Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Gonnabenb. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1.— Golbmart / / Uaretgeoprels für die einspaltige Petitreile oder deren Raum 10 Bfg» für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Pfg., Reklamezelle 50 Dkg. / / Druck n. Verlag von Ludwig Fants Buchdruckerei in LerSfeld,
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Nr. 34 Donnerstag, den 20. Mär; 1924
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— Die Rheinlandkommission hat die Reichs tagswahlen im besetzten Gebiet zu gelassen.
—^ Im Unterhaus gab die englische Regierung ein- Grklarung ab, wonach sie den F l o tt e n st ü tz p un kt Ein gapore nunmehr offiziell aufgibt.
— Die preußischen Gemeindewahlen sollen in Herbst gemeinsam mit den Landtagswahlen statt- finden.
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Theunis, der privilegierte, unvermeidliche belgische Ministerpräsident, hat als Ziel seiner bisherigen und seiner neuen Regierungspolitik vor der Kammer die praktische Lösung der Reparationsfrage bezeichnet. In der Tat: das ist der Schlüssel für die Weltlage. Daneben bemerkte er, die Sachverständigen- iberatungen in Paris schienen einen günstigen Fortgang zu nehmen. Günstig, für wen? Auch auf deutscher Seite ist man hoffnungsfreudig, und nicht weniger ist die amerikanische Presse geneigt, sich einem Optimismus hinzugeben, dessen Begründung eine Prüfung verdient.
Zunächst liegen die Beschlüsse und Vorschläge der Sachverständigenausschüsse noch nicht vor; sie sind ungefähr Mitte April zu erwarten. Nur so viel ist bisher durchgesickert, daß sie über das Schicksal der deutschen Eisenbahnen, der deutschen Finanzkontrolle, den Haushaltsausgleich und die Goldnotenbank noch nicht einig geworden sind. Allerdings hat es den Anschein, als wenn die Sachverständigen in Ansehung der ungenügenden Ertragsfähigkeit der Eisenbahnen auf deren Inanspruchnahme verzichten wollen, aber damit ist nicht gesagt, daß die schließlich ausschlaggebende Reparations- kommission sich zu derselben Ansicht bekennt. Der eigentliche Kampf um alle diese Fragen steht noch bevormund deshalb beschäftigen, denen die Basis der Tatsachen fehlt.
Wichtiger ist der Streit, der sich über die Anleihe- frage entsponnen hat. Daß Deutschland, wenn es bis 1928, wie die Sachverständigen annehmen, seine normale Produktionsfähigkeit wiedererlangt haben soll, eine Anleihe erhalten muß, unterliegt keinem Zweifel, nur über ihre Form und ihren Umfang wird noch zu reden sein, und nicht nur Frankreich, sondern alle Gläubigerstaaten, Gläubiger auch im Verhältnis der Ententeländer zueinander, haben ein Interesse daran, im Rahmen einer internationalen Konferenz rine endgültige Regelung herbeizuführen, um die Weltwirtschaft zu stabilisieren. Wir begnügen uns einstweilen zu registrieren, daß nach Londoner amtlichen Kreisen Deutschland eine Anleihe von 10 Millionen Pfund Sterling aus englischamerikanischer Hand nach dem Vorschlag der Sachverständigen sowie ein Moratorium gewährt werden soll. Das Bankhaus Morgan will angeblich den Anteil Amerikas zur Zeichnung übernehmen.
