Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Doaaerstag7vab Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1.— Golbmark , / Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum io Dfg., für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Pfg., Reklamezeile 50 Pfg. / / Druck n. Verlag von Ludwig Fants Bachbruckerei in HerSfeld,
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Nr. 30
Dienstag, den 11. März 1024
— Im Hitler-Prozeß begann am Montag die Der nehmung v. Lossows.
— Die Stellung PoincarSs muß als auf da» schwerste erschüttert gelten.
— Aus Irland wird eine Revolte gemeldet, die burd 900 entlassene Offiziere hervorgerufen worden ist.
Das wankende Kabinett.
Aus Paris wird gemeldet: Die Lage des Kabinetts Poincars wird durch den fortdauernden Frankensturz vonStundezuStundekritischer. Das Kabinett scheint fest entschlossen, gegenüber dem Senat nicht zurückzuweichen. Die Blätter deuten aber z. T. eine Umbildung des Kabinetts an oder sprechen von einer Verlängerung der Legislaturperiode der Kammer usw. Millerand habe Poincarö versprochen, ihn unbedingt zu halten, d. h. es käme die Auflösung der Kammer und die Einberufung der Nationalversammlung in Frage. Zedenfalls werden die nächsten Stunden und Tage wichtige Entscheidungen bringen.
Am Sonntag und Montag wurden im Elysee Kabinetts- ^ungen ab gehalten, die entscheidende Maßnahmen zur Sta- Klisierung des Franken bringen sollten. Nach Jules Sauer- vein, dem Außenpolitiker des „Matin7, läßt sich die französische Regierung dabei von nachstehenden Erwägungen leiten:
1. Der Geldumlauf darf auf keinen Fall vermehrt werden.
2. Der französische Haushalt ist so schnell wie mög- lich"tns Gleichgewicht zu bringen.M Von weiteren Anleihen ist a b z u sehen, wobei eventuelle Schuld» fundierungen eine Ausnahme machen können. ;
3. Jedem Franzosen ist die Erkenntnis beizubringen,; daß sein materielles Wohlergehen von dem Wohlergehen des Staates abhängt. • Die Aussprache im Senat über die Finanzmaßnahmen; auß schleunigst zu Ende geführt werden. Sauerwein fährt' ort: Die Regierung hat alle nötigen Maßnahmen getroffen,; im gegenüber dem widerspenstigen Deutschland ein Pfand • n der Hand zu halten. Dieses Pfand, das mit großer veduld organisiert wurde, ist produktiv, es wird nicht ms den Händen gegeben werden. Auf inständiges Drängen wn Poincare und wohl auch auf einen besonderen Schritt les Präsidenten der Republik hin hat die Finanzkommission gestern trotz des Sonntags eine lange Sitzung abgehalten, m deren Verlauf 32 Artikel der Regierungsvorlage zur Annahme gelangten. *
Von Montag ab wurden die Personentarife der französischen Eisenbahnen in der dritten Klasse um 4 7,10 Prozent, in der zweiten Klasse um 48,40 Prozent und in der ersten Klasse um 50 Prozent erhöht.
Das französische Gechbuch.
