Einzelbild herunterladen
 

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld

Erscheint Dienstag. Donnerslckg and Gonnabenb. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1.50 Golbmark. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Detitreile oder deren Ran« 10 W«., ^för amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Pfg , Reklamezelle 30 Dfg. / / Druck n. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Sersfelb, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Sersfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 151

Donnerstag den 20. Dezember

1923

D«r R e i ch s r a t hat den Währungskommissar Dr Schacht zum Reichsbankpräsidenten vorgeschlagen.

Der griechische König hat nach Aufforderung de> Ministerrates mit seiner Familie Griechenland verlassen

Der englische Hauptdelegierte bei der Reparntionskom Mission, Sir John Dradbury, hat mit dem Führer der eng lischen Arbeiterpartei, Ramsay M a c d o n a l d, eine B e sprechung gehabt.

Fortschreitende Konsolidierung

Von unserem wirlichastspolttllch-n Mitarbeiter,

Die Möglichkeit, die Notwendigkeit und der Beginn eines Gesundungsprozesses sind vor Wochenfrist an dieser Stelle gekennzeichnet worden unter nachdrücklicher Warnung vor einem falschen Optimismus des einzelnen und in bezug auf die Einzelwirtschaft. Der Weg zum Aufbau geht durch einen radikalen Abbau, der O p f e r , V e r l u st e und Entbeh­rungen von jedem einzelnen fordert. Alle diese Opfer werben dann erträglich sein, Mnn von Etappe zu Etappe reutlich die Gemeinsamkeit dieser Opfer und die Tat­lache, daß keiner sich ausschließt, erkenntlich ist, wenn ferner reden den Opfern und neben, den Verlusten die fortschreitende konsolidierung und die beginnende Gesundung er- enntlich und bewußt wird. Deshalb lohnt es sich schon, von >it zu Zeit die einzelnen Fortschritte, die neuen Entschlüsse tno die erreichten Erfolge kurz rückblickend zusammenzustellen md abzuwägen.

Der Preisabbau, auf den man mit Eintritt stabiler Wah- ungsverhältnisse, mit dem Fortfall des Geldentwertungsrisi- os in der Kalkulation wie im Krditwesen rechnen durfte, hat ank der energischen Bemühungen der Behörden, der wieder- - -«Mjö^ ÄMen Weih eroetos und des vielfach auftretenden Geldbedarfs der Ver- öufer in den letzten acht Tagen erhebliche Fort- ch ritte geinacht. Fleisch, Brot und Fett, also die wichtig­en Nahrungsmittel, in den letzten Tagen ferner Zucker und Futtermittel, sind energisch in den Preisabbau mit einbezogen oorden und haben dadurch praktisch eine nicht unerhebliche kteigerung der Reallöhne, d. h. der Kaufkraft der Löhne be- virken können. Eier sind im Preise gefallen, und in vielen heroischen und kosmetischen Erzeugnissen, die für ein Volk wm Lebenshaltungs- und Kulturniveau des deutschen un- ntbehrliche Gebrauchsartikel darstellen, sind ebenfalls im preise stark herabgesetzt worden. Auch Web waren be­sinnen sich, wenn auch zögernd und beeinflußt durch die sehr lohen Weltmarktpreise, nicht in dem Maße wie andere Artikel >er allgemeinen Herabsetzungstendenz anzuschließen. Immer roch aber stehen vieleLreise in Deutschland über den Welt- narktpreisen und auch viele der vorerwähnten ermäßigten preise liegen noch über denen des Auslandes. Um sie auf ten Weltmarktstand herab- oder darunter zu drücken, bedarf « neben dem Fortfall der Risikoprämien auch der Ausschal- rung anderer, die Erzeugung bei uns stärker als im Auslande »erteuernder Faktoren.' Erfolgt diese, so darf man wohl, ielbft wenn einzelne unter Weltmarkt- und unter Gestehungs- »reis geworfene Artikel in den nächsten Wochen wieder an- stehen sollten, mit weiterem Preisabbau i m gro - zenund ganzen rechnen. Auch nach dieser Richtung sind «freulicherweise die ersten Fortschritte festzustellen. In an- genehmer Parallelität brächte die letzte Woche Opfer des Kapi­tals, des Handels und der Arbeit nach dieser Richtung.

