Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 48
Dienstag, den 22. April
1924
— MacDonald und Poincare haben beschlossen, von weiteren Schritten in der Frage der Latadjten bis zur endgültigen Stellungnahme der Reparationskom- m i s s i o n abzusehen.
— Der französische Spion d'Armant ist gegen vier deutsche Gefangene ausgetauscht worden.
— In Königsberg fand unter großem Zustrom in- und ausländischer Gelehrter die F e i e r d e s 2 0 0. Geburtstage» Kants statt.
— Der Präsent von Siibdrina. Sun Pat Sen, hat die n « r d ch i n e s i j ch e Armee geschlagen.
Was uns zugedacht ist.
Von besonderer Seite wird uns geschrieben:
Vergebliche Hoffnung hat genährt, wer da dachte, das Elend Europas sei nach allen schwarzen Jahren nun dennoch im Schwinden. Bitter getäuscht hat sich, wer da glaubte, der große Vernichtungskampf fei nun auch innerlich zum Halten gebracht. Das Elend erhebt aufs neue sein fürchterliches Medusenhaupt, der Krieg geht weiter, das alte, schändliche Ausbeuterspiel soll neu beginnen.
Alles war nur eine Atempause. Wer gutgläubig war, dem haben die Vorschläge der Sachverständigen ganz schonungslos die Wahrheit enthüllt. Alles ist plötzlich wie vorher. Wieder sollen wir darben, darben ärger noch als zuvor, darben und Riesentribute zahlen. Wieder sollen wir zahlen und zahlen, eine unbestimmte, nicht abgegrenzte Zeit hindurch. Die Wohltat des letzten aller Frohnenden, irgendwo in der Ferne ein Ziel und ein Ende zu sehen, wir sollen nicht einmal diese arme Wohltat haben. Ein System, das zu teuflisch zweckmäßig ersonnen ist, um menschlich zu sein, würde unseren gesamten Wirfichaftsapparat,. u^
grogemnnd kleinen Adern unseres" staatlichen Organismusses ganz in die Macht der tributhungrigen Feinde bringen. Unsere Bahnen müßten, ausgesogen und zu Tode belastet, ihnen schließlich eine auf Gnade und Ungnade überantwortete Beute sein, unsere Beamten, heute schon aufs Kärglichste nur mit der knappen Nortdurst versehen, würden noch in dieser Notdurft gekürzt werden den Bedrückern zu Liebe.
Unseren Lebenspfad dahinkeuchen sollen wir als ein vor aller Welt verächtliches, überwundenes, tributpflichtiges Volk, und alles kurze Aufatmen der letzten Monate soll nur eine stärkende Pause gewesen sein, um hinterdrein noch größerem Leiden die Stirne bieten zu können.
Das alles ist uns zugedacht...
Aber wir werden einen anderen Weg gehen, wir werden ein anderes Gesicht zeigen, als unser Feind es zu sehen gewohnt war in den Jahren unserer Schmach. Ein anderes Gesicht, als wie er es zu sehen liebte.
Nicht, daß wir an einen Krieg der Befreiung dächten. Es hat keinen Zweck, sich äußerlich ermannen zu wollen, wenn das Herz noch nicht wieder tüchtig geworden ist. Was einst die Zukunft bringt, mag die Zukunft lehren, auf die unser Blick mit der Bitte um Erlösung gerichtet sind.
Aber wir werden versuchen, uns innerlich, recht innerlich aufzurichten, um wieder dahin zu gelangen, als Volk, als Nation mit nationaler Festigkeit um uns zu blicken. Wir werden den ewig schändlichen Dampyrplänen unserer Bedrücker den moralischen Widerstand eines Volkes entgegensetzen, das wieder an sich zu glauben beginnt, und das nicht mehr gewillt ist, ein jedes räuberisches Diktat mit dem Winseln der Klage unterwürfig hinzunehmen,
Nicht umsonst hat sich ein neuer Wind aufgemacht im Vaterlande! Nicht umsonst weht die Luft der Erhärtung, der Erneuerung, der Wiedergesundung bis hinein in die Reihen der Sozialdemokratie, nicht umsonst fühlt jeder, der fühlen mag, wie sich tiefinnerlich im Herzen des deutschen Volkes die Abkehr von Stumpfheit und Schwachheit vollzieht.
Es gilt neu zu wählen, neue Männer, neue Führer nach vorn zu schicken. Führer und Männer, auf die die Nation mit hohem Vertrauen und ernster Erwartung blickt, und die eine Mission haben, deren Spur einst bewahren soll bie Geschichte!
VoebehMe CooÜ-ges?
