Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 152
Sonnabend den 22. Dezember
1923
— Die Metallarbeiter des Ruhrgebiets Haber ^ich in Urabstimmung mit überwiegender Mehrheit gegen die Verlängerung der Arbeitszeit erklärt.
— Die Meldungen über das englische Vorgehen gegen Afgbanistan haben in Moskau größte Beunruhigung hervorgerufen.
— Das Erdbeben in den Kordilleren hat über 3000 Todesopfer gefordert.
Wochenrückblick.
Don dem Ermächtigungsgesetz ist wenig in der letzten Zeit gesprochen worden, um so lautet gebärdet sich der Fünfzehner- Ausschuß des Reichstags, als wollte er die Tatsache verschleiern, daß seine Tätigkeit lediglich beratender Art ist. So empfahl er, daß das in der Verordnung zur Vereinfachung der Strafrechtspflege vorgesehene große Schöffengericht aus zwei Amtsrichtern und zwei Schöffen, die Strafkammer bei Berufungen gegen ein Urteil oder gegen
ein Urteil des großen Schöffengerichts aus zwei Richtern und drei Schöffen, das Schwurgericht aus einem Vorsitzenden und sieben Geschworenen bestehen solle. Diese Vorschläge tragen den Stempel der Halbheit und sind weit entfernt, zu der so notwendigen Kostenersparnis in genügenden! Maße beizu- tragen. In den Auslassungen des Reichsjustizmintsters Emminger las man es anders: da wurde reiner Tisch mit Schöffen und Geschworenen gemacht, nicht ohne politische Bedenken wegen Aufhebung einer populären Einrichtung, aber aus dem Bestreben heraus, dem Iustizfiskus Hilfe zu gewähren. Es ist nicht einzusehen, weshalb die BWmtenzahl in allen möglichen Ressorts verringert und das Laienrichterpersonal sanfter agefaßt werden soll. Die Regierung be- schreitet jetzt den richtigen Weg und will auch vor dem Reichs-
n^y^t un er e u -ffmdurch zu" MärMböE AbichstiküäEff
f o I I herabgesetzt werden, und es ist zu Hoffen, daß
auch die Landtage in den verschiedenen Ländern diesem Beispiel folgen werden. In Bayern plant man außerdem die Verringerugn der Ministerien, und der Lübecker Senat hat seine Verkleinerung bis auf die Zahl von neun Senatoren beschlossen. So scheint dem Personalabbau, indem er auch die Spitzen der Volksvertretungen nicht verschont, ein Teil seiner Schärfe genommen zu sein. Aber die Gefahr einer Inflation der Rentenmark durch Fortfahren im alten Gleise ist nicht von der Hand zu weisen und berechtigt den nahezu bankerotten Staat zu den einfchneidendsten Maßnahmen.
Für Rußland naht der Augenblick, wo die englisch-russischen Handelsbeziehungen durch die Anerkennung der Sowjet- regierung von feiten Englands gefestigt werden. Doch droht das von der englischen Regierung Afghanistan überreichte Ultimatum wegen Ermordung englischer Offiziere an der indischen Grenze, die Besiegelung eines freundschaftlichen Verhältnisses neuerdings zu vereiteln. Bolschewistische Agenten hatten schon friiher Afghaiiistan wie andere östliche Länder zum Schauplatz ihrer Propaganda ausersehen,. bis ihnen durch den energischen Einspruch der englischen Diplomatie das Handwerk gelegt wurde. Jetzt wird von derselben Diplomatie ultimativ der Abbruch aller Beziehungen Afghanistans zu Sowjetrußland gefordert. Wird man in Moskau diese Sprache ruhig hinnehmen? Falls eine Arbeiterregierung in England aus Ruder käme, könnte sie vor die Aufgabe gestellt werden, entweder auf einen Handelsvertrag mit Rußland zu verzichten oder den Rückzug anzutreten, wenn sich das bolschewistische Regiment als stark genug zu einem Widerstände erweisen sollte. Ueber diese Stärke laufen recht verschiedene Versionen um. Amerika ist ausgesprochen sonnet- freundlich, Frankreich sucht handelspolitische r-mnaherung ohne Anerkennung der Rloskauer Stcgievunp. Malten lchemt nach den letzten Aeußerungen Mussolinis zu einer enogulugen Aufnahme politischer und wirtschaftlicher ^erhandlungen - bereit zu sein. Wird aber England, indem es den -Pufferstaat zwischen Rußland und Indien verschluckt — worauf nach russischer Annahme alle Vorbereitungen muituriicher Art hindeuten — dann ist das engüsch-afghanin)« Aufmarschgelände ein Grenzstaat Rußlands geworden um eine Tuchfühlung hergestellt, die von englischen polititcru schon vor mehr als hundert Iah als unerwünscht und verhängnisvoll für den indischen Besitz betrachtet worden t| .
