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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag and Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1. Goldmark. / / Anzeigen preis für die einspaltige Betitzeile oder deren Raum 10 Dfg., für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Vfg, Retlamezeile 50 Dfg. / / Druck u. Verlag von Ludwig Fants Buchdruckerei in SerSfeld, Mitglied des VereinS Deutscher Zeltuags-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Versfeld. / / Fernsprecher Rr. 8.

Nr. 13 Donnerstag den 3t Januar 1024

3m preußischen Landtag ist ein Kompromiß über sdie Grundsteuer erzielt worden.

MacDonald hat an Poincar 6 ein Schreiben in freundschaftlichem Tone gerichtet, das dieser in gleicher Weise beantwortete.

Die Sachverständige« haben ihre Arbeit in Berit« ausgenommen.

Die Sachverständigen in Verlin.

Das Eintreffen der beiden Sachverständigenausschüsse in Berlin läßt die Erinnerung an jene im Herbst 1922 veran- staltete Tagung wach werden, die zur Untersuchung des deut­schen Budgetausgleichs und der Stabilisierung der Atark be­stimmte Autoritäten in Finanz, und Wirtschaftsangelegen- heiten, wie Professor C a s s e l, Professor K e y n e s, Präsi­dent B i s s erin g auf den Plan riefen. Die Verhandlungen dieser Währungskonferenz, die beachtenswerte Gutachten zei­tigten, verliefen damals im Sande und wurden von Poincarä zu den übrigen gelegt als historische Reminiszenzen. Damals war die Fruchtnoch nichtreiffür Beschlüsse; es mußte erst noch die Ruhrbesetzung mit allen ihren Nachwirkungen für Deutschland und die ganze Welt hereinbrechen, bis die Not der Zeit zur Entsendung von anderen Sachverständigen es zwang. Auch sie besitzen kein imperatives Mandat, aber was sie im Laufe des kommenden Monats beraten und fest» stellen werden, kann nicht als unbeachtlich beiseite geschoben werden. Der Pariser Presse ist angesichts dieser Aussicht nicht behaglich zumute, und sie beeilt sich, den Beratungen ein un­günstiges Prognostikon zu stellen, doch darf man im Gegensatz dazu in Deutschland die Erwartung einer Besserung n i ch t z u --^ lL^nn^n Sn mTOsrfeW

Mitglieder anzweifeln wollen, dürfen wir dochmcht vergessen, daß sie Vertreter der Entente, also Feinde sind, die Deutschlands Wohlergehen nur insoweit ins Auge fassen, als es Vorteil für ihre Auftraggeber verspricht. Wir müssen uns vor Ueberschwenglichkeiten hüten und uns jener Zurück- Haltung befleißigen, die gleich entfernt ist von Unter­würfigkeit und schrankenlosem Entgegenkommen. Zu diesen gehört indessen nicht die Offenlegung unserer Bücher. Wollte !man diese sperren, so müßte dies, als Verdunkelungsversuch angesehen, einen schlechten Eindruck hinterlassen und neuen Verdächtigungen, an denen es bekanntlich niemals gemangelt hat, Nahrung geben. Je mehr Licht über die miserable Finanz- läge des Reichs, über die Zerrüttung unserer Wirtschaft ver­breitet wird, und je schneller es geschieht, um so bessere Bedin- ^ gun.gen werden wir erlangen.

Es ist aufgefallen, daß der offiziöseTemps" den. Ersten iSachverständigenausschuß die Ausarbeitung eines Repara- UonspIanes zur Aufgabe stellen möchte, während sich doch Poincarö gegen die Beschäftigung mit dieser Materie durch die Konferenz in Paris gesträubt hat. Was damit bezweckt wird, ist noch nicht ersichtlich, aber der Plan eröffnet die Mög­lichkeit, Amerika, das bei dieser Angelegenheit zum ersten Male in die Entschädigungsfrage hineingezogen ist, weiter hineinzuverwickeln.

