Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Deragspreis beträgt monatlich 1.— Golbmart ,, Anzeigenpreis für die einspaltige Detitzelle ober deren Raum 10 Ma.« für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Mg, Reklamezelle 50 Dfg. / / Druck u. Verlag von Ludwig Fants Buchdruckerei in HerSfeld, Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Verleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfelv. / / Fernsprecher Nr. s.
Nr. 33 Dienstag, den 18. März 1924
21m Sonntag ist die feierliche Uebernahme F i u m e s durch Italien erfolgt.
— Die Potsdamer Gemeindewahl,» haben der Rechten einen großen Erfolg gebracht.
— Im Parchimer Mord prozeß sind die Angeklagten zu schweren Zuchthausstrafen verurteilt worden.
Der Reichskanzler begibt sich am Dienstag nach Oesterreich.
Der amerikanische Pelroleumskandal.
Die Amerikaner sind gegen Korruptions-Affären ziemlich abgebrüht, und besonders die New Jorker haben unter dem Beute-System der Tammany Society eine Leidensschule durch- machen müssen, die in ihrer Offenkundigkeit Staunen erregte. In Tammany war die Korruption organisiert, sozusagen legalisiert, und der Kampf gegen die korrupte Beamtenschaft New Dorks, die auch die politischen Wahlen maßgebend beeinflußte, war die Aufgabe aller ehrlichen Elemente. Sie war schwer zu lösen, und Uncle Sam pflegte sich in die anrüchige Politik nur hineinzumischen, wenn dem Staatssäckel ein Schlitz beigebracht wurde. Dann hörte seine Gemütlichkeit auf. Wir haben zwar in dem neuen Deutschland nicht über den Mangel an Korruption zu klagen und dürfen nicht pharisäerhaft mit dem Finger auf amerikanische Gauner hin. deuten. Der Glaube an die Unbestechlichkeit unserer Beamten hatte seit der Revolution einen Stoß erlitten, und die Säuberung des Beamtenkörpers erforderte geraume Zeit. Aber was an Diebstählen, Unterschlagungen, Bestechungen von den Gerichten abgeurteilt werden mußte, selbst der Fall Zeigner und die in Thüringen aufgedeckten amtlichen Urkunden- fälschungön sind ein Kinderspiel, verglichen mit dem Skandal, den die Untersuchung gewisser Petroleumpachtverträge in ^«ner«« ans Licht gefordert hat. Aederrascheud schnell hat die deutsche Beamtenschaft den Ehrenschild makelloser Amtsführung von Schandflecken gereinigt und brüchige Existenzen ausgemerzt; und während man diesen Strauchelnden vielfach ihre materielle Notlage als mildernden Umstand zubilligen mußte, zeigt die Verderbnis in den Vereinigten Staaten das abschreckende Bild gewissenloser, sich am Staatsvermögen vergreifender Habsucht.
Im Jahre 1912 wurden für die amerikanische Marine Oelländereien durch Gesetz reserviert, aber obwohl nur bereits erschlossene und produzierende Oelquellen an Private ver» pachtet werden durften, erfolgten im April 1922 Verpachtungen der Teapot-Dome-Ländereien im Staate Wyoming an Harry F. Sinclaire und der Reserven Nr. 1 und 2 an C. L. Doheny. Da schlug der Senat in Washington Lärm, und im Oktober 1923 setzte eine Untersuchung vor dem Staatsausschuß ein. Sie erwies, daß der Staatsminister Fall, dem die Verwaltung der staatlichen Oelfelder unterstellt war, der Generalanwalt Daugherty und MacAdoo, Schwiegersohn Wilsons und demokratischer Präsidentschaftskandidat, Schmiergelder oon Sinclaire und Doheny empfangen haben, und auch der Kolonialsekretär Denby ist beschuldigt, Marineölländereien an Fall ausgeliefert zu haben. Daß dieser Sumpf von der Flora übelduftender Vermittler umgeben ist, daß bei dem Streit um die Beute weitere Bestechungsverträge ans Tageslicht gezogen wurden, versteht sich am Rande. Der Senat will offenbar reinen Tisch machen und ohne Ansehen der Person die großen mit den kleinen Dieben hängen, und um diesen in Beamtenstellung befindlichen Nutznießern das Handwerk zu legen, wird auch dem Handel mit Oelaktien nachgegangen.
