Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Dienstag, den 12. August
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— Die Londoner Ronftten» steht nun nach der Rückkehr Herriot« vor ihrer wirklichen Entscheidung. Deutschland sind eine Reihe weitgehender Konzessionen gemacht worden, ob sie so weit gehen, daß mit gutem Gewissen die deutsch« D«legation ihnen »«stimmen lann, steht zur Stund« nochau».
— Am Derfassungstag fand in Gegenwart des Reichspräsidenten eine Kundgebung für Rhein und Ruhr in Münster statt.
— Die Gräfin v. Brockdorff, die langjährige OHertz ofmeistsrin der verstorbenen Kaiserin, ist 78jährig in Potsdam verschieden.
Cannes und London.
„Grund: Unwetter im Ranar, pflegte es bei Verkehrs- störungen, namentlich beim Ausbleiben der englischen Brief- post zu heißen. Auch von der Reise Herriots und seiner beiden Begleiter Clementel und Rollet wurde, bildlich gesprochen, befürchtet, sie könnte ein folgenschweres Gewitter nach sich ziehen, wie es einmal in Cannes eine Konferenz vuseinanderscheuchte. Der Aufbruch des französischen Ministerpräsidenten, der Hals über Kopf, fluchtähnlich, von der Themse an die Seine eilte, verriet, daß Gefahr im Verzüge lag. War der Aufbruch ein Abbruch? Nach dem Lärm, den die Pariser Rechtspresse schlug, sowie nach der bekannten Haltung der französischen Generale schienen die Pessimisten Recht behalten zu sollen. Der Kriegsminister war, seit er bei der Flotten- Parade von Spithead durch Abwesenheit geglänzt hatte, in den dringenden Verdacht geraten, seinem Herrn und Meister ein Bein stellen zu wollen, und nachdem, entgegen der Ab-'
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des Messers Schneide. Wenn es Poincare und seinen Hinter- männern gelang, das zur Lösung der Frage nötige Kompromiß als eine Gefährdung des französischen Prestiges den -Massen glaubhaft zu machen, hatte das Militär das Spiel gewonnen; das Dawessche Gutachten hätte eine unheilbare (Verletzung erlitten, die anglosächsische Hochfinanz würde den Daumen auf den Beutel gedrückt und die Konferenz ihr Ende wie damals in Cannes erreicht haben. Aber seit dem ^Scheitern jener Konferenz an der Azurküste hatte sich auch »in Frankreich allmählich ein Stimmungswechsel vollzogen; 6er Sturz Poincarss zeugte davon. Die Volksmeinung ist eine der Imponderabilien, die ein Diplomat in Rechnung stellen muß, wenn er Ahnungsvermögen besitzt; daran fehlte es dem Marschall Foch, als er im Pariser Außenministerium 'mit dem dort eingetroffenen Herriot unter vier Augen verhandelte. Wie die Unterredung ausgelaufen ist, können wir der Auskunft entnehmen, die Herriot den Pressevertretern sLber den sich daranschließenden Ministerrat gegeben hat, wobei xr erklärte: „Es gibt keine Meinungsverschiedenheiten, auch flücht zwischen mir und Rollet." Danach hat der Kriegs- minister den Marschall im Stich gelassen und sich auf die Seite ■6es Zivils geschlagen. Das geht auch aus dem offiziellen jRommunique hervor, das folgenden Wortlaut hat:
„Der Ministerpräsident und seine Kollegen Elemente! Und General Rollet, die heute die auf der Londoner Konferenz zur Debatte stehenden Probleme in ihren verschiedenen Ele- Meuten übersetzen, haben den Ministerrat davon unterrichtet, Unter welchen Bedingungen die Verhandlungen ihren Fortgang nehmen. Der" Ministerrat hat ihnen einmütig feine volle Zustimmung erteilt. Herriot, Elämentel und General Wollet reisen heute, Sonntag, nach London zurück/
Das Kommentar zu diesem Kommunique läßt nicht er- lernten, unter welchen Bedingungen — es spricht nur von »gewissen Bedingungen" — sich die Räumung der Ruhr als eine der Konsequenzen der Inkraftsetzung des Sachverstündi- genplanes vollziehen wird. Die französische Regierung bleibe ihrer Verpflichtung getreu und bei deren Verwirklichung würden die von Frankreich und Belgien zu fordernden Sicher- Heitsgarantien Berücksichtigung finden. In diesem besonde- xen Punkt habe sich der um Rat gefragte Marschall Foch der .Auffassung des Ministerpräsidenten und des Kriegsministers .völlig angeschlossen. Dabei ist zu beachten, daß nur von 'hiesem Punkte vorsichtigerweise die Rede ist, andere Punkte werden mit Schweigen Übergängen, um die Niederlage des Poincaristen Foch nicht deutlich werden zu lassen.
