Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag. Donnerstag nah Gonnadeav. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1.— Goldmark. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Petitreile oder deren Raum 10 M«.
für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Pfg. Reklamereile 50 Dfg. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld,
Mitglied des Vereins Deutscher AeitungS-Derleger. / / Für die Gchriftlelluug verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 4 Donnerstag den 10. Januar 1024
— Das n«ug.wählt, englische Parlament if; am Dienstag gu seiner ersten Sitzung zusammengetreten
— Ausschreitungen Streikender im Fuldaer Beziri haben das Einsetzen von Reichswehrabteilungen notwendig gemacht.
— Die amiriknnischen Sachverständigen für die Untersuchnngsausschüff» der Reparationskommission haben eine « r k l 8 r v v , veröftentlicht in bei st, für m ö g l i ch st e B e. ichleunlgung bet Arbeit«» «in treten.
— Mehrere der im Düsseldorfer Prozeß frei- gesprochenen S ch u p ° d , - « r« n sind von den Besatzungs- behörden ausgewiesen worden.
Ein Experiment.
Bismarck wird das Wort zugeschrieben: „Höflich bis zur letzten SvroAe der Leiter, gehängt wird er doch." Danach verfährt man auch tw englischen Unterhaus; Baldmin und Mac- donald schütteln üch di« Hände, der tommenbe Viann dem, dessen Tag, augenscheinlich gezählt sind, uno nian geht an die (Erl^btguag von Formalien wie die Wiederwahl des Sprechers, Anhörung der Adreffe des Königs, Vereidigung der neugewählten Mrtglteder. Aenßerlich verrät nichts, daß eine Mine im Aufstiegen begriffen ist. Man hat es nicht eilig mit der Beseitigung des konservativen Führers, und so. kann man im eigentlichen Wortsinn« noch gar nicht von einer Kabinetts- klüse reden. Sie wird y r o g r a in in ä ß i g am 16. I a - nuar eintreten, nnd diese Ueberlegüngsfrist unterscheidet sich vorteilhaft von der Haft, mit der in anderen Ländern die Umbildung einer Regierung vorgenommen zu werden pflegt. Da, entspricht der englischen Tradition und dem jeder Ueberftürzung abgeneigten Phlegma des Engländers. In El^r Zwischenzeit vollzieht sich Der Aufmarsch oec Fiaklwnen, der von dem Schleier der ausschwärmenden Presse gedeckt ist. Erst wenn er gelüstet ist, wissen wir über das Schicksal des ein Vertrauensvotum heischenden Kabinetts Bescheid.
Die Bildung einer Ardesterregierung ist wahrscheinlich, und Macdonald rechnet, wie seine Programmrede in der Albert Hall erkennen ließ, damit. Nicht als Himmelstürmer ging er vor, sondern als Verteidiger des Evolu - tionsgedankens, als Menschenfreund, Friedensbringer, Einheitsbewahrer, Pazifist, kurz, er leerte ein ganzes Füllhorn von Verheißungen aus mit dem offensichtlichen Bestreben, auch den Kleinbürger zu gewinnen durch Verwischung der roten Parteifarbe. Diese Ausführungen atmeten Siegeszuversicht; gleichwohl wäre es möglich, daß den Liberalen noch in letzter Stunde Bedenken gegen eine Bundesgenossenschaft mit der Labour party aufstiegen und sie nach der Theorie oom Heineren Uebel dem Zusammengehen mit den Konservativen den Vorzug gäben. Die außenpolitische Lage 'Großbritanniens ist nicht dazu angetan, den Versuch mit eiper radikalen, den Frieden um jeden Preis fordernden Arbeiterpartei als emp fehlenswert erscheinen zu lassen, und die den Liberalen nachgesagte Absicht, Macdonald solange zu unterstützen, als er sich von allen extremen Maßnahmen fernhält, klingt drollig, wenn man sich in die Seele einer erfolgbeoeisterten Arbeiterschaft, hineinversetzt. Will ihr Führer nicht alles Vertrauen ^verscherzen, dann muß er eines Tages doch den Extremen spielen, den Kapitalismus schröpfen und Die Gelegenheit, das Parteiprogramm nach Kräften zu verwirklichen, wahrnehmen. Das wird Asquith nicht verborgen sein, und wenn er sich trotzdem zunächst auf die Seite grundsätzlicher Gegner schlägt, kann dies nur geschehen, um diesen bei der ersten folgeschweren Abstimmung ein Bein zu stellen und als Retter des Vaterlandes aufzutreten.
