Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld
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Nr. 28
Donnerstag, den 6. März
1924
3)er Kalif hat auf Veranlassung der türkischen Regierung Konstantinopel bei Nacht verlassen müssen.
— Im Reichstag machte Abg. Dr. Cremer Mitteilung über die an ihn ergangene Duellso rderung der Deutsch- völkischen.
— Costa Riea ist von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden.
Die Türkei auf der Schwelle -er Neuzeit.
Die Abschaffung des islamitischen Kalifats, das gemäß Artikel III der osmanischen Verfassung mit der Herrscherwürde vereinigt war, ist von der Nationalversammlung in Angora beschlossen worden. Die republikanisch gewordenen Jung- türlen machen ganze Arbeit: der Kalif wird dem Sultan nachgeworfen, der am 1. November 1923 des Thrones verlustig erklärt worden war von derselben Versammlung. Aus welchen Gründen die türkische Regierung sich zu diesem Schritt entschlossen hat, ist noch nicht ersichtlich, denn er ist in p o li - tifcher und wahrscheinlich auch in religiöser Hinsicht bedeutungsvoll.
Die Einrichtung des Kalifats, das die weltliche und geistliche Führung des Islams in sich schließt, ist s o a l t w i e "d e r Mohammedanismus, und die Nachfolger des Propheten waren sich wohl bewußt, welchen Einfluß der Träger !>es Kalifatstitels in der islamitischen Welt besaß. Es hat in den verschiedensten Ländern Kalifen gegeben, bis die Bezeichnung schließlich nahezu unbeschränkt den o s m a n i - 'chen Sultanen verblieb. Bis in den fernsten Osten und indasdunkelste Afrika hinein durften sie, inOScheinoesitz »on MEs und Medina, die Schützer des Glaubens spielen, -egünstiat durch den Umstand, daß eigentliche Religionskriege Wischen christlichen und mohammedanischen Nationen, wenn nan von nie im Balkan ruhenden Scharmützeln absieht, überhaupt während des letzten Jahrhunderts nicht vorgekommen ind. Die Kämpfe im Sudan gegen den Mahdi, die Senussi- rnruhen behielt ihren lokalen Charakter und bewiesen nur, vie vergeblich ein Appell an die Panislamismus ist, Das Entfalten der grünen Fahne des Propheten, der Aufruf zum Heiligen Krieg haben im Zeitalter der Maschinengewehre und )es Flugzeugs chren Schrecken verloren, und Mustafa Kemal Pascha scheint in der Stärkung eines fanatischen National- iewußtseins einen sicherern Schutz für die Türkei zu erblicken, »ls in der Wiederbelebung eines Kalifats, dem seine natürliche Hälfte, der weltliche Herrscher, fehlt. Wenn die Reformtürken die Religion nicht antasten und die Aufklärung des Volkes in abendländischem Sinne der Schule überlassen, wird Der Hodscha, der Lehrer, im Laufe der Zeit mit dem nur auf Den Koran eingeschworenen Ulema fertig werden, wenn dieser ruch jetzt die Abschaffung des Kalifats als Glaubensunterdrückung verschreien mag. Der neue Staat will in die R e i h e Der modernen Staaten treten und entkleidet sich zu diesem Zwecke der dem Islam innewohnenden Internationa- sitat, die ihm außenpolitische Verwickelungen zuziehen könnte. Daß diese Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist. zeigt die Unzufriedenheit der englischen Presse mit dieser Wendung. England hat längst schon mit der Schaffung eines besonderen, als Konkurrenz gedachten Hedschahskalifats gelieb- äugelt. Jetzt ist tue Bahn dafür frei für den König Hussein; nur der Gegenspieler am Goldenen Horn fehlt und damit zugleich die Stelle, wo die englische Diplomatie zu gelegener Zeit einhaken könnte, um sich in die inneren Verhältnisse der Türkei einzumischen, und es wird England schwer fallen, biete nur die Angoratürken angehende Frage auf den Leisten der internationalen Politik zu schlagen; es müßte denn sein, daß die außentürkischen Bekenner des Islams Unruhengegen die Kemalisten hervorrufen.
