Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 38 Gonnabend, den 2g. März 1924
poincarL bildet ein „völlig neues" Kabinett.
Weber die Ministerkrife und ihre Lösung erfährt die Agence Havas folgendes: Die von PoincarS geführten Verhandlungen erstreckten sich viel mehr auf die politische und parlamentarische Lage als auf die Mittel, die Ministerkrise zu lösen. Die Besprechungen gestatteten jedoch Poincars, die Ueberzeugung zu gewinnen, dass er in der Lage sei. in kürze st er Zeit das neue ®"sinett zu bilden. Jedenfalls hat Poincarö dem Präsidenten der Republik schon die leitenden Gedanken vorgetragen, die er zur Geltung zu bringen gedenkt.
Sie sönnen wie folgt zusammengefaßt werden:
1. Weitgehende Umgestaltung des ehemaligen Kabinetts. Nur vier oder fünf ehemalige Minister und drei Unterstaatssekretäre scheinen nach den bis jetzt vorliegenden Andeutungen ihm angehören zu sollen.
2. Die aus Sparsamkeitsrückstchten notwendig gewordene Herabsetzung der Zahl der Ministerien und Unterstaatssekre- tariate. Unter dem Vorbehalt immerhin möglicher Abänderungen kann es als wahrscheinlich gelten, daß folgende Minister und Unterstaatssekretäre des ehemaligen Ministeriums Poincare in das neue übertreten: Maginot, Le Troe. quer, Eolrat, Reibel, Eheron, Rio, Paul Laffont und Eynac. Die Beseitigung des Hygieneministeriums und seine Angliederung an das Arbeitsministerium kann als beschlossen gelten. Das Ministerium der besetzten Gebiete wird in ein Unterstaatssekretariat beim Finanzministerium umge- vandelt. Die endgültige Verteilung der Portefeuilles wird erst morgen beginnen. Poincare bleibt Außenmi- Maginot das Kriegsmini st erium und L e £rocquer das Ministerium für öffentliche Arbei ° ten behält.
Von neuen Männern werden vorzugsweise genannt: ^raneois M ar s a l für das Finanz- und Bokanowski iür das Handels- oder Kolonialministerium. Noch keinerlei Anordnungen sind für die Besetzung des Innenministeriums getroffen worden. Es wird allgemein angenommen, daß das freue Ministerium morgen noch nicht gebildet sein wird.
Anterhausdebaiie über die Gewalt- poliiik Frankreichs.
Asquith klagt anl — MacDonalds Außenpolitik. — Lloyd George gegen den Premierminister.
Im englischen Unterhaus« richtete am Donnerstag A s - quith an die Regierung die Frage, wann die Dokumente, die dem französischen Gelbbuch entsprächen, veröffentlicht werden sollen. Er wollte ferner wissen, welchen Fortschritt man in der Fertigstellung der S a ch v e r - ständigenberichte gemacht habe. Er wies auch auf einen Aufsatz der „Times" hin. In diesem Aufsatz war angegeben worden, daß die Sachlieferungen, die durch diese Abkommen vorgesehen wären, nach einer Methode finanziert würden, die für die Industrie des Ruhr- gebietesverderblich wäre, da diese mit dem übr^en Deutschland nicht mehr konkurrieren könne. Eine solche Methode entziehe auch dem Reiche eine Einnahmequelle, die zur Stabilisierung der Währung notwendig wäre. Asquith fragte MaeDonald, ob dies die Politik der französischen Regierung darstelle und welche Schritte die britische Re- givmrrg unternehme, um die englischen Interessen zu schützen.
MaeDonald erwiderte:
»Wir sind verschiedenen Versuchen begegnet, die darauf hirrdeuteten, daß die Abmachungen mit den deutschen Gesell- schaffen, die Gelegenheit zu einer Neuverteilung bei Reparationsinteressen bieten könnten. Wem dies der Fall wäre, so würde die Regierung sofort Pro test erheben." In Beantwortung eines Zwischenrufe- betr. die Pfal z erwiderte MaeDonald, daß dieser Fall d e r Punkt darstelle, „wo die Sch w i erigkei ter sehr groß seien". „Wir sahen uns," fuhr er fort »einer separatistischen Bewegung gegenüber die nicht nur von innen unterstützt wurde, — mehr möchte ich darüber nicht sagen — und hatten einer Regelung dieser Angel^enheit näherzutreten."
Lloyd George
bezeichnete die Rede des Premierministers als e n t t ä u - schend. Der Redner befaßte sich unter Bezugnahme aus das Schreiben MacDonolds an Poincare ausführlich mit dein Begriff: ein „entmilitarisiertes Gebiet" und erklärte, das Haus müsse wissen, was darunter zu, verstehen sei. Wenn es einfach bedeute: die EntMilitarisierung des linken Rheinufers und eine Bestimmung, die Deutschland
oerhindern würde, auf dem rechten Rheinufer Festungen zu errichten oder Truppen zu versammeln, welche Notwendigkeit bestehe dann für eine weitere Bestimmung?
