Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Sersseld
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Nr. 88 Donnerstag, den 24. Juli 1924
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— Durch die Intervention der englischen und amerikanischen Bankiers erscheint ein ergebnisloser Ausgang der Londoner Konferenz nicht ganz unwahrscheinlich.
— Die französische Besetzung in Essen zwingt eine deutsche Zeitung zu Veröffentlichungen über die de u t s ch e K r i e g s s ch u l d.
— Die Abberufung des deutschen Gesandten t^ London, Dr. Sthamer, steht bevor.
Die Kapitalnot.
Die Zeit der Markstabilisierung und damit der Wert- Befestigung in Deutschland hat in die Bevölkerung eine gewisse Ruhe und Zuversicht getragen, die vielfach zu einem stärkeren Optimismus geführt hat als er. berechtigt ist. Aller- dings hat man sich gerade in den Kreisen, die stch aus Lohn- und Gehaltsempfängern zusammensetzen, eher von der In- f I a t io n s p s y ch e erholt als dort, wo das Geld ein Han- delsobjekt oder wenigstens Mittel zur Produktion ist. In diesen Kreisen aus Industrie- und Bankwelt ist die Abkehr von Geschäfts- und Kalkulationsmethoden der Inflations- penode noch nicht überall so restlos erfolgt, wie das zu wünschen wäre. Der Optimismus des kleinen Mannes jedoch droht seine Gefahren zu bringen. Wenn auch, gottlob, vereinzelt und vorläufig noch in einer Form, die nur zu geringen Besorgnissen Anlaß gibt, kann man hier und da die Meinung vertreten hören, auf eine kleine, ganz kleine Inflation tarne es doch schließlich für eine kurze Zeit wieder einmal nicht an.
Dieser außerordentlich gefährliche Gedankengang wurde geboren aus dem verständlichen Drängen aller von der Kredit- seife ärger Betroffenen nach Aufhebung dieser Krise. Wenn auch der einzelne Wirtschaftler, der unter der Kreditnot leidet, »Möglichkeit bleiben muß, soeben doch viele, Die ein Halbwirt» ischaftliches Denken gelernt haben, sich ihre eigenen Inflations» »gelüste zurecht gemacht, weil sie glauben, daß die Finanzen so- weit saniert seien, um solche Periode zu ertragen; Solche Ge- ^danken müssen unbedingt im Keime erstickt werden, denn selbst wenn man mit dem Gedanken einer Inflation spielt, muß man ■ sich doch immer vergegenwärtigen, daß der Kapitalschwund 'trotz der Zwangsstabilisierung soweit fortgeschritten ist, daß nicht der geringste Vergleich mit dem Blütejahr der Inflation 1922 möglich ist, und daß jede noch so geringe Kapitals- Zerstörung den wirtschaftlichen Ruin Deutschlands bringen muß.
Jedenfalls läßt sich auf diese Weise natürlich die deutsche K a p i t a l n o t in keiner Weise beheben. Für den A ugen - -blick scheint es keinen anderen Ausweg als die Hereinbringung ausländischer Kredite zu geben, wonnt nicht gesagt ist, daß dies nur über das Dawes-Gutachten möglich wäre. Auf »die Dauer natürlich zehren solche Auslandskreditt nur an der Wirtschaftssubstanz des Schuldnerlandes, so daß für eine Behebung der Kapitalnot auf lange Sicht mit der gleichzeitigen 'Aussicht auf endgültige Gesundung nur die Anspannung; »bis zum äußer sten aller inländischrn Kräfte in Frage !o m m t. In erster Linie ist immer wieder die Ansammlung von Sparkapital notwendig und zu fordern. »Es müssen wieder die geringsten Summen sich im grossen Kapi- ralbett vereinigen, um eine solide Kapital Verwendung ßo ein«
kfad) wie möglich zu gestalten.
