Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 72 Dienstag, den 17. Hunt 1024
— Herriot hat in seinem ersten Kabinettsrat die Regierungserklääruug für üi« Kammer fertia- gefteUt
— Durch Belagerung der britischen Gesandt- schuft in Mexiko ist ein ernster englisch.mexikanischer Zwischenfall entstanden.
3n Stettin begann die Verhandlung gegen die «hentali- gen Schupobeamten, die den Belgier Grafs niedergeschoffen Htm. " ' ' ■ ■ . ■ ’ ■ ■ ■ v v »
| Das Erbe pomrarüs.
Die Kürassrerstiefel Bisnmrcks hadert feinem seiner Nachfolger gepaßt; sie waren nur für ihn gearbeitet. Das kann man der Fußbekleidung der französischen Minister nicht nach- sagen; denn gemäß dem militärischen Zuschnitt ihrer tradi. tivnellen Außenpolitik wurden sie, wie es nun einmal beim Militär üblich ist, in Kommisstiefel gesetzt; mochten sie sich dabei auch wundlaufen oder Hühneraugen kriegen, sie mußten sich mit derselben Größe,mummer alle samt und sonders zu- friedengeben. Auch Herrn Herriot, dem neuen Ministerpräsidenten, ist es so gegangen: er trägt PoincarLs Stiefel nach den Vorschriften des Reglements und wird erst andere an- ziehen dürfen, wenn die alten schadhaft werden sollten. So hat er sich den General Rollet, den Fachmann für mili« italische Kontrolle (zu deutsch: Spionage) als Kriegsminister zugelegt, und um keinen Zweifel an seiner militärfrommen Haltung aufkommen zu lassen, brächte er dem Denkmal des „Unbekannten Soldaten" seine Huldigung dar, verstand es aber gleichzeitig, seiner literarischen Vergangenheit entspre- chrnd, das Zola-Denkmal mit einer Rede eiozuweihen, die mit i^i*hP«iW^ MOMMM angenehm kitzelte. Ob ihn bei der Ernennung Rollets die Stiefel gedrückt haben, wissen wir nicht. Daß sich Dieser in Deutsch- $änb besonders unbeliebt gemacht, wird Herriot nicht ver- borgen geblieben sein; jedoch ist dies in den Augen seiner Kandsleute ein Vorzug, und wenn dessen Abberufung vielleicht ein Entgegenkommen für Deutschland, eine Abschwä- chung der ungesetzlichen Kontrolle, in sich schließen sollte, ist die Beförderung zum Kriegsminister eine geschickte Derdeckung dieser Absicht. Er hat aber Rollet bescheinigt, der beste Kenner der militärischen Lage von Deutschland zu sein, die bet von 1806 nach dem Tilsiter Frieden ähnelt. Die deutsche Jugend werde, nach diesem Gewährsmann, auf breiter Grundlage mittelst angeblicher Turnvereine für den Kriegs, dienst vorgebildet. Der Ministerpräsident steht also völlig im Banne der Anschauungen jener Angstmeier, die, wie die deutschen Reaktionäre der Demagogenzeit, die Turnübungen tot der Hasenheide oder anderswo als staatsgefährlich verpönten. Trotzdem versichert er im „Matin", sein vom besten Willen beseeltes Ministerium werde Deutschland gegenüber eine versöhnliche Politik treiben. Das klingt recht beruhigend, aber der Nachsatz zu dieser Erklärung zeigt den Pferdefuß.
