Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 76 Donnerstag, den 26. Juni 1924
— Theunis hat sich zu den Vertretern des „Matin" über die Bsdingungen geäußert, unter denen das Ruhr- gebiet geräumt werden soll.
— Die Bildung des bayerischen Kabinetts durch Held kann nunmehr ziemlich sicher betrachtet werden.
— Die in den Präger Korruptionsskandal verwickelten Hauptangeklagten sind zuschwereuKerkerstrasen verurteilt worden. ■ ,
Die neue Entwaffnungsnois.
Am 28. Mai ließ die Botsdufter ton.fereu$ der Reichs- regierung eine (Entwaffnungsnote in Berlin überreichen, für deren Beantwortung als spätester Termin der 90. Juni fest- Pe setzt war. Diese Frist war noch nicht abgefaufen, als der englische Botschafter und der französische Geschäftsträger dem Reichskanzler Marx ein von Herriot und MacDonald ^unterzeichnetes, Chequers, den 22. Imn 1924, datiertes Schreiben (einen regelrechten, aber ungerechtfertigten Tret- Drief) zugehen ließen. Der Reichskanzler hat diesen Mahn- «ruf mit bem Hämoek» beantwortet, die Alliierten würden rechtzeitig, d. £ am 30. Juni, sich im Besitz der Gegen- erklärung des Kabinetts befinden.
Was bedestet die Mfertt^bit der beiden Premier- Minister? Ihre Ungeduld hock bewirkt, daß Belgien und Italien an diesem Briefwechsel unbeteiligt geblieben sind. Diese Untertafimg kann nicht mit bet; „beunruhigenden Berichten über die unausgesetzte und zunehmmrde Aktivität der natio- no tiMchan und müttartstischen Organisationen, die mehr ,»der wenckger oAen miÄtärtsche Vorbereitungen treffen, um in Europa neue bewaffnete Konflikte hervorzurufen", be- smd über-
all seit Wochen ausgeftveut worden und in Rom wie in Wrüffek Lmgst bekannt. Dadurch sich ins Bockshorn jagen zu lassen, fcW in Wahrheit nienmnd ein. Die Besorgnis und Beunruhigung sind erheuchelt, und MacDonald scheint Herriot mit der Unterzeichnung dieses Angstmeierschreibens einen Sebesbienft erwiesen zu haben. Es fehlt jede staats- rechtliche Begründung für die Auftechterhaltung der Kontrolle, jede Aufklärung darüber, wann, zu welchem Zeitpunkt Großbritannien und Frankreich — auch hier ist von Italien und Belgien nicht die Rede — die Kontrolle abzuhalten gedenken und was unter dem „Maß des Notwendigen", über das Hinaus die Kontrolle nicht verlängert werden soll, zu Verstehen ist. Das vor einem wehrlosen, von allen modernen Äugriffswaffen entblößte Deutschland in Kriegsängsten zit- ternde Europa ist eine gar zu lächerliche Erscheinung, als daß damit eine Begründung vor den Augen der Welt Gnade finden könnte. Richt weniger komisch nimmt sich das Schreckgespenst nationalistischer Organisationen aus. Das Material ldazu wird vermutlich das von Rolletschen Spionen aufge- 'jpeicherte Lügenbiindel geliefert haben.