Dazu aber ist es notment »ihr zur Verfügung stehende
das fam Indes kleinen ruf die Gestaltung der Aktien hinsichtlich chrer Größe und Rechte Rück- Achten auferlegen. Sie muß ferner das Bankgewerbe dazu veranlassen, eine ständig werbende Behandlung der ihm« «den stärker noch als bisher eintreten zu lassen. Die Pflichten foes kleinen und großen Kapitalgebers und des Kapitalver- Grauch enden müssen sich zu ihren gegenseitigen Rechten ergänzen, dann wird dieses Streben nach neuer inländischer Mapitalbildung, die Jahrzehnte in Anspruch nchmon kau«, Erfolg haben. Die Kreditkrise und die Produktionskrise, sie Find durch geschickte Manöver möglicherweise bald aufzuheben. .Die Linderung der Kapitalnot aber ist ein Jahrzehnteproblem.
Auch wenn man dem Finanzminister zu Beginn des Sahres aNheimgegeben hat, zu überlegen, daß feine Steuer. Täte im allgemeinen zu hoch sind, daß die Steuerstrafe« nahe- Au phantastisch erscheinen müssen, und daß ein Beivehakten ber- artiger Sätze das Erliegen einer Produktionsgruppe nach der MOderen zur Folge hat, so muß man dessen Heute, wo die Politik neue Krisen zu bringen vers gesehen werden, daß der Steuerpflicht soweit o »tragbar Genüge getan wird. Es ist nicht überra
liebt im Sinne der bisherigen Finanzpo.„„, , „w o«, ister erklärt, daß eine generelle Steuer« undung für ganze Wirtschaftszweige nicht tu Frag« mmen kann, sondern daß eine möglm1 * r' ehandlung an ihre Stelle treten soll, ^iv - ugenblicklichen Steuersystems laßt allerdings i zu daß durch dieses die Kapitalbildung
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zumal die letzte Weisheit bei der Aufstellung des Haushalt- planes der Auslandskredit über das Dawes-Gutachten ist Was, Herr Finanzminister, wird aber, wenn das Dawes-Gut- achten nicht angenommen wird?
Teutschland und dieZklerventiondtt
englisch-amerikanischen Vankiers.
In Berliner politischen Kreisen mißt man der Intervention der englischen und amerikanischen Bankiers auf der London«: Konferenz in der Frage der Sanktion außerordentlich große Bedeutung bei. Man glaubt, daß diese schr schwierige Frage, die insbesondere in Deutschland große Besorgnis hervorgerufen hat, infolge des Einspruches der Finanzwelt nunmehr auf einem anderen, auch für Deutschland gangbaren Wege geregelt werden sönne, Von großer Bedeutung ist jedenfalls der Umstand, daß man besonders in den diplomatische» Kreisen an eine ernsthafte Beförderung der Londoner Konferenz durch die gegenwärtigen Meinungsverschiedenhei- ten unter keinen Umständen glaubt,,obgleich die neuesten Lou- don« Meldungen dahin lauten, daß die Verhandlungen der Konferenz auf den toten Punkt gekommen zu sein scheinen. Da die Anleihefrage auf der Konferenz eine ausschlaggebende Rolle spielt, gewinnt man immer mehr den Ändruck, daß alle politischen Prestigerücksichten in den Hintergrund treten müssen. Im übrigen wird von unterrichteter Seite darauf hingewiesen, daß man deutscherseits die neuerliche Anregung zu einem auf Gegenseitigkeit beruhenden deutsch-französischen Sicherheitspakt geben könnte, um der französischen Regierung die Möglichkeit zu einer ausgleichenden Lösung dieser strittigen Probleme zu bieten. Nicht ausgeschlossen Srscheint es, dcch das ungelöste Problem der Garantien bis nach der Heranziehung Deutschlands zur Konferenz zurückgestellt werden wird, zumal von englischer Seite das Argument in die Wagschale geworfen wird daß eine bindende Loyalitätserklä- rung der deutschen Reichsregierung mindestens ebensoviel «wen yaoeu wurve, wie ein itg^wö^^ni» gramm. Auf diese Messe würde jedenfalls die bevorstehende Hinzuziehung Deutschlands für das Endstadium der Londoner Konferenz von ausschlaggebender Bedeutung sein.
Eventuelle Vertagung der Vollsitzung.
Durch die Verhandlungen mit den Bankiers und allen Finanzministern ist, Londoner Meldungen zufolge, die Gefahr eines nahe bevorstehenden resultatlosen Endes der Konferenz in große Nähe gerückt. Für Mittwoch war eine Boll- fitzung ander«umt; man rechnet mit ihrer Absage.
