Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag. Donnerstag nnb Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1.— Golbmart. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Betitzelle oder deren Raum 10 1fe„ für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Mg. Reklamezeile 50 Bis- / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchbruckerel in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher ZetlungS-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 11 Sonnabend den 26. Januar 1924
— Der Beginn d e s H i t l e r - P r o z e s s e s ist auf der 18. Februar anberaumt worden.
— In Berlin sind Gerücht« über den Rücktritt L o s s o w s verbreitet.
~ Der französisch, tschechische Vertrag ist in Paris unterzeichnet worden.
Wochenrückdltck.
Der Reichsfinanzminister. vr. Luther will in finanziell interessierten Kreisen eine Märchenstimmung bemerkt haben, aber an anderen Stellen im Reiche, wie in den Gliedstaaten, herrscht eine bedeutende Unzufriedenheit mit den inner- politischeii Zuständen, und das drückt sich vielfach in dem Verlangen nach Neuwahlen und Wahlreformen 9US' 2m sächsischen Landtag hat die neue Koalition dem kommunistischen Ansturm widerstanden und die Auflösung abgelehnt, offenbar um endlich den beständigen Agitationen emen Riegel vorzuschieben und fruchtbare Arbeit-leisten zu können, aber die durch den Hitlerputsch in Bayern erzeugte Spannung, , die Verschärfung der Gegensätze zwischen den Nationa sozia isien und der größten Partei in Bayern, der Bayerischen Volkspartei, haben zu einer Ausschreibung
Volksbegehrens geführt, das in der sofortigen Auflösung des Landtags und in der li;, gestaltuna her bsttjerifajo Verfassung mit einfacher Mehrheit gipfelt. Auch Preußen liegt eine Verfassungsänderung in den Gliedern und äußerte sich im Verfassungsausschuß des preußischen Landtags mit der Beratung einer Novelle zum Wahlgesetz, doch wurde sie vertagt, weil die Reichs- Legierung sich bereits mit einer Reichstagswahlreform befaßt. Die Zahl der Abgeordneten soll vermindert und eine Neu- emteilung der Groß-Berliner Wahlkreise vorgenommen Werden. Auch ist geplant, gewissen BedenkenLiegen die
geordneten angestrebt werden soll. In Wahrheit besteht diese Verbindung nur in den seltensten Fällen, und die Listenmaschinerie bringt Mandate Abgeordneten, die ihren Wühlern kaum vom Hörensagen bekannt sind. So kommt es, daß der landfremde Abgeordnete sich erst im Laufe der Zeit in die lokalen Interessen seines Wahlkreises einfühlen muß. Wenn in dieser Hinsicht Wandel geschafft würde (trotz der Beibehaltung der Listen), unbeschadet der an sich zu billigenden Verhältniswahl, käme die wahre Volksstimmung zu ihrem Recht.
Die hinter verschlossenen Türen in Berlin vor sich »ehende Tagung des Reichsausschusses der deutschen Zentrumspartei hat weder eine Rechts- Schwenkung. noch einen Linksabmarsch erkennen lassen, son- dern ein Beharren auf der von dem Reichskanzler Marx vorgezeichneten Linie der Politik. Das Zentrum wird mit positiven Vorschlägen in den Wahlkampf hineingehen, ich als Partei der Mitte seine Unabhängigkeit wahren und ich nach alter demokratischer Tradition „gegen die reaktionäre Psychose" auch in Zukunft wehren. Dementsprechend fielen auch die Entschließungen des Ausschusses aus, in dem Verfassungstreue, Schutz der christlichen Kultur und Verteidigung der sozialen Gerechtigkeit sowie die Notwendigkeit eines Wirtschaftsfriedens zwischen Arbeitgebern und Arbeit- nehmern betont wurde. ' Nicht unerwähnt bleibe, daß von der Neichsregierung erwartet wurde, sie werde kein Verbot der Hypothekenaufwertung erlassen.