Allerdings ist die-englische Arbeiterpartei, wie ihr Werdegang zeigt, nicht in dem Maße vom Radikalismus erfaßt wie die deütfche Sozialdemokratie. Die Trade Unions bauten sich, lange bevor sie überhaupt Vertreter ins Parlament senden konnten, auf politisch neutraler Grundlage auf und waren den deutschen Gewerkschaftlern stets reaktionärer Neigungen verdächtig, weil sie sich, parteilos und religiös indifferent, lediglich auf die W a h r n e h m u n g gewerkschaftlicher Berufsinteressen beschränkten. Das änderte sich erst, als neben die alten neue Trade Unions traten, die auch ungelernte Arbeiter aufnahmen mit marMtischen Anschauungen. Diese Richtung hat im Laufe der Nachkriegszeit die Oberhand gewonnen, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß sie aus der parteipolin- schen Entwicklung der Sozialdemokratie Deutschlands und ihren Mißerfolgen etwas gelernt hat und ernüchtert worden ist. Macdonald wenigstens sollte sich der aus dem Kölner Parteitag von 1893 mit Emphase verkündeten Prophezeiung erinnern: „Niemals wird die deutsche Gewerkschaftsbewegung dieselbe Stellung einnehmen wie Ae englische, denn bis zu dem Zeitpunkt, wo dies einten
könnte, wird längst die Fahne des Sozialismus auf der Zinnen des Kapitals stehen." Heute steht die Fahne halb- mast auf den Zinnen der deutschen Sozialdemokratie, ein Warnungszeichen für Schwarmgeister. Was sich seit dem 9. November 1918 in Deutschland unter sozialdemokratischem Einfluß ereignet hat, ist nicht geeignet, zur Nachfolge an- zureizen. Die heutige Stärke der Labour Party entspricht ungefähr der Zahl der vom Auseinanderfallen bedrohten sozialdenwkratischen Reichstagsfraktion, aber die englische Arbeiterbewegung hat sich im Gegensatz zur deutschen e r - staunlich langsam zu ihrer heutigen Höhe herauf- geschwungen und ist, indem sie einen Iahresring nach dem andern an ihrem Stamm erstehen ließ, zu einem Baum herangewachsen, der andern schwächeren Luft und Licht weg- nimmt, wenn er nicht rechtzeitig beschnitten wird.
Falls Macdonald die Geschicke Englands leitet, wird er vermutlich sein Hauptaugenmerk auf die Behebung der Arbeitslosigkeit richten und sich hüten, die Insel Utopia zu betreten. Ihr Entdecker, der Kanzler Thomas Mors, war ein Engländer, der neue Premierminister ist ein nüchtern rechnender Schotte und steht vor der Aufgabe, seinen Gesinnungsgenossen in anderen Staaten zu zeigen, wie Sozialpolitik zu betreiben ist, ohne die davon Berührten zu äußerster Gegenwehr aufzurufen. Versteht er nicht, mit feiner Macht hauszuhalten, oder spielen ihm die kommunisti- schen Elemente seiner ziemlich buntscheckigen Partei einen Streich, dann genügt ein Zusammengehen der Konservativen und der Liberalen, ihn zu stürzen; denn er lebt von der Gnade einer dieser Parteien, und jeder von ihm begangene Fehler beschwört unweigerlich eine Kabinetts, kriss herauf, deren Verlauf ein neues Messen der parlamentarischen Kräfte nach sich ziehen muß. Bei der sicheren Aussicht auf eine Niederlage gehört Mut dazu, ein allem Anscheine nach kurzlebiges Kabinett zu bilden, ein Kabinett, das ohnehin über einen recht geringfügigen Aktionsradius verfügt. Aus diesem Gesichtspunkt heraus erklärt sich auch der Gleichmut, womit die englische bürgerliche Presse dem Fortgang der Ereignisse entgegensieht wie eurer Erpnoung, vm«»**«— «*»'■* . aussührbarkeit man von vornherein überzeugt ist. Bi» jetzt hat in Europa jede sozialdemokratische Regierung über kurz oder lang den Beweis liefern müssen, daß ihre Theorien leicht beieinander wohnen, aber hart im Raume sich die Sachen stoßen. —nd.
parlamenisbegi n in England.