'Sn Griechenland ist eine We hochgegangen, m vermutlich von Venizelos gelegt worden O- der Komg uns die Königin haben Athen verlassen, um sich unter a..ea a lichen Ehrenbezeugungen nach Rumänien zu begeb?n, wag rend Venizelos selber noch den suhern Aufenthalt cn vorzieht. Es ist eine kalte Revolution. Aber bis Verhältnisse sind zurzeit noch ucheklärftünd das mag den alle kretischen Fuchs bewogen haben, seinen sranzoplchen partus noch nicht mit unruhigein gricchifchen Boden zu am tauschen. Noch ist die (sich hauptj. o jch aus die Flotte ftugenbt
Republik nicht ausgerufen worden, und es waren Versuche gemacht worden, u. a. durch den König von Serbien den Thron für seinen Schwager zu halten. Aber die Volksstimmung war lau, und so zog es der König vor, ins Ausland zu gehen, um den Entscheid der Nationalversammlung über die künftige Staatsform abzuwarteu. Irgendeine militärische Einmischung haben die Revolutionäre nicht zu befürchten. Der Balkan ist kriegsmüde und England, der „Schützer" Griechenlands, denkt gar nicht daran, seinen in dieser Rolle erworbenen Lorbeer- kranz durch eine neuen Zweig zu vergrößern. Für die englischen Zwecke ist auch gleichgültig, wer in Athen die Regierung führt. Sie darf sich nur nicht gegen die britische Politik etwas herausnehmen. Das Schicksal der Dynastie scheint besiegelt.zu sein, wenn auch der König noch nicht formell abgedankt hat. Aber als entthronter Herrscher kann er immerhin noch einmal als Figur im diplomatischen Schachspiel verwertet werden, falls die neue Balkanrepublik Schiffbruch leiden sollte. XXX
Der Kampf um die ArbsiisZeii-
Das Ergebnis der A b st i m m u n g im Deutschen Metallarbeiter verband zu dem Arbeitszeit- ab kommen in der Schwerindustrie liegt nunmehr vor: t 0 000 Mitglieder er klärten sich gegen die Berlängerung der Arbeitszeit, 450 waren damit einverstanden. Die Folge der Abstimmung ist, wie uns aus Gewerkschaftskreisen mitgeteilt wird, daß die freigewerkschaft- lich organisierten Arbeiter nach A b l a u f d e r a ch t S t u n- d e n Arbeitszeit die Betriebe verlassen werden.
Sorkrie-sm^eii jn Nr Kaliin-psitA
Lb Prozent Lohn erhöhung!
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Seit vielen Monaten hat sich die K a l i i n d u st r i e, dre in einer schweren Absatzkrise steht, mit Nachdruck bemüht, mit den Führern der Arbeiterorganisationen zu einem Ab- kommen über die zur Perbilligung der Produktion und der
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lichen allgemeinen Verlängerung der regelmäßigen Arbeits zeit zu kommen. Die Verhandlungen verliefen jedoch immer
ergebnislos. , .