Ueber die Stellung der Ausschußmitglieder zu Deutsch­land ist Authentisches nicht bekannt, nur der von England benannte Sachverständige Sir Robert Kindersley hat dem vor- jährigen Bankausschuß bereits cmgehört und damals über die deutsche Leistungsfähigkeit ein sachverständiges Urteil ab­gegeben. Alle Teilnehmer an den Beratungen sind autonom, wenn ihnen auch von ihren Regierungen allgemeine Ver­haltungsmaßregeln vorgezeichnet sein werden.

Im Zweiten Ausschuß über die Kapitalflucht nimmt MacKenna einen hervorragenden Platz ein. Von ihm, der in seiner Jugend einmal zeitweise eine deutsche Schule in Ebersbach besucht hat, darf man vielleicht mindestens Unvor- eingenomnwnheit gegen Deutschland erwarten, und was von ihm in der englischen Presse durch Aufsätze über die Repa- rationsfrage und durch einen über denselben Gegenstand in Amerika in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, stützt Mcfe An- «nhme.

Don der Reichsregierung ist den Ausschüssen als infor- mierende Unterlage ein Schreiben zugeleitet worden, das eine objektive Darstellung der zur Beratung stehenden Materie enthält. Die Mitglieder sollen, wie es heißt, unabhängig von Paris ihres Amtes walten und die Finanz- und Wirtschafts­lage gründlich prüfen. Zu diesem Zweck werden der Reichs finanzminister, der Wirtschaftsminister und die Relchsbani zur Beantwortung aller an sie gerichteten Fragen bereit sein und besondere Beamte zur Verfügung halten, die iede Aus kunft unter Vorlegung der Akten und Bücher erteilen sollen Das sieht allerdings bedenklich nach einer Finanzkontrolle aus wenn jedoch Klarheit über die Verhältnisse geschafft werde.

schon deshalb nicht, weil nur durch rückhaltlose Offenhei Deutschland vor dem Schicksal Oesterreichs bewahrt werde; kann, das durch die drei Gen er Konventionen einer dauern den Finanzkontrolle unterworfen wurde. Ueber das Pro gramm der Verhandlungen haben sich die Ausschüsse noch nich geeinigt. Sobald dies geschehen ist und das Schreiben bet Reichsregierung im Wortlaut vorliegt, wird eine Stellung nähme dazu möglich sei«. m. G. R

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Briefwechsel MacdoMd-poincare.

Entspannung zwischen Paris und London?

Es wird jetzt bekannt, dass Ramsay MacDonald vor einigen Tagen an Poinearö ein Schreiben rich­tete, in dem er den Wunsch nach freundschaftlichen Be­ziehungen aussprach, trotz der Schwierigkeiten, die be- standen haben und die auch wieder auftauchen mögen. Dieser Brief war in sehr freundschaftlichen Ausdrücken abgefasst. Poineard hat ein ebenfalls freundschaftliches Antwortschreiben an de« englischen Premierminister gesandt.

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Ueber den Inhalt des Briefs verlauten folgende Einzel­heiten: MacDonald erklärt, daß er anläßlich der Uebernahme der Regierung konstatieren müsse, daß die Beziehungen zwi­schen Frankreich und England nich t mehr so herzlich seien wie früher. Die französisS^e Politik habe mit Recht oder Unrecht zahlreiche Linwände gegen die englische Politik er­hoben. Die englische öffentliche Meinung sei darum über die Zukunft Europas stark beunruhigt. MacDowald ersucht Poincare, zu helfen, endgültig und solIßLndlg alle Probleme zu lösen, diegegen- wärtts rm^ewst sind. Er sei zu den nötigen Zugeständnissen bereit, tote Me französische Regierung ihrerseits von einem 8h> :rnh^.n'^M7^e"vkkee,^ trwyiFBW VtWMMi'V^ lffl^W Premierministers spricht man infolge dieses Briefwechsels von ein« Entspannung und von dem Wunsche gegenseitiger Berflänbigung.

