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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag and Sonnabend. Der Bezugspreis betragt monatlich 1. Goldmark, , / Anzeigenpreis für die einspaltige Detitzelle oder deren Raum 19 Dka.» . für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Mg , Reklame;eile 50 Vfg. / / Druck v. Verlag von Ludwig Funks Buchbruckerei in Sersfeld.

Mitglied des Vereins Deutscher AeilungS-Derleger. / / Für die Schrlftleituaa verantwortlich Franz Funk in Sersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 19

Donnerstag, den 14. Februar

1924

Furchtbares Volksgericht in pirmasens.

Dir Separatisten im Regierungsgebäude ,aue> geräuche rt". Die Verräter mit Aexten und Knüppeln totgefchlagen. Die Besatzung», behörde neutral.

Ju Pirmasens hat eine furchtbare Erhebung der von den Separatisten maßlos gequälten und durch die Vorgänge der letzten Zeit ungeheuer erregte», deut­schen Bevölkerung gegen die bisher unter dem Schutz der französischen Bajonette stehenden landfremden Peiniger stattgefunden. Die Kämpfe, die sich entsponnen haben, hatten teilweise einen außerordentlich ernsten Charakter.

Ueber die Vorgänge in Pirmasens seien die folgenden Einzelheiten mitgeteilt: Bereits im Laufe des Montag vor- mittag, etwa von 11 Uhr ab, sammelte sich vor dem Re- gierunstsgebäude eine große, ständig anwachsende Menschenmenge an. Die Separatisten, die in dem Regierungsgebäude ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat­ten, wurden zu wiederholten Malen aufgefordert, das Gebäude zu räumen. Ohne Erfolg. Nachdem aber alle Einigungsversuche gescheitert und die Menschenmassen vor dem Hause im Laufe der Nachmittagsstunden schließlich ins Ungeheure gewachsen waren, setzte gegen Abend der

Angriff auf das Regierungsgebäude

ein. Die Separatisten hatten sich währenddessen mit allen Mitteln verbarrikadiert und sich hinter den Fenstern wie in einer Festung verschanzt. Ihre Zahl be- lief sich etwa auf 4 0 Personen; ihr Führer war der be­rüchtigteRegierungskommissar" S ch w a a b. An die Spitze der angreifenden Einwohnerschaft hatte sich die Bürg er­wehr gestellt. Mit Waffen aller Art versehen, darunter zahlreichen improvisierten Kampfmitteln, wie Aexten, Knüp- peln usw., stürmte die maßlos erregte Menge nach Einbruch der Dunkelheit auf das Gebäude ein. Die Separatisten ver­teidigter; sich hartnäckig, und es kostete gleich von Anfang an daß an das Gebäude infolge der starken DerbarrrkadierUng . nicht heranzukommen war, daß sich insbesondere die Türen nicht aufbrechen ließen, wurde

die Feuerwehr zu Hilfe gerufen, die nun versuchte, auf Leitern durch die Fenster tn das Gebäude einzudringen. Als auch das mißlang, griff may zu einem Radikalmittel:

Das ganze Gebäude wurde mit Benzin be« sprengt und in Brand gesteckt. Als der untere Teil des Hauses bereits in hellen Flam - men stand, stellte« die Separatisten endlich daS Feuer ein und baten um Gnade. Unterdessen waren aber schon einige Bürgerwehrleute über bis Leitern der Feuerwehr in die oberen Räume deS Regierungsgebäudes eingedrungen. Da die Sepa­ratisten sich auch hierbei zur Wehr setzte«, gab eS in den Amtsstuben einen Kampf Mann gegen Mann, bis sich die Schar der Verräter ergab. 9113 nun die Separatisten aus dem Gebäude herausgeführt wurden,, richtet» sich gegen sie der ganze, wochenlang aufgespeicherte Zorn der vielgeplagten Bevölkerung. Mit einem einzigen Aufschrei fiel die Menge über ihre Peiniger her. Der HerrRegierungs- kommissar" Schwaab, der sich ja bekanntlich von jeher durch ein besonders brutales Verhalten aus­gezeichnet hat, und seinAdjutant" wurden erschlagen. Das gleiche Schicksal fanden mehrere andere Separatisten, die sich eines ganz besonders üblen Rufes erfreuten.