Aufsehen erregte ein'Schreiben des Reichsfinanzministers an den R e i ch s a r b e i t s m i n i st e r, worin die Anpassung der von der Privatwirtschaft gezahlten Gehälter und Löhne an die vom Reiche seinen eigenen Arbeitnehmern gewährten Einkommensbezüge gefordert wird. Es wurden nicht unbe- achtliche Stimmen aus Unternehmerkreisen gegen diesen Eingriff in ihre Lohnpolitik laut, aber auch auf sozialdemokratischer Seite wurde im Interesse der in der Privatwirtschaft Beschäftigten stark dagegen Einspruch erhoben. Nicht zu verkennen ist, daß die Reichsregierung bei der von ihr verlangten Festsetzung von Maximalbezügen vergißt, daß sie die von ihr befürchtete Inflation selbst durch ihre Gehaltspolitik gegenüber der Beamtenschaft mitgemacht hat. Wird ihr jetzt entgegengehalten, was dem einen recht, ist dem anderen billig, so ist dies zu verstehen. Die Verkürzung der Beamtengehülter. muß böses Blut machen, aber warum soll dies auch auf das Privatgebiet hinübergreifen!
Was über das Schicksal der M i c u m - V e r t r ä g e umläuft, ob die Verhandlungen zwischen Paris und Berlin scheitern werden, oder ob sie die Belastung der Ruhrindustrie mildern werden, liegt noch im Dunkel. Es heißt jedoch, die Neichsregierung werde sich nicht zur Schaffung von Bedingungen verstehen, die neue Leistungen oder Barzahlungen zur Folge hätten, ein Punkt auch, den die jetzt in Berlin eintreffende Sachverständigenkommission in den Kreis ihrer Untersuchung einzuziehen hätte.
Die W i r r e n i n M e x i k o werden voraussichtlich in nicht zu langer Zeit beendet sein. Huerta, der Führer der Aufständischen, hat einen Fehler gemacht, der ein erstaunlich schlechtes Augenmaß verrät: er hat mit der Vernichtung der Petroleumanlagen von Tampno gedreht, falls die Vertreter -er Mexikan-Petroleum-Co. nicht den Ausfuhrzoll von
40 000 Dollar vorausbezahlen, und um die Zerstörung der Werke zu verhindern, hat das Staatsdepartement in Walhing- ton den Besitzern der Oelfelder geraten, einstweilen die Forderung zu bewilligen. Augenscheinlich ist dem Geldbedürfnis der Rebellen aber nicht abgeholfen worden; sie hatten das amerikanische Interesse an der Sache unterschätzt und mit der Besetzung von Tampico nicht ihrem Gegner Obregon, sondern sich selbst den denkbar übelsten Dienst erwiesen. Hätten sie sich auf die Bekämpfung der mexikanischen Regierung beschränkt, so wäre bei dieser rein innerpolitischen Streitigkeit, keine amerikanische Flinte losgegangen, so aber gestattete Washington den Regierungstruppen Obregons nicht nur, das Gebiet von Texas mit 2000 Mann zu überschreiten zur Erzielung einer Generaloffensive auf der ganzen Linie, Veracruz abfahren. Mit dieser Machtenfaltung sondern ließ einen Kreuzer und sechs Zerstörer nach dürfte dem Bürgerkriege ein Ziel gesetzt und Obregons Präsidentschaft neu befestigt sein, wenn auch die Hilfsleistung Amerikas für die Regierung von Mexiko gegen mexikanische Landsleute nicht ganz unbedenklich ist. Es könnte später einmal dem Präsidenten ein Strick daraus gedreht werden, wenn sich das hochgespannte Nationalgefühl der Mexikaner bei anderer Gelegenheit dagegen aufbäumen sollte; denn sie sehen in den Amerikanern traditionell den Erbfein, seit diese Texas, Arizona, Neumexiko teils durch Kauf, teils durch Gewalt sich einverleibt haben. Die von ihnen jetzt gewährte Unterstützung Obregons beweist seine Schwäche und ist erlangt durch eine Einmischung in die inneren Verhältnisse eines selbstbewußten Nationalstaates, was immer eine mißliche Sache ist. —nd.
