Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Nnreiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 90 Dienstag, den 29. Juli 1924
? ^'^ deutsche Delegation steht zur Abreise zur Londoner Konferenz bereit. Nach Londoner Mel« ^düngen rechnet man bereits in der V o bbkonf e renL vom ^Freitvg mit der Teilnahme der deutschen Delegation.
i Für einen geplanten K o mm un iste n p utsch am 4. August werden setzt die unerhörtesten Geheim- erlasse der kommunistischen Partei bekannt.
Eine gewaltige Feuersbrunst wütete in Solo ^Ui, sie legte einen ganzen Stadtteil in Asche
Spithead.
, Die Flottenparade bei Spithead hat bei un- »Freundlichem Wetter stattgefunden: Neptun zeigte dasselbe »mürrische Gesicht wie Mars, dem mehr an ernstem Waffengana als an militärischen Spielereien gelegen ist. Gleichwohl konnten die Seenebel dem Schauspiel nicht Abbruch tun: 176 Ein- .fetten (nach anderer Lesart 196), darunter 10 Schlachtschiffe, Schlachtkreuzer, leichte Kreuzer, 24 Unterseeboote, 88 Torpedo- ^rstorer und das U-Boot M. 1 mit seinem 30,5-Zeutimeter- Geschütz bildeten eine 60 Kilometer lange Grenze, die der »König unter dem ihm gebührenden Salut durchftchr, als er chre größte Flottenparade der Welt in Friedenszeiten in Gegenwart der zur Londoner Konferenz eingeladenen Dele» .gationen abnahni. Auf sie vor allem sollte die Ansammlung ■einet so forrnidablen Seemacht Eindruck machen. Nur einer fehlte dabei, der französische Kriegsminister Nollet, als Wollte er damit ausdrücken, daß Frankreich an seiner Prestige- Politik festzuhalten gedenke und seinen eigenen Weg gehe wie England, das die Abrüstungspläne ebenso ablehnt wie den Bau des Kanaltunnels. Es war nicht zu vermeiden, daß Mollets Abwesenheit zu dem Gerücht seiner Demission An- JglLü^z das zumr-schleunigst dementiert, immerhin für die
^er Veranstaltung der Parade nachgesagt, es sei damit bezweckt worden, Herriot von einer Rückreise nach Paris abzuhalten. Zu Spithsad hat sich der britische Leu wieder einmal den An- ffchein gegeben, als wenn er unbeschränkt wie in früheren Iah- Mu noch als Seebeherrscher angesehen werden müsse. Nun soll .seine Kraft durchaus nidft unterschätzt werden, aber die Französische L u s t r ü st u n g hat den Sachverständigst an Downing Street schon öfters Kopfzerbrechen verursacht 4m b den Gedanken nahegelegt, der dariü liegenden aagressi-
amb den Gedanken nahegelegt, der barirt liegenden aggressiven Tendenz mit Abwehrmaßregeln zu begegnen. Sie müssen Kch sagen, daß das maritime Gepränge doch der Gefahr aus- gesetzt ist, durch einen feindlichen Bombenhagel binnen weniger Tage weggefegt zu werden, und deshalb ist es an der Zeit, haus Bündnisse zu sinnen, oder dem drohenden Feind „pazi- jftstisch" zu unterlaufen mittelst einer allgemeinen Weltab- ixüstung.
In dieser Richtung bewegt sich auch die Politik Coo- U i b g e s, und es wäre wohl möglich unter seiner — nicht runter der des Völkerbundes — Aegide zu einer Verständigung zic gelangen. Aber dein stellen sich vorläufig zwei Hin- jdernisse in den Weg, der Chauvinisncus in Frank- ^eich und das Wieder er starken des russischen «Kolosses. Es ist an dieser Stelle bereits auf das Bestreben Sowjet-Rußlands hingewiesen worden, durch Einführung der allgemeinen WeHrpflichtein Heer »von ausgebildeten Soldaten auf die Beine zu stellen. Bei .einem Kriege gegen die westlichen Randstaaten von der Ostsee 'bis zum Aegäischen Meer würde Frankreich die Früchte seiner -Bündnisse im Osten zu genießen haben und hätte dabei sicher- glich nicht auf die englische Flotte, die so nett vor Spithead paradiert hat, als Bundesgenossen zu rechnen. Alle schöne« Wandelsabkommen mit Frankreich und England haben dann nur Rußlands wirtschaftlicher Aufrichtung grient, und Woolwich würde alsdann die Waffenschmiede für den, eine Aussicht, mit der man sich 1:2 auch wohl am Quai d'Orsay beschäftigen dürfte. Inzwischen läuft die L o n - d o n e r Konferenz weiter und legt der Unnachgiebigkeit iider Franzosen den Kappzaum an. Ginge die Konferenz re- ifuHlatlos auseinander, so wäre dieIsolierungFrank- reichs in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht höchst wahrscheinlich die Folge, und wenn man in Paris auch die vergossene Flottenparade nur als belanglose Geste betrachte» .mag. so darf man den Zusammenschluß der auf einet Welt- stieben hoffenden Mächte nicht auf die leichte Schuster
Moskau wer-
nelpurn.
