Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 26-
Sonnabend, den 1. März
1924
i — Durch Verordnung des Reichspräsidenten ist der m i l i tärische Ausnahmezustand in einen zivilen um- gewandelt worden.
Die DeutscheDolksparteihat einen Initiativ, antrag auf Auflösung des Reichstags eingebracht.
Im Sächsischen Landtag haben unerhörte Srandalszenen stattgefunden.
Wochenrückblick.
Die Minderheitsregierung Marx hat sich zu einer Ab- schwächung des Ausnahmezustandes bereitgefunden, und so ist aus dem militärischen ein ziviler geworden; sie glaubt also den Frieden im Innern mit Hilfe . der übriggebliebenen Maßnahmen gewährleisten zu können. Ob das tatsächlich in den Tagen einer stürmischen Wahl- bewegung der Fall sein wird, muß die Zukunft lehren. Doch sind gerade im Hinblick aus die kommenden Wahlkämpfe nach wie vor Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzüge auf öffentlichen Straßen und Plätzen verboten, und damit ist schon viel für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gewonnen. Im übrigen wird sich bald zeigen- ob die Aufhebung der Beschränkungen der persönlichen Freiheit, der Preßfreiheit und des Dereinsrechts, soweit diese Beschränkungen nicht im Rahmen des Republik-Schutzgesetzes aufrechterhalten sind, nicht von den Kommunisten zur Entfaltung einer zügellosen Agitation mißbraucht werden und den Innenminister Iarres zwingen, von seiner ihm zur Abwehr gesetz- und verfassungswidriger Bestrebungen verliehenen Machtvollkommenheiten, wie sie im Par. 2 der Aus- Hebungsverordnung vorgesehen sind, Gebrauch zu machen. Für Bayern ist eine Ausnahme statuiert: es bleiben dort die Bestimmungen in Kraft. Sozialdemokra- tischerseits ist man mit dieser Kompromißpolitik nicht zu-! frieden und beanstandet u. a. auch das vom Minister Iarres 1 erlassene Verbot, militärisches Kampfgerät (Militärwaffen, Munition) anzübieten und feilzuhalten, unter dem Gesichtspunkt- daß dabei in der Ausführung die Angehörigen der Rechtsparteien geschont werden würden. Auch von anderen Stellen werden Einwände gemacht, aber die Sachlage erfährt dadurch keine Veränderung, und die Ersetzung des Generals von Seeckt und des Reichswehrministers Geßler durch den Innenminister hat sich in aller Ruhe vollzogen. Genau betrachtet, steht die Regierung auf demselben Fleck wie zur Zeit des militärischen Belagerungszustandes.
Während sich die Sozialdemokratie noch immer an den 15. Juni als Wahltermin klammert und aus begreiflichen Gründen die Neuwahlen möglichst weit hinausgeschoben sehen möchte, hat die Deutsche Volkspartei beschlossen, einen Initiativantrag einzubringen, wonach der Reichstag am 14. Mai aus der Urne hervorgehen soll. Der Reichskanzler selber scheint indessen diesen Antrag für überflüssig zu halten; denn, wie verlautet, ist er des Kampfes mit der Sozialdemokratie um die Notverordnungen müde und rechnet auf eine baldige Reichstagsauflösung, was einen früheren Wahltermin bedingen würde. Angesichts der Intereffelosig- keit an den Verhandlungen, wie sie von Sitzung zu Sitzung mehr und mehr im Reichstage zutage tritt, kann man verstehen, wenn allmählich alle bürgerlichen Parteien des grausamen Spiels-müde werden und den Srt v£ der Beratungen herbeisehnen.
Die neue Regierung von Thüringen hat sich darangemacht, aus ihrem Verwaltungsapparat zwei Ministerialdirektoren und einen Polizeimajor guszUmerzen, und andere sozialdemokratisch gerichtete Beamte werden voraus- • sichtlich gleichfalls „abgebaut" werden. Was für Folgen in strafrechtlicher Hinsicht die sozialdemokratische erwaltungs- praxis auf dem Kerbholz hat, werden wir in Gerichtsverhandlungen authentisch erfahren, und was darüber verbreitet worden ist, genügt, um das Mißtrauen der thüringischen Bevölkerung" wachzuhalten und die jetzt vorgenommene Reinigungsaktion begreiflich erscheinen zu lassen. Aber die Sozialdemokratie hätte auch dann, wenn ihre Vertreter in der Regierung unbemakelt beständen, kein Recht, sich über die Beamtenabsetzungen zu beklagen, denn sie entsprechen dem parlamentarischen Brauch, und es wäre verfehlt, wollte eine Regierung ihre unteren Organe nicht daraufhin untersuchen, ob sie parteipolitisch zuverlässig sind und nicht etwa die vom Kabinett verfügten Maßnahmen tonterkarieren. In anderen parlamentarisch regierten Staaten regt sich über ein derartiges ■ Revirement kein Mensch auf.
