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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Goanadead. Der Serugspreis betragt monatlich 1. Goldmark / / Änreigenprei« für die einspaltige Detitreile oder deren Raum 10 Vta., für amtliche und auswärtige Anreisen 15 Mg, Reklameretle 50 Dfg. / / Druck«. Verlag von Ludwig Funks Buchbruckerei in Hersfeld,

Mitglied des Vereins Deutscher Aeitungs-Derleger. / / Für die Gchriflieltung verantwortlich Frau; Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Rr. 8.

Nr. 36 Dienstag, den 25. März 1924

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3n leisten ist der Schah für abgesetzt erklärt und sein zweijähriger Sohn zum Herrscher ausaerufeu worden.

Der tschechische Gesandte in Berlin, Tusar, 4 plötzlich an einem Herzleiden gestorben.

- Der Flieger Linnekogel ist bei seinem ersten Flug nach sechs Jahren tödlich verunglückt.

Der Aufmarsch der Parteien.

©er Wahlkampf ist crescendo im Gang. Der als Spitzen­kandidat wieder in Elberfeld aufgestellte Reichskanzler Marx Sat in einer Rede die der Zentrumseinstellung gleichlaufende Haltung der Regierung weit eher als Befreiungs-, denn als ^rfullungspolitik gegenüber dem Versailler Verträge be- ieichnet, damit die Stellung der Mittelparteien umschrieben and die Rechte ermähnt, sich mit ihren Befreiungswünschen in )en Grenzen der Möglichkeiten zu bewegen. Das Zentrum « sich, wie der Kanzler zugab, zur Durchführung seines Programms nach Bundesgenossen umsehen und ist bereit, mit eder Partei zusammenzuarbeiten, die zum Segen der Gesamt- )eit und des einzelnen mitzuwirken gewillt ist. Das ist ein Kuf zur Einigung. Wird er gehört werden?

Einstweilen ist davon wenig zu spüren. Selbst im Zen- rum waren unlängst Absplitterungstendenzen nach links un- rerkennbar, und wenn es auch der geschickten Führerhand ge- ang, den aufklaffenden Riß zu schließen, ist damit noch nicht >as letzte entscheidende Wort an der Wahlurne gesprochen, deutlicher wird die Spaltung im deutschnationalen Lager; sie besteht schon seit dem Tage, wo die Deutsch- rölkische Freiheitspartei sich als selbständige Partei auftat und ^»Mi te ätfM Ä ,deutschnational heißt deutschvölkisch sein", doch dürfte sie >abei nicht überall auf Zustimmung zu rechnen haben. Ihr Mel ist eingestandenermaßen eine Zusammensetzung des Reichstags, die jede Regierungsbildung ohne die deutsch- rationale Partei vereitelt, also die Mittelparteien und die Linke so schwächt, daß sie mit dem Zentrum zusammen nicht ane Mehrheit erreichen. In Württemberg hat sich zu diesem Zweck bereits ein vaterländisch-völkisch er Block tuf Anregung der Württembergischen Deutschnationalen Bür- zerpartei gebildet; ob ähnliche Bestrebungen in anderen Län­dern in Fluß geraten sind, ist zurzeit nicht ersichtlich. Mer verm sich die Deutschnationalen kaum der Illusion hingeben verden, die Deutschvölkischen für sich zu gewinnen, erwarten ie doch auf Kosten der Deutschen Volkspartei Vahlgewinnste zu erzielen.

Diese Partei krankt an Uneinigkeit. Schon als im Dongen Jahre von einer nationalen Diktatur die Rede war, Inüpfte sich daran der Name des Abgeordneten Geister, )er der Partei den Rücken kehren mußte, und seitdem verab- chiedeten sich von ihr die Abgeordneten Maretz^i und Sersner, und schließlich wurde die bürgerliche Samm­lung gefährdet durch den Plan, eine N a t i o n a l l i b e - rale Vereinigung, bestehend aus dem rechten Flügel ser Partei, innerhalb dieser zu schaffen. StresemaNn als Führer der Partei hat sich dagegen gewendet, und man kann nicht leugnen, daß in diesem Zeitpunkt ein Heroorketzren von Gegensätzen, mögen sie noch so begründet sein, wahltechnische Schwierigkeiten bedenklicher Art zur Folge haben n-üßte.