Die Vollsitzung wird folgende Programmpunkte zu behandeln haben:
1. Die Empfehlung der ersten Kommission über die Sauttionsfrage, aus der bet gegenwärtige Konflikt mit der Finanz entstand.
2. Einen Plan für die Durchführung der wirtschaftlichen Ruhrräumung, der von der zweiten Kommission vorgelegt wird.
3. Einen Bericht der dritten Kommission über die Durchführung der «achlieferungen und Zurückstellung einiger Punkte, in denen sich die Kommission nicht für zuständig hielt.
Die Frage der Einladung Deutschlands wird sicherlich einen der Hauptpunkte der Besprechungen dar- stellen. Man spricht »an einem weiteren Anleihe- Vorschlag, der eine kürzere Zeitspanne, etwa fünf bis 'zehn Jahre, Vorsicht und bei fortgesetzter Halsstarrigkeit der Franzosen das Risiko für die Bankiers vermindern soll. Bei einer nachweisbaren Unfähigkeit Deusschlands, zu zahlen, soll nach diesem Vorschlag die Einlösung der Anleihe von den ist» •liierten aus den Rreparationszahiu-n»en gw schehen.
Die 2. Unterkommission des 2. Ausschusses hat ben Plarr Eeydoux' mit Hilfe des Belgiers H anne ear t v 8 l ki g u m g e a r b e i t e t und ihn in sechs A btsi l ungen geteilt, die sich vornehmlich mit der
Reorganisation der deutschen Indisstrie hinsichtlich der Rente n-m a r k besassen. Dabei wird an die Heranziehung der Rentenbankhypotheken als Sicherheit für die deutsche Anleihe gedacht und ein Ersatz für die Ren- tenmart angeregt. Die E!feudalstuachverständigen LefLore und A c w o r t h besprachen die Frage der Anwesenheit der französisch belgischen Eisenbahner und sind einstimmig zu der Ansicht gelangt, daß hier kein Widerspruch zu de« B e st i m m u n g e n des Da me s - B e r i chts o mssäge.
Die wirsschaftiichs Räumung der R«hr
soll jetzt nach den Komnnsflonsüesthlüssen mcht länger als acht Wochen in Anspruch nehmen und gegen Oktober be- endet sein. H e r r i o t ist nach dem Daily Telegraph s ehr niebe r g e s ch I a g e n und habe .gesagt, er hätte die größte Lust gehabt, nach Paris.zurückzukehren, wenn Theunis ihn nicht beruhigt hätte.
Gerüchte von einem Ultimatum.
Herr ist wirP wahrscheinlich vom Freitag bis Montag in Paris weilen. Man nimmt in gut unterrichteten Kreisen er daß er mit maßgebenden Parlamentariern Fühlung neh- me > ein um g e na u eR ichhlinien für die Derhandlun- gen mit Deutschland zu haben. Das Austreteu der englisch
amerikanischen Bankiers wird von den französischen Zeitun» gen höchst widerspruchsvoll beurteilt.
Petit Journal" sagt: „Viel Gutes kann man sich von der Anwesenheit der Deutschen in London nicht versprechen. Alle früheren Erfahrungen lassen voraussehen. daß ihre Hal- tuna so sein wird, daß schließlich ein Ultimatum notwendig wirb. Und auf diese Eventualität scheinen MacLwnclld und seine Regierung nicht vorbereitet zu sein."
Vor einer Abberusun^Dr.Gibamers?
Im Berliner Auswätigen Amt ist man mit der Berichterstattung seitens der deutschen Botschaft in London sehr unzufrieden, und der Reichsaußenminister hat bereits wiederholt beim: Reichskabinett darauf hin gewiesen, daß feine Politik durch die widersprechende und lückenhafte Art der Informierung aus London sehr erschwert werde. Bekanntlich war bereits vor mehreren Monaten beabsichtigt worden,.den Botschafter Dr. Sthamer durch eine andere Persönlichkeit zu ersetzen, da er es nicht verstanden hätte, mit der neuen englischen Regierung hinreichende Fühlung zu nehmen. Man hätte aber damals von der Abberufung Abstand genommen. Nunmehr ist nach Mitteilung von unterrichteter Seite nach Beendigung der Londoner Konferenz mit einer Abberufung des Botschafters zu rechnen. Sehr schwierig dürfte sich aber die neue Besetzung dieses Postens gestalten, da es dem Außenminister bisher nicht gelungen ist, eine Persönlichkeit ausfindig zu machen, die geneigt und geeignet wäre, diesen wichtigen Posten auszu- füllen.
