Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 49
Donnerstag, den 24. April
1924
- Präsident Coolidge hat sich nachdrücklich für ein Anleihe an Deutschland ausgesprochen.
— Mittwoch nacht sind auf der Dotthard-Dahn die beider nationalen v-Züge zusammengestoßen. Di, oahl der Toten ist sehr hoch.
— Die britische Reichsausstellung wurde Mittwoch morgen mit großen Feierlichkeiten durch das britische Königsvaar eröffnet
Ausschau auf die Wahlen.
Wenn die Augen der Welt mit Spannung den deutschen Wahlkampf verfolgen und ihm viel mehr Beachtung schenken als dem französischen, ist das kein Wunder; denn man nimmt rm Auslande an, der Ausfall der Wahlen in Deutschland werde die Stimmung der Wähler in Frankreich beeinflussen, und je größer die Erfolge des deutschen Rechts- und Links- radikalismus wären, um so deutschfeindlicher, nationalisÜ- scher, kriegslustiger werde die dem Oberchauvinisten Poincare ergebene Kammermehrheit ins Leben treten. Das mag fein. Aber wenn eine gewisse Presse in Deutschland dies als Schreckgespenst zur Einschüchterung der Radikalen zu benutzen scheint, so ist dies ein vergebliches Bemühen.
Die Listenwahl bringt es ferner mit sich, daß vermöge der Berrechnung aller möglichen Reststimmen Kandidaten ein Mandat erlangen können, die unter anderen Umständen als völlig unbeachtlich hätten beiseite stelln müssen. Diese Möglichkeit winkt allen Außenseitern und spornt sie zu äußersten Anstrengungen an, und wir sehen ein Gewimmel von Gruppen und Grüppchen, von Vereinen und Organisationen, deren Zahl an hundert heranreicht, ausgerüstet mit einer eigenen, nur auf den Wahlkampf eingestellten und nur M-MM <HM» Se-aM-senen ^«ene, die an den- großen Parteien herumnagen und durch die Heftigkeit ihrer Angriffe glauben ihre.Daseinsberechtigung erweisen zu können. Dieser politische, an sich bedeutungslose Mikrokosmus findet mit -einer Uneinigkeit und Zerspaltungstendenz ein Gegenstück in dem dreiundzwanzig amtlich zugelassene Reichswahlvor- schläge umfassenden Wahlaufmarsch. Es werden in den 35 Wahlkreisen (auf je 60 000 Stimmen entfällt e i n Abgeordneter) folgende Parteien sich um Mandate bewerben:
Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Deutsche Zentrumspartei, Deutschnationale Volkspartei, Deutsche Volkspartei, Deutsche Demokratische Partei, Bayerische Volkspartei, Kommunistische Partei Deutschlands (unter der Bezeichnung Liste der Kommunisten),, Bayerischer Bauernbund, Deutschvölkische Freiheitspartei und Nationalsozialistische Arbeiterpartei (unter der Bezeichnung Vereinigte Liste der Deutschvölkischen Freiheitspartei und der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei), Deutsch-Hannoversche Partei, Unabhängige So- ziäldemokratische Partei, Bund der Geusen, Christlich- ; soziale Volksgemeinschaft, Deutsche Arbeitnehmerpartei, Deutschsoziale Partei, Freiwirtschaftsbund F. F. F.. Haeußer-Bund Nationalliberale Vereinigung (unter der - Bezeichnung Landliste), Mieterschutz und Bodenrechi ; (unter der Bezeichnung Partei der Mieter), Nationale Freiheitspartei, Nationale Minderheiten Deutschlands, Republikanische Partei Deutschlands, SozialistischerBund'
Nicht zugelassen wurden, weil sie die 500 zur Aufstellung nötigen Unterschriften nicht zu beschaffen imstande waren, die Parteilose Wirtschaftsgruppe, der Bayerische Mittelstandsbund, der Freiwirtschaftsbund F. F. F. (in der aus Neu- ruppin verspätet eingereichten Fassung) und der Deutsche Staatsbürgerbund.
So sieht die deutsche Einigkeit vor dem 4. Mai 1924 aus. als Folge eines theoretisch ausgeklügelten Wahlsystems. Diese 23 verschiedenen Parteien sind noch lange nicht der Inbegriff aller das deutsche Volk bewegenden üBitmdjc und Meinungen. Die Spielarten des Radikalismus sind 'außerdem in sich selbst gespalten. Gesetzt den Fall, die 23 Parteien entsendeten jede Vertreter in ben Reichstag, wer würde sich in fiesem Tohm wabohu zurechtfinden! Wäre eine gemeinsame Aktion überhaupt möglich? Würden die Gewählten nach dem strategischer Grundsatz verfahren: „Getrennt marschieren, verein schlagen!"?