Aber Morgans R >e wird auch in anderer Verbindung genannt. Anfänglich hieß es, er habe vom Weißen Haus die Erlaubnis erbeten, dem durch den Frankensturz beunruhigten Frankreich eine Anleihe von 100 bis 200 Millionen Dollar zu bewilligen, dann schrumpfte laut französischen Zeitungsberichten diese Summe auf 30 Millionen zusammen, und gleichzeitig mit dieser Hiobspost wurde bekannt, daß die Bewilligung an eine fatale Bedingung geknüpft sei: Frankreich soll sich dem Gutachten des Sachverständigen komitees anschließen. Es liegt im Wesen derartiger telegraphischer Mitteilungen, kurz und bündig zu sein und den Kern aus der Sache herauszuschälen, mag das auch grob klingen. Wahrscheinlich war die bittere Pille mit langatmigen Vorstellungen überzuckert, und der amerikanische Botschafter war in der Lage, den Vereinigten Staaten den Dank Frankreichs für den angesagten finanziellen Beistand zu übermitteln. Eine Höflichkeit ist der andern wert, nur wurde dadurch nicht die ftanzösische Presse besänftigt, die auf Morgan loszuschlagen begann. Warum? Man ist in Paris zu bet Auffassung gekommen, hinter der amerikanischen Anleihe- stecke eine englisch-amerikanische gemeinsame Aktion, die nichts anderes als die Räumung des Ruhrgebiets bezwecke, und man erinnert sich an eine Londoner Meldung, wonach Poincare gezwungen fei, durch die innerfranzösischen Verhältnisse seine Ruhrpolitik zu mäßigen. Deshalb würde MacDonald vor- schlagen, den Völkerbund zur Lösung dieser Frage anzurusen und über die Sicherheit Frankreichs würde verhandelt werden, sobald die beiden Ministerpräsidenten zusammenkauu'm Emsb weilen hat man in Deutschland noch nichts von einer Mäßigung der Poinearäschen Ruhrpolitik gemerkt. Augenscheinlic sträubt er sich heftig gegen die Räumung des Ruhrgebiets uni will nichts von einem Verzicht, sondern höchstens etwas vor einer Umwandlung seines „Pfändersystems" winen. was au das gleiche hinausliefe. Man hat sich also endlich entschlossen das Kind beim rechten Namen zu nennen, und dieser Umstanl
wird in die Verhandlungen über das Sachverständigengutachten vernehmlich hineinspielen. Was die Ruhr für Deutschlands Zahlungsfähigkeit bedeutet, ist klar, und Eng. land wie Amerika hat es in der Hand, sich durch Sperrung des Kredits das widerhaarige Frankreich gefügig zu machen und es in die finanzielle Zange zu nehmen. Die Angriffe auf Morgan beweisen, daß man sich in Paris dieser Gefahr bewußt ist, aber das ist nur ein Auftakt zu den kommenden Aus- einandersetzungen, bei denen es sich zeigen wird, ob die anglo- sächsische Finanzwelt es bei der drohenden Geste will bewenden lassen, oder ob sie die ihr zu Gebote stehenden Druckmittel zur Erzielung eines dauernden Völkerfriedens benutzen will.
L . Dr. L
Der Flottenstützpunkt Singapore aufgegeben.
Im englischen Nntevhause teilte Unterstaatssekretär A m m o n mit, daß sich die Regierung nach Beratung mit den Dominions entschlossen habe, die Pläne für den Flottenstützpunkt von Singapore aufzugeben. von feiten der Konservativen wurde erklärt, dass sie die Pläne zum Ausbau des Flottenstützpunktes sofort wiederaufnehmen würden, sobald sie zur Macht gelangten.
Im Verlauf der Debatte gab MacDonald eine Erklärung über den Entschluß der Regierung ab. Er betonte, daß die geplante Ausdehnung nicht in Widerspruch zu irgendeiner Abmachung gestanden hätte, die in Washington getroffen worden sei, fügte aber hinzu, daß trotzdem die Ausführung des Planes bei anderen Nationen vielleicht Verstimmung hätte auslösen können. MacDonald fuhr dann fort, die Regierung vertrete die Politik der internationalen Zusammenarbeit durch einen verstärkten und vergrößerten Völkerbund und durch die Schaffung von Verhält- Nissan, die fine umfassendere AbwaGnno für die Einschrän-, kung der Rüstungen möglich machen. Es sei klar, daß, ab- gesehen von allen anderen Erwägungen, die Schaffung eines großen Flottenstützpunktes in Singapore die Herstellung des Vertrauens gehindert und Mißtrauen gegen den guten Willen Großbritanniens hervorgerufen hätte.
