Hers felder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld
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Nr. 141 Dienstag den 27. November 1923
Glossen zur Krisis.
Eine aufregende Woche liegt hinter uns und die neue lasst sich ruhiger an. Jedenfalls kann man nicht von dem Strudel sich überstürzender Ereignisse reden, denn die Suche nach einem Nachfolger für Stresemann erinnert einigermaßen an den Versuch, eine Stecknadel aus einem Heuhaufen herauszufinden. Vollzöge sich die Entwicklung geradlinig, dann wäre jetzt eine deutschnationale an der Reihe, um als achter Reichskanzler nach dem 9. November die Reichsgeschäfte zu leiten. Auf drei pon der Sozialdemokratie gestellte Kanzler folgten zwei aus dem Zentrum, um den Platz dem parteifarblosen, allerdings rechts gerichteten Cuno den Platz zu räumen, bis er von dem Volksparteiler Stresemann abgelöst wurde. Indessen scheint der Reichspräsident zunächst nicht geneigt, einem Mitglied der Rechten das Staatsruder anzuver« trauen. Seine Wahl fiel zunächst auf Herrn von Kardorfs. Das war mehr ein Stimmungsanzeichen als ein Stim - mungsfühlernachrechts, denn wie man dort die Kandidatur Kardorff aufnehmen würde, mußte Herrn Ebert klar sein, und der Kandidat überzeugte sich selbst rasch von der Aussichtslosigkeit als Vertreter der mittleren Linie, mit seinen ehemaligen Parteigenossen zu einer Verständigung zu gelangen. Nach diesem Fehlschlag wurde es mit dem ehemaligen Cunoschen Reichsschatzminister Albert versucht, der später auch als Reichsminister für den Wiederaufbau gewirkt hatte. Seine Ernennung zum Reichskanzler wäre ein Umgießen des Stresemannschen Materials in eine neue Form. Die Ministerliste, die über die von Albert angeblich geplante Kabinettsbildung um- läuft, enthält nahezu dieselben Namen wie unter Stresemann, und da die alten Minister nicht'wie Krebse aus ihrer früheren Schale herauskommen sühnen, bliebe die Politik des neuen Kabinetts dieselbe. Es wäre ja denkbar, eine ^egi-rung ^ fedj&mui^ die in politischer Beziehung ein unbeschriebenes Papier sind, aber aufdenRichtunggebendenMann kommt es an, über dessen Zielbewußtsein kein Zweifel besteht, einen Mann mit der starken Hand. Der Ruf nach ihm übertönt längst alles Parteigezänk, nur trägt er nicht den Namen Albert. Er muh gestützt sein durch den Willen eines nach Erlösung aus dem gegenwärtigen Elend lechzenden Volkes, das weder von einer großen noch einer kleinen Koalition etwas wissen will, sondern sich in einer überlangen, an Enttäuschungen reichen Parlamentsperiode auf sich selbst zu besinnen und aus sich heraus neu aus seinem Innern heraus zu bilden beginnt. Parteien, die von dieser Erneuerung nicht erfaßt sind, haben ihre Existenzberechtigung perwirkt.