Aus Washington wird berichtet, daß mehrere Persönlichkeiten des Weißen Hauses aufs neue bestätigten, Präsident Coolidge werde keinerlei Gebrauch von feinem Vetorecht hin- sichtlich des neuen Einwanderungsgemtzes machen. Präsident Coolidge habe indessen erklärt, daß er dieses neue Gesetz nicht i anwendbar halte und daß man es wohl oder übel bald werde a b a n b e r n müssen. Nach weiteren Berichten sind inzwischen die Beschlüsse des Senats in verschiedener Beziehung noch abgeändert oder ergänzt worden. Als endgültige Grundlage des
neuen Ein-
wanderungsbeschränkungsgesetzes wurde eine z w e i p r o - zentige Quote auf Grund des Ergebnisses der Volkszählung von 1890 angenommen, obgleich der Senat in der Donnerstagsitzung sich bereits auf eine Quote von ein Prozent geeinigt hatte. Außerdem wurde ein Amendement mit 46 gegen 30 Stimmen angenommen, wodurch für landwirtschaftliche Arbeiter eine Ausnahme- Peilung geschaffen wurde. Bei Anforderungen von amerikanischen Farmern darf die Einwanderung solcher Kräfte bis zu 25 Prozent betragen. Der Zusatzantrag besagt jedoch ausdrücklich, daß sich die Einwanderer nur in dem Staat niederlassen bürfen, in dem Bedarf an Landarbeitern besteht.
Die Seschlöffe her Reparaßons- lommiffion.
Anerkennung des Sachverständigengutachtens.
Um 4 Uhr nachmittags fand am Donnerstag die Fortsetzung der am Vormittag vertagten offiziellen Sitzung der Reparationskommission statt. Nach Schluß der Beratungen wurde folgendes amtliche Kommunique veröffentlicht: Die Reparationskommission hat e i n st i m m i g folgende Beschlüffe gefaßt:
1. Sie nimmt Kenntnis von der Antwort der deutschen Regierung, in der diese die Sachverständigenberichte als Grundlage zur Beratung des Reparations- problems anerkennt.
2. Sie stimmt in den Grenzen ihrer Zuständigkeit den in den Sachverständigenberich, len gemachten Schlustfolgerungenzuund erkennt die Methoden, die darin empfohlen sind, a n.
3. Sie beschließt, offiziell die Sachverständigen» berichte den interessierten Regierungen zuzustellen mit bey Empfehlung, sie baldmög - M<9 # i n Wie L a t «mzu setze».
4. Sie beschließt, die deutsche Regierung aufzu- fordern,
a) in kürzester Frist unter Zugrundelegung des Inhalts und der Bestimmungen der Sachverständigenberichte die Gesetz- und D e r o r d n u n g s - entwürfe vorzulegen, die dazu bestimmt sind, die Durchführung der Sachverständigenvorschläge zu sichern;
b) die Mitglieder zu bestimmen, die Deutschland in den vorgesehenen Organisationsausschüssen (Eisenbahn- und Jndustrie-Hypothek-Gesellschast) vertreten sollen, und ihre Namen der Reparationskommission namhaft zu machen.
5. Sie beschließt weiterhin, in ihrer nächsten Sitzung die in den Sachverstündigenberichten vorgesehenen Vertreter zu ernennen, soweit sie von der Neparations- kommission zu ernennen sind.
6. Sie beschließt ferner, die Maßnahmen vorzu - beraten, deren Ausarbeitung die Sachverstündigenberichte der Reparationskommission überlassen haben.
ßouis Barthou, der Präsident der Reparations- kommission, erklärte am Schlüsse der Nachmittagssitzung Journalisten gegenüber folgendes: „Ich bin weit davon entfernt, Optimist zu sein, so wie die Lage augenblicklich gegeben P Aber die Ueberwindung der Schwierigkeiten ist wenigstens auf ein gmtes Geleise gelommen."
\ LteberfiürZies Tempo!
Die vorstehenden Beschlüsse der Reparations- tommiffion legen Beweis dafür ab, daß sie ein sehr rasches Tempo einzuschlagen beabsichtigt, so daß man damit rechnen kann, die deutsche Regierung werde binnen kurzem vor neue Entscheidungen in der Frage der Gutachten gestellt werden. Aus dieser Beschleunigung des Tempos glaubt man folgern zu können, daß die Reparationskommission ganz sicher mit der Annahme der Gutachten durch die alliierten Regierungen rechnet. Das entspräche dem Stand- punkt MncDo n a l d s , der bekanntlich auf eine dis - kussionslvse A n nähme des. von ihm außerordentlich roarm angepriesenen Gutachtens hinarbeitet.
Au die Reichsregierung
hat die "Äeparationskonimiffion bekanntlich die beiden Aufforderungen gerichtet, in kürzester Frist die zur Ausführnnn der Sachverständigenovrichlüge notwendigen Gesetzes und Verordnungsenkwürfe vorzulegen und die deutschen flUit Flieder für die vorgesehenen Ausschüsse zu benennen. D i e Regierung sieht seinen Grund, diese- Aufforderungen nicht zu entsprechen, zn mal die geseiz<i,'dorischen Verarbeiten bereits in Angriff genommen pnb. Anaenchis bes stürmischen Tempos, in dem die Beparatioustomi'- icn jetzt zu arbeiten begonnen hat, erhebt sich gany von bie Frage, ob man auf der H^enseite mit der Seu chen Zustimmung zu dem Such
oerständigenbericht etwa schon die endgültige deutsche Zustimmung zu ihm in der Tasche zu haben glaubt. Es ist offensichtlich, daß die Reichsregierung
diese noch nicht gegeben zu haben wünscht, sondern, wie das hier bereits mitgeteilt wurde, sich lediglich auf die Grundzüge des Gutachtens, sozusagen sein Schema, festgelegt glaubt, Es wäre sehr schön, wenn man die Gewißheit hätte, daß die gleiche Anschauung auch auf der Gegenseite herrscht. Eine solche Gewißheit besteht aber unseres Trachtens keineswegs; im Gegenteil muß die Frage als vollständig offen gelten. . . .....
