Hersfelder Kreisblat!
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 74
Sonnabend, den 21. Juni
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— Bei -er Abstimmung über das Vertrauensvotum in -er französischen Kammer «rizelte H«r r i 0 t eine Mehrheit von 79 Stimmen.
— Reichsauhenmiirister Stresemann hat durch den französischen Botschafter in Berlin Anfragen an Herriot über bestimmte Punkte seiner Programmerklärung richten lassen.
— Der englische Vertreter in Mexiko, Cummins, ist aus Mexiko a b a « r «i st. V,
Die Z u s a m m e n s e tj u n g des Kabinetts Herriot verdient Beachtung: es ist ein Adv okaten- und Bürgern, ei st erkabi nett mit einigen gleichfalls juristisch vorgebildeten Berufsbeamten; dazwischen sind ein paar Universitätsprofessoren und Journalisten eingesprengt. Der Ministerpräsident ist urspriinglich Philologe, der Kriegsminister, als Fachnrann mit theorettscher und prakttscher Ausbil- dung versehen, kann als Generalstäbler angesprochen werden und verkörpert in seiner Person die kriegerische Tendenz der Regierung. Da die Sozialdemokraten darauf verzichtet haben, sich an ihr zu beteiligen und sich auf wohlwollende Neutralität zurückgezogen haben, entbehrt das Linkskabinett äußerlich der soziailstischen Färbung, doch werden die sozial- demokratischen Führer sicherlich ihren Wunschzettel einreichen und dabei dieselben Erfahrungen machen wie MacDonald und Genossen im englischen Unterhaus. Wollen sie gründ- legende Aenderungen, z. B. in Dersiaatlichmrgsfragen, durchsetzen, so werden sie wie die Labour Party nicht durchdringen bei der kleinbürgerlichen Koalition und sich strecken müssen, wenn sie nicht der ciMivinistischsn Rechten wieder in den Sattel helfen wollen. Klarheit über die Lebensfähigkeit des iMiMä___________
d un g ü b e r d ie R e p a r a t i 0 n e n. Dabei hat die Rechte mit der Spefulation auf die jedem Franzosen willkommene Ausplünderung Dentschlanös sehr starke Trümpfe in der Hand, und General Nollet wird ein übriges tun müssen, um die Popularität feines Kabinetts nicht zu gefährden, über das in den letzten Kamyrerverhandlungen Wirbelstürme vcm großer Heftigkeit hereingebrochen sind.
Die englische Regierung hat ihre Beziehungen zu Mexiko abgebrochen und die englischen Staatsangehörigen unter den Schutz der Bereinigten Staaten gestellt. Mae- Donald hat den von dem Geschäftsträger Englands, Cummins, der mexikanischen Regierung gegenüber angeschlagenen Ton mißbilligen müssen, aber die Mexikaner haben gleichfalls über die Schnur gehauen, als sie den in das Gesandtschafts» gebaute geflüchteten Cummins in Belagerungszustand versetzten. Wie weit diese bei Wahrnehmung der englischen Hau- delsintereffen sich Uebergriffe hat zuschulden komme« logen, kann, nachdem die Austragung des Streits diese Form angenommen hat, unerörtert bleiben; sein tieferer Grund ist i« der Taffache zu suchen, daß die englische Regierung die A«. erkennung der Regierung Obregons von der Begleichung de« alten Schulden Mexikos abhängig macht. Auf diesen Stawb- punkt hat sich MacDonald gegenüber Sowjetrußland nEW gestellt: er hat dort die Ülnerkennung ohne BoÄ>ehakt vrÄ- zogen, und darauf ner- 'en sich die Mexikaner. Doch wird ein Ausgleich zu erzielen sein. Die wohlwollende Unter- stützung, deren sich die mittelamerikanische RepubkS durch Amerika bei den jüngsten Mrren erfreute, könnte mit Kon- zessionen auf wirtschaftlichem Gebiete erwidert werden; ein Wettbewerb, der den Engländern auf die Dauer fühlbar sein würde, ist nicht ausgeschlossen, und daß die Annäherung Me- xikos an Amerika nicht bloß auf dem Papiere steht, beweist ein Freundschaftsdienst, den Obregon dem Land der »tars and stripes kürzlich erwiesen hat, gerade in dem Augenblick, wo der amerikanisch-japanische Konflikt jeden Tag neue Blüten treibt. Sechzig Japaner, die aus mexikanischem Boden eine Kolonie mit Verwendung von 50 000 Dollar gründen wollten, sind vom Innenminister Gattes abgewiesen wor- den. Als Japan vor Jahren einmal an der Westküste Mexikos sich einen Flottcnstützpunkt — selbstverständlich gegen Amerika — einrichten wollte, war man nicht so zugeknöpft.