Maedouald greift zu.
Energische Arbeitsaufnahme durch das Kabinett.
— Der Revision des Versaill^r Vertrages entgegen?
Laut Westminster Gazette hat -as Arbeiterkabinett bereits beschlossen, die Sowjetregierung
a n » me r f * " ' d-n Bfa» .-r-»s Dockbaues in Singapore aufzugeben und auf Ausdehnung des V öl k e r b u n d e s hinzuwirken. Die Regierung werde auch auf den Beitritt Rußlands und Deutschlands zum Völkerbund dringen, aber zuvor eine internatio- nale Konferenz zur Abänderung des Ver - failler Vertrages und zur Herabsetzung der Reparationsforderungen vorschlagen. Evening Standard berichtet, dass MacDonald bereits in Fühlung mit der russischen Regierung stehe, und dass baldige Schritte zur Anerkennung der Sowjetregie- rnng wahrscheinlich seien. James O. Grady ist zum britischen Botschafter für Moskau ernannt worden.
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Das Kabinett hat Reuter zufolge die Aufstellung eines neuen Arbeitssystems beschlossen durch Bildung eines kleinen Au ssch u s s e s für die Behandlung verschiedener innerpolitischer Angelegen- heiten und für die Vorbereitung ihrer Erledigung, wobei indessen dem Gesamtkabinett die endgültige Entscheidung vorbehalten bleibt. Hierdurch wird das Ministerium in den Stand gesetzt, seine Zeit den allgemeinen politischen Problemen zu widmen.
Der Parlame: tsberichterstatter des Daily Expreß schreibt, nach dem Tode Lenins und angesichts der Krankheit Trotzkis sei es notwendig geworden, festzustellen, mit wem über die von der Arbeiterregierung beabsichtigte Wiederaufnahme der Beziehungen zu Rußland verhandelt werden soll, weshalb MacDonald eine U n t e r s u ch u n g s k o m mi s s i o n nach Moskau zu entsenden beabsichtige.
Hii-sr-Prszeß am 18» Februar.
Pöhner erkrankt
Aus M ii neben wird gemeldet: Nach langen verzögernden Erwägungen und Verhandlungen ist nun der Termin und Ort des Hitler-Prozesses festgesetzt. Er beginnt am 18. Februar und wird nun doch in München s e l b st d ur ch g e f ü h r t werden, und zwar im Gebäude des Amtsgerichts in der Aue. — Einer der Hauptangeklagten, der Oberlandesgerichtsrat P ö h n e r, ist nach der Münchener Zeitung in Untersuchungshaft an einem Magen- und Darmleiden erkrankt und mußte in ein Kranken» Haus gebracht werden.
Rücktritt Loffows?
In Berlin ist das Gerücht verbreitet, dass General von Lossow am Donnerstag den bayerischen Ministerpräsidenten besucht und ihm die Bereitwilligkeit zur Ei«reichung seines Abschiedsgesuches a u s g e s p r o ch e n habe. Diese Nachricht ist aus München zwar energisch dementiert worden, aber in einer Form, die doch noch einige Möglichkeiten offen lässt. So soll »'ch einer anderen Version das Rück
trittsgesuch Lossows bereits vorliegen. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass Herr von Lossow seinen Posten noch vor Beginn des Hitler-Prozesses verlässt. r , .
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Keine Verlängerung
des Ermächtigungsgesetzes.
