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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag nav Sonnabend. Der Dezngspreis beträgt monatlich 1. Golbmark. / / Kareigenpreis für die einspaltige Vetltzetle oder deren Raum la Dl«., für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Ms. Reklamereile 50 Ms. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Sersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 10 Donnerstag den 24. Januar 1924

Ramsay MacDonald hat die englische Regie rung übernommen.

Der amerikanische Stahlmagnat Schwab ist von Reichsaußenminister Dr. Stresemann empfangen worden

In den schwedischen Parlamenten sind Anträge auf Aus - scheiden Schwedens aus dem Völkerbund gestellt worden.

Der Sachverständigenausschuß wird Anfang nächster Woche in Berlin eintreffen, . / -

Lenin.

Mit dem Tode Lenins schließt das erste Buch der rus- sischen Revolution von 1917; der Führer fiel, eine Diadochen- zeit beginnt. Wladimir Iljitsch Lenin, der Sprößling einer Beamtenfa war ein Revolutionär von Beruf, durch das t ual dazu erzogen und zu weiter nichts, nach­dem er als Siebzehnjähriger durch die Hinrichtung feines älte­ren Bruders Alexander im Jahre 1887 mit unauslösch - lichem Hasse gegen die Zarenherrschaft erfüllt war. Dieser Bruder hätte Begnadigung wegen eines An­schlags auf den Zaren durch Verzicht auf weitere Umsturz- plane erlangen können, aber selbst die Tränen seiner Mutter vermochten keine Sinnesänderung in dem jungen Fanatiker zu bewirken, und aufrecht ging er in den Tod, ein Vorbild, das nachhaltig den Werdegang des damals, auf der Univer­sität in Kasan studierenden Wladimir bestimmte. So schmie­dete damals und bis zu seinem Niederdruck) der Zarenstaat jene stählernen Männer, die, wie Lenin von Land zu Land gejagt, ihre ganze Kraft in Wort und Schrift an die Be- freiung ihres Volkes fetzten.

Als Lenin in der Schweiz Zuflucht fand, schloß er sich

unverrückbaren Blick auf das Ziel den Boden für den fünf tigen Bolschewismus lockerten, um gleichzeitig einen Zwei­frontenkrieg gegen die russische Regierung und die Gruppen der Sozialrevolutionäre und Menschewiki zu führen. Dieser Kampf gegen den von ihm als zu lau befundenen Marxis­mus, gegen die ihn erst recht nicht befriedigende bürgerliche, sozial angehauchte Demokratte endete mit Lenins Sieg, nach­dem er Kerenski noch einmal 1917 hatte weichen und einen Lauerposten in Finnland hatte beziehen müssen. Es war ein Sieg auf der ganzen Linie der proletarischen Diktatur, und als Menschenkenner verstand er es, den Massen zu sug­gerieren, jeder einzelne Bolschewist sei ein Diktator. Darum ließ er auch die blutdürstige Bestie gewähren. Zuerst die lettischen Hilfsmannschaften, dann die chinesischen Henker­horden, und schließlich, als diese ihrer Blutarbeit überdrüssig geworden waren, kamen die Amateur-Mörder an die Reihe und metzelten die Burschuis wahllos, zahllos nieder. In Rußland wiederholten sich die B l u t o r g i e n eines Iwans des Schrecklichen, nur war an dessen Stelle der RoteZar getreten, der wahre Diktator, der unbeküm­mert um das Schicksal von Millionen hingeschlachteter Bürger seelenruhig im Kreml der Lösung seiner weltbeglückenden Probleme nachhing. Seine Mitarbeiter, die Trotzki, Sinojew, Litwinoff, Krassin, Ioffe, von Sternen zehnter Größe wie Radek ganz zu schweigen, waren nur gefügige Werkzeuge in seiner Hand, und bevor er durch das Attentat der Dora Kaplan ernstliche Schmälerung seiner Schaffenskraft erlitt, gab er, und nur erallein,in der dritten kommunistischen Internationale den Ton an. Schüchterner oder lauter Wider- spruch wurde von ihm abgeschüttelt bei allen Tagen wie Re­gentropfen, und sein Wille war die Politik der aus Arbeiter- und Soldatenräten aufgebauten Sowjetrepublik. Er war weitsichtig genug, die Zerteilung des Riesenreiches in sieben oder acht Republiken zuzulassen, um leichter von der Moskauer Zentrale aus die Zügel führen zu können; aber was er unter feiner Internationale verstand, war eine Ver­fälschung des Marxismus, wie er Marx vorgeschwebt hatte. Die sozialdemokratische Arbeiterschaft aller Länder lehnte i h n a b und setzte sich gegen denreinen" Kommunismus zur Wehr. Nur ganz extreme Radikale unterwarfen sich Lenins Diktat; denn die Gestalt, die Rußland durch Befolgung der Leninschen Theorien in der Praxis angenommen hatte, war grauenvoll. Es war reiner Tisch geworden: der kapitalistische Staat war vernichtet, jedoch bloß, um die Rückkehr zum .Ka­pitalismus um so dringlicher erscheinen zu lassen. Selbst der Zuchthausstaat vermochte seine mit der Durchführung Be- trauten auf die Dauer nicht zu befriedigen; denn ein Chaos gebärt nur ein anderes. So mußte denn der Aufbau mit Hilfe des verhaßten Kapitals in Angriff genommen werden, und zwar zunächst durch das ausländische.

