Einzelbild herunterladen
 

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Goanadeab. Der Beragspreis beträgt monatlich 1. Golbmark / / Anzeigen preis für die einspaltige Detitzeile oder deren Raum 10 Dfg., für amtliche vnd auswärtige Anzeigen 15 Pfg.» Reklamezelle 50 Via. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in SerSfeld, Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Derleger. / / Für die Gchrtftleltuug verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprechen Nr. s.

"ll!gSgSgBBBWBWMmWW!FWHM!«g^"«WWBBBBB«BgMBBMMaBg«gBMMPPWP»M|B>>^P^^ n n -........................................ w....._ j

Nr. 83 Gonnabend, den 12. Juli 1924

Die Londoner Konferenz nimmt am Mittwoch vormittag 11 Uhr ihren Anfang.

Belgiens Verlegenheit über die Fest stellun - gen des StettinerGraff.Prozesses.

Neue Betriebseinschränkungen bei Krupp.

Wochenrückblick.

Bereitet sichinRußlandeineAgrarkrisis vor? In Saratow, Astrachan, im Dongebiet und in der Krim treibt eine infolge der andauernden Dürre ausgebrochene Hungers­not die Bevölkerung, soweit sie sich nicht durch die Ausplün­derung der Getreidesilos helfen kann, in andere Landesteile. Der offizielle Bericht beziffert die Zahl der Hungernden auf 5 Millionen, aber es sollen 20 Millionen von der Kalamität betroffen sein. Dieser Zustand stimmt nicht mit dem Opti- misnms, den Krassin zur Schau getragen hat, als er die dies­jährige Getreideausfuhr der vorjährigen gleichstellte. Richtig wäre es, ein Ausfuhrverbot zu erlassen; aber es ist zu be­fürchten, daß die Sowjetregierung, um das Gesicht zu wahren und die Außenhandelswährung aufrechtzuerhalten, lieber einige hunderttausend Menschen verhungern lassen wird. Das wäre zugleich ein Mittel, der immer selbstbewußter auf­tretenden Bauernschaft einen Kappzaum anzulegen. Sie ist infolge der bolschewistischen Agrarpolitik, ganz gegen die Ab­sicht ihrer Urheber, eine Macht geworden, deren Emporkom­men eine Betrachtung verdient.

Alexander Herzen, der russische Revolutionär, hatte eine geringe Meinung von der politischen Revolution; sie galt ihm als eine Vorstufe, gerade gut genug, um mit dem Cäsar ismus aufzuräumen. Nur die soziale Revolution konnte nach seiner Ansicht die Völkerbefreiung bringen, und in Rußland erblickte er den Riesen, der schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts von weiter Ferne aus seinen Schot- MWWWMMWWWM» 'international dachte, voraussagte? Aus dem befreiten Ruß­land wurde ein wirts chaftlicherTrümmerhaufen, aus dem neues Leben erstehen soll, und trotz der angeblichen Bewegungsfreiheit will sich kein Gebild gestalten. Die nahe- zu vernichtete Industrie besitzt nicht die Kraft, sich aus sich selber heraus aufzubauen, und die sich im Ausland entgegen- streckenden Hände der Hilfsbereitschaft geben mit der Rechten, um mit der Linken zu nehmen. Diesen ausländischen Kapi­talismus will ein Sinowjew tot schlagen durch die Revolution des Erdballs und während der feiste Schwadroneur die befohle- nen Beifallsrufe einer ungläubigen Menge entgegennimmt, schnorren ebenso ungläubige Sowjetunterhändler in London And Paris die Hochfinanz um Anleihen an.