Dies hat den Arbeitgeberverband der Kaltinbustrie bei der immer beängstigender werdenden finanziellen Lage der Kaliwerke und im Interesse der Erhaltung der an und für sich schon sehr zusamnvmgeschrumpften' Arbeitswöglichkecken für seine Arbeiter veranlaßt, zur Selbsthilfe zu schreiten, zumal in der Arbeckerschaft der Kaliwerke im Gegensatz zu der Stellungnahme ihrer Drganiiationsvertreter in zunehmendem Maße die Bereitwilligkeit erkennbar wurde, zur Borkriegsarbeit zürückzukehren, um das völlige Feiern der Werke zu verhüten. Der Arbeitgeberverband der K a l i i n d u st r i e hat daher von sich aus unter H e r a u f s e tz n g des L o h n e s bis zu 20 Prozent nunmehr zur Wiederaufnahme der Vorkriegs- arbeitszeit aufgefordert.
Der AeheMfrWe M HM en.
Unter dem Vorsitz des Minssierprüsidenten Mussolini fand in Rom eine gciueinschafiliche Sitzung von Delegierten des Allgemeinen Arheiierverbandes. von Gewerk!chaftsver- bänden, faschistischer Verbände nid des Allgemeinen Ine n- striellenverbandes statt. Die imlltommene Einigkeit, sie die Aussprache ergeben halte, fand ihren Ausdruck m der An - nähme einer Tagesordnung, die ein rückhaltloses Zu- stummen wirken von Kapital und Arbeit dar. stellt. Wie das Pressebureau hierzu meldet, rief bte Lagune in allen politisch unb .anal interessierten Steifen des Lan des den stärksten Eindruck hervor. Die Versöygung Zwilchen ÄrMuchmeMM und Arbeitgebers chaft, dieien beiden den Anschein nach miteinander unversöhnlichen grollen Sröfter auf dem Gebiete der Produktion, stelle e>nr nun m eu o r historischer Bedeutung dar und werde nicht vSL fehlen, die'glücklichste Wirkung für den industriellen Auf stchwung des Landes und die Wiederherstellung der natto nalen Wirtschaft zu haben.
G Heimes Uonß^mmm im B-'i kan
Donnerstag vormittag fand in Anwesenheit aller inRou residierenden KaradinAe im Batikari ein geheimes Kunst ftorium statt. Nach der Wahl der Kardinäle Lucidr und Galt hielt der Papst eine Sinfonie, in der er seiner Betrubm darüber Ausdruck gab, daß der Friede bei den Bot kern noch immer Nicht ringe kehrt ,m. Pap« erinnerte weiter an das bekaunn Echrechen ves .»ardiic a s nicht vergeblich bezeig enhange mit, daß Gajpari Länder m:
Gasparri zur Nnhrsraoo, das nete, und teilte in d'ch in Zipa sich letzthin an die viel E. lrm.de proo iziorono einem Aufruf, den VmnW'mn Der Papst kam sodann au? ben »ür Besuch des spaniso-m zum Schluß seiner öoifimng an Irlands Ausdruck.
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zu helfen, den Vatikan erfreuliche
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Rußland und das englische Vorgehen -in Afghanistan.
A Englisches Ultimatum an Kabul?
Wie die Russische Telegraphen-Agentur nieldet, sind in Taschkent dringen.de Drahtnachrichten aus Kabul eingetroffen, nach denen der englische Verteter in Kabul, Humphries, an die afghanische Regierung ein Ultimatum gerichtet hat. Wie ge- meldet wird, münde das Ultimatum in die Forderung aus, daß Afghanist an sich der eng lisch en H errs cha ft restlos unterwerfe. Falls das Ultimatum abgelchnt werde, werde England vor einem neuen Kriege n i ch t z u r ü ck s ch r e ck e n.
Wie die Russische Telegraphen-Agentur zu diesen Nach-. richten bemerkt, lasse die Stimmung in den Moskauer po-! litischen Kreisen darauf schließen, daß das englische Ultimatum in Afghanistan in Moskau größte Unruhe hervorrufe, da die! Vernichtung der Unabhängigkeit Afghanistans der B e s e i t i. jung des einzigen Pufferstaates zwischen der Sowjetunion und England gleichkomnie.