Wenn es jedoch das bedeutet, was Poiucars und Foch meinten, so schlage MaeDonald Aenderungen der Bedingungen des Versailler Vertrages zum Nachteil Deutschlands vor, nachdem er den Vertrag seit Jahre« wegen seiner übertriebenen Strenge gegenüber Deutschland verurteilt habe.
Der Premierminister, fuhr Lloyd George fort, habe stets die moralische Geste unterstrichen, die er Frankreich gegenüber mache. Me Antwort Frankreichs auf diese aber sei die D e r - öffentlichung des Gelbbuches gewesen, eines sehr verhängnisvollen Dokuments, dessen Grundlage das Memorandum des Marschalls Foch sei. Vor kurzem habe nun Poincare im französischen Parlament erklärt, daß er mit Foch voll übereinstimme, das bedeute, daß im gegenwärtigen Augenblick der französische Premierminister und die französische Regierung weiterhin der Ansicht seien, die deutsch-französische Grenze
müsse der Rhein sein.
Die Franzosen schlügen jetzt vor, daß ihre Truppen im Rheinland bleiben sollten, bis die Gesamtheit der Bedingungen des Versailler Vertrages erfüllt seien, das sei etwas vollständig Neues, wogegen, soweit er wisse, keinerlei Protest der Regierung erfolgt sei.
Aus der Wahlbewegung.
Reichsparteitag der Deutschen Volkspartei.
Als Auftakt zum Reichs Parteitag der Deutschen Volkspartei in Hannover sprach am Donnerstag abend der Vorsitzende der deuffchvolksparteilichi i Reichstagsfraktion Reichs- im Kuppelsaal der Stadthalle Wer „Die Politik der Tat". Er zeigte in seinen Ausführungen, wie der deutsche Wiederaufbau niemals mit Horten, eben nur mit der Tat erfolgen könne, und wie gerade die Deutsche Volkspartei im Gegensatz zu einer ausgeprägten Schlagwortpolitik auf der Linken und zu einer Politik von Worten ohne entsprechende Taten auf der Rechten auf allen Gebieten der Politik eine ausgesprochene Politik der Tat betrieben habe. Seine Behauptung begründete er durch Hinweis auf die außenpolitische Entspannung der letzten Monate und auf die Stabilisierung der Währung durch Schaffung der Rentenmark und den Aus- gleich des deutschen Reichshaushaltes.
Nachdem die Besprechung, die am Mittwoch abend zwischen einem führenden Mitgliede der Nationalliberalen Vereinigung und dem Parteiführer der Deutschen Volkspartei Dr. Stresemann stattgefunden hat, ziemlich offensichtlich denKonfliktverschärft hat, will man versuchen, die Differenzen auf der Zentralvorstandssitzung und dem Parteitage in Hannover auszutragen, die am Freitag, Sonnabend und Sonntag stattfinden. Dem Vernehmen nach wollen schon jetzt einige der Nationalliberalen Vereinigung ange- hörige Herren aus dem Konflikt mit der Parteileitung die Konsequenz ziehen, volksparteiliche Kandidat», ren für den Reichstag nicht wieder anzu- nehmen. Geheimrat Dr. Quaa$ hat die ihm von der Deutschen Volkspartei im Wahlkreis Westfalen-Süd ange- botene Kandidatur bereits abgelehnt.
MeDeutscheVolkspartei hat im Wahlkreis2(Alt- Berlin) folgende Spitzenkandidaten ausgestellt: 1. Geheimrat vr. Kahh 2. v. Räumer, 3. Reichstagsabg. Streiter, 4. Baurat Brüggemann, 5. Frl. Anna Meyer.
Im Wahlkreis 5 (Ost-Hannover)' kandidieren für die Deutsch-Hannoveraner: 1. Dr Graf Bernstorff, 2. Ludwig Alpers. Im 16. Wahlkreis (Braunschweig): 1. Senatspräsident H a m p e.
Der Landesverband Berlin der Deutsch- nationalen Dolkspartei hat an die dritte Stelle seiner Liste Gustav Wischnövski, Vorsitzenden der Reichsver- bindung Nationaler Gewerkschaften, gesetzt.
Im Wahlkreis Hessen-Nassau hat das I e n t r u m an zweiter Stelle der Liste den Vizepräsidenten bei Rentenban^ Dr. Krone-Münzebrog, aufgestellt
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Die Nationalliberale Bolkspartei in Bayer n beabsichtigt, dem Freiherrn vonLersner eine Reichs tagskandidatur anzübieten.
Me V.S.P.D. hat in Ostpreußen den ehemaligen Königs- berger Polizeipräsidenten Lüb bring, den Herr Severing bekanntlich vor kurzer Zeit erst nach Dortmund versetzen mußte, nach dem Ministerpräsidenten Braun an zweiter Stelle auf die Kandidatenliste gesetzt. ___
Gesandter von Keller beim belgischen König. Der K ö • a i g empfing am Donnerstag in feierlicher Audienz den teilen deutschen Gesandten von Keller, der üym sein B e • slaubigungsschreiben überreichte.