Es ist nicht nur die Höhe der Bestechungsgelder, he Aufsehen erregt, sondern der mit der Verschleuderung von Staatsgut verbundene Umstand, daß die Wehrhaftigkeit der amerikanischen Marine in ihrem Lebensnerv getroffen wird. Das geschah trotz des Protestes von sechs yohen Flotten- beamten, denen der Mund gestopft wurde, indem man diese Admirale und Vizeadmirale auf Nebenposten abschob em Beweis, wie sicher sich Fall und Genossen suhlten. Jetzt tmgt der Skandal weite Kreise, und Uncle Sam wird durch den Senat deutlich. Eine ganze Reihe von Senatoren bemühen sich, die ganze Affäre restlos aufzuklären, denn die Gefahr liegt nahe, daß die Oelmagnaten ihre goldene Hand aus das Petroleumvorkommen der ganzen Welt legen und pq ein Monopol schaffen. Weder in Mesopotamien noch tr Mexiko sind die Konsumenten vor Absperrungen Mjer unt vermögen schließlich sogar in die Außenpolitik einzugreifeu Es wird sogar behauptet, die Oelvorkommen rn Kolumbier und in Honolulu, die als Stützpunkte für die Marine ausrüstung gedacht sind, seien bereits von den Oelmagna.er mit Beschlag belegt, und so ist es zu ^stehen,wem Stimmen laut werde n, die Anklage ^r die Sememe D stechung von hohen B eamten hmaus aus oochvcrrat erhe * U 4 Verhaftung der Schuldigen verl- n. Noch ist du
Untersuchung im Fluß, doch ist durch die bisherigen Ermittlungen schon so viel geklärt, daß die Vereinigten Staaten vor weiteren Eingriffen in ihre Seemacht durch die Uebermachi privater Interessen gesichert erscheinen. m. G.
Aume an Italien angegliedert.
Groß« Feierlichkeiten in der Stadt und ganz Italien. — D'Annunzio in den Fürsten st and erhoben.
Die Stadt Fiume beging am Sonntag die Feier der Angliederung an Italien. Die Stadt ist reich mit Flaggen geschmückt, auf den Straßen bewegt sich eine unabsehbare Menschenmenge. Der König, begleitet vom Marineminister und anderen hochstehenden Persönlichkeiten, ging von dem Kreuzer „Brindisi" unter Salutschüssen der Geschütze und begeisterten Kundgebungen der Bevölkerung an Land und begab sich zunächst nach dem Stadthause und darauf nach dem Palast des Gouverneurs. Als er auf dem Balkon er« schien, »erlas General Giardino die Kund- gebung über die Angliederung Fiumes. Die Kundgebung wurde mit lebhaftesten Freudenrufen begrüßt. Di Seppi überreichte im Namen der Bevölkerung von Fiume dem König die Schlüssel der Stadt. Auf Antrag Mussolinis wird d'Annunzio in den erblichen Fürstenstar»- erhoben und den Titel Principe del Nevos» erhalten. Nevoso ist der »ielum- stritteue Schneeberg an der Grenze Fiumes.
Kanzlerreise nach Oesterreich.
Halbamtlich verlautet: Reichskanzler Marx und Reichsaußenminister Dr. Stresemann begeben sich am Dienstag nachmittag zu etwa zweitägigem Aufenthalt nach Wien, um den Besuch des Bundeskanzlers Dr. Seipel zu erwidern. Gelegentlich der Anwesenheit des Reichskanzlers und Auhennrinisters in Wien, die vom Staatssekretär in der Reichskanzlei, Bracht, begleitet sein werden, dürften die kürzlich in Berlin geführten Verhandlungen über die wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen Deutschlands und Oesterreichs sowie auch die Frage der Rechtsangleichung urtö des Verkehrs Gegenstand dxr Aussprache fern-
Veränderungen in der Oiplomaiie.