BagchiWl- WMn SW».
Anfragen Giresemanns bei Herrivi.
Der nach Paris beruf«« Botschafter ht Berlin, de Margeri«, hatte vor seiner Abreise noch eine lS». gere Unterredung mit dem Außenminister Vr. Stresemann über die Regierungserklärung Her- rivts. Die Mitteilungen des „Echo de PariS" über die
französischen Botschafter «tu den Ministerpräsidenten Herriot mit auf den Weg gab, weichen von bat Mit- teilungen anderer französischer Blätter ab und wurden deshalb als auffallend empfunden. Es ist jedoch hierzn zu bemerken, daß es sich dabei nur um den bereits be» sonnten Wunsch Dr. Stresemanns handelt, ein« genaue Interpretation der Stelle in Herriots Programm rede zu erhalten, in der ziemlich undeutlich vonderRäumungder Ruhr die Rede war.
Wie weiter eine Nachrichtenagentur a.us Paris meldet, ist der deutsche Botschafter in Paris, Herr v. H 0 e s ch, Freitag vormittag vom Ministerpräsidenten zu einer längeren Unterredung empfange« worden. Im Verlauf dieser Unterredung wurde eine ganze Anzahl von Fragen erörtert und auch di « Mi - eump roble m e berührt. .. • >
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Herriot wird sich Sonnabend früh in Boulogne än Mrd des Schiffes „Oife" einschiffen, das Befehl erhalten hat, von Eherbourg nach Boulogne zu fahren, um dort den Ministerpräsidenten an Bord zu nehmen. ■ ' -
Vertrauensvotum für Herriot.
Die französische Kammer hat nach langer stürmischer Sitzung gegen %2 Uhr nachts der Regierung Herriot mit 313 gegen 234 Stirn in c u das Vertrauen ausgesprochen. Die von den Parteien des Blocks der Linken dorgeschlageue Tagesordnung hat folgenden Wortlaut: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung int Vertrauen darauf, daß ^ die durch das attgrmsine Stimmrecht am 11. Mai bestätigte Politik durchführen wird, lehnt jede weite« Kin-ufügung ab und geht zur Tagesordnung über."
Die Sitzung, die der Annahme dieses T^rtrauensvotUMs fiimMMIMHHHHMMtfM^^
Sommer je zu verzeichnen gehabt hat. Es kam nicht nur ju offenen Kämpfen zwischen Sozialiften und Kommunisten, sondern auch bei den anderen Parteien tarn es verschiedentlich ju hefti gem Wo rtw ech s e l und Zwischenfällen, so daß Präsident Pamleve gezwungen war, die Sitzung mehr- mals zu unterbrechen. Herriot hatte nach Le Troquer das Wort ergriffen und erklärte unter ungeheurem Beifall der Linken, daß er eine auf drei Fragen eingehende Erklärung abgeben wolle: 1. Aufhebung der Botschaft beim Vatikan, 2. Finanzfragen und 3. Außenpolitik. Er verkenne nicht die große Bedeutung des Katholizismus, er bekämpfe aber die „Pharisäer, die aus dem Betharlse eine Mördergrube gemacht hätten". Tosender Beifall der Linken, die Rechte protestiert General Samt Just schreit: Sie wollen absichtlich eine Spaltung der Nation! Gegenrufe der Linken: Schweigt, ihr Mörder gen er äle! Die ganze Rechte und das Zentrum protestieren. Ein PulEeckelkonzert beginnt. Die lAbgeord- neten der Mehrheit dringen gegen die Regie- rungsbänke vor und machen dem Kriegsminister Rollet heftige Vorwürfe. Der ^^^m wird so heftig, dass Painlevä die Sitzung unterbrechen muß.