Glücklicherweise wird uns das Wahlergebnis der Beant wortung der Fragen entheben und die Bildung einer Körper schaft nach dem berühmten Muster des alten polnischen Reichs tags verhindern. Aber die bei der Abrechnung vom 4. Ma unter die Dank gefallenen Parteisplitter verraten doch das der Reichstag als Spiegel der öffentlichen Meinung getrüb ist und die Tendenz des Auseinanderstrebens die des Zu sammenschlusses überwiegt. Noch sind wir ein innerlich «er rissenes Volk, das selbst das furchtbare materielle Elend n-ch zur Vernunft gebracht hat.
In Paris holt die Uhr aus zum Schlag der Schicksalsstunde, und unbekümmert darum geht in Deutschland der Parteihader weiter. Das Zentrum kreuzt die Schwerter mit der bayerischen Volkspartei, in Ostpreußen herrscht Mei- nungswirrwarr, und nicht anders- verhält es sich mit dem rechtsrheinischen Bayern. Wer jetzt den Ruf zur Versöhnung erhebt, übernimmt das undankbare Amt des Predigers in der Wüste. Und doch wäre Schweigen eine Unterlassungssünde. Wir wollen bis zum letzten Augenblick nicht die Hoffnung aufgeben, daß der Wahlkampf wenigstens mit den kleineren Parteien aufräumt und die Schaffung einer festen bürgerlichenMehrheit ermöglicht und zugleich einer Regierung, die im Volke einen moralischen Rückhalt findet. Sie bedarf dieser Unterstützung gegen den äußeren Feind, der auf eine Versklavung Deutschlands ausgeht und mit einem innerlich zerbrochenen Reich schneller fertigzuwerden hofft.
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Vertagung?
Schleppende? Gang der Reparationsoerhand- l u n g e n.
Auch am Mittwoch ist noch kein weiterer Fortschritt der Reparationsverhandlungen zu verzeichnen, vielmehr ergibt sich jetzt ziemlich gewiß, daß in der nächsten Zeit überhaupt keine entscheidende Wendung eintreten wird, sondern daß man zunächst die f r a n z ö s i s ch e n und deutschen Wahlen wirdabwarten müssen. Infolgedessen wird vor Ablauf eines Monats kaum irgendein entscheidender Schritt unternommen werden können. Inzwischen werden aber die Verhandlungen zwischen den Kabinetten der Alliierten sehr lebhaft weitergeführt. Frankreich bemüht sich mit allen Mitteln, om durchzusetzen. Zweifelhaft ist noch die Haltung Belgiens, das sowohl in London als auch in Paris Rücksichten zu nehmen hat, das aber durch die gemeinsame Ruhraktion mit Eifer zunächst noch außerordentlich an seine Abmachungen an Paris gebunden ist. Dem „Matin" zufolge wird dieRepa - rationskommission erst am Freitag eine Sitzung abhalten und über das allgemeine Problem beraten. Nach dem „Petit Parisien" ist es sogar wahrscheinlich, daß sich die Reparationskommission i n dieser Woche überhaupt nicht versammelt und die nächste Sitzung erst am Dienstag kommender Woche abhält. . ••y ■
Vor der Aniwsri Englands.
Reuter erfährt, daß, nachdem die französische Regierung der Reparationskommission mit Bezug auf den Sachverständigenbericht bereits geantwortet habe, die britische Regierung dies wahrscheinlich innerhalb der nächsten zwei oder drei Tage tun werde. Man sei der Ansicht, daß die britische Regierung den Standpunkt einnehmen werde, daß der Bericht unteilbar ist und als Ganzes angenommen werden muß. Die gesamte Lage erscheine
weiterhin ziemlich unklar;
es sei nicht ganz deutlich, wie sich die Dinge weiter abspielen würden. Man sei in verantwortlichen Kreisen in London der Ansicht, daß das Hauptziel sein müsse, daß der Bericht angenommen und so r a - d) wie möglich in Wirksamkeit gesetzt werde. Wenn dies erst einmal ge- schehen sei, könnten alle anderen Fragen von den Alliierten ausgenommen werden. Der Sachverständigenbericht setze keinen Gesamtbetrag der Reparationen fest, und daher bestehe im gegenwärtigen Zeitpunkt
keine Notwendigkeit
die Frage der interalliierten Schulden zu erörtern. Diese Frage, ebenso wie die der Sicherheiten, könne später ausgenommen werden. In London seinichtsübereinein- teralliierteKonserenz und eine Zusammenkunft der Premierminister bekannt. Sollte sich eine derartige Zusammenkunft als notwendig erweisen, so würde sie wahrscheinlich nicht vor den französischen Wahlen stattfinden.
Die Politik des Erpressers.
' ^Daily Herald" schreibt, es müsse offen festgestellt wer- den, daß Poincare Schwierigkeiten zu machen versuche. Er stehe mr dem Standpunkt, den er immer vertreten habe, er glaube weiterhin an die Politik, Deutschland die P i st v i e v o r d e n & o p f zu halten, und er ersuche England, sich ihm bei dieser ^c/tit anzuschließen. Es erscheine allzu deutlich, daß die in den Regierungen vollkommen verschiedener Ansrcht sind. Eine solche Verschiedenheit könne schließlich zu einem Punkte führen, wo sich ein Zusammenwirken als unmöglich erweise, aber im gegenwärtigen Augenblick sei dies noch nicht Gewißheit geworden. Die französischen Wählen könnten eine Geistes- tznHeruug in Paris hervorbringen.