Das englische neugewählte Parlament ist am Dienstag mi feiner ersten Sitzung zusammengetreten. Diese erste Sitzung beider Häuser, die den Auftakt der erst in der nächsten Woche stattftndenden feierlichen Eröffnung bildete, gab bereits einen Vorgeschmack des lebhaften Interesses, das man der kmmenden Session entgegenbringt.
Wie immer, gab es auch diesmal einen Heißep Kampf um b11 Plätze im Unterhaussaa I e, da für über 600 Mitglieder nur etwa 400 Sitzplätze vorhanden sind. Dr. Spero. der Vertreter eines Londoner Wahlkreises, traf bereite um 2 Uhr 30 Min. morgen», genau zwölf Stunden vor Eröffnung der Sitzuna, ein und wartete geduldig vor der Tür des Parlament» buk 8 Uhr, bis man ihn einließ, worauf er sich einen Sitz sicher« konnte. Zu dieser Zeit harrten bereits 4 0 b > s 5 0 Mitglieder auf Einlaß. Unter ihnen befanden sich auch einige der weiblichen Abgeordneten.
Begeisterte Aufnahme fand bei seinem Eintreten R a m f a y M a e d o n a l b. Seine Parteigenossen erhoben sich von ihren Plätzen und jubelten ihm laut zu. Auch viele Liberale, ja sogar einige Konservative stimmten in dielen Jubel ein. Macdonald, im Parlament kurz Mac genannt, ist bei allen Parteien außev- ordentlich pop ir. Die neuen Parlamentsmitglieder wurden darauf nach dem Oberhause berufen, um der Verlesung bei königlichen Einberufungsurkunde beizuwohnen. Nach altem parlamentarischen Brauch übernahmen Baldwin als Führer des Hauses und Macdonald als Führer der Opposition die Führung der Prozession. Aus den Reihen der Abgeordneten ertönte der Ruf
„Reicht euch die Hände", und die beiden gegnerischen Parteiführer tauchten einen herzlichen Händedruck aus. Dem linken Flügel der Arbeiterpartei gab dies Veranlassung zu ironischen Zurufen. Im allgemeinen verhielten sich die radikalen Mitglieder der Arbeiterpartei jedoch außerordentlich ruhig. Nachdem dann die Mitglieder des Unterhauses zurückgekehrt waren, wurde W h i t l e y e i n st i m m i g zum Sprecher wie d e r - gewählt und empfing von allen Parteiführern dazu Gluck- wünsche. Darauf wurde die Sitzung vertagt. Man erwartet, daß es bei der Wahl des stellvertretenden Sprechers und der Komiteevorsitzenden zu einem Kampfe unter den einzelnen Parteien kommen werde.
Griechische Vo ksabflimmung Ende Wär,.
Aus Athen wird gemeldet: Die politischen Parteien sind darüber einig geworden, eine Volksbefragung über Rwnai me oder Republik Ende März zu veranstalten. Die republtlani-
schen Offizier« geben bet ?t, daß sie eine Entscheidung zugunsten der Monarchie i ist annehmen und dieRepublii mit Gewalt einsetzen werden.
Völliges Versagen -er Hegte.
Das Urteil eines neutralen Beobachters. — Di, Ausgaben ungedeckt. — Das Martyrium de, deutschen Beamten.