Dementsprechend scheint sich Herriot eingestellt zu haben, indem er den Plan seiner Gegner, die KonMvnz duvch Heilung des Arbeitsgebietes 'nach politischen und wach fimrw- «teilen Gesichtspunkten zu spalten, mit der C •fertigte, solche Machenschaften werde er nicht
Er darf dabei auf den Beistand MacDonalds und
(rechnen. Allerdings widerspricht diese Darstellung der Sach- ißage einer anderen, wonach der ftanzösische Premierminister alles daran setze, um den angelsächsischen Bankierkonzern zu sprengen. Gelingt ihm dies nicht, und das scheint der Fall zu -ein, dann muß er den Wurf wagen und sich eine Mchrheit Mn i-r Kammer zu sichern versuchen. Wird ihm dabei in tat Rucken gefallen und stürzt er, dann stürzt auch sein Kabinett, 'Mid Rollet wird in Paris die Antwort auf die Frage geb®,
warum er der Flottenparade ferngeblieben ist. Seine Haltung, für die bis jetzt eine authentische Erklärung nicht vor- liegt, bezeugt alsdann, daß sich in London eine schleichend« Kabinettsfrage angesponnen hatte. Die nächsten Tage werden darüber Licht verbreiten. _ M. O.
Die militärische Ruhrröumung
Die deutsche Regierung verfolgt mit größter Aufmerksamkeit die Informationen', wonach Herriot die militärische Räumung des Ruhrgebietes zu bewilligen bereit ist, wenn dafür Frankreich gewisse Kompensationen auf anderen Gebiäen gewährt werden. Herriot fordert nach den vorliegenden Nachrichten von England ein größeres Entgegenkommen in der Schuldsrage, von Deutschland dagegen den Abschluß eines französisch-deutschen Handelsvertrages mit günstigen Bedingungen für die frcu^öfische Industrie.
Im Auswärtigen Amt ist mau der Ansicht, daß der letztere Weg für Deutschland gangbar wäre, vorausgesetzt natürlich, daß dieser Handelsvertrag so abgefaßt würde, daß für die deutsche Wirtschaft dabei keine schwerwiegenden Nachteile entstanden. Man betrachtet dieses Entgegenkommen als einen ersten begrüßenswerten Schritt in der Richtung der Räumung des Ruhrgebietes und hofft, daß England sich bereitfinden wird, Frankreich bei feinen Forderungen nach dieser Richtung so wett wie möglich entgegenzukommeu, um Herriot seinen innerpolitische« Gegner« gegenüber die Verfechtung seines Standpunktes zu erleichtern.
Die Reichsregierung beabsichtigt auf Grund dieser Nachrichten, sich mit den wir'ffchaftlichen Sachverständigen Deutschlands und vor allem den Vertretern der Industrie noch vor der Abreise nach London zu besprechen, um bereits gewisse Richtlinien mitzunehmen, die für die Besprechunge« des zukünftigen Handelsvertages ein nützliches Material ab- geben könnten, möglicherweise wird sich auch die deutsche von sachverständigen Industttellen nnd Finanzleuten nach London begleiten
das erforderliche Material zur Bervollständrgung dieser Angelegenheit beschaffen zn können.