Das wäre zu verstehen. Der Verzicht auf die mit dem Kalifat verbundene kirchliche Machtfülle bedeutet zugleich die Vernichtung einer durch viele Jahrhunderte geheiligten Tradition, und vor allem die unter englischer Obsrhermchafl stehenden Moslems werden den Verlust ihres geistlichen Ober- Hauptes schmerzlich empfinden und Einspruch gegen die ra- dikale Maßnahme erheben. Das wird wohl auch m anderer von Mohammedanern bevölkerten Landstrichen der Fall iem nur wird sich der sehr selbstbewußt auftretende junge Ratio nalstaat nicht weiter anfechten lassen; denn der von ihn gewählte Präsident kann neben sich keinen äußeren Beemflm sungen ausgesetzten Machtfaktor dulden und wird einwenden daß z. B. England dem Plane eines arabischen Kalifats wohlwollend gegenübergestanden habe und die Kalifenwürde an die Person eines jetzt beseitigten Sultans glommen wu Ee kann auch auf die Gefahr hingewiesen weroem ve barm ßeat, daß der Scheich A Islam, als Vertreter der Kirchen-
gewalt, den Sultan, im vorliegenden Falle den Präsidenten abfejen kann, was mehrfach geschehen ist. Dem ist mit bei Aufhebung des Kalifats vorgebeugt. Eigentlich müßte die mgltfche DwlowcrNe diese Wendung begrüßen; denn sie ver-
ihr Ellbogenfreiheit und kann als Zeichen dafür gelten, daß die Angvvavegierung endgültig jedem religiösen Einfluß auf Indien entsagen will. Dieser Standpunkt erscheint eine bessere SSfimg als die Beibehaltung einer Einrichtung, die, wie^ in Japan, auf ein geistliches Schattenkönigtum hinaus- läuft. Nach läßt sich nicht die wahre Meinung Englands über diesen überraschenden Vorstoß erkennen, aber Deutschland, das soeben mit der Türkei einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen hat, dürste keinen Anlaß haben, sich in diese innertürkische Wandlung der Dinge einzumischen. M. G.
Die Vertreibung des Kalifen.
Flucht nach Aegypten — oder nach der Schweiz? StaatsgekLhrliche Gespräche.
Aus Äonstanlinopel wird gemeldet, dass der Kalif, begleitet von zwei Frauen, seinem Sohn, seiner Tochter, zwei weiblichen Dienerinnen und zwei Eunuchen, am Dienstag in einem Sonderzuge von Konstantinopel ab- zereist ist, um sich nachAegypten zu begeben.
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Die über die Absetzung des Kalifen vorliegenden Meldungen stammen zum größten Teil aus englischen Quellen in Konstantinopel und ergeben ungefähr folgendes Bild:
Noch in der Nacht begatt sich der Gouverneur von Kon- tantinoprl znm Kalifen, um ihm den Entschluß der National- oer sammt >mg bt Angora mitzuteilen, Haß er a b g e s e tz t and verbannt sei. Begleitet vom Generaldirektor der türkischen Polizei, bat der Gouverneur den Kalifen, seinen Thron zu besteigen, um sich das neueGesetz oo riefen z u lassen. Nachdem dies geschehen, wurde der Kalif veranlaßt, seinen Thron wieder zu verlassen und in aller Eile seine Abreise vorzu- bereiten. Um 2 Uhr nachts verließ der Kalif das Palais und fuhr dann in einem bereitgestellten Sonderzug ab, nach einer Meldung nach der Schweiz, nach einer anderen nach Kairo.