Es gelang, eine erste Senkung der Bankzinsen und M i l - v er u n'g der Bankbedingungen, die, wenn man. sie eben nur als einen Anfang ansieht. als kehr befriedigend bezeichnet werden kann. Es erfolgte die Minderung der ein- kalkulierten Perdienstspaun.- üt tt? des Handels

. -nd der Industrie, es kam für wichtige Schlüsselindustrien, < insbesondere die Eisengewinnung uno Ei c -Verarbeitung und säst sämtlichen deutschen Kohlenbergbaureviere zu den Mehr- eistungsabkommen, in denen sich die Arbeiterschaft für eine Übergangszeit zur Verlängerung der Arbeitszeit und die Unternehmerschaft zur Verbesserung und Ergänzung der tech- »ischen Einrichtungen verpflichteten, wodurch die Anlagen end die Arbeitskraft besser ausgenutzt und entsprechend die krzeugungskosten und damit die Verkaufspreise gesenkt wer- >en sollen.

Ein Beginn des Preisabbaues in Kohlen und Eisen, Kfo den Artikeln, die in den Unkosten jeder gewerblichen Er- teugung direkt oder indirekt eine erhebliche Rolle spielen, »irrste dadurch in den nächsten Tagen zu erwarten sein und wiederum den Anstoß zu weiterer Verdilligung anderer Ar- Htel geben. Mit welchem Nachdruck zugleich auch der Staat and die Beamtenschaft in die allgemeine Sanierungsaktion »inbezogen worden, indem gleichzeitig nach drei Seiten durch Verringerung des Personals, Verlängerung seiner Arbeits- freit und Verringerung seiner Gehälter bis auf einen nur Tut eine ganz kurze Uebergaugszeit im äußersten Falle ertrag lichen Satz, die Herabminderung der Staatsausgaben in Am griff genommen wurden Durch diese Opfer des Beamten­tums weiter Arbeiterkreise und ganzer Unternehmerschichter wurde denen moralisch Die Waffe aus der Hand gesazcugen pie sich vielleicht gegen die ihnen gleichzeitig zugemutete»

schweren Opfer durch die drei entscheidenden Steuerverord nungen wenden wollten.

Wohl geht ein Klagen aller Interessentengruppen duro das Land, aber die gleichmäßige Ablehnung aller Beschwerde; und Klagen, die immer ausgedehntere Mildtätigkeit zur Be kämpfung der Not, an der sich auch das Ausland imme stärker beteiligt, und die immer deutlichere und bewußtere Er kenntnis, daß wir arm geworden sind, aber daß wir n i ch in der Armut un terzu g e h en b ra u chey , wen; wir nur uns einschränken und wieder heraufarbeiten wollen haben eine Beruhigung in das Volk hineingetragen, die h allen den Betrieben, wo noch Arbeit vorhanden ist, in einet Steigerung derLeistung je Mann und Stunde uns auch damit in einer Herabsetzung der Produktionskosten nach den verschiedensten Berichten sich bereits auszuwirken beginnt. Schon macht sich dementsprechend eine kleine Belebung desAuftragseinganges in vielen Branchen geltend. Schon werden in immer weiteren Gruppen von Branchen die Preise wieder wettbewerbsfähig am Weltmärkte. Schon beginnt das Ausland zögernd wieder an unsere Kreditfähig- keit zu glauben. Uebersieht man in der augenblicklichen Feier­tagsstimmung am Ende einer ersten Etappe des Gesundungs- Prozesses den erreichten Stand, so kann man daraus wohl die Hoffnung und die Kraft schöpfen, ohne Zweifel am Erfolg auch den Januar zu ertragen, von dem die meisten Wirt- schaftsführer noch einmal erhebliche Rückschläge befürchten.