Wie die vorerwähnten Bedingungen aussehen werden, ist ein Kapitel für sich, nur scheint einstweilen der Fortgang der Konferenzverhandlungen gesichert zu sein.
S e r r i o t i st n a ch L o n d o n z u r u ck g e k e h r t, und »war m i t N o l l e t, so daß das dreiblättrige Kleeblatt wieder .vollständig am Platze erscheint Ausschlaggebend für dies« lCiniquna waren offenbar wirtschaftliche Interessen, die von Geydour, dem Direktor des Außenmmisteriums vertreten wurden. Es darf daran erinnert werden, daß dieser Kenner der Finanzverhältnisse einmal, als man in Paris vor Jahren -die Schuldforderunq an Deutschland auf 350 Milliarden Goldmark bezifferte, seinen Landsleuten begreiflich zu machen suchte, so viel ausgemüiiztes Gold gäbe es überhaupt nicht in der Welt. In London sprach man Damals von astronomischen Wahlen. Jetzt hat sich die Rückkehr zur Vernunft, wenn auch
mühselig durchgerungen, und auch den Franzosen ist die alte Wahrheit aufgegangen, daß allzu scharf schartig macht. Die Friedensatmosphäre greift langsam um sich, und im Hintergründe liegt als letztes Bändigungsmittel die Lösung der allgemeinen Entschuldungsfvage. Wenn wir uns die ungeheuere Aufregung vergegenwärtigen, die die Abreise Herriots verursacht hat, und damit diese Ruhe nach dem Sturm vergleichen, dürfen wir wohl auf den baldigen Schluß der Konferenz zu rechnen haben und brauchen kein zweites Cannes zu befürchten. B. L.
Deutschland zu Herriots Stellung.
Herriot ist mit der ftanzösischen Delegation wieder in London eingetroffen und ist in Paris mit seiner Meinung Stie Poincaristen durchgedrungen. Damit scheint nach
, ,auungen der Konferenzteilnehmer die Konferenz so gut wie gerettet z useim (Siehe den Leiter Cannes in London.)
In der englischen Presse wird die Pariser Einigung dahin gedeutet, daß die militärische Räumung gegen wirtschaftliche Kompensationen erfolgen werde. Me Einigung über die nullt arische Räumung in Frankreich wird besonders auf die Tatsache zurückgeführt, daß Belgien die militärische Besetzung nicht mehr mitmachen wollte. Man rechnet in Konferenzkreisen damit, daß nun
der Abschluß der Konferenz
am Donnerstag oder Freitag erfolgen werde.
Der Standpunkt der deutschen Delegation.
Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, ist der deutschen Delegation in London der von Herriot ausgearbeitete Plan über die militärische Räumung der Ruhr offiziell zur Kenntnis gebracht worden. Ueber die Einzelheiten des Planes
veröffentlichten Mitteilungen
der französischen Regierung nur teilweise richtig wieder. Im Berliner Auswärtigen Amt erklärt man, daß der Räumungsplan Herriots von Deutschland als Derhandlungs- grundlage angenommen werden könne, aber man habe deutscherseits noch sehr starke Bedenken gegen die ein« zelnenRäumungstermine sowie gegen die F o r m der Vereinbarungen. Die deutsche Delegation wird zunächst in eine eingehende Prüfung des ftanzösischen Projektes eintreten, und es läßt sich zur Stunde noch nicht übersehen, ob man deutscherseits den französisch-belgischen Bedingungen seine 3 u st i m m u n g geben kann.