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Stürmische Kammerdsbatie um die

WieherausbausSchiebungen.

Das »Massengrab für Skandale". Schwere An» triffeaufLoucheur, Reibet und sein Ministerium.

Hart an der Krise vorbei.

In der Dienstagvormittagssitzung der französischen Kam­mer vertrat der Abgeordnete D e y r i s einen Gegenentwurf, der eine Revision sämtlicher Miede raufbau- entschädigungen von mehr als 500 000 Frank in den Mittelpunkt der Finanzreform stellt. Alle widerrechtlich er»: langten Summen sollen sofort der Staatskasse verfallen, unbeschadet der strafrechtlichen Verfolgung der über Gebühr Entschädigten. Der Antrag verlangt die Ab­wicklung des Wiederaufbauministeriums bis Ende 1928, die möglichst baldige Entlassung von 200 Beamten des Wiederaufbauministeriums und dessen sofortige Vereini­gung mit dem Finanzministerium. In der Nachmit­tagssitzung sprach der Abgeordnete Inghels erneut über, die

MMonenbetrügerrieu bei dem Wiederaufbau der Kriegsgebiete. Er erinnert daran, daß er seit drei Jahren unablässig diesen Skandal auf der Ko.mmertnbune zur Sprache gebracht habe. Dem Staat seien ö Milliarden gestohlen worden, und das habe die Wahrung Frankreichs ruiniert. Er habe oft genug dem Vam- sterium für die zerstörten Gebiete alle diese Mißbrauche imt- geteilt, »aber dieses Ministerium scheint ein K i r ch h off u r alle Miß brü uche und die Kommission für die zerstörten Gebiete ein Massengrab für Skandale zu fern , ruft er aus. (Bewegung.) Er Hätie der Kommission dre Akten von 14 verschiedene« Fällen unterbreitet, ohne beachtet zu werde«.

Minister Reibet erklärte: Jedesmal, wo ein Mißbrauch vorgelegen hat, ist er geahndet worden. (Zurufe und Bewegung.) Die Viehrzahl der Skandale, die Abgeordneter Inghels vorbringt, |tnb m V«rk- lichkeit gar keine. (Neue stürmische Zurufe, Beifall rechts.) Der Abgeordnete Inghels fährt fort und schildert den Eindruck,: den diese verschiedenen Skandale in Lille auf die "vmnnssionj gemacht hätten. Leider verberaen sich hinter diesen Skandalen1 große politische Einflüsse. Zurufe: Welche? Der Abgeordnete Inghels:

Der des Herrn Loncheur.

(Zurufe, ftürinifcher Lärm, Bewegung und Unterbrechung ) Der Sozialist Baron ruft: Fahren Sie fort. Inghels^ schlagen Sie ihm den Nagel nur ordentlich in den Kopf. edHeiniar ergreift Reibel noch einmal ims Wort, um die Tätigkeit des Ministeriums für die befreiten Gebiete zu verteidigen. Als er das Mlnist^iurn übernommen Me, Ren bere ts 40 Mil-

lmrden für Schätzn ausgezahlt gewesen. Man habe die Ge- samtschäden auf 146 Milliarden geschätzt, aber ange­nommen, daß man nicht mehr als etwa 100 Milliarden aus- zuzahlen habe. Die endgültige Schätzung habe jedoch eine geringere Summe, nämlich 82 Milliarden, ergeben.

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Die Befahungskosten nicht aufzubringen.

Halbamtlich wird mitgeteilt:

Ein Berliner Blatt glaubt feststellen zu können, daß der Reichsfinanzminister seinen Standpunkt hinsichtlich der Frage der Besatzungskosten vollkommen geärgert habe und sich nun- urehr energisch für die Weiterzahlung der Besatzungskosten einsetze. Demgegenüber muß mit allem Nachdruck betont wer­den, daß der Reichsfinanzminister in Uebereinstim­mung mit dem ganzen Reichskabinett zwar gewillt ist, im Interesse der besetzten Gebiete alles zu tun, um die Bevölkerung dies« Gebiete nicht neuen Gefahren und Leiden auszusetzen, daß er aber keine Möglichkeit sieht, wie demnächst die Mittel zur Bestreitung der Be­satzungskosten noch aufgebracht werden können.