Alexander Herzen hatte sich getäuscht, als er (1855) in seinen Memoiren schrieb:Das Artel (urwüchsige Genos­senschaft der Arbeitsleute, die Bauernkommune, die Teilung des Lohnes und die Teilung des Bodens, die Vereinigung der Dauern und die Bereinigung der Dörfer, alles das sind Grundsteine für unser soziales Gebäude der Zukunft." Was ist aus diesen Grundsteinen geworden, diesen verheißungs­vollen Ansätzen? Selbst die Aufhebung der Leibeigenschaft hat den Mann hinter dem Pflug nicht zum Kommunismus, dem Endpunkt der sozialen Revolution, bekehren können. Sie vermochte nicht einmal, dasBauernlegen" zu verhindern, das zur Bestellung des Ackers die Heranziehung von Lohn­arbeitern erfordert. Das Dorf ist Dorf geblieben und hat die ausgepowerte Stadt unterge­kriegt. Darüber zerbricht man sich nun in Moskau den Kopf und möchte die ganze Kulturwelt kommunistisch revo­lutionieren, während eine gesättigte Bauernschaft den Ge­boten des Kommunismus die Zähne zeigt und die Gefahr besteht, daß sich eines Tages eine mehr und mehr anschwel- lende Gegenrevolution aus ihr rekrutiert. Wenn jetzt das Moskauer Triumvirat scheinbar mit dem Gedanken spielt, B e ß a r a b i e n s wegen einen Krieg mit Rumä­nien anzufangen, was ist das anders als eine Ablen- kmrg von inneren Schwierigkeiten, eine Verschleierung der Tatsache, daß der russische Lan d ko m m u - nismus dem bäuerlichen Landhunger unter« legen ist! Man muß den Bankerott hinnehmen und spielt ya banque; denn die Kriegsdrohung gegen Ru­mänien nimmt sich geradezu lächerlich aus zu der Zeit, wo man mit dem ihm verbündeten. Frankreich über eine Anleihe verhandelt. Sie ist ein Abbauiymptom der iozialen Revolution, die, sinnwidrig, der menschlichen Natur widersprechend, wie sie jst, anders verlaufen wird, als es sich Herzen ausgemalt hat. ,jDer Schluß der allslawifchen Konferenz in Prag sang- und klanglos erfolgt. Man hat lange nichts vom Danslawismus gehört. Seit Rußland zum Bolschewismus -stbergegangen ist, der sich die internationale Weltrevolutio- pierung zum Ziel gesetzt hat, droht der panslawistischen Be- pegung die Gefahr, von Moskau zu dessen Sonderzwecken be- >Mtzt und verschluckt zu werden. Serben, Tschechen, Polen, Slowaken, Bulgaren, Letten und wie sie alle heißen, geraten, /sobald ihre unteren Schichten bolschewistisch verseucht sind, eines Tages unter die russische Dampfwalze. Davon werden

dann auch die in diese kleineren Staaten eingestreuten deut­schen Volksbestandteile betroffen. Nicht zuletzt O st preußen, für dessen Angliederung an Polen sich neuerdings wieder, sein Staatspräsident Mojciechowski begeistert hat, der die pol­nische Grenze nach Westen hin bis an die Tore Berlins vor­schieben möchte, wie die Gazeta Gdanskow, die einerGe­sundung" Danzigs von seiner Annektierung durch Polen das Wort redet, verkündet hat. In demselben Sinne hat sich auch der Präger Kongreß in einer Entschließung ausgesprochen, wonach mit Bedauern festgestellt wird, daß die Lausitzer Sor­ben sich noch immer unter deutscher Herrschaft befinden. Alle Slawen müßten sich mit Unterstützung Frankreichs zusammen- tun zur Errichtung eines eigenen Staates der Lausitzer Sor­ben, um eine Erweiterung der Tschechoslowakei zu erzielen. Wenn es schon Wahnsinn ist, hat es doch Me­thode.

Werfen wir einen Blick auf diesen jungen Mischstaat, dessen Ueberheblichkeit auffällt, dann finden wir die Erklä­rung dafür in einem Artikel des Pazifisten Morel. Er hat im Daily Herold die Rüstungsindustrie des tschechischen Krupp, der S k o d a w e r k e, die in die Hände der franzö­sischen Firma von Schneider-Creusot übergegangen sind, einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Bestätigt werden sie durch die Beobachtungen des englischen Parlamentariers Kenworthy. Danach ist unter dem Einfluß des Marschalls Foch und des Generals Le Rond Skoda zu einer Zentrale für Beschaffung von Kriegsmaterial aller Art geworden, und auch andere, österreichische Staatsfabriken find daran beteiligt. Die Lieferungen gehen in die Millionen; besonders Rumänien verdankt seine Ausrüstung dieser Tätigkeit. Das ist geschehen unter den Augen der Botschafterkonferenz, und wenn MacDonald seine Abrüstungsvläne ernstlich inq Werk setzen will, findet er hier Stoff zu Anklagen unwider- leglicher Art. Hier liegt begründeter Anlaß für eine inter­nationale Generalinspektion vor, nicht in Deutschland. Aber es ist zu bezweifeln, daß der englisch« Premierminister und sein Helfershelfer Thomsen den Mut aufbringen werden, den Heuchlern der Entente diz

W

1 ^^ MütwochBeginn derLondoner

Konferenz.