Wie verlautet, war die entscheidende Sitzung Der Nationalversammlung über die Absetzung des Kalifen j e h r st ü r m i s ch. Mehrere Abgeordnete protestierten zegen die Verbannung, weil es große Gefahren für sie Türkei in sich schlösse, wenn der Kalif im Ausland weile. Mustapha Kemal suchte auf offiziösem Wege die Härten des Gesetzes abzumildern und schlug vor, daß es zum Beispiel keine Anwendung finden solle auf türkische Prin- jessinnen, welche Türken geheiratet hätten, die nicht Mitglieder des kaiserlichen Hauses wären. Aber selbst diese Vorschläge wurden verworfen. Das Gesetz über Landesverrat wurde noch durch einige Sonderklauseln verschärft, die besagen, daß selbst Gespräche über den Versuch einer Wiedereinführung des Kalifats strafbar seien.
Vermehrung der britischen Luftflotte.
Wettrüsten zur Luft?
Die Frage der britischen Luftverteidigung wurde im englischen Oberhause von dem .Konservativen London- derrh von neuem besprochen. Er stellte den Antrag, das Haus möge im Prinzip die Vorschläge anerkennen, die von der Neichskonferenz angenommen wurden, nämlich, dass Großbritannien eine Luftwaffe von genügender Stärke haben müsse, um eine« ausreichenden Schutz gegen einen Luftangriff seitens der stärksten Luft macht zu besitzen. Londonderrh erklärte, der Antrag sei n i ch t a l s e i n A n g r i f f g e g c n die Regierung gemeint. Der Antrag Londonderrhs wurde angenommen.
Kein Konflikt zwischen Swocht und den Sachverständigen.
Eine englische Falschmeldung.
Entgegen einer Sen i ati o n-s Meldung der „Daily Mail", wonach ein K o n f l i k t mit dem Reicys- bankpräsidenten Dr Schacht und dem^ Sachverstandigen- komitee in Paris über die Frage einer Fmanzlonmol.e für Deutschland ausgedrochen 'ein wU, hören wir von unterrichteter Seite, daß ein solcher K o n f1111 n ich - v o r = liegt. Dr. Schacht war am Dienstag bereits nicht meyr in Paris anwesend, und seine Auffassung von dem Fortgang der Bt. Handlungen liegt jedenfalls nicht m der vonde-. „Daily Mail" gekennzeichneten Richtung. ~ie fachlichen
fragen über die Heranziehung der Reichs eisen. bahnen als $fanb für eine ausländische Anleihe bzw über den Anteil, den das Ausland bann in der Verwaltung der Eyenbahnen und ihrer Finanzen einnehmen könnte, sind noch mcht abgeschlossen. Der Bericht der Sachverständigen wird nunmehr für den 20. März erwartet.
Die Oyellfor-erung der Oeutschvölkischen.
Ueber den Vorfall, der, wie gemeldet, zur Herausforderung Dr. Cremers Anlaß gab, erklärt ein deutsch-völkischer Abgeordneter dem „Tag": „Als Dr. Cremer den Ausruf „HochoorrÄer" getan hatte, ging Abg. Wulle auf ihn zu und fragil, was er gerufen habe. Hierauf antwortete der Stefragttr Hochverräter seid IhrI" Auf diese Be- [eibigung blieb uns drei deutsch-völkischen Abgeordneten nur 8brttz. den Beleidiger vor die Waffe zu fordern, zumal Dr. Irtmer ja früher Hauptmann d. R. war. Er lehnte jedoch dir Annahme der Forderung ab und erklärte dem Kartellträger. darüber sei er hinaus. Uebrigens könne rr im Reichstage sagen, was ihm beliebe, denn dort genieße ;r Immunität. Er werde jedoch die Beleidigung außer- fald des Reichstags wiederholen, damit er »erklagt werden könne. Der Ehrenkodex käme für ihn nicht m Frage, zumal er weder einem militärischen noch einem studentischen Verband an gehöre." ;
Arbeiiszeitunruhen in Ludwigshafen.