Im diplomatischen Dienst des Deutschen Reiches werden in nächster Zeit voraussichtlich ziemlich umfangreiche Verschiebungen eintreten. Diese erstrecken sich nicht nur auf die Neubesetzung der Gesandtschaften in Stockholm und Angara, sondern auch die Posten in M e x i k o, Belgrad, Lissabon und anderen Städten dürften wahrscheinlich für eine Neubesetzung in Betracht kommen. Nach Stockholm wird aller Wahrscheinlichkeit nach der frühere Außenminister Dr. v. Ro senberg gesandt werden, der seit seinem Rücktritt vom Außenministerium zur Disposition steht. Für Angora kommt in erster Linie der jetzige deutsche Gesandte in Stockholm, N a d o l n y , in Betracht. Für he anderen diplomatischen Stellen können Namen zurzeit noch nicht genannt werden, da die Beratungen darüber noch nicht abgeschlossen sind. Die endgültige Entscheidung über derartige Personenftagen trifft bekanntlich nicht allein das Auswärtige Amt, sondern in letzter Linie der Reichspräsident. Aenderungen in den geplanten Neubesetzungen sind daher Mmer noch leicht möglich.
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Sitte M-eNage nach 6er anderen!
Wahlniederlage der Linken in Potsdam.
Am Sonntag fanden in Potsdam die Stadtverord. Netenwahlen statt. Sie haben mit einem völligen Siege de, Rechtsparteien geendet. Von 39 68» ein getriebenen Wahlen' beteiligten sich etwa 30 230, also 77 Prozent der Wahlberech tigten, an der Wahl. Es erhielten:
Deutschnationale Volkspartei 11 967, Deutsche Volks- partei 2465, Deutsch-Soziale 1746, Völkisch-Sozialer Bloö 1410, Handel und Gewerbe (unpol. Liste) 3997, Demor cater 1363, Zentrum 987, Vereinigte Sozialdemokraten 3392 Kommunisten 2288, Unabhängige Sozialdemokraten 4& Stimmen.
Die Verteilung der Mandate ist wie folgt: Deutschnatio nale 16 Mandate, Deutsche Volkspartei 8 Mandate Deutich Soziale 2 Mandate, Völkisch-Sozialer Block 2 Ma ba.e, .Jan del und Gewerbe 3 Mandate, Demokraica Ma. batc, ,cn trum 1 Mandat, Vereinigte So-laldemmra^n... .
Kommunisten 3 Mandate, Unat: .ngige bate. Infolge der neuen Städten ' J f; H t.,. meindeparlcunent nur 43 Sitze ■ " ^ t1-
Langjährige Zuchthausstrafen für Die Mörder von Parchim.
Das Urteil im Parchimer Mordprozeß wurde nach längeren Plädoyers am Sonnabend in vorgerückter Abendstunde verkündet. Es erhielten wegen gemeinschaftlichen Totschlags
Höß 10 Jahre Zuchthaus, Jurisch 5% Jahre Gefängnis, Zabel 9% Jahre Zuchthaus, Pfeiffer 6)4 Jahre Zuchthaus, Wiemetzer 12X Jahre Zuchthaus, Zenz 6*4 Jahre Zuchthaus. Ferner wegen Beihilfe und Begünstigung B o r m a n n ein Jahr Gefängnis, wegen Begünstigung Frick« 10 Monate Gefängnis, Hoffmann» Thornser», Mackensen, Wulbrede und Richter je 6 Monate Gefängnis.
Die Angeklagten haben die Kosten des Verfahrens zu tragen. In der Begründung wurde bemerkt, daß außer bei Jurisch den Angeklagten mildernde Umstände versagt worden sind. Nach Verkündung des Urteils wurde ein Antrag des Oberreichsanwalts auf Verhaftung Bormanns und ein Antrag der Verteidigung auf Haftentlassung der wegen Begünstigung verurteilten Angeklagten abgelehnt. Der Oberreichsanwalt ließ darauf den Angeklagten Bormann von sich aus festnehmen.