Das von der französischen Regierung herausgegebene • Helbbuch über die Verhandlungen über die Frage der Sicherheit vor einem Angriff Deutschlands ist jetzt der Presse iiberqeben worden. Die veröffentlichten Dokumente, 45 an der Hahl, erstrecken sich auf die Zeit vom 10. 1. 1919 bis 17. 9.1923. 16 Dokumente beziehen sich auf die Arbeiten der Friedenskonferenz, die anderen einzig und allein auf Verhandlungen, die zwischen der französischen und englischen Regierung seit dem 21. 12. 1921 geführt worden sind. Den Dokumenten sind an gefügt zwei Kammerreden des französischen Ministerpräsidenten Poincars vom 23 11. und 7. 12. 1923 sowie Protokolle der Beratungen des Völkerbundes über die Herabsetzung der Rüstungen. Ein interessantes Dokument (Nr. 13) betrifft
Aeußerungen des Marfckmlls Fach über die geplante Besetzung des linken Rheinufers und das Regime im Saargebiet. Fach erklärt danach: Ich weise schon iebt darauf hin, daß die Freigabe der nördlichen Beietzungs- zone nach 5 Jahren den D e r z i ch t a uf d e n industriell stärksten Teil des besetzten Gebiets, den Ver- rickit auf den Brückenkopf, der zum Ruhrgebiet, der Haupt- auelle des deutschen Reichtums, Zutritt gewährt, bedeutet, das wir dann nW weiter bedrohen, und auf dessen Bentssagnahme wir verzichten. Nach 15 Jahren werden schließlich die Rheinbrücken in der ganzen Ausdehnung der besetzten Gebiete frei- aeoeben Frankreich steht wieder mit seinen Grenzen von 1870 d h ohne jede militärische Garantie da. An einer anderen Stelle äußert der Marschall: Wenn man mich nach der Lösung fragte br ich Vorschlag«. würde ich ungefähr fol- aende^ aoen ^ie Fraac der Rheinlande wird absolut be= tat des Rheins selber. Dieser Schluß ist Balles maßgebend. Wenn -an Herr des Rheins ist, so ist
Herr des ganzen Landes. Steht man nicht am R h e i n , s o h a t m a n a l l e s v e r 1 o r e n.
Osfiziersaufstand in Irland.
Wie aus Dublin gemeldet wird, hat die E n t l a s s u n !von 900 Offizieren des Freistaates zu ernst hafte Unruhe Anlaß gegeben. Mehrere Offiziere haben bei» Empfang des Entlassungsbefehls die Kaserne unter Mitnahm von Maschinengewehren, Gewehren und Mu n i t i o n verlassen und halten sich in den benachbarten Wäl dern auf. Die Regierung hat Befehl erteilt, sie zu o e r haften. Zu diesem Zweck sind zahlreiche Militärpa trouillen entsandt worden, die bei Tag und Nacht na^ den Meuterern fahnden. Im Zusammenhang mit der Militär revolte hat die irische Regierung ferner nach einer Melduno ider Daily Mail die Verhaftung des Generalmajors Liam ^Tobin und des Obersten Dalton beschlossen. Beiden Offizieren ist es bisher gelungen, sich den Nachforschungen der Polizei zu entziehen.
Der hinausgeworfene Ka'if.
Sogar den Paß hat man vergessen!
Der Matin berichtet aus Genf folgende Erklärung des Privatsekretärs des früheren Kalifen: Die Abreise des Kalifen erfolgte tatsächlich so überstürzt, wie es in der europäischen Presse dargestellt wurde. Eine G e l d s u mm e von 10 000 Pfund Sterling wurde dem Kalifen übergeben, mit dem ausdrücklichen Versprechen der türkischen Regierung, daß weiteres Geld ihm später nach- gesandt werden würde. Die Entscheidung der türkischen Nationalversammlung steht in schreiendstem Widerspruch zum Willen des türkischen Volkes. Wenn jetzt der König Hussein auf Betreiben Englands zum Kalifen ernannt worden ist, so ist das nichts weiter als eine bloße Irreführung der öffentlichen Meinung in Europa, die über die wahren Verhältnisse in der mohammedanischen Welt keineswegs unter» richtet sein kann. Am Sonnabend abend, kurz vor der Grenz- entdeckten die Beamten der Schweizer PaßrWtrollGM ihrem größten Erstaunen, daß der Kalif und sein Gefolge nicht einmal im Besitze einer Legitimation waren, sondern lediglich einen türkischen Paß besaßen, sowie ein Empfehlungsschreiben der Vertretung der Schweiz in Konstantinopel. Der Chef der Grenzvolizeibehörde wandte sich sofort an seine Vorgesetzte Dienststelle. Diese teilte ihm telephonisch mit, daß man einem solch hervorragenden Reisenden den Eintritt in die Schweiz nicht verwehren dürfe, und befahl, ihn durchzulassen.
Furchtbare Schlagweiterkaiaftrophe in Amerika.