Untersucht man den Stand der europäischen Entwaff- «ung, so sind von ihm betroffen außer Deutschland noch Ungarn, Bulgarien und Oesterreich; alle übrigen Staaten, pon mehr oder weniger gerechtfertigtem Mißtrauen erfüllt, erfreuen sich einer Kriegsbereitschaft, die jeden Augenblick ein LosMagen ermöglicht, und wenn irgendein Staat Grund that, dadurch besorgt und beunruhigt zu sein, so ist es das -von bis an die Zähne bewaffneten Feinden umgebene Deutsch- Land, das jetzt erst wieder durch die versteckten Drohungen einer verächtlichen Erpreffertaktik zum Nachgeben gezwungen p-erden soll. Um die Reichsregierung von einem neuen „Borstoß gegen die loyale und genaue Durchführung der Verpflichtungen aus Teil V des Vertrages von Versailles" abzuschrecken, wird von ihrem Wohl vor halten die schnelle Inkraftsetzung des Damessären Berichts abhängig gemacht, auf deutsch gesagt: Hier werden zwei heterogene Gegenstände durcheinandergewürfelt. Der Bericht hat mit der Kontroll- frage gar nichts zu tun; sie ist eine Angelegenheit für sich'; ihre Verbindung mit dem Sachverständigengutachten ist willkürlich und nur s« dem Zweck vorgenommen, um die Reichsregierung gefügig zu machen. Was aber in dem Bericht steht und von MacDonald mit keiner Silbe erwähnt wird. ist die 11 u h r bete tz u n g. Von ihrer Auf- Hebung hängt mit in erster Linie die deutsche Leistungsfähigkeit ab. Wenn MacDonald gut beraten gewesen wäre, hätte er einige Worte über diesen Kardinalpunkt der kommenden Londoner Konferenz einfließen lassen müssen, aber so hat er mit seinem der Höflichkeit allerdings nicyt entehrenden Schreiben, mit diesem hastigen Drängen auf Entscheidung leinen günstigen Eindruck auf das deutsche Volk erweckt. Wie sich die Reichsregierung dazu verhalten wird, muß sich bald herausstellen, weil die durch den überraschenden Schr>^ der beiden Kanalstaaten hervorgerufene Erregung der effeut- lidjen Meinung eine Aufklärung fordert. K. O.
Wie Theunis sich die Ruhr- Räumung denkt.
Der Sonderberichterstatter des Matt» hatte kurz vor der Abreise des Ministerpräsidenten Herriot nach Paris eine Unterredung mit dem belgischen Mini st er- Präsidenten Theunis. Es entwickelte sich folgendes Frage- und Antwortspiel:
Frage: „Wann wird man das Ruhrgebiet militärisch räumen?"
Antwort: „MacDonatd hat nach dieser Richtung hin nichts verlangt und nidjts vorgeschlagen. Man sieht für später eine Abänderung des Charakters der Besetzung nach einem Plan vor, den General Degoutte auf Verlangen Poincards ausgearbeitet hat, aber nur, wenn Deutschland bezahlen wird."
Frage: „Was verstehen Sie unter „zahlen"?"
Antwort: ,LBir verstehen darunter, daß nicht nur die Bons und Obligationen, die von dem Deutschen Reiche unterzeichnet werden, uns überliefert werben, sondern, daß diese Tttel auch durch einen befriedigenden Beginn der Plazierung vollkommen marktfähig, also kommerziell, geworden find."
Frage: „Wann werden Sie aufhören, das Ruhrgebiet aus zu deuten?"
Antwort: „Wenn durch restlose Inkraftsetzung des Sach- verstäudigenberichtes die Pfänder, die wir in Händen halten, in allgemeine Pfänder des Deutschen Reichs, wie sie der Bericht vorsieht, umgewandelt worden sind. Als Garantien werden wir alle die fordern, die der Sachverständigenbericht vorsieht, und die sind beträchtlich, dazu auch noch politische Garantien, die durch ein vorausgegangenes Einverständnis zwischen den Gläubigerregierungen begründet werden sollen." -----------Srnac UUmi hui 21 £1 oeivrvcben. der von
Abschnitte des Versailler Vertrages treten soll."
Antwort: „Ein vollkommener Irrtum. Wir sehen nichts vor, noch werden wir irgend etwas annehmen, was einer Erneuerung des Vertrages ähnlich sieht. Der Akt, von dem man spricht, wird einfach einProtokoll sein, das notwendig ist, weil man vielleicht durch die Organe, die die Sachverständigen vorgesehen haben, viele Rechte über- i s ch r.e i t e t, die uns der Vertrag gibt; dies ist in dem Brief Elemenceaus an den Grafen Drockdorff-Rantzau erläutert worden. Elemenceau hat versprochen, daß sich die Alliierten nicht in die Verwaltung des Deutschen Reiches einmifdjen würden. Der Sachverständigenbericht erfordert, wenn er angewandt werden soll, diese Ei Mischung; also das Protokoll wird nicht nur unsere Rechte nicht vermindern, sondern sie verstärken."