Die Basler Nationalzeitung berichtet in einer ausführlichen Korrespondenz aus dem Ruhrgebiet über die u n h a l t- baren Zustände, die durch die französische Regie in dem dortigen Verkehrswesen eingerissen sind. Es heißt in dem Artikel:
„Die Franzosen wollen nicht zugeben, daß sie diesen schwierigen Apparat nicht über einen Notverkehr hinaus bewältigen können. Zur Fachunkenntnis kommt der Bureaukratismus; deutsche Beamte, die in jahrelanger Arbeit geradezu Specialisten dieses komplizierten Betriebes geworden sind, müssen oft stundenlang warten, bis ihr Chef ihnen den Befehl gibt, von dem, was sie für richtig halten, das — Gegenteil zu tun. Die örtlichen Stellen haben nicht etwa di« Befugnisse und Vollmachten, wie sie in der deutschen Verwaltung üblich sind: alles wird von der obersten Behörde in Mainz verfügt. Dom grünen Tisch können die ganzen Zustände natürlich nicht wundernehmen und erst recht nicht die Tatsache, daß bereits drei Gesellschaften an der Regie Pleite geniacht haben, während eine vierte nur durch das Versprechen Poincares gehalten werden soll, daß die Verwal- tungskosten der Regie zu den Besetzungskosten zu rechnen und daher von der Reichsregierung zu ersetzen seien. Es ist durchgesickert, daß die Ausgaben der Regie nur zu einem Fünftel durch Einnahmen gedeckt sind Dä« Datei« der deutlcken Eisenbahner im Dienste der Regnet 'e'^n'^Wa^. p r f lF^^ sorvohl für diese Unglücklichen wie für das ganze Ruhrgebiet ein Unglück. Wenn im Ruhrgebiet wieder erträgliche Zustände kommen sollen, muß die Leitung des Verkehrswesens wieder in deutsche Hände gelegt werden."
Arbsiisau^nahme des Eachverstä -iaen-Ausschuffes.
Erste Fühlungnähme mit derRepko. — Für schnelle A r b e i t.
Die in Paris angckvmnccnen ainerikanischen Sachverständigen General D a w e s und Owen P o u n g haben Dienstag nachmittag die erste Fühlung mit der R e- p a r a t i o n s k o m m i s j i o n genommen. Ferner veröffentlichen sie durch die Agence Havas eine Erklärung, in der e» K: „Die amerikanischen Sachverständigen sind von der crationskommission aufgefordert worden, an einem Each- verständigenausschnß teilzunehmen, der die Tatsachen studieren, Folgerungen daraus ziehen und gewisse Vorschläge unterbreiten soll. Die amerikanischen Sachverständigen haben k e i n e v o r g e f a ß t e n Pläne und hoffen nur den Plänen, die von anderen Persönlichkeiten unterbreitet werden, zu Hilfe zu kommen. Sie haben aber augenblicklich eine Erklärung abzugeben, von der sie voraussetzen, daß sie von allen Mitgliedern des Sackverständigenausschusses sowie von der öffentlichen Meinung der Welt gebilligt wird. Diese Erklärung lautet:
Die Zeit ist ein wesentliches Element der Lage. Das Komitee, das eingesetzt ist, ist ein geschäftliches K o - m i t e e , das sich mit Tatsachee beschäftigt und k o n st r u k - t i v e Folgerungen daraus zu ziehen hat. Seine Arbeiten müssen mit m ö g I i ch st e r Beschleunigung geführt werden und es müssen ununterbrochen tägliche Sitzungen stattfinden."
Die erste Sitzung des Sachvcrständigenausfchusse» bleibt auf nächsten Montag festgesetzt.
Kahi ei< und rh mische Noienbank.
Die Reichsregierung hält an der Ablehnung feft.
Am Dienstag abgehaltene Beratungen des Reichskabinetts über die Frage der r h c i n i! ch e n G o l d n o t e n- b a n l haben im wesentlichen eine Bestätigung des bisherigen Standpunktes der Regierung in dieser Angelegenheit ergeben-. Ein B e s ch l n ß ist jedoch n o ch nicht gefaßt worden, da bie Reichsregierung die Absicht hat, erst noch Rücksprache mit den Persönlichkeiten zu führen, die als Gründer der Bank in Frage tomnien, in erster Linie aho mit Herrn Louir Hagen. Aus Grund dieser 9!v • werden dann dies« Herren ihrerseits mit den Pe> • den, insbesondere
mit Herrn T i r a r b , erneut F. ' nen und sich darüber schlüssig werden müssen, ob waltenden Um»