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Was alle nicht davon Betroffenen gerne hören, heißt Crsparungen. In verschiedenen Reichstagsausschüssen ist zur Sprache gekommen, ob nicht die wörtliche Aufnahme der Reden im Reichstag eingestellt werden soll. Gemeint ist damit die stenographische amtliche Berichterstattung. In der Tat würde mit dieser Einschränkung eine erhebliche Kostenersparnis verbunden sein. Sehr viele Reden, besonders die der Kommunisten, die ihre Redezeit bis zur letzten Minute ausnutzen, werden vor leeren Bänken gehalten; kaum ein Dutzend Abgeordnete bleiben als Beobachtungsposten im Saal, und wenn die übrigen nicht zuhören wollen, selbst die kommunistische Presse nicht imstande ist, die Ausführungen ihrer Genossen im Wortlaut zu verbreiten, warum sollen Billionen auf Billionen Mark ins Wasser geworfen werden. Liegt einen Partei daran, bedeutsame Erklärungen in ihrer Presse veröffentlicht zu sehen, so wird sie Mittel und Wege dazu finden. Preßfreiheit und Redefreiheit werden durch die vorgeschlagene Einschränkung der Drucklegung nicht geschädigt, wohl aber dürfte mancher die Lust verlieren, sich in Salbadereien zu ergehen, wenn davon amtlich keine Notiz genommen wird und sie als „unerhörter" Ausdruck uferlosen Schwatzbedürfnisses nicht einmal im Papierkorb Platz finden. Daß derartige Vorschläge überhaupt eingehender Beratung gewürdigt werden in der Zeit einer Parlamentskrisis liefert den Beweis, wie weit sich das hohe Haus selber heruntergewirtschaftet hat. Ersparnis hin, Ersparnis her, in diesem Falle ist sie ein Tropfen auf den heißen Stein verglichen mit den Ausgaben für den ganzen Parlamentsbetrieb. Es Würde genügen, wenn jedem Abgeordneten Diäten nurMwilligt würden während der wirklichen Parlamentsverhandlungen einschließlich der Reisetage. Alles übrige müßte gestrichen werden. Nur wenn der Ochse drischt, soll ihm nach dem Bibelwort, das einmal im alten Reichstag zitiert wurde, das Maul nicht verbunden werden. Wird sich dafür eine Mehrheit erzielen lassen? Selbstverleugnung ist eine Tugend, durch Seltenheit ausgezeichnet, aber es wäre
schön, wollten die als Wächter über die Staatsfinanzen Bestellten durch ihr Beispiel zur Nacheiferung ermuntern.
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In den letzten Reichstagskämpfen sind die Sozial- demokraten und Kommunisten mit sich selbst in Widerspruch geraten, indem sie sich für den Unitarismus gegen Bayern ins Zeug legten und für Sachsen und Thüringen das Recht, sich sozialistisch auszuleben, in Anspruch nahmen. Aber der Aufenthalt in dieser Zwickmühle störte sie nicht, auch nicht die Logik des vom Reichswehrminister vorgebrachten Aktenmaterials, das den reißenden kommunistischen Wölfen das Schaffell heriinterzng. Für die Herren Ministerpräsidenten Fellifch und Frölich bleiben sie unschuldige Lämmer, die nur ab und zu ein bißchen morden, stehlen und rauben, im übrigen aber brave Parteigenossen sind. Vielleicht hat sich der Minister Frölich während der kommunistische Abgeordnete gleichen Namens sein Sprüchlein hersagte, durch die mit dem Reichswehrminister geflogene Unterredung unter vier Augen von bei Richtigkeit der aktenmäßig belegten Behauptungen überzeugen lassen. Nur hat er davon nichts verraten. Das rundet das Bild dieses Parlamentswirrwarrs hübsch ab.