Nach Londoner Meldungen stellt stch der sogenannte Umschwung Herriots in der Ruhrstage als ein
Tauschgeschäft zwischen Ranrsey MacDonald und Herriot dar, das sich kurz auf folgende Formel bringen läßt;
Erstens: englisches Zugeständnis:
Die französische Auffassung in der Verfehlung»- unb Sanktionsfrage wird anerkannt. Als Grundlage der Regelung dient der Theunissche Borschlag, wonach die Repa- rationskommission die Mitteilungen der Finanzsachverständigen einzuholen hat. Frankreich behalt also sein angebliches Recht auf Sonderaktionen, wobei von Herriot offenbar versichert wird, daß es sich nur um ein theoretisches Recht handele, von dem er niemals Gebrauch machen werd«,
- Falls sich England mit Frankreich auf dieser Grundlage 1 verständigt, so würde das natürlich in sich schließen, daß e« i feute bisherige Auffassung von der Aurechtmäßigkeit aUfil Sanktionen fällen läßt.
' Zweitens: französisches F«g«stä»b«i»tz: t Herriot willigt ein, daß Deutschland znr Konferenz geladen wird und daß es freie Diskussion erhAt, soweit es sich um die Durchführung der wirtschaftliche« Räumung handelt. Herriot willigt ferner ein, daß über eine baldig« militärische Räumn,rg der Ruhr zwischen den alliierte« Regierungen einerseits sowie zwischen tat beide« Be» satzungsmächten und Deutschland andererseits Bmchand- langen beginnen. ,
Soweit sich dieses Kon.promiß bisher überblicken läßt, scheint es ein zie m l i ch g leich müßt g«-s Geschäft : zu sein. Das Kompromiß scheint im übrigen auch noch ■ neue Elemente zu enthalten, darunter auch wahrschein- ' lich unvermeidbare Besprechungen über amerikanische Kredite in Frankreich. Zu biefem Punkte tann ! man. wie gesagt, der Ansicht sein, daß es sich um ein gleich- ■ mäßiges Tauschgeschäft handele. Der mirklichß ! Kuhhandel fängt erst an, wenn Herriot einen feinen . Unterschied zwischen der theoretischen und prak, t i s ch e n R äum un g macht. Theoretisch ist «r, wie gesagt, bereits einverstanden, aber in der Praxis Bedangt er noch besondere Gegenleistungen, sowohl von den Mtterten wi« von Deutschland. Bei den Alliierten, d. h. bei den Enq- länderm, handelt es sich natürlich um die Schutdensvage, was aber die deutsche Regierung anbetrifft, so soll sie M dick militärische Räumung keinen geringeren Preis zahlen, al» den Abschluß eines wirtschaftlichen Vertrages mit Frankreichs der die Forderungen der französischen 3n* dustrie, und zwar^ besonders in ElsgO- Lothringen, voll befried,gen soll.
Die Tagesordnung der Bollkonferenz. "
Auf der Tagesordnung^ der Bollkonferenz stehen nur zwei Punkte, nämlich 1. die Entgegennahme des Berichte« des i u r i st ische n K o m i t e e s, der jedoch schon ver» traulich bei allen Delegationen zirkulierte, und 2. Be- i dj l u ß ja i f u n g über die deutsche Einladung
Es besteht kein Zweifel, daß die Einladung morgen nach der Bollkonferenz an Deutschland abgesandt wird. Man jwstd die deutsche Regierung bitten, die Abreise der Delegation so einzurichten, daß sie bereits am Donnerstag morgen in London ist und an der auf diesen Tag an* gesäten Bollkonferenz teilnehmen sann—
Bayerns Vertretung in der deutsches Delegation.
Als Vertreter Bayerns wird der Staatsrat Dr. Schmelzte mit bet deutschen Delegation nach London gehen, sobald die Einladung erfolgt.