Die Volksjustiz gegen die Separatisten.

Der als französischer Spitzel und Denunziant berüchtigte Separatistenführer undBürgermeister" von Roxheim, In­genieur Gumbinger, der viele Ausweisungen und Bestra­fungen Roxheimer Familien auf dem Gewissen hat fiel am Dienstag abend gegen 7 Uhr auf der Reise von Roxheim nach Bobenheim der Dolksjustiz zum Opfer. Gumbinger wurde durch Revolverschüsse schwer verletzt und in hoffnungslosem Zustande in das Krankenhaus Frankenthal eingeliefert. Die Täter sind unerkannt entkommen.

Der fymzösische Agitator P h o c q u e l, der in Frankfurt und danach in der Viär von Dorten in Wiesbaden Schutz fand, ist jetzt vom Pariser Kriegsgericht wegen Diebstahls so« wie wegen Bedrohung französischer Gendarmen und Beleidi­gung französischer Offiziere zu einem Jahr Gefängnis ver­urteilt worden. Die Verurteilung ist nach demMatin" mit drei gegen zwei Stimmen erfolgt.

Arbeiisbeginn der Sachverständigen.

Die Arbeit der Sachverständigenkommis- s i o n, die Mittwoch vormittag im Reichswirtschaftsmini­sterium zu einer ersten Sitzung zusammen getreten ist, wird sich zunächst in völliger Zuriickgezogenheit abspielen. Seitens der deutschen Regierung ist ein Memorandum, das einen großen Teil des von her Regierung zur Vefügung stehenden Materials über die deutsche Finanz- und Wirtschafts­lage enthält, überreicht worden, und mit diesem werden sie sich einige Zeit in genauem Studium befassen. Erst später sind mündliche Besprechungen mit den Vertretern der deutschen zuständigen Ministerien in Aussicht genommen. Zu­nächst werden nur die in Berlin anwesenden Vertreter bet deutschen Kriegslasten komm i s sion die Fühlung ^ wischen Reichs» regierung und Sachverständigenaus schuß aufrecht erhalten.

^Oiplomaiische Hsfiichksii".

Das .D ixmut d e «"- Beileid der Reich-regierung.

Die Reichsregierung hat die Anfrage der D e u t s ch n a t i o n a l e n Fraktion bes Reichstages rote folgt beantwortet:

Durch die innerpolitische Erörterung der deutschen Bei­leidserklärung anläßlich des Untergangs der Besatzung der Dixmuiden" hat dieser Akt einsamer diploma­tischer Höflichkeit eine Bedeutung erlangt, die ihm keineswegs zukommt. In Frankreich wurden der Untergang des Luftschiffes und seine Begleitumstände als eine außer- ordentliche Katastrophe empfunden. Dies veranlaßte eine internationale Befleidskunb geb ung v on ungewöhnlichem Umfang, an der pch viele Staats­oberhäupter sogar unmittelbar beteiligten. Mit einem ab- weichenden Verhalten hätte die beutle Botschaft den An- schein erweckt, als ob sie einen «freundliche poU« t i f ch e Kundgebung bezwecke. Unter diesen Umstanden bielt es das Auswärtige Amt für ««gezeigt, deutscherseits die rein menfdHidien ® ei i d) tspunfte in den Vordergrund zu stellen und den Geschäftsträger in Pans an- atroeiren, die Teilnahme der deutschen Regierung zu dem Verlust an Menschenleben beim Untergang derDixmmden an«zusprechen. Diese Er .. wnng erfolgte in der im zwischen- staatlichen Verkehr üblichen Form unter voller Wahrung deut- scher Würde."