Nach einem Telegramm aus S a I t L a k e C i t y sind 175 Grubenarbeiter durch ein Schlagwetter in einem Bergwerk bei Castle Gate verschüttet worden. Das Bergwerk steht in Flammen. Obwohl von sieben Rettungsmannschaften sofort Bergungsarbeiten unternommen wurden, ist es noch nicht gelungen, die Verschütteten zu bergen. Mail be- jürchtet, daß s ä m t l i ch e 17 5 Grubenarbeiter ums ßeben gekonnnen sind. Nach einer weiteren Meldung aus Eastle Gate konnten bisher aus den brennenden Kohlengruben die Leichen von 13 B e r g l e u t e n geborgen werden.
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See« in Dresden. Der Chef der Heeresleitung, General von Seeckt, ist Montag früh, von Berlin tommenb, m Dres» den eingetroffen und vom Landesknnnnandanten Generalleutnant Müller empfangen und begrüßt worden. Um J,3U Uhr nahm Exzellenz von Seeckt btc Parade über bte in Dresden garn i s o n'e r e n oen Reg:meu । er ab. Aus Anlaß der Anwesenheit des Generals in Dresden haben die militärischen Gebäude geflaggt.
Kranzniederlegung deutscher Matrosen in Cartagena. Deutsche Matrosen vom Panzerkreuzer „Berlin' legten tn Cartagena in Anwesenheit der ipanc chen Behörden und Militärs einen Kranz an dem un- längst eingeweihten Denkmal für die gefallenen Helden von Cavite und Santiago nieder.
Eine neue Spende des Papstes. In maßgebenden Kreisen, die nahe Beziehungen zum Bat-fan unterhalten, . m, wie der Korrespondent der „Daily Mari zu wissen glaubt, Monsignore Pizzardo mit einer besonderenMc.pon des Papstes auf dem Wege nach München, ^t ut beauftragt den deutschen Beh r d e n eine große Summe Geld zwecks Unterstützung her n o 11 e t b e n b e n deutschen Kinder aus,zuständigen
Die Umbildung des belgischen abinetts. Wie der „Mati
Das Haus tritt nunmehr in die Tagesordnung ein. Das Gesetz über die vorläufiges Regelung des Rerchsl-ausha.ts für 1924 und das Gesetz über die NeM)shausha.tLsuhrung und Rechnungslegung für dn Remnuagsjahre 1922-<3 werden in zweiter Lesung deba/elos eräugt Tat dsr dn^en Lesung werden die Interpelleu. me der, e031mbemqlra.cn über Schutz der Arbeitskraft und her Deurichnationalen über
Herabminderung der auf der Landwirtschaft ruhenden Steuer^ last verbunden.
Die Baronin von Rothschild gestorben. Wenige Tage nach Vollendung ihres 97. Lebensjahres ist Freifrau von Rothschild gestorben. Sie war eine Tochter des Barons Anselm von Rothschild, der später die Leitung des Wiener Bankhauses übernahm. Sie war mit Wilhelm Karl von Rothschild verheiratet, der ihr schon vo'- 33 Jahren in den Tod vorangegangen ist.
Die französischen Rifstämme auf feiten der spanischen Kabylen. Der „Daily Mail" wird aus Tanger gemeldet, daß die Rifstämme, der französischen Z 0 n e zum größten Teil auf die Seite Abd el Prims übergetreten sind. Die Armee der Aufständischen belauft sich zurzeit aus 70 000 Mann. Sie sei in zwei Gruppen geteilt, von denen ein Teil von Abd el Prim selbst, der andere von seinem Bruder sowie dein Kriegsminister Said Ali befehligt wird.
Gmjüklmgsverfahren gegen Loffow
Beginn derPernehmung der Kahr-Gruppe.