Der S e p a r a t i st e n s p u k in der P f a l z ist endlich verflogen; die unsauberen Geister haben das Land verlassen, aber noch leidet es unter den Rachwehen dieser Besetzung" in Gestalt der Repressalien, zu denen die franzö
sischen Behörden als Vergeltung für die pfälzische Selbsthilf gegriffen haben. Dem General de Metz steigen jetzt selbf Bedenken wegen dieser ungesetzlichen Bedrückungen aus, uni er will Deckung durch Anrufen der Rheinlandkommissioi suchen. Daß Frankreich dies Gesindel auf die Pfälzer los gelassen hat, ist unbestreitbar, und die Bildung dieser „Legion" wird als Ruhmesblatt der französischen Politik unvergessen bleiben, wenn die letzten mit französischem Gelde gespeister und abgeschobenen Legionäre längst irgendwo in Zuchthäusern geendet haben. Einstweilen ist ihnen in Bitsch von den Frau, zosen ein Lager zum Unterschlupf zugewiesen worden, und ein Teil von ihnen soll die Auswanderung nach Südamerika beabsichtigen. Ob man in Argentinien oder Chile sehr entzückt von diesen Europamüden sein wird? Die dortigen Deutschen werden den Einwanderern gewiß den ihnen gebührenden Empfang bereiten.
Die Demission des belgischen Kabinetts, die durch die Ablehnung des Wirtschaftsvertrages zwischen Belgien und Frankreich verursacht wurde, zieht weite Kreise und hat ein Vorspiel in der Niederlage, die der Ministerpräsident Theunis im vorigen Juni erlitten hatte. Damals stürzte er über den Plan, die Genter Universität gegen den Willen der Flamen zu französieren und über den Widerstand der Sozialisten und Liberalen gegen das Militärtzefetz. Heute haben sich Flamen und Sozialisten zusammengeschlossen und brachten Theunis wegen der Franz ösierung seiner Außen-« politik zu Falle. Die Umbildung des Kabinetts stößt auf erhebliche Schwierigkeiten, und man rechnet mit der Schaffung eines reinen Geschäftsmini ste- riums. Das wäre indessen nur eine provisorische Ver- legenheitslösung und der Uebergung zu einer Auflösung der Kammer. Die in der Krise sich offenbarende Absage an Frankreich wird dort als ein weiterer Vorbote der Isolierung der französischen Politik empfunden und hat in Paris Bestürzung erregt. Hand in Hand damit geht der Sturz des
ulu«re. am^. Fe- bruar mit 105,35 Frank bezahlt werden.
Ziviler Ausnahmezustand.
Uebergang der Vollmachten an den Reichsminister des Innern.
Wie wir bereits ankündigten, hat nunmehr der Reichspräsident auf dem Verordnungswege den militäri
schen Ausnahmezustand in einen zivilen umgewandelt. In der unter dem 28. erlassenen Verordnung, die mit
ihrer Verkündung in Kraft getreten ist, heisst es:
§ L Die Verordnungen vom 26. September 1923, 8. November 1923 und 23. Dezember 1923 werden mit Wirkung vom 1. März 1924 ab aufgehoben.
8 2. Zur Abwehr von Bestrebungen auf gesetzwidrige Aenderung der verfassungsmässigen Staatsform kann derReichsmintsterdksJnnernoderdievon ihm bestimmten Stellen der Zivilverwal- t« n g die notwendigen Massnahmen treffen. Zu diesem Zwecke sind insbesondere Beschränk ungenderper- fönlichen Freiheit, des Rechts der freien Mei- nungsäusserung einschliesslich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts,
des Brief-, Post-, Telegraphen - und Fern- sprechgeheimnisses, Anordnungen von Haussuchungen und Beschlagnahmen sowie Beschränkungen des Eigentums auch ausserhalb der sonst hier- für bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig. Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reichs werden insoweit vorüber
gehend ausser Kraft gesetzt.
' § 3. Oeffentliche Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzüge auf öffentlichen Straßen oder Plätzen sind verböte n. Die Landeszentralbehörden oder die von ihnen bestimmten Stellen können
Ausnahmen zulassen.
§ 4. Wer den auf Grund dieser Verordnung ergangenen Anordnungen des Reichsministers des Innern oder der von ihm bestimmten Stellen zuwiderhandelt, wird, sofern mcht nach anderen Strafvorschriften eine schwerere Strafe ver- wirkt ist, mit Gefängnis und mit Geldstrafe oder mit einer dieser Strafen bestraft. , , r, . ,
8 5. Der Reichsminister des Innern kann b e st i m mte Teile des Reichsgebiets von der Anwendung der §8 2 bis 4 der Verordnung a u s i b m e n.
Bayern ausgene imen!
Ausführungsbestimmunr ^es -nen- Ministers.
Der Reichsminister des Innern Dr. ^es läßt auf Grund der 88 5 und 2 der obigen -er-- V3W ' s Reichspräsidenten fo' ende beiden Vsrnigunaen^
1. DasGebiet des Freistaates Bayern wird mit Rücksicht auf den hört bereits best- nden weitergehenden A u s n a h m e z u st a n d von der Anwendung
der 88 2—4 der genannten Berordunug ausge» nommen.