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Eine nachträgliche Bemerkung sei dem Zwischen- fall R e m m e l e gewidmet. Daß sich in dem von Gold strotzenden Wallotsaale Engelszungen und tönende Schellen vernehmen lassen konnten, verdankte man einzig und allein polizeilicher Überwachung. War es nicht unerhört! Einige hundert Menschen wurden gesiebt und eingesperrt, um einem Friedensstörer das Handwerk zu legen, während es doch näher gelegen hatte, ihn, sobald er die Schwelle des Portals überschritt, wegen Hausfriedensbruchs zu verhaften und ihn in Schutzhaft abzuführen. Mit dieser Schutzhaft ist genugsam, oft an unrichtiger Stelle, gearbeitet worden, ab"r wenn jemals, hier wäre sie am Platze gewesen. Daß dies unterblieb, war ein Fehler, aber
.SSürbe des Reichstags zu bezeichnen pflegt, und dieselbe Wurde w,ro durch das Auftreten der Kommunisten illustriert, wenn sie, ungehindert vom Vizepräsidenten Bell, mit geballten Fäusten bis dicht vor die Bänke der Rechten losgehen, als wollten sie mit einem „Kinnhaken links" das nachholen, was der Genosse Remmele versäumt hatte. Auch das ist als anmutiges Beiwerk zur Parlamentskrisis dem Gedächtnis einzuverleibem
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Die Regierung schwebt zwar in der Luft, die Arbeiten der unteren Instanzen werden jedoch fortgesetzt. Die von den Spitzenorganisationen der Beatmen aufgeworfene Frage, ob der in die Wege geleitete Personalabbau nach Aufhebung des Ermächtigungsgesetzes noch zu rechtfertigen sei, will aber beachtet sein. Die Handhabung dieses Gesetzes war einer Regierung anvertraut, die nicht mehr ist. Die dadurch entstandene Lücke muß so schnell als möglich ausgefüllt werden: das verlangt die Sicherung der ohnehin schon erschütterten Staatsautorität. Käme eine links gerichtete Regierung ans Ruder, so ist an eine Erneuerung der Ermächtigung nicht zu denken, das hat sie Sozialdemokratie unzweideutig zu erkennen gegeben, and sie wird nicht anstehen, sich der Anhängerschaft der in ihrer Existenz gefährdeten Beamten zu versichern, soweit He noch nicht auf ihr Parteiprogramm eingeschworen ist. Wie auch die Entscheidung fallen mag, auf Schnelligkeit kommt es an, auf Beendigung der Krisis, die, je länger sie dauert, die Gesetzlosigkeit fördert und das Rechtsbewußtsein in Verwirrung bringt.
/ Albert Reichskanzler?
Der Auftrag des Reichspräsidenten.
Halb amtlich wird mitgeteilt?
Nachdem der Versuch des Reichstägsabgeordneten v. Kardorff, ein Kabinett der bürgerlichen Parteien zu bilden, gescheitert ist, hat der Reichspräsident mit den Reichsministern Dr. I a r r e s , Dr. Brauns und Dr. G e ß l e r die Frage der Kabinettsbildung besprochen. Die Besprechungen führten zu dem Ergebnis, daß zurzeit die Bildung einer Koalltionsregierung keine Aussicht auf Erfolg bietet. Der Reichspräsident hat deshalb am Nachmittage an den früheren Reichsminister Wert folgendes Schreiben gerichtet:
„Meine bisherigen Besprechungen über die Kabinettsbildung haben mich überzeugt, daß es zurzeit nicht möglich ist, eine Koalitionsregierung auf ausreichender parlamentarischer Grundlage zu bilden. Die Lage Deutschlands ist aber in jeder Hinsicht so überaus ernst, daß die Bildung einer verfassungsmäßigen Regierung keinen Aufschub mehr duldet. Ich sehe nur die eine Möglichkeit, eine Regierung bewährter Männer zu bil- den. die entschlossen sind, unter Zurückstellung von per
sönlichen und partelpoiuiscyen Rücksichten ihre ganze Kraft für die Lebens Notwendigkeiten unseres Landes einzusetzen. In dieser schweren Stunde appelliere ich nochmals dringend an Ihr vaterländisches Pflichtgefühl, Ihre mir geäußerten und auch von mir gewürdigten Bedenken zurückzusetzen und die Bildung einer solchen Regierung zu übernehmen. Für umgehende Erklärung wäre ich Ihnen sehr dankbar."
Anschließend hatte der Reichspräsident eine Besprechung mit dem Reußsminister a. D. Albert, in deren Verlauf dieser den Auftrag zur Kabinettsbildung übernahm.
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Die Persönlichkeit Dr. Alberts.