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Die Erörterungen über die militärische Räumungsfrage werden nach Auffassung der deutschen Regierung mindestens zwei bis drei Tage in Anspruch nehmen müssen. Die noch bestehenden Gegensätze zwischen Deutschland einerseits und Frankreich und Belgien andererseits sind immerhin groß genug, um es erforderlich zu machen, daß die deutsche Regierung mit aller Energie um die Durchsetzung ihres Stand- (Punktes kämpft. Bei allem Entgegenkommen, das man statt« zösischerseits zeigt, ist festzustellen, daß eine grundsätzliche Einigung nur erzielt werden kann, wenn der deuffche Grundsatz anerkannt wird, wonach für die Durchführung des militärischen Räumungsplanes nur die ^Bestimmungen maßgebend sein müssen, die bei der wirtschaftlichen Räumung Geltung besitzen.
Wie nunmehr feststeht, wird '
der Reichstag
noch gegen Ende der nächsten Woche seine Arbeiten triebet aufnehmen müssen, um die Ausführungsgesetze zum Gutachten möglichst bis Anfang nächsten Monats verabschieden zu können. Die Stimmung in den parlamentarischen Streifen ist gegenwärtig für eine Annahme der Gesetze nicht u n g ü n st i g. Wenn die endgültige Entscheidung über die ■ militärische Raum ungs frage zugunsten Deutschlands ausfallen sollte, so kann mit einer Zweidrittelmehrheit für die Annahme der Gesetze gerechnet werden. In einem an-. deren Falle müßte der R e i ch s t a g aufgelöst werden, da sich die Reichsregierung in dem Londoner Protokoll zur Durchführung der Gesetze verpflichtet hat. Wie wir flöten, wird Reichskanzler Dr. Marx nach seiner Rückkehr aus London Rücksprache mit den Parteiführern halten, um die parlamentarische Situation alsbald zu klären.
' Freigabe aller Ruhrgefangenen.
Die „Großen Siebe n" traten Montag vormittag um 10 Uhr zu einer Beratung zusammen. Nach Hinzuziehung der deuffche» Minister tagte dann um 11 Uhr der Rat der Vierzehn, in dessen Sitzung die Beschlüsse der I >.! r i st e n k o m i t e e s b e t r. die A mit estiefrage zu Erörterung gelangen. Zur Beratung stehen weiter die V schlüsse des zweiten Komitees mit Ausnahme der Frage der A u s g e w i e s e n e n , mit der fi# eine bef o nbere Kommission befassen soll. _ )
Wie der Sonderberichterstatter des W.T.B. in Konsereuz- kreffeu erfährt, ist das von den Delegationschefs mit der Behandlung der Amnestieftage betraute, aus einem deutschen, einem ftanzösischen und einem belgischen Sachverständigen zu- fam nt enges et^ie Iuristentomitee zu einer Rege- 3 Jung der Amnestiefrage gelangt. Danach erstreckt sich die Amnestie auf alle politischen Handlungen, die in den besetzten Gebieten seit Beginn der Ruhrbesetzung begangen worden sind, ferner auf alle Zuwiderhandlungen gegen die Befehle, Erlasse und sonstigen Anordnungen der Besatzungsbehörden und der deutschen Behörden. Alle hiermtt zusammenhängenden Strafen werden erlass en, und es dürfen keine neuen verhängt Mrden. Ausgenommen von der Amnestte sind nur solche Personen, die Verbrechen gegen das Leben mit tödlichem Erfolg begangen haben.