Absturz eines Kampfflugzeuges. Nach einer Reuter- neldung ist am Donnerstag über Honolulu ein Kampf- ilugzeug brennend abgestürzt. DreiInsassenwurden getötet, einer schwer verletzt.
Der König von Italien im Erdrutschgebiet. Nach einer Meldung aus Rom ist der König von Italien an den Schauplatz der Katastrophe bei Amalfi abgereist. Ihn be- fleitet der Unterstaatssekretär für öffentliche Arbeiten Sardi. Die Zahl der Opfer soll nach den neuesten Meldungen 107 »etragen. Die italienischen Kriegsschiffe steuern die Küste. Tttlang, um Ueberleberrde aufzunehmen. Der Papst hat, ils er die Nachricht von dem Unglück erfuhr, 25 000 Lire Vr die Hinterbliebenen gespendet.
Verurteilte Landfriedensbrecher. In dem sogenannten )ermannschlachtprozeß wurde von der Göttinger Strafkammer nach fast 14tägiger Verhandlung das Urteil fesprochen. Es handelt sick um schwere Ausschreitungen fegen Mitglieder des Jungoeutschen Ordens, die vor zwei Zcchren bei der Aufführung von Steifte „Hermannschlacht" n Northeim schwer bedroht und mißhandelt vorden sind. 17 Uebeltäter wurden mit Gefängnis von ^wei Monaten bis zu zwei Jahren bestraft. Sechs Angeklagte ourdm freigesprocheu.
Zeigners Schlußwort
In der Vormittagssitzung des Freitags war nun auch Xr Z e i g n e rp r o z e ß so wert vorgerückt, daß der Angeklagte das Schlußwort erhalten konnte. Er machte feine Ausführungen in großer Bewegung, vielfach mit belegter wmmifx üb« lerne anurormneus- »erhältnisse. Außer fernem Wartegeld beziehe er die gesetzlich vorgeschriebene Ministerpension. Zeigner ging -arm näher auf den Fall Trommer und den Fall Schmerler ün und bestritt, dabei Amtshandlungen vor genommen zu laben. Es habe sich vielmehr nur um eine Befürwortung n einer Angelegenheit gehandelt, die ihn eigentlich offiziell nichts anging. Die letzten Ausführungen machte Dr. Zeigner mit träuenerstickter Stimme, so daß er sie nur mit
Mühe beenden konnte. ,,
Die Weltflieger in :Rom.
Obwohl die britischen Flieger, die den Rund- :Iug um d ie Weltversuchen, am Donnerstag durch rübes und schlechtes Wetter genötigt waren, die Nacht in kevitavechia, etwa 37 Meilen von Rom, zuzubringen, konnten ie am frühen Morgen die kurze Strecke nach der italienischen Hauptstadt zurücklegen. Man erwartet, daß die Flieger noch am gleichen Tage nach Brindisi weiterfliegen werden. Trotz chlechten Wetters haben die Flieger und die Flugzeuge bis- )er keinen Schaden genommen.
Militärische Ehren für Dreyer.
Zur Ueberführung Dreyers verlautet von unterrichteter Seite, daß die Eltern des Verstorbenen den Wunsch geäußert hatten, die Leiche ihres verstorbenen Sohnes nach Berlin zu überführen, daß jedoch das Begräbnis in schlichter Form erfolgen möge. Der Unyug bei der Durchführung der Leiche durch Berlin sei von den Eltern dankend abgelehnt worden. Me Reichsregierung habe die Absicht, dem Toten ein ehrenvolles Begräbnis zuteil werden zu lassen, das voraussichtlich mit militärischen Ehren stattfinden wird. Der Vater Meyers hat diese Absicht der Regierung angenommen. In Eichwalde, dem früheren Wohnsitze des Verstorbenen, wird außerdem eine größere Trauerfeier geplant, zu welchen, Zweck die Ortsvereine bereits BesprechwMn gepflogen haben.
Ausnahmezustand über England?
In der Kabinettssitzung vom Donnerstag tmirbe der Ausnahmezustand für England und Schottland in Aussicht genommen. Die R«gier«ng beabsichtigt, in diesem Falle sieben RegiernngS« kommlssare für England und zwei für Schottland zur Ausübung der Exekutivgewalt einzusetze«. Es verlautet, dass bindende Beschlüsse noch nidjt vorliegen, doch rechnet man mit der Möglichkeit, dass der König anläßlich seines.Besuches in Laneashir« die Pr» klamation zur Erklärung des Ausnahmezustandes unterzeichnen wird und diese dann durch Flugzeug« nach London gebracht würde. Der Ausnahmezustand würde den Einsatz aller staatlichen Machtmittei von Heer, Flotte und Luftflotte sowie die Be- schlagnahme aller Fuhrwerke und OmztfbuA« bedeute«. ____ . ^^- ———