Der V eHerauDarr Skandal.
Als die Ruhe eimgermaf.cn wiederhergestellt ist, wendet sich Herriot gegen Le T r ö g u er und R eibel. Dabei unterbricht ihn Reibe!, früher Minister für die befreiten Ge- biete, unter großem Lm r uns erklärt von seiner Bank aus, Ministerpräsident Herriot vertrete heute denselben gefährlichen und alten Standpunkt, den Briand gestern vertreten habe, daß nämlich Frankreich, zum mindesten aber seine Regierungen, nicht das Nötige getan hätten, um die Sachlieferungen zu erhalten, auf die sie Anspruch hätten. Wenn dich« These Herriot aufrechterhalte, dann führe das dazu, daß er Deutschland entschuldige.
Herriot erhebt mit scharfen Worten Protest und erklärt,
er werde auf die Anschuldigungen, die er eben gehört habe, nicht antworten. Man könne ihn nicht anklagen, daß er Deutschland entschuldige; denn er habe vorhin auch Tatsachen * ^ten Reibet gewandh, sagt Her- gierung habe im Jahre 1921-22
angeführt. Zu dem riot: Sie haben gesa
für 500 Millionen Goldmark Lieferungen erhalten. Sie kennen offenbar die Antwort nicht, die die Regierung dem Marquis de Luberfac offiziell erteilt hat, der fragte, wieviel sie von den ihr zusteherrden 950 Millionen Goldmark er. Halten habe.
Ru«, im ganzen 179 Millionen, und das
< war nur für Kohlen und Koks, wett gewissesten« zöstsche Industrielle nur die Kohlen und den Kokswollten, um ihre Fabriken im Gange zu halten, aber sich der Einfuhr anderer Waren widersetzte«, weil sie dadurch ihre Interessen geschädigt glaubten. Sie habe also auf diese Weise rund 750 Millionen Goldmark Reparationszahlungen aufgegeben.
Ich kenne meine Akten. Es gibt unter ihnen auch ein Dokument, das auch der Abgsordnete Klotz wohl kennt, denn es hat ihm Vorgelegen^ Es bezieht sich auf eine
Bestellung von Automobilen im Werte von eiwa 117 wra» klonen. Man hnt sie aus K 0 n kurrenz gr ün den am Zeitpunkt der Lieferung zurückgezogen. Abgeordneter Le Trocquer hat erklärt, dass Deutschland in seinem eigerwtz Lande öffentliche Arbeiten durchführe.
Le Trocquer: Jawohl! Ich selbst habe in Hamburg große Schleusen gesehen. Ich habe Schiffe gesehen.
Herriot antwortet: Aber gerade hier liegt Ihre Schuld. WennSie mehr Eisen und Stahl nach Frankreich hereingelassen hätten, hätte Deutschland seine Schiffe und keine großen Schleusen bauen könneml
Die Naumungsfrage. J
Mnierkenswert ist, dass in der Debatte auch noch ein Hinweis Herriots auf den Zeitpunkt der Räumung der Ruhr gefallen ist. Der frühere Kriegs- minister Maginot fragte Herriot, wann er denn eigentlich das Ruhrgebiet zu räumen gedenke, worauf Herriot ihm ep, widerte:
„Wenn wir das Ruhrgebiet besetzt halten wollte«, bis b c r ganze Sachverständigenbericht . zur Ausführung gelangt, so würde das , - 3 7 Jahre bauet nl"
Nach 10 Uhr beginnt die Nachtsitzung. Die TumMt» setzen sich fort, Die Stimmung wird immer erregseL,
< Zum Schluß: Prügelei.