Falls jedoch, wie es den Anschein hatte, in der demokra­tischen Presse Hoffnung auf einen Po-teizerfall geletzt, wird, dürfte die Rechnung nicht stimmen. Die Demokratische Volts- partei leidet an Zwiespältigkeit. Ein Teil ihrer Presse bevor­zugt das radikale Fahrwasser und gebärdet sich nahezu sozial­demokratisch, während ihre A bg e o r d n e t en die mitt­lere Linie innehalten. So der von Partei wegen m Bremen als Wahlredner vorgeschickte Reichswehrministet Dr Keßler. Aber auch dieser befriedigte die Wißbegier seiner Hörerschaft nicht vollständig, denn sie hätte gern eine deutliche Absage an den Marxismus und eine offene Stellungnahmk r-ur Kriegsschuldfrage vernommen. Nicht, daß der Ministe, etwa mit der Sozialdemokratie geliebäugelt hatte, aber 'ei-u Anhänger lassen vielfach die Verstärkung der Grenzlinie nnd links vermissen, und das wird ihnen in Tagen, wo die Varoli -Gegen den Marxismus" abgegeben wird verübelt.

In offenbarer Verlegenheit beim Auf marsch im Zweifrontenkampf befindet sich die angeblich V e r eini gteS o zialdemokratis <cheParte, De ut l ch I a n b s Seils kann sie von dem Gedanken an dre (')rob Koalition nicht lassen, teils wird sie von ihrem linken Flüge weil dieser, trotz aller kommunistischen «rnü dem Phantom einer reinen Arbeiterr^Ierung nw agt unter Verleugnung aller Parteigrund , tze dem :^mmu ums goldene Brücken baut. Den Vorteil davon wird v. rau-

sichtlich die Kommunistische Partei haben, obschon auch sie wer entfernt ist, ein Bild der Geschlossenheit zu bieten.

Der aufgelöste Reichstag setzte sich aus elf Parteien zusammen; ob diese Zahl sich vermindern wird, ist fraglich Die Regierung hat diese Tatsache respektiert, indem sie gemüf dem neuen Reichswahlrecht die Bedingungen für die Kreis- wahlvorschläge erleichtert hat. An Stelle der von 500 dafür erforderten, sollen fortan 20 genügen, wenn das Vorhanden- sein von 500 glaubhaft gemacht wird. Für die im Reichstag bisher vertretenen Parteien wird angenommen, daß ein von ihnen in einem Wahlkreis eingereichter Wahlvorschlag die ge­forderte Zahl von Anhängern besitzt. In dieser Fülle von Parteien spiegeln sich die Meinungsverschiedenheiten im deut­schen Wahlkampf jedoch keineswegs deutlich wider, und so­lange es nicht gelingt, die Parteizerklüstungen zu beseitigen und einen Stadt und Land umfassenden Bür- g e r b l o ck zu errichten, wird das Reich stets von der Gefahr bedroht sein, durch innerlich unwahre Regierungskoalitionen in einen Schwächezustand versetzt zu werden, der eine ziel­bewußte Politik verhindert. Das ckolle man beim Gang an die Wahlurne im Auge behalten.nd.

Aus der WaWewsgung.

Reichskanzlerrede in Elberfeld.

Reichskanzler Marx sprach Sonntag in Elberfeld in der Stadthalle in einer öffentlich?' Versammlung, mit der die Zentrumspartei des Wahlkreises Düsseldorf- Ost, die den Reichskanzler an die Spitze der Kandidatenliste gestellt hat, die Wahlbewegung eröff. nete. Der Reichskanzler führte u. a folgendes aus: Eine deutsche Partei allein vermag die ungeheuren Aufgaben, die die Zukunft bringen wird, n i ch t zu meistern. Deshalb muß auch das Zentrum sich nach Bundesgenossen ümsehen, die gemeinsam mit ihm das eine große Ziel der Rettung vvu Volk und Vaterland erstreben. Wer sollen diese Bundesgenossen sein? Wir sind bereit, mit j eder Partei zusammenzuarbeiten, die mit uns positive Arbeit zum SegendesGanzen und des Einzelnen zu leisten gewM ist. Damit glauben wir, wenn vielleicht auch nicht pa* tentnationai, so doch ganz gewiß echt national zum Besten von Reich und Volk tätig zu sein. Nationale PoliM ist unserer Ueberzeugung nach auch die EntschlSssen- Heit, die Einheit des Reiches zu schützen und zu sichern auf dem Boden der in Weimar beschlossenen Verfassung. Ein Ver­brechen begeht, wer es unternimmt, gewaltsam oder widerrechtlich die Verfassung zu stür. zen. Hochverrat ist jeder Versuch, auf nicht ges-l,mäßigem Wege unsere verfassungsmäßig festgelegte Staatsform zu ändern.