Die deutsche Delegation für die Londoner Konferenz
steht nunmehr zur Abreise-nach London bereit, und sie wird in dem Augenblick Berlin verfassen, in dem die Einladung in Deutschland eingetroffen ist und das Reichskabinett feine letzte Vorbesprechung abgehalten hat. Der Ausgang der außenpolitischen Debatte im Reichstag ist m- sofern von Wichtigkeit, als das gegen die Regierung ausgesprochene Mißtrauensvotum mit einer Mchrheit von über 100 Stimmen abgelchnt wurde und somit dem Reichskabinett indirekt das Vertrauen ausgesprochen ist. Die deutsch- nationale Reichstagsfraktion hätte es in der Hand gehabt, durch ihre Zustimmung zu dem nationalsozialistischen. Maß- trauensantrag die Regierung Marx-Sttesemann ernstlich zu gefährden. Aber sie hat durch Stimmenthaltung ihren Ent- schluß bekundet, der deutschen Delegation für die Londoner Konferenz keine Hindernisse in den Weg zu legen< ; Es bestätigt sich daher bet Eindruck, daß man auf fetten bet Deutschnationalen von übereilten Beschlüssen Ab- stand genommen hat, um die Löung der außenpolitischen Probleme nicht zu erschweren.
Von einiger Bedeutung ist der Beschluß d er juristischen Sachverständigen, die -Wer die reg - lieben Unterlagen der Teilnahme Deutschlands an der Ko«. ferenz ein Gutachten gefällt haben. Ihr Beschluß bedeutet ^^^^^fndürtiQungberbeut' chen Re- g i e r u n g, die darauf besteht? als rwckrg meu Handlungsmitglied zur Londoner Konferenz zu werden. Unter dem Eindruck der letzten Londoner Meldungen ist im -allgemeinen die Stimmung der Berliner Re- gierungskreise wesentlich zuversichtlicher geworden, obwohl man nach wie vor einen gewissen Pessimismus für durchaus z angebracht hält.
Reichskanzler Dr. Marx, der sich mit der deutschen Delegation nach London begeben wird, soll nicht die hauptsächliche Leitung der Berhand lun gen^ in London übernehmen. Vielmehr ist der deutsche Haupt-i delegierte der Reichsaußenminister, der als Leiter depj Außenpolitik für die Tätigkeit der deutschen Delegatton ner* ■ antwortlich ist. Im übrigen verlautet, daß der Reichskanzler' nicht bis zum Abschluß in London bleiben wird, sondern naM Berlin zurückkehrt, sobald -"eine persönliche Mission beende»^ ist. Der Reichsaußenminister wird dagegen bis zwn Ab« schluß der deutschen Delegation in London bleiben und auM die Unterschrift unter das Protoksll der Konferenz zu M haben.
en zu
Die Bank für Lndustrieobligaiione».
Das „Echo be Paris" veröffentlicht nähere Einzelheiten ^ über den neuen deutschen Gesetzentwurf betr^j die I n d u st r i e o b l i g a t i o n e n, der soeben seitens der - • Regierung der Repa rationskommission zugeleitet worden sei. ;
Alle deutschen industriellen Firmen, die mehr als 50 000 Mark Kapital haben, müssen die Last der neuen Obli- gationen tragen. Die Großindustrie, umfassend Stahl. Eisen und-Kohle, ist mit 20 Prozent ver< pfl ichtet, die Maschinenfabriken und elektrischen Werke mit 17 Prozent, die chemischen Fa< b rite n mit 8 Prozent. Die Textilindustrie soll mit 17 Prozent belastet werden. Die Gesamthöhe der abgegebenen Obligationen beträgt 100 Milliarden Goldmark. All«, Obligationen werden ausgegeben von einer neuen Bank, be* Bank für Jndustrieobligationen.
Der ^Infiiditsrat besteht aus 14 Mitgliedern: vier Au S- ländern, drei Mitgliedern der Repara-^ tion skommission und sieben deutschen Delegierten, von denen vier offizielle Vertreter dep N e i ch s r e g i e r u ug sind. Diese 14 Mitglieder wählen» einen Präsiden ten, der mindestens zehn Stimmen auf sich vereinigen muß. Ein besonderer Kommissar wird auf bic Dauer von fünf Jahren von der Reparationskommissimß "'^Die deutsche Regierung hastet fürs s^lich« Obligationen, Zinsen und Amortisation. In § 9 heiß» est Wenn die Zinsen oder die Amortisation nicht bezahlt werden, kann der Kommissar von seinen besondere« Rechten Ge- branch maeßen, er kann nach einem Monat Verzug die notwendigen Summen von den Stenereinkünften des Re che« vorweg erheben Die deutsche Industrie wird dann die oon^ Reich verausgabten Summen zurückzuerstatten haben. Füp die Dauer von fünf Jahren wird außerdem ein von o^