Die Persönlichkeit Dr. A l b e r t s hält man in der Wilhelmstraße als Reichskanzler für außerordentlich g e e i g n e t. Er sei etwa 29 Jahre Beamter und parteipolitisch gar nicht hervorgetreten. In seinen vor- schiedenen Amtsstellungen habe er sich außerordentlich bewährt und kenne den technischen Apparat der Verwaltung sehr genau. Etwas anderes sei es jedoch, wie sich die Reichstagsfraktionen zu dem neuen Kanzler stellen werden. Bei der ganzen parteipolitischen Situation sei leider zu befürchten, daß die Fraktionen gegen j e d e n Kandidaten etwas vor bringen werden. Deshalb sei durchaus wahrscheinlich, daß der neue Kanzler in i t entsprechenden Vollmachten ausgerüstet sei, um im Falle eines Mißtrauensvotums sofort die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.
Die Widerstände.
Die Erwartung, daß das Kabinett Albert r a s ch z u • stände kommen würde, die sich besonders auf der Umstand stützte, daß bei dieser Kombination der Reichstag ~m-:wk^»wnc^^ spürte, hat lieb bisher noch licht erfüllt. Das Kabinett war in den Nachmittagsstun- )en des Montags noch nicht fertig. Dagegen machten sich m Parlament bereits erhebliche Wider- t ä n d e gegen diese Kombination geltend. Besonders in >en
Kreisen der Deulschnakionalen
md der Deutschen Volkspartei lehnt man ein derartiges Kabinett ab und weist vor allem darauf hin, daß eine der- irtige Regierung nicht dem Sinne der Demission des oor« sengen Kabinetts entsprechen würde, d. h. daß man damit in Stelle der bisherigen Regierung keine stärkere setzen vürde. Vor allem erregt es auf der rechten Seite des Parlaments Mißbehagen, daß man den, Eindruck gewinnt, tfg ob der in Aussicht genommene neue Kanzler sich i m vesentlichen nach links orientiere. Es wird lerüchtweife davon gesprochen, als beabsichtigte er, den Militärischen Ausnahmezustand -
in den zivilen umzuwandeln.
Werner verlautet, daß der bisherige Reichswehrminister Seßler dem neuen Kabinett nicht ange- hören werde, angeblich in der Voraussicht, daß damit sie Beziehungen zu Bayern gebessert würden. Die Dinge ,inb n o d) vollständig im Fluß, die Lage scheint -benso verworren wie im Anfang. " >
Der Vertrag mit der Micum ' j ,
I Wofließtdas Geld hin?
i über die immer noch ungeklärte Frage, was der Ber- rag des Bergbaulichen Vereins mit der belgisch-französi- chen Jngenieurkommission hinsichtlich der Berechnung bey vachlieferungen und der einzuziehenden Steuern enthält, chreibt „Matin", ein Teil des Nutzens wird auf Repara- ionskonto verbucht werden, davon seien z. B. die Kosten ür die Besatzung zu decken. Ein anderer Teil, der durch sie Kohlensteuer und den Verkauf der beschlagnahmten Bager erzielt werde, müsse in eine besondere Kassegezahlt werden. Die Schaffung dieses Kontos .ei eine direkte Folge des Art. 18 zum Anhang n des Wischn. 8 des Verfailler Vertrages. Wenn die Repara- tionskommission Einwendlingen gegen diese Verteilung machen sollte, so würde sie dadurch auch die Frage der Legalität der Ruhrbesetzung aufrollen und sich ein Kontrollrecht über diese privaten und provisorischen Abmachungen aneignen, die Frankreich nut den Industriellen getroffen habe. Diese Angelegenheiten gin- gen die Reparationskommission aber n i ch t s a n.
Die HungerkraVatse im Nuhrgebiek.
Unruhen, die Sonntag morgen in Gelsenkirchen aus- bx-^he»^ h^hen sich von dort, aus auf das ganze Ruhraebjet