Dr. Schacht M chsbavkprästdent.

Halbamtlich verlautet:In der letzten Sitzung des Reichsrats wurde entsprechend den Beschlüssen der Ausschüsse der Reichswährungskommissar Dr. Schacht als Reichs- bankpräsident vorgsschlagen." Die Ernennung des neuen Reichsbankpräsidenten war indessen bis Mittwoch nachmittag noch nicht vollzogen.

Das Reichskabinett

int wesentlichen laufende Angelegenheiten beraten wurden. Unter anderem wurde die zweite Steuer-Notver - ordnung, die inzwischen den lber-Ausschuß passiert hat, Dom Kabinett erneut beraten. Die zahlreichen Namen, die In verschiedenen Blättern als Kandidaten für den Pariser Votschafterposten immer wieder genannt werden, werden in Regierungskreisen nachdrücklich als Kom­binationen bezeichnet.

Köma GEa verlädt Griechenland.

Republik Griechenland?

Angesichts der in Armee und Flotte ausgebrochener antidynastische» Revolte hat das griechisch; Königs Paar Athen verlassen, um nach Ru meinten zu reisen. Der König liest Konduriotis alt Regenten zurück. Vorher hatten die Mitglieder bei Republikanischen Vereinigung Plastiras im Namen bei Landheeres und der Flotte die Forderung gestellt, di» Dynastie Glücksburg zum Verlassen bei griechischen Bodens zu vermögen, da ihr Ver halten in den letzten Jahren schweres Unglück übet Griechenland heraufbeschworen habe.

Nach einer Athener Meldung lautet ein nach Bekannt- werden der Wahlergebnisse und nach Abhaltung des Minister- rats veröffentlichtes amtliches (Kommunique.

Die verfassunggebende Versammlung, die aus den Wahlen hervorgegangen ist, soll bald zusammen treten und über die am besten fürdasLandge- eignete Verfassungsform beraten. Der Führer der Revolution und die Regierung sind zu der Auffassung gekommen, dass sie, wenn bei den Er- . örternngen über diese sehr wichtige Frage die Ruhe gewahrt werden soll, verpflichtet sind, dem König nahezu legen, das; er das Land verlassen soll, bis eine endgültige Entscheidung getroffen ist."

Wie die Agence d'Athenes mitteilt, haben aber auch zahl­reiche Persöulichekiten der weniselistischen Partei die an den Sinnig gerichtete Aufforderung, das Land zu verlassen, gemißbilligt. Die Zeitungen der Opposition erinnern Daran, daß man das Versprechen gegeben habe, daß die Dy­nastie erst für erledigt erklärt werde, wenn ein Volksentscheid »stattgefunden habe. Die. Herrschende Meinung ist jedoch die, daß die R e p u b l i k u n - verzü g l ich proklamiert werden müsse. Die Stadt ist ruhig.

EnMcher Aufmarsch gepen Afghanistan.

Ein Aufgebot von 15 000 Mann englischer und indischer Truppen Infanterie, Kavallerie, Feldartillerie und Flug­geschwader, sind in Parachinar und Pessawar an der afghanischen Grenze konzentriert worden, um auf den ersten

Wink hin den Vormarsch auf Kabul anzutreten. Diese Aktion vird nach englischer Behauptung vielleicht notwenbig verden, um das Leben der in der afghanischen Hauptstadt ebenden Mitglieder der ausländischen Gesandtschaften und in berer Europäer gegen Angriffe des auf« >ehetzten af gl)anff d)en Pöbels zu schützen. Was die Haltung des Emirs angeht, so sei sie iadellos korrekt, aber es sei offensichtlich, daß er un­fähig ist, die entfesselten Leidenschaften seiner Untertanen zu sündigen. Er habe versprochen, die Mörder der vor titriern m Indien ermordeten englischen Offiziere seim Uebertritt über die afghanische Grenze festnehmen zu lassen, dabei stehe aber einwandfrei fest, daß diese Verbrecher jich unbehindert in den Basaren von STabul bewegen.

Bra-bury bei Matdonald.