„Wir werden alles tun. um der jungen deutschen Demokratie zu helfen. Der Aktion und den Rationalisten gegenüber werden w x aber eine unerbittliche ; Strenge an den Tag legen. Der deutsche Rationalismus wird hier jemand finden, mit dem er zu rechnen haben wird; denn wir hoben nicht nur die Rechte Frankreichs , zu wahren, sondern auch die Rechte der Demokratie in - der ganzen We i"
Ob die deutsche Demokratie sich zu dieser Bundesge- noffenschast beglück«iinscheu wird? Herriot überschätzt, Wahrscheinlich beeinflußt von Dr. Breitscheid und gleichartigen Franzosenschwärmern, den Parteifanatismus und unsere De- motraten. Sie müssen sich, wenn anders sie als gute Deutsche gelten wollen für diese Helfersheiferschaft bedanken. Damit wird ihnen,ein Bärei:dienst bösester Art geleistet, eine Vor- mundschaft über sie verhängt, die unerträglich und blanrabel wäre, falls die französische Regierung so so tolpatschig sich in »n>»ere deutsche Verhältnisse einmischen wollte.
Herriot war -giLet^- Oberbürgermeister in Lyon und mag einem städtischen Gemeinwe en erfolgreich vorstehen können. Kirchturmspolitik ist jedoch nicht "angebracht für einen Poli- tiker, der ein Sand wie Frankreich zu regieren hat, und das deutsche Volk ist feine Stadtverordnetenversammlung, der ein Nachbarort gcuegentUch unter die Arme greift. Der Präsident war früher einmal auch Schulprofessor: da mag ihm noch ein S stick jener WBtsremdhrit in den Gliedern liegen, wie sie G ' . ten im Umgang mit Büchern zuweilen an- ,haftet. A. -st her Echulme fter. der nur mit der unent- wickelten Iu.B. : :z sei er Zöglinge zu rechnen hat und dies Verhältnis feine ' stna^ong mit Erwachsenen zugrunde legt, komm^ bei bWer G-':-enbeA zum Vorschein. Schwingt er nicht ddu'Büst:^woB- e/ rie^WeN hinausrust, er werde
<«* unerbittliche Strenge an tat So« legeul Hebt® awet Ueber den deutschen Nationalis,rm»t
Sollte ihn etwa auch in diesem Punkt General Rollet instruiert haben? G» scheint so. Nur muß dieser ihm feine Wissenschaft von dem Zug nach rechte vorenthalt-en haben» sonst würde Herriot wohl unterlassen haben, diesen Zug durch seine kindlich anmutende Drohung zu verstärken und der Demokratie das Wasser abzugraben. Wa» er außerdem über die Unmöglichkeit der Räumung der Ruhr, die nur bedingungsweise zugestanden werden soll, über die Erweiterung der Bvlkerbundsbefugniffr und die Fortsetzung der Militär- kontrolle geäußert haben soll, ist ein Abklatsch der von Poinears befolgte» Methode, nur ein weitigf blasser als das Original, und wie WacDonald will er die Zulassung Rußlands zum Völkerbund befürworte». Ueber Amerika schweigt er sich i« dieser Beziehung klüglich aus.
Mes in allem genommen: er hat das Erbe Poirwarö» angetreten und scheint sich in dessen benagelten Stiefel» recht wohlzu fühlen, sonst würde er schwerlich so berausfovdervch SW» NWMSÄ» Mfgestampft habe», W y ,^ «,
Herriots erster Minisierrat.