Außenminister Stresemau«

sprach auf einer Tagung der Deutschen Volkspartei in Darm- stadt; aus seinen Ausführungen sei das Folgende wieder- gegeben: Außenpolitisch sei unsere ganze Arbeit bisher eine Sisyphusarbeit gewesen. Wenn einem Volk die Ge­walt der Waffen nicht zur Verfügung stehe, müsse man auch den Mut haben, die Konsequenzen daraus zu ziehen, wenn dies zunächst auch unpopulär sei. Der Versailler Vertrag sei in vielen Beziehungen, z. B. in den Forderungen des letzten Ultimatums, undurchführbar; aber er warne davor, zu glauben, daß man eine Aenderung der Verhältniss'e durch die Zerreißung des Vertrages erzielen könne. Der Minister wandte sich gegen den Vorwurf, daß er seine Politik auf eine alleinige Verstän­digung mit Frankreich eingestellt habe.

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Der Wahlaufruf der Deutschnationalen.

Die Deutschnationale Volksnartei tritt jetzt mit ihrem Wahlaufruf an die Öffentlichkeit. In ihm heißt es unter anderem:

Wir wollen frei fern, wie die Väter waren!" Diese Losung steht am Anfang und Ende aller deutschnationalen Politik. Frei von äußerer Fremdherrschaft, frei vom Marxi smus und frei von dem mit dem Marxismus alle­zeit verbündeten Judentum! Der Rhein ist Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze! Das Ziel des deutschen Selbstbestirmnunosrecktrs ist für uns: V n der Donau bis zum Belt ein Volk, ein Reich, ein Kaiser! Zurück zu den Grundlagen der deutschen Verfassung, wie sie Bismarck einst von Preußen aus schuf. Ehre dem alten Heer und seinen Führern. Stolz am die deutsche Vergangenheit, lassen wir nicht von ihrem Wahrzeichen, der Fahne schwarz-weiß-rot! Wir fordern das christliche Schulgesetz, das im alten Reichstag begrabe- liegt. Kampf gegen die Herrschaft und den zersetzenden Geist des Judentums auf allen Geb eten.

Deutschnational sein heißt deutschvölkisch sei«.

Schutz den B e r u f s b e a m 1 e n, deren Stellung und Lebenshaltung zu sichern tit. Fort mit den Eindringlingen, denen nur die Parteikarte den Weg zur Beamtenlausbahn erschloß. Die Not des Jatc-r-andes verlangt vermehrte Arbeitsleistung, die durch den friedlichen Ausgleich

zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und deren Zusarm menwirken in Arbeitsgemeinschaften gehoben werden muß Die Erhaltung der Arbeitskraft und Lebensfreudigkeit des Volkes ist jeder Sozialpolitik oberstes Gesetz. Wer mit un» den auf reines deutsches Volkstum gegründeten, christlichen, sozialen und monarchischen Staat will, ist uns willkommen als Mitkämpfer für die große deutsche Rechte. Wählt Schwarz- weiß-rot, das ist deutschnationall"

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Parteitag der Demokratischen Partei.