Städtern da« Regierungsgebäude befreit war, veranstalteten die Bürger in den Straßen der Stadt noch eine Razzia auf die Separatisten, die er vorgezogen hatten, sich in irgendeinem Schlupfwinkel vor dem Strafgericht der Bevölkerung zu verbergen. Sie teilten jedoch bald das Los ihrer Genossen. Die Gesamtzahl der Toten und Verwundeten, die der schwere Kampf gekostet hat, steht noch nicht endgültig fest. Die letzten Meldungen nennen

17 Tote

und eine große Zahl Schwerverwundeter. Aus feiten der angreifenden Einwohner sind gefallen der praktische Arzt Annstaett, als er mit dem Verbinden von Verwundeten be­schäftigt war, ferner ein junger Mann namens Porcilius und eine Frau Stumpf. Die Erregung in der Stadt ist immer noch un­geheuer. Das Feuer im Regierungsgeb de ist noch nicht gelöscht. Die Besatzungstruppen verhielten sich den Kämpfen gegen­über vollkommen neutral. Erst Mittwoch morgen um 5 Uhr rückte französische und marokkanische Infanterie auf fünf Lastkraft- wagen in Pirmasens ein: Ueber die Stadt wurde die Verkehrs­sperre von 7 Uhr abends bis 6 Uhr morgens verhängt. Der Brandherd ist jetzt von französischen Truppen umstellt.

vottsauffiand auch in Kaiserslautern.

Seit Dienstag morgen 8 Uhr wird um das Be­zirksamts das Hauptquartier der Separatisten,

heftig gekämpft. Marokkanische Truppen griffen ein, um die Menge von dem Gebäude, das zugleich der Sitz der französischen Bezirksdelegierten ist, fernzu- halten. Bis jetzt sind zwei Schwerverletzte darunter ein Separatist und mehrere Leicht- verletzte zu verzeichnen. Die Separatisten find am Dienstag aus Zweibrücken, morgens 4 Uhr, in der Richtung nach Kaiserslautern abgezogen.

Macdonalds Programmrede.

Das Debüt des Premierministers im Unterhaus.

Die historischen Hallen des Parlamentsgebäudes von Westminster waren schon häufig Zeugen seltsamer Dinge; doch heute spielten sich dort Szenen ab, die wirklich einzigartig waren. Der britische Ministerpräsident begab sich z u F u ß von seiner Wohnung im Downing Street nach demUnterhause, umgeben von einer jubelnden Menge, um dort seine erste Rede zu halten. Außerhalb und innerhalb des Parlaments sah man zahlreiche Zeichen, daß die Volks- müssen und die Politiker dem Tage ungewöhnliches Snteres fe verlegten.

MacDonald erklärte

ehe er sich den äußeren Fragen zuwandte, daß er das Doppelamt des Ministerpräsidenten und des Sekretärs des Aeußeren übernommen habe, damit er dadurch jeder Politik, die verfolgt werde, ein besonderes Gewicht beilegen könne. Er sagte, er habe sich entschieden, Rußland ohne jede Verzögerung anzuerkennen und habe darin die volle Unterstützung seiner Kollegen gefunden. Er habe den Wunsch, alle offenstehenden PunUe zwischen Rußland und Großbritannien zu erledigen. Er hoffe, daß, noch ehe die Woche zu Ende gehe, Rakowski auf dem Wege nach Moskau sein werde, um die endgültigen Instruktionen seiner Regierung für die Aufnahme der Ver­handlungen zu erhalten. MacDonald fuhr fort:Je früher wir das Buch unserer russischen Transaktionen abschließen, desto besser wird es sein. Und ich schlage vor, es sobald als möglich zu schließen und ein neues u eröffnen, eines, auf dessen Seiten, wie ich hoffe, freundschaftlichere Meldungen und Geschichten aeschrieben werden." MacDonald wandte sich dann der Frage der britischen