Diese Wandlung fiel mit der sich in gesteigerter Heftigkeit bemerkbar machenden Krankheit des Diktators zu- fammen und wurde von feinen Gegnern als Schwäche und

Prinzipienverrat ausgebeutet. Aber noch hatte er seine alte Garde hinter sich, seine mit dem Glauben an ihn getränkten Anhänger und die Schar der Emissäre, die rastlos die Welt mit dem Gedanken der Völkerverbrüderung fütterten. Immer wieder tauchte die Fata morgana der allgemeinen kommu­nistischen Weltrepublik auf, wobei die Sowjetverfassung als Ideal und Endziel in den Vordergrund gestellt wurde. Die heutigen Verhältnisse stellen ein Uebergangsstadium dar, das so rasch wie möglich sein Ende finden wird; ob auch Gläubige, steht auf einem andern Blatt; aber es gibt deren in allen Weltteilen, und sie wollen nicht wahr haben, daß auf den Messias Lenin die Bezeichnung des zum Schelm gewordenen Betrogenen zuttifft.

Die Geschichte wird darüber richten. Der Vorhang ist über das Leben dieses Gewaltmenschen gefallen. Sein Ab­gang hat ihn vor Enttäuschungen und dem Schicksal bewahrt, das die ihre eigenen Kinder fressende Revolutton vor allem den auf der Höhe Stehenden zu bereiten pflegt. Er war der Napoleon seines Volkes und schied von der Bühne mitten i m K a m p f, nicht auf einem russischen St. Helena; betrauert von vielen und verflucht von allen, die in ihm einen be- derzkenlosen Würgeengel erblickten. H.O.P.

Lenins Tod bestätigt.

Der gestern von uns gemeldet Tod Lenins wird nunmehr sowjetamtlich b e st ä t i g t. Der ärztliche Bericht über seinen Tod lautet:

Am 21. Januar trat im Gesundheitszustände Le­nins eine Plötzliche Verschlimmerung ein. Um 5% Uhr abends wurde das Atmen stockend, es traten Bewußtlosigkeit und allgemeine Entkrästung ein, und um 6 Uhr 15 Minuten gab Lenin unter Er­scheinungen der Paralyse des Atmungszentrums sei­nen Geist auf.

In dem R e g i e r u NL s c o m m u n i q u 6 über den

n. tm ber

entert Fett war "in dem GefünöhMszüstand enins eine bedeutende Besserung eingetreten, und alles schien darauf hinzuweisen, daß die Gesundheit auch weiterhin sich bessern werde. Ganz unerwartet trat am 21. eine schroffe VerschIim erung ein, und ein paar Stunden später verschied Lenin. Der in Moskau tagende Allrussische Rätekongreß und der in den nächsten Tagen zu eröffnende Kongreß der Sowjetunion werden die nötigen Entscheidungen treffen, um die weitere ununterbrochene Arbeit der Sowjetregierung zu sichern. Das Hin- scheiden Lenins bedeutet den schwersten Schlag, der die arbeitenden Klassen der Sowjetunion seit der Machterorberung durch die Arbeiter und die Bauern Rußlands getroffen hat und wird jeden Arbeiter und Bauern nicht nur unserer Republik, sondern auch aller Länder schwer erschüttern. Er ist nicht mehr unter uns, aber sein Werk wird unerschüttert bleiben. Die Sowjetregierung wird das Werk Lenins weiterführen und den von ihm gewiesenen Weg weiter beschreiten."

Die Leiche wird aus Gorki nach Moskau über­geführt werden und bis zur Beerdigung, die Sonnabend stattfindet, im Gewerkschaftshause aufgebahrt sein. Der ganzen Bevölkerung wird der Zugang zur Bahre freigefteüt sein. Sinowjew hat einen parteimäßig aufgemachten Aufruf des Exekutivkomitees der kommunistischen Internationale an alle Sektionen der kommunistischen Internationale erlassen.

Die Todesursache.

Ergänzend wird folgender ärztlicher Bericht veröffent­licht: Die am 22. Januar um 2 Uhr nachmittags vollzogene Obduktion der Leiche Lenins stellte starke Veränderungen der Blutgefäße fest. Eine frische Blutung aus den Gefäßen der weichen Hirnrinde war die un­mittelbare Ursache des Todes. _

, Ifltenof Lenin t

Wer 5^?«» b« russischen Proletariats.

Amtsantritt Mac-onal-s.