Abdankung der griechischen Köntgsfamtlie.
Die Athener Zeitungen veröffentlichen eingehende Mib- tetlungen, nach denen entgegen den Ableugnungen royalisti- scher Organisationen und Blätter, die Verhandlungen mit den Führern der Royalisten zu einem Entwurf einer Verständigung geführt haben. Danach wird die
freiwillige Abdankung des Königs Georg vorgesehen, dem jedoch das Recht verbliebe, bis zum Lebens- ende den Titel eines Königs zu führen mit der Befugnis, liste zu erheben und über die Güter der Krone frei zu verfügen, wobei Tatoi ausgenommen wird, das vom Staate »«gesaust werden soll. Weitere Bedingung ist der
Verzicht aller Mitglieder
des Herrscherhauses auf die Thronfolge. Der innere Friede soll durch folgende Bedingungen erreicht werden; Allgemeine Amnestie, Wiedereinsetzung der entlassenen Offiziere der Armee und Flotte und der Beamten nach Maßgabe der Möglichkeit; Verkündung der Republik durch die Nationalversammlung und ihre Bestätigung durch Volksentscheid; Wahl von Zaimis oder einer anderen allgemein genehmen Persönlichkeit zum Präsidenten; Erichtung eines Senats, in dem den Royalisten zwei Fünftel der Sitze vorbehalten werden; Wahlen zum Parlament unter einer neutralen Regierung.
Baissespekulation ftanzösischer Bankiers.
In der ftanzösischen Presse und in einer der jüngsten Reden Poincar6s war in der letzten Zeit immer wieder davon die Rede, daß zahlreiche deutsche Bankiers aus die Baisse des Franks spekuliert hätten. Heute abend wird nun gemeldet, daß es ganz besonders französische Bankiers gewesen sind, die diese Operationen betrieben haben. Auf Veranlaßung der Staatsanwaltschaft in Paris wurde in einem großen Bankhause in Metz eine Untersuchung angcfteüt und die gesamte Korrespondenz sowie mehrere Urkunden beschlagnahmt. Es handelt sich um ein großes Wechselgeschäft dessen Inhaber Öliger, ein Franzose, besonders in Saarbrücken. Metz, Lille usw. zahlreiche Wechselstuben unterhalt. Der Inhaber selbst befindet sich augenblicklich in Algier. Diese Angelegenheit hat in Metz eine große Sensation hcrrwrgerufen, da Öliger eine der bekanntesten Persönlichkeiten dieser Stadt ist.
Feierliche Yarlamentseröffnung in Kairo.
Nach einem Londoner Funkspruch fand in Kairo mit voller orientalischer Pracht die feierliche Eröffnung bes neuen ägyptischen Parlaments statt Der Konrg von Aegypten begab sich an der Spitze ein yen Prozesiwn von Palast zum Parlamentsgebo igetan mit der^Uniform d Chefs der ägyptischen Armee - m Ordensband des Ordens vom heiligen Muhan h fuhr r durch die dicht beießten Straßen und wurde mm der begeistert e n B e vo l ' runa enthusiastisch begrüßt. Dem britischen Ober- kommissar Lord Allenby, der sich ebenfalls in der Prozessior befand, rief man zu, daß Aegypten nicht mit einer unooü. ständigen Unabhängigkeit zufrieden wäre, sondern sem' v o l l st ä n d i g e F r c i h e i t fordere. Im Parlament ver las der König die T h r o n r e d e , in der erklärt wird, dü ägnntifche Regierung sei bereit, mit Großbritannen über bn osienstehenden Fragen, wie die der britischen Beiatzungs °°L und L/uL°m°hm° d» ew» der Mante, uti der ausländischen Interessen seitens Großbritanniens, -r verhandeln.