Am Mittwoch morgen haben sämtliche Arbeiter des Lud- okgshafener Werkes der Badilchen Anilin- und Sodafabrik He Arbeitsstätte verlassen und sind zu einer Versammlung wch dem sog. Holzhof gezogen. Die Versammlung wurde >urch die Funktionäre des „Industriebundes der Chemie", üner von syndikalistischen Elementen gebildeten gewerkschasts- kindlichen Sondergruppe, geleitet, die sich in äußerst charfen Ausdrücken gegen die neunstündig« Arbeitszeit wandte. Unter Absingen der Marseillaise tnb Hochrufen auf bie Räterepublik zogen dann He Arbeiter in den Fabrikhof, wo eine weitere Dersamm- ne Arbeiter gegen das Fabrikgebäude vor, schlugen die» Sperren am Eingangstor zusammen und drangen in las Gebäude ein, wobei ein Beamter mißhandelt ourbe. Ueber die weiteren Vorgänge fehlen bisher Einzelheiten.
Erhöhte Kampftätigkeit in Marokko.
Verluste der Spanier.
Die neuesten Meldungen über die Lage in Marokko wir- len in Madrid überaus verstimmend. Die aufständischen Ma- okkaner im Küstengebiet sind wieder sehr kampflustig geworden tnb erschweren die Verproviantierung der spanischen Vor» rosten. Bei Angriffen der Rifrebellen auf Schutzkolonnen der Proviantzüge wurden auf spanischer Seite 23 Mann ver- ound e t. Der spanische Kreuzer „(Katalonien" wurde von reu Aufständischen beschossen. Hierbei wurden Drei Spanier durch eine Granate getötet und zehn Mann »erwuudet. Die Regierung beschloß die sofortige Entsendung tiner Brigade und Bereitstellung weiterer Verstärkungen.
Das Postfinallzgesetz im Reichsrat. Der Reichsrat tritt im Freitag tu seinec nächsten Vollsitzung zusammen. Auf Der Tagesvrünunv steht hauptsächlich der Entwurf eines Reichsnostftnnnzgesetz es.
Der Nachfolger Dr. Freunds. Das Preußische Staats- Ministerium hat in seiner Dienstagsitzung auf Vorschlag des Innenministers Severing den MinisterialdirektorOr.Meistep an Stelle des verstorbenen Dr. Freund zum Staats, ekr«, tä r im M i n i ft crium des Innern ernannt.
Erholungsurlaub des preußischen Kultusministers. Der preußische Kultusminister Dr. Boelitz wird demnächst einen ihni vom Arzt angeordneten Erholungsurlaub antreten.
Aufdeckung eines kommunistischen Waffenlagers in München. Wie die Münchener Neuesten Nachrichten mel^n, wurden bei einer am Sonntag durch die ^ßoliiieibtrethon in einem einsam gelegenen Hause in Lochhausen bei München vorgenommenen Durchsuchung ein halber Zentner Sprengstoffe, 154 Handgranaten, 4 Militärpistolen, 3 große Mau;er- pistolen, ein Intanteriegewehr mit V00 Schuß Mumtion und eine Leuchtpistr,',« mit Leuchtpatronen beschlagnahmt. Es handelt sick dabei anscheinend um ein von Kommunisten angelegtes Waffentager.
Die griechische Volksabstimmung. Den Athener Blattern zufolge hat der Innenminister dein Ministerrat einen Entwurf des Volksabstimmungsdekrets unterbreitet. Die Volksabstimmung wird wahrscheinlich m» ersten oder zweiten Sonntag des Monats April stattfinden.
Das Ende des me^
wird gemeldet, daß die Aufständischen
-xitauischen Aufstandes. Aus Mexiko Aufständischen Westmexiko ge. räumt haben. Der mexikanische Knegsminsster teilte n einem Kommunique mit, daß der organisierte' Widerstand M