2. Es ist verboten, militärisches Kampfgerät, insbesondere Militärwaffen oder Munition für Militär- waffen anzübieten, feilzuhalten, an Personen, die Nicht zum Besitz solcher Gegenstände berechtigt sind, zu überlassen, den Erwerb oder das Ueberlassen zu vermitteln oder sich zum Erwerb zu erbieten.
Tinimfäffer-Schlachi im sächsischen Landtag.
Ganz unerhörte Szenen haben sich im sächsischen Landtag abgespielt. Nachdem der Ministerpräsident Held zu dem deutschnationalen Mißtrauensantrag gesprochen hatte, kam es zu wüsten Krawallen, die durch die Kommunisten hervorgerufen wurden. Sie machten die unflätigsten Zwischenrufe, so daß der Präsident schließlich dem kommunistischen Abgeordneten E l l r o d t das Wort entziehen und ihn darauf von der Sitzung ausschließen mußte. Ellrodt verließ aber den Saal nicht. Es entstand ein Riesenlärm. Die Sitzung mußte, nachdem die Saalsirene vergeblich in Bewegung gesetzt worden war, vertagt werden.
Nach einer Pause wurde sie wieder ausgenommen. Der kommunistische Abgeordnete Zipfel wird ebenfalls übler Zwischenrufe halber ausgeschlossen. Darauf rufen die Kommunisten dem Präsidenten zu: „Wieviel Kognak hast du heute schon gesoffen?" Die Saalsirene ertönt von neuem. Der Präsident schlägt dann vor, die Sitzung gleich auf vier Wochen zu vertagen. Der Kommunist Böttcher bezeichnet sein Vorgehen als skandalös. Man brüllt ihm zu- „Sie Strolch, Sie Lümmel, Sie Schwerverbrecher!" Gegen den Ministertisch werden von den Kommunisten Aktenbündel geschleudert. U. a. wurde gegen den Tisch des Präsidenten ein Schreibzeug geworfen, u b 1 a)
kommunistischen Abgeordneten Ellrödk unS STpfel wurden für drei Sitzungstage ausgeschlossen. Da sie den Saql nicht verlassen wollten, mußten die Verhandlungen zweimal unterbrochen werden, bis endlich um 10 Uhr abends der Präsident die Tagung mit der Erklärung schloß, daß er nicht eher wieder eine Sitzung einberufen werde, als bis die Wahrung der Geschäftsordnung gesichert sei.
Immer noch „Insurgenten" in Oberschlesien.
Der Oberpräsident von Oberschlesien teilt zu den Massen- verhaftungmr in Gleiwitz mit: Auf Grund des schon länger bestehenden Verdachts, daß in Deuts ch - O be r s ch les ien wohnende Reichsangehörige Mitglieder von in Poln.-Oberschlesien bestehenden Jnsurgentenorga- nisattonen sind, hat der Oberpräsident entsprechend eingehende Ermittelungen angestellt, da eine Zugehörigkeit von Reichsangehörigen zu Jnsurgentenorganisationen nach Ansicht des Oberpräsidenten offensichtlich den Tatbestand der Paragraphen 81 und 86 des Reichs-Strafgesetzbuches, Hoch- verrat, enthält. Nunmehr ist es gelungen, urkundliche Beweise aus jüngster Zeit für die Zugehörigkeit deutscher Reichsangehöriger zu Jnsurgentenorganisationen zu erhalten, auf Grund deren die Verhaftungen erfolgten. Allem Anscheine nach sind auch in Deutsch Oberschlesien Ortsgruppen der Insurgentenorganisatio- nen gebildet worden. Gegen die bisher Verhaftetn wird ein Ermittelungsverfahren beim Oberreichsanwalt eingeleitet werden.
Der Berliner Mühlenstreik beendet.
Nach längeren Verhandlungen im Reichsarbeitsministe- rrum ist es gelungen, im Berliner Mühlenstreik eine Einigung zwischen den Parteien herbeizuführen. Der Streik gilt als beendet, die technische Nothilfe wird zurückgezogen, die Arbeit so schnell wie möglich wieder ausgenommen. Die vom Wehrkreiskommando verhafteten elf Betrieb s r a t sm i t g l i e d er sind bereits auf freien Fuß gefetzt worden.
Kriegsgerüchte vom Balkan.
Die letzten Nachrichten vom Balkan lauten außerordentlich alarmierend. Man svricht bereits von einer Kriegs- erklärung Südslawieis an Bulgarien. Bereits über eine halbe Million jugos!.- icher Truppen wären an die bul- garische Grenze geschickt morden, besonders an die K o h l e n - selber von Pernik. Belgrad warte nur noch auf einen anderen „Mazedoniereinfall" als Vorwand für einen Vorstoß auf bulgarisches Gebiet. In Nordalbanien werden ebenfalls Truppen zusammengezogen, wo mazedonische Banden ihr Hauptquartier haben sollen. Die griechische Regierung fürchtet, Jugoslawien werde auch einen Vorwand finden, um Saloniki zu besetzen, um dadurch einen „nationalen" Hafen zu gewinnen. '