Frage: „Wird man in bezug auf die Kontrolle der st r a t e g i s ch e n L i n i e n f e st bleiben?"
Antwort: „Absolut. Belgien wie Frankreich werden einig sein, um diese Verhandlungen mit England zu führen."
Frage: „In welchem Maße sind die alliierten Regierungen ; bereit, die Sorge der Sicherheit dem Völkerbünde zu überlassen?"
Antwort: „Für den AugMblick in keinem Maße. Die (Entwaffnung Deutschlands wird mit Strenge fortgesetzt werden. Die Rolle des Völkerbundes wird später darin bestehen, dem Sicherheitspatt zwischen Frankreich und Belgien einen internationalen Wert und einen internationalen Rahmen zu geben.
Aus dem Wortlaut der Eniwaffnungsnote.
Der englische Botschafter und der französische Geschäfts- träger haben dem Reichskanzler am Dienstag nachmittag die in der Presse bereits, angekündigte Note überreicht, die in deutscher Uebersetzung lautet:
„Chequers. den 22. Juni 1924.
Wir haben nicht ohne größte Besorgnis erfahren, daß die deutsche Regierung vielleicht die Absicht haben könnte, aus die kürzlich wegen der Miütärkvntrolle in Deutschland an Ihren Botschafter in Paris gerichtete Note keine zu- stimmende Antwort zu geben. Gleichzeitig erhalten wir die beunruhigend e n B e r ch te über die unausgesetzte und zunehmende Aklivität der nationalistischen und militariftifdjen Organisationen, die mehr oder weniger offen militärische Vorbereitungen treffen, um in Europa neue bewaffnete Konflikte hervorzurufen...
Wir können der Teutschen Regierung nicht verbergen und wir halten es für gut. sie davon zu verständigen, daß j e d e r n e ue V o r st o ß gegen biejrmale und genaue Durch- füt " ig der Verpflichtungen aus Tei V des Vertrags von V. -. lies die i u t e r n a t: o na ! e Lage gerade in sein Ar blick schwer belasten würde in dem die Au lcht au :u:elle Inkraftsetzung des DaWs-Betichtes in allen bete ...m Ländern die Hoffnung auf eine endgültige Regeln n Rexarations'rage, die einen allgorneinne und n irk- Ai:: . .Hfriedizung de Wege ebnen soll, auf sehnen läßt. Sir bitten daher die Deutsch: N-gicrung^ dre-e Befriedigung zu
erleichtern und zu diesem Zwecke zunächst mit Nachdruck uni gutem Willen an der Verwirklichung der recht, mäßigen (?) Forderungen der MiIitärkon- troll Commission mitzuarbeitem Frankreich und Groß, britaninen haben keineswegs das Bestreben, der Deutschen Regierung Schwierigkeit zu bereiten (!) oder die Kontrolle über das Diaß des Not. wendigen Humus zu verlängern ... Sie verlangen nur, daß man ihren berechtigten Besorgnissen jede Beruhigung zuteil werden läßt." gez. Herriot.
J. Ramsay MacDonald.
Der Reichskanzler hat dem englifdfen Botschafter und dem französischen Geschäftsträger erklärt, daß er die Rote zur Kenntnis des Reichs - Kabinett s bringen werde. Die Alliierten würden rechtzeitig, d. h. bis zum 30. Juni eine Antwort der ^deutschen Regierung erhalten.
Die Besprechungen in Brüssel.