Die Schandjustiz geht weiier.
In dem Mainzer Prozeß vor dem ftanzösischen Kriegsgericht gegen 30 Deutsche, die der Sabotage und Spionage während des Ruhrkampfes angeklagt waren, wurden von den 2 2 anwesenden Angeklagten 4 zu je 20 Jahren, 2 zu je 12 Jahren, 3 zu je 10 Jahren und 3 zu je 5 Iahren Zwan gsarbeit verurteilt Ferner erhielten 2 Angeklagte je 5 Jahre Zuchthaus und 7 Gefängnisstrafen von 1 bis 4 Jahren. Ein Angeklagter wurde freigesprochen. Don den acht abwesenden Angeklagten wurden zwei zum Tode und die übrigen sechs zu je 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
Zu diesem geradezu ungeheuerlichen Schandurteil bring! es Havas fertig, als „Begründung" folgendes zu schreiben: Die ergangenen Urteile sind so streng, sowohl wegen bet verübten Banditenstreiche (!) als auch wegen der sehr anmaßenden Haltung, die die Angeklagten im ^Verlaufe der Kriegsgerichtsverhandlung, namentlich der frühere Schiffsleutnant Otto Horder, der der Anführer ber Bande (!) war, eingenommen haben.
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Der seinerzeit von dem ftanzösischen Kriegsgericht zu 10 Monaten Gefängnis verurteilte Oberbürgermeister von W e d ek st ä d t ist heute aus dem fran. zösischen Militargefangnss in Dortnmnd ent- lassen worden. Er kehrte nach Gelseykirchen zurück und
-'Armont doch ausgeiauscht.
Der französische Hauptmann d'Armont, der vor kurzem vom Reichsgericht wegen Spionage zu zwölf Jahre« Zuchthaus verurteilt wurde, ist trotz anfänglicher Dementis nun doch aus der Haft entlassen worden, um gegen deutsche Gefangene ausgetauscht zu werden Er ist vom französischen Konsul in Leipzig in Empsanp genommen worden und hat am Donnerstag die Reift nach Frankreich in Begleitung eines Regierungsbeam- teu bis an die Grenze angetreten. Wie W.T.B. daz« mitteilt, sind nach vorhergegangenen Verhandlungen zwischen der deutschen und der französischen Regierung gegen d'Armont folgende Deutsche ausgetauscht, du schon seit Jahren von den Franzosen in Strafanstalten festgehalten werden: Gerdum. Berger, Schwebe!« Wedelstaedt. Schulte (Pelkum) und Minde.
Gteckbnefe gegen Kommumstenführer.
Der Untersuchungsrichter des Staatsgerichtshofes zum Schutze der Republik hat gegen eine Reihe von Mitgliedern der R e i ch s z e n t r a l e der Kommunistischen Partei Haft, befehle und Steckbriefe erlassen. Unter den 14 Gesuchten befinden sich auch vier ehemalige kommunistische Reichstags- abgeordnete, nämlich Koenen. Remmele, Stöcker und Fröli ch, ferner der aus Böhmen gebürtige ehemalige sächsische Ministerialdirektor B c a n d l e r.
, Gunyaisen marschiert.
Erfolge der Südtruppen.
Die Daily Mail berichtet aus \ ikostg, daß der Präsident von Südchina Sun Pat Gen in dem Kampfe mit den Nordtruppen- einen großen E r a i g e r r u n g e n hat. Es wird berichtet, daß die r!-rdtrnr: e.l in A mo y geschlagen worden sind und die Stadt van den Sudtruppen besetzt worden ist.
Königsberg im Zeichen der Sc^fcier.
Die alte Kantstadt Königsberg steht im Zeichen des 200 . Geburtstages des großen Philosophen. Die würdig ge- sind das Ziel immer neuer
schmückten Erinnerung^', Besucherscharen. Auch bie Kulturländern ber
Zahl unter den Besucher- zeigen in ihren Räume Buchhandlungen die Se abend bildete eine FR. gruppe der Kantgefe!' Feierlichkeiten. Am G: Gesellschaft der offizielle ,
iger Kants aus fastalleu elf sind bereits in großer ■ K nstHandlungen der Stadt .ls Büste und Bildnisse, die ?n seiner Werke. Am Sonn»
9h . statt
der Königsberger Orts- KÄt su den offiziellen : der Sitzung der Kant-