Es kommt bei der Erläuterung der 'Abstimmung zu «v- geheuren Tumultszenen, die schließlich in eine Schlägerei ausarten. Im dünnen der kommunistische« Gruppen verliest der Abneordnete Garchery, der mit dem Ruf: „Es lebe die r u s si s ch e Revolution!" emp-i fangen wird, eine Erklärung. Als er die Tribüne fo? runter, steigt, wird er heftig von den Sozi allsten angegriffen. Diei sozialistischen Abgeordneini Parvy und Claussat greifen den Abgeordneten mitF n un s ch kä g e n an. Weitere Kommunisten und SoziaUflen Leteil'gen sich an dieser Schlägerei. Als der Abgeordnete Marty seinen Leibriemen löst, sich auf eine Bank stellt und nit dem Riemen in der
M Tribünen raunten
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zu lassen.
De Gelves Gsnaisprasideni.
Der französische Senat fort zu Beginn seiner Sitzung am Doiurerstag die durch die Wahl Dournergues zum Präsidenten der Republik notwendig gewordene Wahl eines Präsidenten vorgenommen. Der Kandidat der demokratischen Linken war deren Vorsitzender der Abg. B i e n» venu -Martin, für die Mittelparteien kandidierte der ehemalige Minister des Innern de Selves, der der republikanischen Union angehört. Letzterer wurde mit 151 Stimmen gewählt; Bienvenu-Martin erhielt 134 Stimmen.
Botschaft Heniots an das englische Volk.
Die englische' Presse befasst sich eingehend mit der bevorstehenden Zusammenkunft in Cheguers. „Daily Express" veröffentlicht eine Botschaft Herriots an die britische O e f f e n t l i ch k e it, in der Herriot sagt, er begebe sich nach England in der Absicht, die Entente cordialo z u stärken. Er wünsche, seine Sympatfoe nicht nur für die britische Regierung, sondern auch für das britische Voll zu beweisen, dessen Freund er stets gewesen sei. Er sei einer der ersten Befürworter der Entente Cordiale gewesen und eins) heute noch einer ihrer aufrichtigsten Anhänger.
Beginn -er Amnestie-Akiion.
Wie der »Kölnische« Zeitung" aus Mainz berichtet wird, werden die ht dem großen Eisenbahner- prozeß vom 7. Mai 1923 zu Gefängnis verurteilten Eisenbahninspektoren Hertling, Lüdtke «nb Krimel, der Eisenbahner Richard Leineweber, der Betriebsvorsitzende K l i« g e r, sowie die Gewerkschafts- jetretäre des Deutschen EisenbahnerVerbandes Lebert, Bösritter und Ludwig i« Freiheit gesetzt werden. Ferner find der zu drei Jahren Gefängnis der- urteilte Assessor Hegerich *wb der Zugführer 34m« m ermann begnadigt worden.
Oberkommissar T irar d hat die Rückkehr vo-wi 18 höheren Beamten gestattet, die «irzstch aus der Pfalz verttiebsn worden waren. Es sollen sich darunter mehrere höhere Beamte und auch der Landgerichts präsident von Pirmasens befinden. .
Cummins aus Mexiko ahgereist ?
Aus Mexiko wird gemeldet, daß der englische Vertreter i Eunimins die britische Fahne auf dem Sefanet 1 cfoiftsgebautej einaezogen hat, nachdem er die Archive der Gesandtschaft der Gesandtschaft der Vereinigten Staaten übergeben hatte. Obregon hat nach einer Besprechung mit dem Minister der Aeußeren angeordnet, daß die Maßnahmen zu seiner Ver- ireibung eingestellt würden. Cummins hat daraus mit dem Nachtzug Mexiko verlassen und die awrifagg^ ^ Mq übUchritten. . . .1