Wachsender Memungsstreii im Zenirum.
Innerhalb der Ientrumswählerschaft in der Provinz hat der Meinungsstreit um die künftige Politik des ßentrums in besag auf Bürgerblockbildung und Agrarzölle immer stärkeren Umfang angEKi-tWMtzMaiyoilfche Arbeiterschaststzar m mehreren Entschließungen, vor allem im besetzten Schief und in den übrigen Industrierevieren scharf gegen die Agrarzölle Stellung genommen, während auf der anderen Seite die Bauernschaft von der Reichstagsfraktion verlangt, daß sie für die Zölle eintritt und einen scharfen Rechtskurs steuert. Als ganz besonders bemerkenswert wird von unterrichteter Seite die Tatsache bezeichnet, daß der frühere Reichsfinanz- minifter Dr. Hermes, der jetzt von seiner Amerika-Reis« zurückgekehrt ist, wieder in die Politik einzugreifen gedenkt.' Dr. Hermes wird voraussichtlich seinen Einfluß, der nicht gering ist, dazu anwenden, um die Reichstagsfraktion für einen Zusammenschluß mit den Deutschnatioaalen und für ein rücksichtsloses Durchkämpfen der Z o I l v o r I a g e zu gewinnen. Die Parteileitung hat für Mitte nächsten Monats eine Besprechung der Führer der einzelnen Landesorganisattonen anberaumt, um ein klares und abschließendes Bild über die Stimmung im Lande zu gewinnen und um zu versuchen, die Meinungsverschiedenheiten zu schlichten und einen einheitlichen Kurs in der ferneren Zentrumspolitik festzulegen. Doch werden von informierter Seite die Aussichten für eine wirkliche Einigung vorläufig als s ehr gering bezeichnet, weil die Interessen der BauernsHkst und der Arbeiterschaft vielfach zu weit auseinandergehen, als daß ein Kompromiß möglich wäre, welches beiden Teilen gerecht würde. ' - J
Lärmszenen im Bayrischen Landtag.
3m Bayerischen Landtag kam es bei Ausführungen des völkischen Abgeordneten Dr. Nutz zu großen Lärinfzeaen. Als der Redner ausführte, daß bie Sozialdemokratie jetzt gegen den politischen Mord sei, während sie bisher selbst den F ii r st e n m ord verteidigt habe, brach ein minutenlanger Lärm bei den Sozialdemokraten und Kommunisten' aus. Einzelne Abgeordnete drangen auf den Redner ein. Präsi- deut Königsbauer versuchte vergeblich, die Ruhe wiederhev» zu Hellen. Der Lärm dauerte an, worauf Präsident Käuig». Hauer die Sitzung zunächst aufhob.
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Der G es ch ä fi s o r d n u ngsausschuß des bayerischen Landtages nahm einen Antrag an, wonach unweit besonders gröblicher Störung der Ordnung des Hauses der Präsident ein Mitglied von der Sitzurm ausMeßen kann. Es hat den Sitzungssaal sofort zu verlassen, widrigenfalls die Sitzung ausgesetzt oder aufgehoben wird. Das Mit. glieb zieht sich dadurch ohne weiteres den Ausschluß für die folgenden acht Sitzungstage zu. Weigert es sich wiederholt, den Anordnungen zu folgen, so tritt der Ausschluß für 28 Sitzungstage ein. Der Präsident stellt diese Folgen bei Wiedereröffnung der Sitzung fest. Das Mitglied darf während der Dauer der Ausschließung auch an Ausschußsitzungen wicht teilnehmen. . . ■ '
Bayern und der Achistundentag.
Der bayerische Sozialminister erklärte (W Wirtschaftsausschuß des Bayerischen Land», tage s über das Problem des A chtstundentagH« jt. --»