Die Mintßerttst« Herrtots ist in den späten Abendstunde» des Sonrwbenüe offiziell verSfftmtticht moeben und lautet wie folgt:
MinifierprSsident und Auswärttge»: Herriot. Justiz minister: Renoult. Kriegsminister: Rollet. Marine: Dumesnil. Finanzen: Elemente!. Inneres: Eh ante mps. Landwirtschaft: Q ueuille. Handel: Rahnaldtz. Arbeitsminister: G o d a r t. Kolonien: D a I a di e r. Luftfahrt: Eynac. Handelsmarine: Meyer. Post und Telegraph: Robert. Oeffentliche Arbeiten: P e y t r a l. Un* leicht: grancois Albert. Berreite Gebiete: Dalbiez. 9ür teetmife^ fferrt D«r»achM Kabinettsrat tritt am Montag vormittag 10 Uhr zusammen. Herriot hat ausserdem den Posten eines Generalsekretärs beim Ministerpräsidenten geschaffen
ihn dem
und
A lex and re Israel übertragen. Die Mtarbeiter Herriots übernahinen Montag früf) in den ihnen zugeteilten Ministerien die Leitung der Geschäfte. Herriot selbst hat bereits am Sonntag sowohl von dem zurück- getretenen Ministerpräsidenten, wie auch vom zurückgetretenen Außen,mnister die Vollmachten übernommen. Montag um 10 Uhr früh fand am Quai d'Orsay der erste Kabinettsrat und nachnüttags um 4 Uhr der ersteMinisterrat unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik Doumergue statt. I» ihm wurde die Regiermrgserklärung, mit der das KgWM Wr dgs Moment tritt, festgesetzt.
Die Regierungserklärung.
^Ki' „Nur ein Wechsel der Methode*. /
Wie verlautet, wird die Regierungserklärung üngefiihr folgenbes besagen: Herriot wird seine Außenpolitik auf dem Frieden durch die Entente der- Völker aufbauen. Dazu will er beftmders die Befugnisse des Völkerbünde» erweitern und auch der Frage der Zulassung Deutsch, kmb» und Rußlands zun> Völkerbund nähertreten. Die
rückhaltlos« Anerkennung Des Sachverftändigenb«richte»
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bildet für ihn Den Angelpunkt feiner Politik gege: Deuftchland. Wie seine Partei stets die Politik Pvin bekämpft hat, da sie zur diplomatischen Isolierung Frankreichs führte und die Besetzung und Erpressung von Territorien anderer Völker im Widerspruch zu allen Verträge» und Bestimmungen steht, wird Herriot auch in der Regierungserklärung ganz ausführlich diese Polittk Poincaräs Erhandeln. Aber — und das ist das WeftU»k W — er wird es für
»«möglich bezeichnen, die Ruhr zu räume«, bevor die vom Sgchverständigenbericht vorgeschlagenen Pfii»- ber vertraglich fest gelegt und den internationalen Organisationen überliefert sind. In gleicher Weise soll auch i* Militärkontrol le in Deutschland fortge- feit werden. Keine grundlegende Aenderung, sondee» höchstens ein Wechsel in der Methode. Hierbei spielt natürlich die Frage der Sicherheit Frankreich/» W» ^ EW»ntteaktes eine ausschlaggebende Rolle., * «• b
ÄeUd, Der Wächter.
Nollets.
Für Ernennung Rollets hat Herviot folgend EMärung abgegeben:
"Die Kompetenz des Kriegsministers Generals Rollet ist unumstritten. Rollet ist der Mann, der in der ganzen Well die militärische Lage Deutschlands a n= besten kennt. Ich wünschte, daß man seiner Erhebunc zm» Kriegsminister die.woi :e Beden ing beiniißt. Deun'ch- Mö ist im Begriff e - ähnliche Operation zr
vollziehen, wie nach demFrieden von Tilsit im Jahre 1806. Es instruiert seine Jugend auf einer breiten Grundlage für den Militärdienst, und zwar vor vor allem durch das Mittel der angeblichen Turnvereine. Mein Ministerium wird Deutschland gegenüber eine versöhnliche Politik (?) betreiben. Wir sind vom besten Willen (?) beseelt. Wir werden a l l es tun, um der jungen deutschen Demokratie zu helfen. Der Reaktion und den Ratio,missten gegenüber werben wir. aber eine unerbittliche Strenge an den Tag legen. Der deutsche Ratioimlisnms wird hier jemand finden, mit dem er zu rechnen haben wird, denn wir haben nicht nur die Rechte Frankreichs zu wahren, sondern auch die Rechte der Demokratie in der ganze» Welt."
Beim ^unbekannien Soldaten".