Theunis ^egierungssrAarung.
In der belgischen Kammer gab Ministerpräsident Theunis die Regierungserklärung des neuen Kabinetts ab. Zur äußeren Lage und zur Reparationsfrage sagte Theunis: „Die Sachverständigen studieren die hauptsächlichen Aussichten, die sich zu ihrer Lösung darbieten. Den Realitäten Rechnung tragen d, in unseren eigenen Forderungen gemäßigt, aber fest, werden wir das verlangen, was wir als berechtigt, als unbedingt notwendig und als mit den Möglichkeiten verträglich ansehen. Unterhalb dieser Grenze bleiben, hieße die Sache verraten, für die soviele der unsrigen alles geopfert haben. Uebrigens scheint es, als ob Sie Ereignisse unsere Bemühungen begünstigen. Es berechtigt ist, O p t i m i s m u s an den Tag zu legen."
Dr. Marx in Wien einqeiroffen.
Reichskanzler Dr. Marx und Außenminister Dr. Stresemann sind am Mittwoch vormittag in Wien etn- getroffen und von den Vertretern der österreichischen Staatsbehörden feierlich empfangen worden. Sämtliche Wiener Blätter beschäftigen sich in ihren heutigen Leitartikeln mit der Ankunft des deutschen Reichskanzlers. Die „Reue Freie Presse" veröffentlicht an der Spitze ihres Blattes eine Unterteilung ihres Berliner Korrespondenten mit Dr. Marx, der neuerlich bestätigt, daß seine Wiener Reise keinerle, politische Zwecke verfolgt, sondern ein rein freundschaftlicher Akt ist, um den seinerzeitigen Besuch des österreichischen Bundeskanzlers Dr Seipcl in Berlin zu erwidern. Natürlich werden wir unsere Auwei cn- Heit in Wien dazu benützen, um die Erörterung über, den zwischen Deutschland und Oesterreich abzuschließenden von- delsvertrag fortzusetzen, die während der Anwesenheit des österreichischen Ministers in Berlin begonnen wurden.
Die mecklenburgische Neuerung gebildei.
Aus Schwerin wird gemeldet: n der letzten Sitzung des mecklenburg-schwerinschen Landtages wurde das neue Kabinett wie folgt gebildet: Freiherr von Branden- st ein: Ministerpräsident und Inneres; ^ntfsgev^tsrai a. D Dietrich von Oertzen: Finanzen und Lr .dund chan Pastor Liz. Dr. Stam m e r - Rostock: Kultus .ruz Die beiden ersten find deutschnational, Po ... gehört der Deutschen Volkspartei an.
Der Regierungsvorschlag zur
Beamtengehaltserhöhung. Heraufsetzung der Grundgehälter um 13 Prozent, der Ortszuschläge auf 80 Prozent der früheren Wohnungsgelder.
Der R e i ch s r a t hielt am Dienstag eine kurze Vollversammlung unter dem Vorsitz des Minister Dr. Satte» ab. Auf der Tagesordnung stand der Bericht über Beamten- besoldungen. Der Berichterstatter Ministerialdirektor Weyhe führte au, daß die Reichsregierung dem Reichsrat neue Vorschläge gemacht habe, die von den früheren Vorschlägen, die bereits mit den Ländern gemeinsam vereinbart worden waren, ganz erheblich abweichen. Es handelt sich darum, daß die Grundgehälter der Beamten um 13 Prozent erhöht werden sollen, während der frühere Vorschlag der Regierung nur 10 Prozent enthielt. Ferner sollen nach dem neuen Vorschlag die Orts- zuschläge erhöht werden auf 80 Prozent von drei Vierteln der früheren Wohnungsgelder, die im Frieden gezahlt wurden. Endlich sollen die sozialenDeihilfen ebenfalls erhöht werden, und zwar die Kinderzuschläge auf 13, 15 und 17 Mark, also um 2% Mark pro Monat, gleich 20 Prozent, die Frauenzulage von 7 auf 8 Mark monatlich, also eine Erhöhung um rund 14 Prozent. Das Ganze bedeutet eine tt* hebliche Belastung für die Länder. Die Der- treter der Länder waren bei der Eile, in der die Vorschläge gemacht wurden, noch nicht in der Lage, mit ihren Regierungen in Verbindung zu treten.