nnftW^^ biefen beiden Ländern noch nicht ge­klärten Fragen zu. Er sagte, er forme nge noch feine volle Erklärung abgeben, so sehr er dies auch be­dauere.Doch," so fügte er hinzu,ich bin glücklich, sagen zu können, daß, wenn sich nicht irgend etwas Unvorher-' gesehes ereignet und ich glaube nicht, daß dies eintreten chird, eiire vollständige Einigung über die Pfalz innerhalb der nächsten paar Tage zstande kommen wird. Ich ergreife diese erste Gelegen­heit, meine Anerkennung der andauernden und herzlichen Mitarbeit Poincares zu widmen, in Erwiderung der Annäherungsversuche, die ich hinsichtlich dieser Punkte machte. Meine erste Aufgabe war, eine ge­sunde Atmosphäre zwischen Frankreich und Großbritannien zu schaffen. Unsere Diplon atie muß objektiv, absolut gerade, vollständig offen sein, muß aber, alles berücksichtigend, aber eine ähnliche Erwiderung auch von der anderen Seite suchen, Er glaube, daß, wenn eine

Politik der Versöhnung

in dem Geiste, in dem sie begonnen wurde, auch weiter oer- Bt würde, Frankreich und Großbritannien noch, bevor das

r zu Ende gehe, mit ganzer Seele Mitarbeiter der anderen tinentalmächte sein würden, um die Bedingungen für eine europäische Regelung herzustellen. Er könne jedoch nichts tun, bis er den Bericht des Unterkomitees über die Repara­tionen erhalten habe, der die erste Stufe zu einer allgemeinen Regelung bildet.

Sobald diese KomiteeS ihre Entscheidung ge- troffen und mitgeteilt haben, halte er die Zeit für eine vollständige Neuprüsung aller Probleme und Verpflichtungen für gekommen, damit diese eingehend geprüft und durch eine Eint- gung geregelt werden.

MacDonald fügte hinzu, das Endziel eines Minister des Aeußeren müsse fein, eine Abmachung über die- st u ir g e n zu erreichen. Er habe vor, alle seine Energie ein« zusetzen, um die Autorität des Völkerbundes zu vermehren. Er hoffe, daß der Völkerbund mehr und mehr als ein internationales Gericht für die Regelung der Fragen benutzt werde, die zwei Nationen selbst untereinander rx regeln nicht in der Lage seien. Deutschlandmüsse »den Völkerbund hineinkommen, und er hoffe, bat auch Rußland bald sein Mitalied sein werde.

Abschiedsbesuch der Sachverständigen.

Ein Weißbuch über das deutsche Material.

Die Arbeit der Sachverständigen in Berlin hat Mittwoch mittag ihren Abschluß in einem kurzen Abschiedsbesuch ge- funden, den General Dawes dem Reichskanzler abstattete. Die Arbeiten der Ausschüsse werden am 18. Februar in Paris fortgesetzt werden. Bis dahin wird den Kommissionen auch all dasjenige amtliche deutsche Material

nachgesandt werden, welches bis jetzt noch nicht durchgeprüst werden konnte. Man erwartet in Berlin nicht, daß vor Mitte März einend gültiges Ergebnis bzw. ein Bericht der Sachverständigenkommissionen vorliegen wird. Das amtliche deutsche Material, welches den Sachverständigen übergeben wurde, soll übrigens in nächster Zeit in einem umfangreichen Weißbuch veröffentlicht werden.

De Margerie bei Stresemann.

Die Besprechungen, die der deutsche Botschafter in Paris, Herr von H o e s ch vor kurzen, mit dem französischen Mi­nisterpräsidenten Poincare geführt hat, haben am Montag ihre Fortsetzung in einer Aussprache zwischen dem franzö- sischen Botschafter in Berlin de Margerie und dem Reichs­außenminister Dr. Stresemann gefunden. Der Minister empfing den Botschafter zu einem längerenBesuch, bei welchem sich die Unterredung, über deren Einzelheiten selbstverständlich Vertraulichkeit bewahrt,wird, auf den ge­samten Komplex der bereits in Paris ange­schnittenen Fragen erstreckte.