Im Zusammenhang mit der Diskussion über die Einberufung des Reichstages ist in parlamentarischen Kreisen auch davon gesprochen worden, daß eventuell eine V e r l ä n - gerung der Geltungsdauer des Ermächtigungsgesetzes notwendig werden würde, weil dieses am 15. Februar abläuft und der durch Verordnungen zu regelnde Stoff bis dahin von der Regierung nicht aufgearbeitet werden könne. Wie wir aus parlamentarischen Kreisen dazu hören, besteht die Absicht einer Verlängerung dieses Gesetzes jedoch nicht, da die Regierung selbst eine Notwendigkeit dafür nicht vorhanden sieht. Das Gesetz wird also am 15. Februar, wie vorgesehen, außer Kraft treten. Außerdem rechnet man damit, daß ungefähr Mitte Februar auch das Reichstagsplenum wieder zusammentreten kann, weil anzunehmen ist, daß die nach Berlin kommenden Sachverständigen-Komitees bis um diese Zeit ihre Arbeiten beendet haben dürften.
poincare will sich „kategorisch aussprechen".
Die Gruppen der französischen Kammer- Mehrheit haben am Donnerstag eine Abordnung zum Ministerpräsidenten entsandt, um mit ihm über die Stellung- nahme der Regierung in der am Freitag beginnenden Debatte zu verhandeln. Die Delegierten betonten besonders die Notwendigkeit st a r k e r Ersparnisse und forderten **iiiiW
mermehrheit die Annahme der Entwürfe zu erleichtern. P o i n c a r e antwortete, daß er sich um die rasche Annahme der Regierungsentwürfe durch die Kammer bemühen und binnen zehn Tagen ein Gesetz dem Senat unterbreiten werde, durch das er unter den gleichen Bedingungen die Der- trauensfrage zu stellen gedenke. Die früher abgegebenen Erklärungen über seine Politik werde er nicht preisgeben, er werde sich in der Sommer derart kategorisch aur - sprechen, daß es der Mehrheit möglich seiy werde, ihm bis ans Ziel zu folgen.
Wieder ein Separatistenanführer erschossen.
Ein bekannter Separatistenführer, der Backofenbauer Schlicht aus Bell, der in den Tagen der Son» derbündler-Herrschaft i m Kreise Mähen die Hauptrolle spielte und sich als „Landrat" bezeichnete, ist Don- nerstag abend zwischen Riederländig und Oberländig von Unbekannten, von denen jede Spur fehlt, erschossen worden. Schlicht kam von Adenau zurück, wohin er eine Agitationsreise gemacht hatte. Man fand ihn von acht Kugeln durchbohrt auf. Er selbst hatte einen entsicherten Revolver bei sich. Während sei- ner Landratszeit hat der Getötete sich besonders dadurch bekannt gemacht, dass er Notgeld des Kreises Mähen im Nennwerte von 7 Trillionen Mark, das sogenannt« „Schlkcht-Geld", drucken liess.
Unterzeichnung des Äanzösisch-lfchechischen Verüages.
Der f r a n z ö si s ch - t sich e ch i s ch e B ü n d n i s v e r - trag wird am Freitag oder Sonnabend in Paris unterzeichnet werden, da Außenminister Dr Benesch voraussichtlich am-Sonntag von Paris abreist. Echo de Paris schreibt dazu, letzthin habe man erfahren, daß es Benesch während seines Aufenthalts in London gelungen sei, die Befürchtungen Lord C u r z o n s zu zerstreuen durch dar Angebot, mit London einen gleichen Vertrag abzuschließen wie mit Paris.
Boelitz über den „Abbau der Schule".
Die Bildungshöhe wird nicht gemindert.
In einer öffentlichen Versammlung in Stettin führte der preußische Kultusminister Dr Boelitz am Donnerstag abend u. a. aus: Oberster Grundsatz bei der Verringerung des U n t e r r i ch t s p e r s o n a l s ist und bleibt, daß die Bildungshöhe unseres Volkes nicht gemindert wird. Darum sst es zum mindesten mißverstand, lich, wenn im Zusammenhang mit der Personalabbauverordnung von Echulzerstörung und Verkümmerung der Bildung gesprochen wird.. Nach stalistischey Vergleichen zwischen den Zahlen der Schulki:der und der Lchrkräfte vor und nach dem Kriege kam d.c in n zu Schluß: Heute haben