Mit der neuen Woche ist das Bolksgericht int Hitler- Prozeß nunmehr in die Vernehmung Lossows, Kahrs und Sei Hers eingetreten. Bei Beginn der Vernehmung Lossows teilt der Vorsihßende mit, das» gegen v. Lossow ein Ermittlungsverfahren eingeleitet sei. Der Vorsitzende macht den General von Lossow darauf aufmerksam, daß er daher das Recht habe, auf alle Fragen die 3! ntWort zu ver. weigern, durch deren Beantwortung er sich der G e > fahr einer strafrechtlichen Verfolgung aus. setzen würde.
Die dritte Woche des Hitlerprozesses beginnt mit einer Verschärfung der Kontrollmaßnahmen vor und im Gerichts- gebäude. Insbesondere wird jede Person beim Eintritt in den Gerichtssaal strengstens auf Waffen durchsucht. Auf Er. -suchen des a&ä^^jn^iqUMg&UUU^
liche Feststellung verlesen, daß bot in der Presse genannte UnteroffizierEbert tasächlich kein Neffe des Reichspräsidenten sei, der überhaupt keinen Neffen habe, der am Kriege teilgenommen habe oder Soldat gewesen fei. R.-A. Cademann erklärt dann, man stehe vor dem Beginn der wichtigsten Vernehmung der Der- Handlung, der Vernehmung der Herren Kahr, Lossow und Seißer.
Nach dem bisherigen Berbundlungsergebnis, insbesondere in den geheimen Sitzungen, halte er es fürganz unmöglich, daß diese drei Herren noch als Kronzeugen vorgeladen werden können und das» die Drahtzieher des ganzen Unterneh- mensals Zeugen gegen die 3lngeklagten auftreten. Der Staatsanwalt möge nochmals die ganze Situation würdigen, und er werde dann z« dem Ergebnis kommen, dass hier nicht verfnchte Nötigung, sondern der volle Tatbestand des 8 82 erfüllt ist, dass d i e s e S e r r e n d a s g a n z e Unternehmen angezettelt und geleitet haben. Diese ßeute könnten doch nicht als Zeugen gegen die auftreten, die das Unternehmen auf ihrenBefehlhinnusgeführt haben. Wenn das sein sollte, dann gäbe es einen Kampf, und diese« Kampf werde d n rch g e f ü hrt bis auf die letzte Patrone.
Der Erste Staatsauwalt erwidert, bie drei Herren seien nicht als Zeugen gegen die Angeklagten geladen worden, sondern lediglich deshalb, um die positive Wahrheit festzustellen.'— R.-A. Roder erklärt daß man die drei Herren überhaupt nicht kommen lassen solle, fei nicht seine Meinung, wohl aber, daß man ihr Zeugnis nicht als unparteiisch und unbefangen bewerten könne. Darüber könne wohl kein Zweifel sein, daß sie unoerefbigt vernommen werden müssen angesichts dessen, was die letzte geheime Sitzung ergeben habe. Sodann tritt unter allgemeiner Spannung das Gericht in die Vernehmung des einen Hauptzeugen, des
Generalleutnants a. D. Otto von Lossow
ein.
Der Vorsitzende richte» zunächst an den Zeugen folgende Bemerkungen: „Die Bedeutung und der Umfang der Zeugnispflicht ist Ihnen bekannt, zunächst müssen Sie unvereidet vernommen werden, weil sie nach den äußeren Umständen im Bürgerbräukeller eine g e w i' i e D e t e i l i g u n g z u e r - kennen gaben und weil wie ich erfahren habe, nunmehr ein Ermittlungsverfahcen eingeleitet worden ist. Selbver- stöndlich haben Sie das Recht auf alle Fragen, durch deren Beantwortung Sie sich der Gefahr einer strafrechtlichen Verfolgung aussetzen: die Atztwort zu verweigern."
Zeuge von L 0 1 1 0 w: „Ich muß zunächst kurz Aufschluß über die po l i t i s ch e E i n st e l l u n g geben, die ich in den letzten Monaten vor dem 8. November hatte. Ich war im Sommer 1923 von befreundeter Seite aus- dem Norden darüber orientiert morde- daß die Rettung aus den immer unmöglicher werdenden Verhältnissen. in Deutschland erhofft