Schiedsspruch im Hamburger Hafenstreck.
Die am Dienstag vormittag aufgenommenen Verhandlungen zur Beilegung des Hafenarbeiter- streik« -nd-ten um Mitternacht mit der V - rkNNdNNa e^nes Schiedsspruti}$ durch den Schlichter Dr. Eten- zel, dessen Hauptbestimmungen folgende sind: Die acht- stündkgeArbeitszeit und dasDreischichtensystem werden beibehalten. Der Lohn für die erste Schicht beträgt 4,50 M., für die zweite und dritte Schicht kommt dazu ein Zuschlag von 15 Prozent. Die vorgesehenen Bestimmungen über die Arbeitszeit sollen bis zum 1. 10. gelten, die Löhne vor Ende Mai neu geregelt werden. Die Arbeit ist spätestens am 20. 3. wiederaufzunehmen. Maßregelungen dürfen nicht erfolgen. Die Erklärungen über Annahme oder Ablehnung des Schiedsspruchs sind bis Mittwoch abend abzugeben.
Das Finanzgesetz vom Senat angenommen.
Der französische Senat hat nach Beendigung der Beratung über die einzelnen Artikel des Finanzgesetzes das Gesetz in seiner Gesamtheit mit 15 1 gegen 23 Stimmen angenommen. Die demokratische Mitte, also die Mitglieder der radikalen Partei, habe» sich der Abstimmung enthalten.
Einspruchsrecht gegen die Abbau-Gntlaflungen. Das Reichskabinett hat beschlossen, daß gegen die (Entlassung aus dem Reichsdienst ober die Versetzung in den einstweiligen Ruhestand auf Grund der Personalabbauverordnung den Beamten grundsätzlich ein Einspruchsrecht eingeräumt werden soll. Dieses Einspruchsrecht soll auch für bereits durchgeführte Entlassungen gelten, soll aber nur Beamten und nicht Angestellten zustehen. Die näheren Einzelheiten werden durch die beteiligten Ressort« noch bestimmt werden.
Unfall eines Landtagsabgeardneten. Nach Schluß bet Plenarsitzung des Lao Arges am Dienstag ereignete sich im Parlamentsaebäude zu Berlin ein schwerer Unfall. Abg, Graf zu Stolbcro-Wer nigerode (D. D.), ein Sohn des verstorbenen kon-ärvativen Reichstagspräsidenten Dr Udo Graf -u Stoiber Wenngerode stolperte beim Verlassen des Fahrstuhls und brach sich ein Bein. Der 'Betun- glückte, der seit vielen Jahren infolge eines Unfalles gelahmt und im Gebrauch seiner Deine schwer beeinträchtigt ist- erhielt durch den derüschnat ovalen Abgeordneten Dr. Quaet. Faslem die erste ärztliche Mft und mußte, mit einem Rot. verband versehen, " 1 Krankenhaus geschafft werden.
Professor Quidde wieder aus der Haft entlassen. Wie wir erfahren, soll Professor 2 u i d d e, der bekannte Pazifist, der am Sonin And verhaftet worden ist, aus der Haft entlassen worden sein.
Der gefährdete Thronerbe. Im Unterhause kam es -» einem ungewöhnlichen Frischen fall. Die Veranlassung daz» . . . - in ri„ ■ 1.1. «T