Warmes Einireien Eoolidges für die Deuischlandanleihe.
In einer Ansprache auf dem Bankett der Associated Preß besprach Präsident Coolidge den Bericht des Generals Dawes und sagte: Es scheint jeder Grund zu der Hoffnung zu bestehen, daß der Bericht eine Grundlage für eine praktischeLösungdesReparationsproblems bietet. Ein Teil des Dawes-Planes sieht vor, daß Deutschland für sofortige dringende Bedürfnisse eine beträchtliche Anleihe gewährt wird. Ich vertraue darauf, sagte der Präsident, daß das private amerikanische Kapital bereit sein wird, sich an der Anleihe zu beteiligen. Es bestehen gesunde geschäftliche Gründe dafür, daß Amerika sich an der Finanzierung von Werken des Friedens in Europa beteiligt, obwohl wir wiederholt versichert haben, daß wir nicht dafür sind, Summen für irgendwelche militärische Zwecke vorzuschießen. Die Anleihe würde unserem aHndel und Der- kehr zugute kommen, und wir hoffen besonders, daß sie auch unserer landwirtschaftlichen Erzeugung einen weiteren Brft verschaffen wird. Es ist notorisch, daß .
fremdes Gold reichlich in unser Land geflossen . i kst, und es ist durchaus wahrscheinlich, daß ein Teil dieses Goldes mit größeren finanziellen Vorteilen für uns in Europa als in den Vereinigten Staaten verwertet werden kann. Außerdem gibt es Pflichten der Menschlichkeit, welche einen so dringenden Appell und solche Beachtung erfordern, daß es unsere Pflicht ist, aus unserem Nebenfluß zu helfen, wo Hilfe gewährt werden kann, um gerechten Erfordernissen und der Förderung friedlicher Zwecke zu dienen. Wir sind entschlossen, unsere eigene und könne sie auftechterhalten, aber unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit wird gestärkt und erhöht werden, wenn die wirtschaftliche Stabilität in Europa wieder- hergestellt ist. Wir hoffen weiter, daß dies der Anfang eines dauernden Friedens fein wird
pariser Börsenllaisch.
An der Pariser Börse vom Dienstag ist der Franken erneut erheblich gestiegen. In diesem Zusammenhänge berichten die Berliner Korrespondenten der Pariser Blätter fast täglich von neuen Schwierigkeiten an der Berliner Börse. (!) Namentlich der Petit Parisien betont, daß die Berliner Börse augenblicklich eine sehr schwere Krise durchwache. Der Berliner Korrespondent der Daily Mail versteigt sich sogar zu der ungeheuerlichen Behauptung, daß das Steigen des Franken die Stinnes-Unternehmungen so stark in Mitleidenschaft gezogen habe, daß allgemein das Gerücht gehe, daß Stinnes nicht an einer Krankheit gestorben sei, fonbgrn daß er Selbstmord begangen habe. v
Ausschluß der Oeffentlichkeit i
im Hiiler-Stoßirnpp-Pr^eß.
' Bor dem Dolksgericht München I begann am Mittwoch vormittag der Prozeß gegen 3 8 Angehörige des Stoßtrupps H r t l e r, die sich in den Tagen des 8. und 9. November 1923"an dem Umsturzunternehmen in München beteiligt hatten. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, an der Besetzung des SBürgetbräuMcrs mitgewirkt zu haben, ferner bei der Demolierung der „Münchener Post", der Durch- fuchung der Wohnung des Abgeordneten Auer und der Verhaftung des Ersten Bürgermeisters Schmidt und mehrerer sozialistischer und kommunistischer Stadträte beteiligt gewesen zu sein. Die Anklage lautet bei sämtlichen Angeklagten auf B e i h i l f e zum Hochverrat. Nach Verlesung des Eröffnungsbeschlusses wurde auf Antrag des Staatsanwalts die Öffentlichkeit wegen Gefährdung der Staatssicherheit zunächst ausgeschlossen. ...
i Eröffnung der britische Ae'chöausffellung.
7 Riesige Menschenmengen l- sich am Mittwoch morgen in Wembley eingefunden. .er Eröffnung der britischen Reichsausst- .. n g beizuwohnen. Wunderbares Wetter begünstigte die Feierlichkeit, die in dem Rot und Gold ausgeschlagenen Pavillon in der Mitte des Stadions stattfand. Truppenäbteilungen der Gardebrigade, Abteilungen der Flotte und des Fliegerkorps bildeten Spalier. Der Prinz von Wales, der zuerst emtraf, wurde begeistert begrüßt. Fanfarenmusik verkündete die Ankunft des Königspaares. Als das Königspaar in der- Staat skaroffsedv traf, erreichte die Begeisterung ihren r tnmnkt. Der Kömg erklärte die britische Llusstellung in :en Rede eröffnet. Nachdem er leinen Sitz im sprach der Bischof von London c ■ et.
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