Großbritannien unter einem sozialistischen Ministerpräsidenten! Am Dienstag mittag wurde MacDonald vom König mit der Aufgabe betraut, ein Ministerium zu bilden, das die Staatsgeschäfte fortführt. Am späten Nachmittag stattete MacDonald seinen zweiten Besuch an Buckingham-Palast ab, um der

Zeremonie des Handkusses zu genügen, die von allen Ministerpräsidenten erfüllt werden muß. Baldwins Familie hat die Amtswohnung in Downing- street geräumt und Miß MacDonald, eine junge Dame von 20 Jahren, hat die Pflichten der Hausherrin in der Amts- vesidenz des Ministerpräsidenten übernommen. Nach der Zeremonie der Eidleistung auf die Verfassung als Geheimer Rat der britischen Krone wurde MacDonald von der Menschenmenge, die sich vor dem Königspglast? versammelt hatte, begeistert begrüßt. : -

Good old Mac! : f i

war der populäre Ruf, mit dem ihn seine Anhänger begrüßten. Dann folgten die Ereignisse einander mit großer Schnelligkeit. Die Arbeiterpartei, Baldwins Ministerium und die liberale Partei hielten gleichzeitig Versammlungen ab. Baldwins letzte Kabinettssitzung soll eine Art Abschiedsfeier gewesen sein. MacDonalds Versammlung war eine Art General­probe für die Parlamentssitzung. Im Unterhaus ver­kündete Baldwin, daß die Regierung dem König ihre Demis­sion überreicht hätte und daß diese angenommen worden sei. Er beantragte, das Haus solle sich bis zum 12. Februar ver- tagen und fügte erklärend hinzu, man habe diesen Tag fest- gesetzt, um dem Wunsche des neuen Ministeriums entgegen- 1 zukommen. Der Antraa wurde änctenommen^ Die Sitzung erra^te iljr ^nSeTn'a^ sie nur etwas über eine Stunde gedauert hatte.

Die Zusammensetzung des Kabinetts weicht kaum von der bisher genannten Liste ab, sei aber der Vollständigkeit halber noch einmal wiederholt:

MacDonald Erster Lord des Schatzamtes und Sekretär für Auswärtiges, CIynes Lord- Siegelbewahrer und stellvertretender Führer des Unter­hauses, Lord Parmour ßarbpräjibent des Kron- rats, Lord Haldane Lordkanzler, Sn o w d en Schatzkanzler, Henderson Sekretär des Innern, Thomas Kolonialsekretär, W a l ch Kriegssekretür, Syd­ney Oliver Sekretär für Indien, Brigadegeneral Thomson Sekretär für Flugwesen, Lord EHelms f o r b Erster Lord der Admiralität, Sidney Webb, Prä­sident des Handelsamts, W h e a t l e y Gesundheitsministe» rium, NoelBuxton Landwirtschaftsminister, A d a m s o n Sekretär für Schottland, T r e v e I l y a n Präsident der Unterrichtsministeriums, Thomas Shaw Arbeitsminister, Vernon Hartshorn Generalpostmeister, Oberst Wedgwood Kanzler des Herzogtums Lancaster, 2 vM »tt Erster Kommissar für öffentliche Arbeiten. . . - .

Um die Goldnoienbank

® te Sachverständigen für Schachts Pläne.

Die Reparationslommission veröffentlicht folgende amt» liche Mitteilung:Der von der Reparationskommission ein- gefetzte Sachverständigenausschuß, der sich mit der Stabili­sierung der deutschen Währung und den, Ausgleich des deut- schen Budgets beschäftigt, ist zu der Auffassung gekommen, daß es zweckmäßig wäre, eine Goldnotenbank zu errichten, indem man erstens einen Teil der Metallvorräte und der ausländischen Devisen flüssig mache, welche sich etwa im Besitz deutscher Staats­angehöriger befinden und zurzeit keine wirtschaftliche Verwendung finden, und zweitens,

ausländisches Kapital zur Unterstützung heranziehe. Der Ausschuß nimmt an, daß die Errichtung einer derartigen Notenbank einen Bestandteil des Gesamt­planes bilden wird, der den künftigen Ausgleich des Budgets und die Stabilisierung der Währung herbeiführen soll. In dieser Beziehung scheint dem Ausschuß, daß gewisseTerle des von Dr. Schacht entwickelten Planes mit Nutzen v e r w a,n d t werden könnten, sobald der Zeitpunkt gekommen ist. Der Ausschuß hat die Auseinander­setzung der Gedanken Dr. Schachts begrüßt. Sie stellten ein Element der umfassenden Maßnahmen dar, die getroffen wer­den können. Der Vorsitzende des Ausschusses hat bereits her- vorgehoben, daß es für die Alliierten notwendig ist, sich über

ein Einheitsprogramm

zn verständigen. Der Ausschuß ist überzeugt, daß es zu« Sicherung des Erfolges der Bank wünschenswert ist, daß Ausländer bei ?h r e r Leitung mitwirken. Angesichts der Dringlichkeit einer Entscheidung und ihrer Durchführung hat der Ausschuß Dr Schacht davon unterrichtet.