierung gelöhnt und verpflegt wer- den. Im Augenblick kursieren hier in Koburg alarmierende Gerüchte über eine Spannung der Situation durch den Vor- marsch der Reichswehr bei Eisfeld. Ich hatte Gelegenheit, mit einem der jüngeren-Führer des Bundes Wicking zu spre­chen.Wir flehen treu zu unserem Baterlande und g e horchen der bayerisch e n Landesregierung, zu der wir v o l l e s B c r t r a u e n haben," sagte er mir.Alles, was wir in Zuluft tun oder lassen werden, wird von der Entschließung der bayerischen Regierung abhängen. Daß Reichswehr neuen uns marschiert, um uns in unseren Grenz- Positionen anzugMen, halten wir für völlig aUsge- schlössen. Die Reichswehr muß sich darüber im klaren sein, daß wir Reifst von ihrem Fleisch sind und daß die gleiche Liebe zu' unserem armen, gequälten Vaterland uns alle beseelt."

Was Boxern will.

Die München sburger Abendzeitung veröffentlicht eine Uni .düng ich Berliner Vertreters mit dem baye­rischen Gesandten Dr. von Preger, der auf die Frage: Was will Bayern'?" erwiderte:'Jedenfalls keinen Krieg gege» das Deutsche Reich. Denn diese Groteske ist nur in solchen Köpfen am . Gb Bayerns verbreitet, die von einer geradezu phantastischen Unkenntnis erfüllt finu Wir wollen keine Separation, wir sind und bleiben Deutsche und im Un glück nun erst recht. Was wir