Reichsminister a. D. Koch und Reichstagsabgeordneter Erkelenz sprachen gelegentlich des demokratischen Wahl, kreisparteitages in Elberfeld im evangelischen Vereinshau». Reichsminister a. D. Koch erörterte in einstündiger Rede die Politik der Demokratischen Partei gegenüber den Tagesfragen und wandte sich insbesondere auch gegen die Kriegs- d) u I b l ü ge. Redner polemisierte insbesondere auch g e Sen die sozial demokratische Politik, die in ihrem vielfachen Zusmnmengehen mit den Kommunisten dem demokratischen Gedanken großen Schaden zugefügt habe. Darauf fprad; der Abgeordnete Erke lenz, der besonder» betonte, daß die Bevölkerung im Rheinlande und Westfale« »on wahrer Reichseinheit erfüllt sei. Sie habe keinerlei partikularistische Interessen. Das besetzte G»- t>iet leide für die deutsche Sache. Der Kampf für die D e m o - 'ratie, für die Arbeitsgemeinschaft und Polkr- i e m e i n f chaft und für die Reichseinheit sei das große Banner der demokratischen Bewegung in Deutschland.

I« Sachse«

wurde eine neue Partei, die Evangelische Partei in Sachsen gegründet, die als Spitzenkandidaten für die Reichstaaswahl im Wahlkreise Ostsachsen den Landgerichts­rat Professor Dr. Müller aufstellen will. Die neue, Partei ist eine Gründung derchristlichenElternbewegung.

Der an^ererbentlfrbe Gesan ... . bevollmächtigte Minister der tschechoslowakischen Republik in Berlin,

Herr B. Tusar, ist am Sonnabend abend um 6* Uhr einem schweren Herzleiden, an dem er seit einiger Zeit litt, erlegen. Freitag abend, während eines Besuches des englischen Botschafters, wurde er plötzlich unwohl und mußte zu Bett gebracht werden. Die Aerzte stellten einen Herzcollaps fest. Der Zustand derschlimmerte sich im Laufe der Stacht. Auch starke Injektionen konnten die Krise nicht überwinden. Die Nachricht von seinem Tode verbreitete sich bei den vielen persönlichen Beziehungen, die der Verstorbene unterhielt, in Berlin außerordentlich schnell. Die deut­sche Regierung hat sofort ihr Beileid ausgesprochen, ebenso das diplomatische Korps. Die Leiche wird nach der Trauerfeier von Berlin nach Prag über ge­führt werde».

England und die Gickefheiissraqe.

Die englischen Sachverständigen und Sir John Bradbury sind in London angekommen, um ihrer Regierung ihre Ansicht zu unterbreiten, daß zurzeitkeine Verständigung zu erreichen sei. VlacKenna sträubt sich gegen die französisch-belgische Auffassung von der Höhe der auswärtigen Werte Deutschlands, und die Franzosen kämpfen gegen die englischen Moratoriumsoor- schlüge. Uebrigens geht die Auffassung in London dahin, daß ein Moratorium wenig Glück haben würde, wenn die franzö­sischen Borschläge durchkämen, weil Deutschland dann doch nicht dazu komme, sich zu erholen. Es wird in London die Hoffnung ausgesprochen, daß sich diese Gegensätze überbrücken lassen. Gleichzeitig wird aber auch betont, daß ein Kom­promiß, nur zum Zwecke einer Verständigung, schlim - mer als nutzlos wäre. Was PoincarösneueJn- struktionen an seinen Botschafter in London betrifft, bet sich über die

Sicherheitsftage

mit MacDonakd unterhalten soll, verlautet von gutunterricht»- ter Seite, daß MacDonald sich in Diskussionen über die Reparationsfrage nicht eher einlassen wird, bis der Bericht bet Sachverständigen veröffentlicht ist. Wohl werde er anhören, was der ftanzösische Botschafter ihm zu sagen habe. Aber auf irgendeine Abmachung in der Sicher- Heitsfrage könne er sich nichteinlassen. Die Sicherheit müsse durch den Völkerbund geschaffen wer- den. Deshalb sei MacDonald entschieden für den Eintritt Deuffchlands und Rußlands in den Völkerbund. Sollten Poincarös Vorschläge über Frankreichs Sicherheit auf der Basis der Vorschläge aufgebaut sein, die Frankreich schon tu? Jahre 1922 unterbreitet, so würden sie

in Londou wenig Sympathie

finden. Nach der Konfere- mit ihrer Regierung werden die englischen Sachverstand' dem Dawes-Komitee eine Herabsetzung der vor utferlaub in den nächsten Jahren zu verlangenden S men vorschlagen. Die dou