Die Eröffnung der interalliierten Londoner Konferenz ftt Londoner Blättern zufolge auf Mittwoch vormittag 11 Uhr im Londoner Foreign Office festgesetzt worden. Die Stärke der einzelnen Delegationen sei der britischen Regierung noch nicht mitgeteilt worden. Es werde jedoch erwartet, daß insgesamt etwa 15 0 RegierungsvertreterderbeteiligH ten Nationen anwesend sein werden. §

z. Die Zulassung der deutschen Vertreter zur Diskussion. 1

DieTimes" äußern sich sehr zurückhaltend zu den M- machungen, die MacDonald getroffen. MacDonald hätte zwar die Konferenz gerettet, um welchen Preis aber, das werde sich erst auf der Konferenz selber zeigen. So bleibe die Frage der Zulassung deutscher Vertreter zur Diskussion noch offen, eben­so der englische Vorschlag einer Wiederherstellung der wirt­schaftlichen Einheit Deutschlands innerhalb von zwei Wochen nach Annahme des Sachverständigenberichts. Dieser Vorschlag sei s o g a r e r l e d i g t und die bedeutsame Frage der w i r schaftlichen Räumung der Ruhr vorläufig noch stimmung des Senats den amerikanischen Stele»

Amerikas mögliche Schiedsrichterrolle. '

In Washingtoner p o li tis che n Kreise« wirb erklärt, daß die Frage, ob Präsident Coolidge ohne Zu­stimmung des Senats den den amerikanischen Delv> gierten N o u n g ermächtigen könnte, in Fragen, die einen deuts chen Verzug betreffen, als Schiedsrichter aufzutreten, zuerst von einem Anwalt des Staatsd oder möglicherweise auch von anderen gesetzlichen bereitem geprüft werden müsse. Von einer Staatsdepartements wird als Lösung vorgeschlagen, Doung sollte als Schiedsrichter ingenauumgrenzterEiger^ schaft dienen. Es ist jedoch nach wie vor noch kein zuvev« lässiges Urteil möglich, solange eine amtliche Meldung über die Einzelheiten des kürzlich erreichten Abkommens noch nicht vorliegt. Obwohl von neuem auf den ernsten Wunsch der gegenwärtigen Regierung der Bereinigten Staaten hing«, wiesen wird, bei jedem Plan für dierascheAusführung des Dawes-Programms mitzuwirken, wird dennoch von eint gen amtlichen Kreisen nach wie vor bezweifelt, daß bog amerikanische Delegierte seine volle Stimme in der Repara- tionskommission abgeben könnte, ohne die informelle Stellung ernstlich zu gefährden, die er streng innehalten soll. Der zweite Vorschlag in dem Abkommen zwischen den Premier» ministem Großbritanniens und Frankreichs, daß das entschei­dende Urteil in Zweifelsfällen, ob ein Verzug Deutschlands vorliegt, von dem Generalagenten für die Repara­tionszahlungen abgegeben werden solle, wird in gewissen Krei­sen Washingtons für praktischer gehalten. Die amtliche» Kreise, die diesen Standpunkt einnehmen, find der Ansicht, daß der Generalagent der Beamte ist, der den Vorsitz in den im Dawes-Plan vorgesehenen Alxguskexkomitea führen soll. X

Hymans über Deutschland.

In der Brüsseler Kammer sagte der belgische Außenminister Hymans, daß im Verlauf der interalliierten Besprechungen ein vollständiges Einvernehmen dahingehend erzielt worden sei, daß das Rührpfand durch finanzielle Pfän­der zu ersetzen sei. Zur Sicherung Belgiens äußerte der Minister:Ich gebe zu, daß es ein demokratisches und pa­zifistisches Deutschland gibt. Es handelt sich aber nur um eine Minderheit. Niemand kann daher in Abrede stellen, daß Belgien eine wohlgerüstete Armee zum Schutze seiner Sicherheit aufrecht erhalten m u ß/