Der britische Delegierte der Sachverstündigenkommissiou, Pradbury, hat dem Führer der englischen Arbeiterpartei, itamsey Macdonald, einen Besuch in Lossimouth abgestattet md mit ihm mehrere Stunben verhandelt. In ungeweihten Kreisen führt man den Besuch Bradburys bei lem Arbeiterführer auf den Wunsch Bradburys zurück, sich mrüber zu informieren, welche Abweichungen von der nsherigen Politik zu erwarten stünden, wenn die Arbeiter- »artet die Regierung übernehme. Jetzt gilt es fast schon für mtschieden, daß Macdonald das A m t d e s M i n i st e r p r ä- identen mit dem des Sekretärs für da» lleußere vereinen werde und daß er Clynes oder einen tnberen prominenten Arbeiterführer zum Führer des Unter­hauses bestimmen werde. Macdonald erkenne, daß die au»* Bärtige Politik die gegenwärtig wichtigste Uufgabe der Regierung wäre, und habe sich daher mtschloffen, dieses verantwortungsvolle Amt selbst zu über- zehmM.

Aerger in par

Echo be Paris" behauptet, daß der Besuch gegen len Willen der englischen Regierung erfolgte anb daß diese sich sogar bemüht habe, ihn geheimzuhalten. Das Blatt schreibt:Wer regiert in England, wenn sogar Beamte von dem Ansehen und dem Range Sir John bradburys sich nicht mehr um die gegenwärtig» Regierung kümmern, sondern sich an den mutmaß­lichen Ministerpräsidenten von morgen wenden?"

Die englischen und die französische« Sachverständigen.

Wie in unterrichteten Londoner Kreisen versichert wirb, st die Wahl Sir John Bradburys auf Sir Robert K in­te r s l e y, Vorsitzenden der Bank Lazard Brothers, Direktor »er Englischen Bank und vieler anderen Finanzinstitute, und Walter Leaf, Präsident der Westminsterbank, gefallen, ilnltlich werden die Namen erst nach der Rückkehr Bradburys räch Paris bekanntgegeben werden.

Nach demTemps" werden zu französischen Sachverftän- higen in dem Ausschuß für das deutsche Budget und die teutsche Währuirg der ehemalige Direktor im Finanzmini- terium Parmentier und der Professor der National- itonomie an der Sorbonne und ehemalige Kabinettschef be» ^inanzministers Doumer im Jahre 1921 Alix ernannt wer­ten. Zum französischen Delegierten in dem Ausschuß zur Untersuchung der deutschen Auslandsguthaben wird das Di- rettionsnntglieb der Banque de Paris et des Pays Ba», Utthalin, bestimmt werden.

Die Tangef-Konvention -mterzeichnei»

Aus Paris wird unter dem 18. gemeldet:Heute na^- mittag ist am Quai d'Orsay die Konvention über das Statut und den Hafen von Tanger von dem französischen, englische« und spanischen Delegierten unterzeichnet worden. Der spanische Delegierte hat vorbehaltlich der Zustimmung seiner Regierung unterzeichnet.

*

Ueber den Inhalt des Tanger-Abkommens veröffentlicht Havas u. a. folgende Mitteilungen: Die Autorität be» Sultans wird in Tanger aufrechterhalten. Die K a p i t u - lationen werden aufgehoben, jedoch wird ein gemischtes Gericht eingesetzt, in dem Franzosen, Spa- nier und Holländer im Namen des Sultans Recht sprechen. Die europäischen Kolonien erhalten eine gesonderte Ver­waltung, die ein auf sechs Jahre i^wühlter Beamter, der französischer Nationalität sein muß, leitet. Dl« europäischen Kolonien haben ferner

eine legislative Verwaltung,

in der der Vertreter des Sultans den Vorsitz führt. Sie setzt sich zusammen aus vier Franzosen, vier Spaniern, drei Engländern, zwei Italienern, einem Belgier, einem Portugiesen, einem Holländer, einem Amerikaner, sechs Mohammedanern und bret Juben,