Havas berichtet aus Brüffel: Die Konferenz zwischen Theunis, Hymans und Herriot im Außenimnistertuni hat von 10 Uhr vormittags bis 12% Uhr gedauert. Beim Verlassen des Mnifteriums erklärte Herriot, seine belgischen Kollegen seien von dem Ergebnis der ftanzösisch-englischen Besprechungen sehr befriedigt. Nachmittags 3% Uhr werden die Besprechungen unter Hinzuziehung der an der Frage des Ruhrgebiets und der Rheinlande beteiligten belgischen Beamten wieder ausgenommen.
Das kommende Kabinett Held.
Nach der München-Augsburger Abendzeitung dürfte sich das Kabinett Held etwa wie folgt zusammensetzen: Dr. He Id Ministerpräsident und Minister des Aeußern, Dr. Matt Kultusminister, Gärtner, Iustizminister, Etützel, M- nister des Innern, Dr. Kraus neck, Finanzminister, Dr. v. Meine!, Handelsminister, Oswald, Sozicü- minifter, Prof. Fehr, Landwirtschaftsminister.
Nochmalige VetWA^ng See Micum-Veeiräge.
Wie die „Düsseldorfer Nachrichten" hören, ergibt sich die Notwendigkeit, die Verträge zwischen derMicumund den Ruhrzechen, welche bis E n d e I u n i laufen, abermals über diesen Zeitpmckt hinaus zu verlängern, da nach Lage der Dinge eine endgültige Regelung der Repara- tionsfrage innerhalb der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich fein wird. Die Entscheidung, die g r u n d s ä tz - lichwohlschonfestliegt, wird Ende der Woche fallen. Voraussichtlich wird sie eine Verlängerung der Verträge auf der Grundlage der Beschlüsse vom 15. Juni mit einer Dauer von zwei bis vier Wochen bringen.
Zehn Jahre nach Gerajewo.
Am Sonnabend sindet in Amstetten in der Gruft- kirche eine Trauerfeier anläßlich der zehnter: Wiederkehr des Todestages des Erzherzogs Ferdi- nand und seiner Gemahlin statt, an dem die Söhne des Herzogpaares sowie deren Freunde unb Verehrer teilnehme« werden.
Hoesch wieder in Paris. Botschafter von Hoesch hat Berlin wieder verlassen und ist auf seinen Posten nach Paris zurückgekehrt.
Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages ist für Donners tag vor mittag 9 Uhr anberaumt worden. Auf der Tagesorommg stehen die W i r t sch aftsvertrag e m i t Litauen u n d E st l a nd .
Die Besserung der wirtschaftilchen Verhältnisse Dänemarks erhellt aus' dem fortgesetzt c n Rückgang der Arbeitslosigkeit. Die Z chl ber Beschäftigungslosen beträgt gegenwärtig 14 241. Ein Vergleich mit den Zahlen in den Vorjahren bestätigt die fortschreitende Gesundung der Lage der Industrie. 1922 gab es um diese Zeit 39 100 Ar- beitslose im Lande, 1923 noch 22 800.
Abbau der Jenaer Geuieiubeverwaltung. In der letzten ©taMverorbnetentierfummiung wurde beschlossen, an Stelle der bisherigen 49 Stadtverordneten nur noch 35 zu belassen. Außerdem wurde die Zah: von sechs unbesoldeten Beigeordneten auf vier Herabgesetzt. Der Dezernent für das Potstzeiwesen, Haedrich (Svz.), ein ehemaliger Optiken stellte infolge der gegen ihn gerichteten kommunistischen An- griffe den Antrag auf Enthebung vom Amt. Seinem Gesuch wurde stattgegebeu. Bei der Abstipimung enthielten sich bis Kommunisten bezeichneilderweise der Stimme.
Im Beleidigungsprozetz des Pressechefs der Reich», kanzlei, Dr. Spießer, gegen den Redakteur Joseph Sonn- tag erklärte der Beklagte, daß er durch hinterlistige unb betrügerische Gewährsmänner h > eingelegt worden sei MÄ