Ministerpräsident Herriot hat seine erste Regie- rungshandlung dadurch vollzogen, daß er in Beglei, hing des Kriegsministers und des Marineministers de«, „Unbekannten Soldaten" feine Huldigung dar- brächte. Die Presse drückt im altgemeinen ihre Befriedigung darüber aus, daß Herriot die politische Krise so schnell beendet hat; im übrigen verhält sie sich abwartend, soweit sie nicht die Ernennung des Generals Rollet zum Kriegsministex besonders sympathisch begrüßt.
Der Mic«m.B<rirag 14 Tage verlängert.
Die Verhandlungen zwischen der Techserkom- missten und der Micu in dauerten am Sonntag von 11 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags. Nachdem anfänglich keine Einigung zu erzielen tvar, konnte man sich nach einer längeren Pause auf folgende Formel verständigen: „Der am 15. Juni ablaufend« Vertrag ztnifchen der Micum und dem Ruhrbergbau wird utt • verändert bis zum 3 0. Juni verlängert. abz«schriebende Slbkoininen hinsichtlich der Kohlenprelse, der Zölle, der Zu- und Ablaufmastnahmen nud der anderen Geldabgaben rückwirkende ttxaft vom ist. Juni ab erhalten kann. ' '
Kabinettsrat über die Ausreifesperre.
Wie verlautet, trat das Reichskabinett Montag nachmittag 4 Uhv zu einer Sitzung zusammen, in derzuderAus - reifesperre Stellung genommen wurde. Außerdem beschäftigte sich das Kabinett mit der Umbildung der Rentenbonk, ferner mit Währungs- und Kreditftagen. Die Beratungen standen natürlich wieder, wenn auch nicht in direktem Zusammenhang mit der Frage des Sachverständigengutachtens. In diesen Tagen werden ja bekanntlich Die Verhandlungen über die Gold Notenbank und das Statut der Reichsbahn in Berlin fortgesetzt. Die entsprechenden Gesetze sind in den Roh- Umrissen fertig. Mit ihrer Einbringung in das Parlament ist, wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, vor Mitte Juli nicht zu rechnen.
Briiisch-mexlkauffchsf Iwjschenfalt.
Di« « nglkschc Gesan dtschaf! in Mexiko belagert — Mexikanischer Haftbefehl geüen Den britischen Vertreter.
Daily Express berichtet aus M e x i k o, dass 18 Männer, darunter Polizriagenten, die Vr iti se^« <8 e* fandtschaft seit Sonnabend umzingelt hatten, i* der Absicht, den britischen Vertreter Eummins, bessert AuSweifung Präsident Obregon befohlen hat, zu verhaften. Cummins sei bolttammen isoliert. Die Wasserversorgung der G.srrndtfthast sei bortiert unb die Teleptzonverbinbilttg abgeschnitten. Cummins ve»- fitge über reichliche Lebensmittel und sei auf eine Belagerung eingerichtet. Auswärtig« Diplomaten suchte« ht Verhandlungen mit dem nie ..an Z'cn Austvärti^«« Amt eine Lösung des llonj ittS zu finden.
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Als Vorwand für ihr Vorgehen gegen Tummln gibt Me mexikanische Regierung besannt, i er eine P r o v a g an da betrieben habe, die der mexikanischen r!!cg,erung fetu b gesinnt war. Den, britischen Auswärtigen Amt ist eine ams»
wird. Man erklärt in London, daß bie 6y?fangm^^ (Cummins nicht darauf zurückzuführen sei, daß Großbrltanrwo, bfe Obregonregierung nicht anerkannte, dern einzig und allein Daran\ daß Cummms Proteste bischer Staatsuntertanen und Die sinteresten (vroßbritannMU dtt merikanischen Regierung gegenüber energts^»»O» trat und daß er schorst Sä -si über die - Briten in Mexiko an das briti;che sforeign
hatte.
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