Poincarö' hat im Pariser Senat seine erste Oppositionsrede gehalten, die sich ebenso in Lügen und Verhetzungen gegen Deutschland ergeht, wie seine früheren oratorischen Leistungen gis Ministerpräsident. So sagte er:

Ohne die Ruhrbesetzung wäre das Zustande­kommen des Sachverständigengutachtens nicht möglich ge­wesen." Es ist genau das Gegenteil richtig: Das Sachverständigengutachten ist t r o tz der Ruhrbesetzung mög- ich geworden, und gerade Poincarö hat das Zustande­kommen des schon von der Regierung Cuno angeregten Sachverständigengutachtens mit allen Mitteln verhin­dert, gerade deshalb, weil er fürchtete, daß es die Ruhr- besetzung verhindern könne.

Poincarö ist gestürzt, aber er leitet noch hinter den Ku­lissen die Politik Frankreichs, und die Tendenz feiner Politik, die Absicht, Deutschland für alle Zeiten zu einem für andere Nationen arbeitenden Sklavenvolk zu machen, wird nach diesen Vorspielen auch die Konferenz von London durchwehen. Denn alle Teilnehmer an ihr sind darüber einig und in diesem Punkte können sie sich auf das Dawes-Gutachten be­rufen, daß die zukünftige Zahlungsfähigkeit Deutschlands zurzeit nicht festgestellt werden kann, und daß deshalb auch die Londoner Konferenz nicht imstande und darum nicht befugt

Kablunaen

Was den Ausgewiesenen im Westen erwartet.

Die französische Kreisdelegation in Kreuzttach weist da­rauf hin, daß die Zurücknahme der Ausweisungen in keiner Weise die Regie verpflichtet, die Ausgewiesenen wieder ein- zustellen, und die Rückgabe ihrer Wohnungen nicht in sich schließt, falls diese beschlagnahmt sein sollten. Ferner wird von der Kreisdelegation bäont, daß jede Kundgebung, welcher Art sie auch sei, bei der Rückkehr der Ausgewiesenen in ihre, Heimat (Flaggen, Umzüge, Musik usw.) streng verboten ist. .

*

Dasselbe Treiben nach wie vor.

In M ü l h e i m (Ruhr) verurteilte ein französisches Kriegsgericht den Postrat Thulmann zu 1 Jahr Ge­fängnis und 1000 Mark Geldstrafe, den Telegraphensekre­tär L o r e y zu 6 Monaten und 300 Mark, den Telegraphen­sekretär Hörner zu 1 Monat und 250 Mark wegen eines angeblichen Sabotageaktes. Während despassivenWi- d e r st a n d e s waren auf dem Postamt Mülheim Tele­graphenkabel durchschnitten worden. Die Verurteilten wur­den als die Verantwortlichen angesehen.

Der Ministerialrat Schneider wurde vom bri» tischenKriegsgerichtin Köln freigesprochen.

Redakteur Wilhelm Etz vom Wiesbadener Tag­blatt, der im Sommer 1922 mit mehreren andern angesehenen Persönlichkeiten im besetzten Gebiet fest genommen und mit

als

diesen in dem berüchtigten Spionageprozeß zu lang jährt Gej ngmsftrafe verurteilt wurde, ist jetzt nach mehr a_ z w ei Jahren aus dem politischen Gefängnis Mainz in die Freiheit zurückgekehrt.

9»

Dem Dortmunder Oberbürgermeister Dt. E i ckho ff ist die Rückkehr gestattet, aber jede Amts­handlung verboten worden.

Die Münchener Neuesten Nachrichten sind im altbesetzten Gebiet neuerdings auf drei Monate ver­boten mürben.

Noch kein Abbau der Micum.

j i

Es steht wohl ziemlich fest, daß jedenfalls am 1. August an eine Auflösung der Micum noch nicht zu denken ist. Sonst müßtest die von der Micum betriebenen

Zechen schon eine entsprechende Anweisung haben. In neue Verhandlungen mit der Micum ist die Sechserkommission noch nicht eingetreten. Sie werden aber wohl folgerichtig kommen müssen, da man nicht damit rechnet, daß bis zum 1. August ein Abschluß in London erzielt werden wird. Nach den bisherigen Abmachungen müssen Rheinland und West- faldn 27 Prozent Kohle an die Micum Bei den augenblicklichen großen Absatz schwierig kei ten war die Uebergabe einer so großen Das Sachverständigengutachten sagt über abzv

ene

möglich.