Verlängerung des Ermächtigungsgesetzes?

In unterrichteten parlamentarischen Kreisen ver- lautet soeben, dass die Neichsrcgiernng entgegen ihrer ursprünglichen Auffassung nun doch eine Verlange- rung des Ermächtigungsgesetzes für er- forderlich hält, dagegen soll sie geneigt sein, ihren Wider st and gegen die Aufhebung des Aus­nahmezustandes auf zu geben. Es wird damit gerechnet, dass die Rcichsraierulrg spätestens Donners- tag ihre Entscheidung über die dritte Steuernot- Verordnung trifft.

Dreiviertelstündige itnierredung zwischen Hoesch und poincare.

Nachdem Poinearö sich von seiner leichten Erkran- s.a-i-ii: --isvkum-iter Herr v. Hoesch von ihm empfangen worden. Herr tu Hoesch überreichte eine Abschrift seines Beglaubi- gungsschreibens. Eine sich anschliessende Unterredung dauerten etwaA Stunden. Ueber ihren Verlauf ist mit beiderseitigem Einverständnis das folgende Kom- muniqus herausgegeben worden:

Nachdem der deutsche Botschafter v. Hoesch Mi- «isterpräsident Poincarö sein Beglaubigungsschreiben überreicht hatte, entwickelte sich ein Gespräch, in dessen Verlauf der deutsche Botschafter einigeMitteilun- gen seiner Regierung machte, die sich auf die Wiederherstellung des modus vivendi in dem besetzten Ge­biet bezogen. Der deutsche Botschafter legte das Memo­randum der französischen Regierung vom 31. Januar zugrunde, um die Forderungen der deutschen Regierung zu entwickeln. Er überreichte Poincarö ein Memoran­dum, in dem die Argumente und Wünsche der deutschen Regierung niedergelgt sind. Im weite- ren Verlauf der Unterredung wurden auch Fragen zur Sprache gebracht, die sich auf die Reparations­frage als solche beziehen."

Schacht über das Ergebnis der Sachverständigen-Aussprache.

Reichsbankpräsident und Währungskommissar Dr. Schacht hat sich vor Pressevertretern über die großen Züge der vorliegenden Probleme geäußert.

Dr. Schacht ging davon aus, daß er auf Grund feiner stets in angenehmster Form verlaufenen Besprechungen mit den Sachverständigen ihrem großen sachlichen Ernst und ihrer unermüdlichen Arbeitskraft ebensolche Anerkennung zollte wie ihrem dringenden Wunsche, eine vernünftige Lö­sung ausfindig zu machen. Ihre Gedankengänge trafen sich dabei mit denen Dr. Schachts, dem, wie er erklärte, von jeher klar gewesen wäre, daß eine endgültige Wiederher­stellung der Goldwährung aus eigener finanzieller Kraft Deutschlands unmöglich wäre, da die Reparations- frage ja noch ungelöst ist. Infolgedessen konnte er nur eine Zwischenlösung ins Auge fassen, eine Zwischenlösung, die

totliegende Oevisenkapitalien,

einerlei, ob von Inländern oder von Ausländern, der d e u t - schen Wirtschaft nutzbar machen soll. Eine solche Bank kann niemals ben Charakter einer Wah- rungsbank haben, die mit ihren Noten den allge­meinen Zahlungsverkehr befriedigt. Weil ihr Kapital aus Gründen politischer Vorsicht im Auslande liegt, muß es natürlich durch Akkreditive, Zertifikate oder Noten nutzbar gemacht werden. Diese können aber nur gegen das E i n« strömen von Devisen oder auf Dreimonats- Gold Wechsel kreditivbiaer Firmen ausaeacben werden.