In einer Unterredung mit ausländischen Pressebericht- lrstattern hob der Volkskominissar des Aeußern Tschi- i s ch e r i n hervor, daß es England bereits gelungen sei, ein Puffergebiet, wie es die Dardanellen gewesen seien, zu be- Zeitigen. 9luf die Frage eines Berichterstatters, ob die Sowjet- kegierung das Vorgehen Englands gegen Afghanistan als eindsclige Handlung ansehe, verweigerte Tschitscherin zwar die Antwort, betonte jedoch die außerordentliche Tragweite des Ultimatums, dessen Folgen !Urzeit noch unabsehbar seien. Die englische Re- perung, die am Vorabend ihres Rücktritts ein Ultimatum an Afghanistan gerichtet habe, hinterlasse ihrer Nachfolgerin «ins schlechte Erbschaft.
ins amW
will allerdings demgegenüber
-E»»..... ............* m. m-cr.E -v^rreier Ail "Mbirl "fAMa. tistan) ein Ulttmatum übersand! habe, das mit Krieg und Luftangriffen i»w$?e und den Abbruch der Beziehungen zu Rußland verlangt».. unwahr sei.
Blockade?
„Daily Expreß'' Mit mit, wenn nicht von feiten des Emirs von Afghanistan Genugruung ftir die Ermordung bri- tischer Offizier» und ihrer Frauen durch Auslieferung oder Aburteilung der Mörder gegeben werde, so würden die diplomatischen Beziehungen zu Afghanistan abgebrochen werden. Auf die Rückbeförderung der englischen Frauen aus stabul nach englischen Gebieten würde dann die Abberufung des britischen Vertreters in Kabul und die Schließung des Khatber-Paffes für jeglichen Handel mit Afghanistan folgen. Der Berichterstatter der „Daily News" in Bombay meldet dagegen, die britische Regierung plane energische Maßnahmen an der Nordwestgrenze. Mehrere Demonstrationen durch Flugzeuge seien in der letzten Zeit durchgeführt worden.
Weitere Siegesmeldungen der msxckanischen Aufständischen.
Reuter meldet aus Galveston: Nach einem Bericht aus Veracruz erklärten die Aufständischen, sie hätten bei Puebla n a ch a ch t st ü n d i g e m Kampf einen Sieg erfochten. Drei Maschinengewehre und 300 Gefangene seien ihnen in die Hände gefallen. Wie dem amerikanischen Generalkonsulat in Hamburg aus Veracruz gemeldet wird, ist General M u - gica, Gouverneur des Staates Michoaean, welcher bisher der alten Regierung treu geblieben war, zu dem Divisions- ?eneral Estrada in Jalisko übergegangen. Infolgedessen be» errschen die Aufständischen nun auch den größten Teil der Küste des Stillen Ozeans. General Urbalejo, der zu den Streitkräften von Sancho Villa gehörte und von der Regierung gegen General Figucroa gesandt worden war, trat zu den Aufständischen über. In der Hauptstadt haben große Kund gebun gen gegen die Reg ierung Obre- gon stattgefunden und blutige Zusammenstöße, da infolge der teilweise abgeschnittenen Zufuhr sich bereits eine Knapp, hält an Lebensmitteln fühllRrr machte.
Ermächiigungsgssetze auch in Polen
Aus Warschau wird geuieldet: Das neue Kabrnet Grabski stellte sich am Donnerstag dem Sejm vor. 3 seiner Regkerungserkläruiig betonte der Dtinislerprüsiden daß die Regicruiig ihre H s u ’> t a u! g a b e : n der ^ u r,ch führ un q d c r S a ni c r riir g d er F i n a n z e n erblick Daneben werde bte Regierung ihre volle Aunnerkiamkeit d« Ordnung der Verwaltung, der Erhaltung der WchMtigkr des Landes und der Volksaufklüruug auf einem entspreche, ben Niveau schenken. Die Durchführung des Regierung!