In Paris hofft man nach den dortigen Pressemeldungen zuversichtlich, daß nun die Deutschen auch mit den Räumungsfristen von einem Jahr sich einverstanden erklären werden, die der fran- 1 zösische Ministerrat jetzt beschlossen hat. Als Kompensation verlangt Frankreich Vorteile bei der Regelung der interalliierten Schuldenfrage, und vor allen Dingen bei Abschluß eines künftigen deutsch-französischen Handelsvertrages.
Ein Wruf der ^ejchsreqierung.
Die Reichsregierung beabsichtigt, nach Rückkehr der deutschen Delegation einen Aufruf an das deutsche Volk zu richten, in welchem daraufhingewiesen wird, daß nach der Lösung 1 der schwierigen außenpolitischen Probleme eine Aera des Wiederaufbaus heranbricht, an der mitzuwirken a l I e Kreise des Volkes ihre ganze Kraft einsetzen müssen. Der Ausruf soll eine Mahnung an die Parteien enthalten, den inneren Streit nach Möglichkeit abzumildern und so dem __'. .. m Wiederaufstieg zu Gebell. ~ " —---- -— ——— ——, _...
Wie wir hören, enthält das zwischen der Reparations- kommission und den deutschen Hauptdelegierten unterzeichnete Protokoll noch nicht die endgültigen Verein- bgrungen, die sich aus der Durchführung des Sachver- ständigengutachtens ergeben. Nach Beendigung der Verhandlungen wird von allen auf der Konferenz vertretenen Mächten ein Protokoll unterzeichnet werden, das sämtliche Beschlüsse der Konferenz enthält und für die unterzeichnenden Regierungen unbedingt bindend ist. Des weiteren wird eine Abmachung über die an Deutschland zu gewährende 800-Mil- lionen-GoÜ»mark-Anleihe zwischen den Vertretern der aus= Kindischen Geldgeber und den Konferenzmächten unterzeichnet werden. Ob zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien auch eine besondere Abmachung über die militärische Räumung des Ruhrgebiets abgeschlossen und durch Unterschrift der beteiligten Staatsmänner bekräftigt wird, muß erst der Verlauf der nächsten Verhandlungen ergeben.
I Amerikas Anteil an der deutschen Anleihe.
In New Parker Finanzkreisen herrscht die Ueberzeugung, daß sich die Ausgabe der Anleihe für Deutschland nicht s o leicht wie die für Oesterreich gestalten werde. Die Schaffung einer genügenden Sicherheit sei nach wie vor die Hauptfrage. Hierher gehöre vor allem der Wunsch, daß keine der an dem Neparationsproblem beteiligten Ratio- nrn eine böswillige Verfehlung Deutschlands fesfftellen könne, wenn nicht eine dahingehende Entscheidung anderer ebenfalls beteiligten Mächte vorliege. Wenn die Unterbringung der Anleihe gegenwärtig überhaupt möglich sei, so liege das an der stetig zunehmenden G e l d f l ü s s i g k e i t. Folgende E r w ä g u n gen seien für die Zeichner der Anleihe maßgebend: erstens, daß die amerikanischen Bankiers ihre Zustimmung zu einer g c s u nden Anleihe geben; zweitens, daß die Alliierten der Anleihe eine grundlegende Bedeutung bemessen und alles zu ihrer Sicherstellung unternehmen; drittens, daß eine sichere B e r z i n f u n g zu ungefähr 8% Prozent (d. h. nominell 8 Prozent bei einem Ausgabekurs von 93 Prozent) gewährt wird, und viertens der Wunsch, an der Lösung eines Problems teilzunehmen, das mehr als alle übrigen den Wiederaufbau Europas bedingt. Wie verlautet, werden vier Fünftel der deutschen Anleihe i n New Pork unter gebracht werden. Morgan wird hundert Millionen Dollar widmen, K uhn, Loeb u. Co. vierzig Millionen, Lazare Speper zwanzig Millionen. Die Verzinsung beträgt acht Prozent, der Ausgabekurs 93.
Die BekeV'aung der Kontrolle.
Eine ausführliche Auskunft des Vorsitzenden der <5ht- dienkommission des Obersten nationalen Verteidigungsrates, Paul B o n c o u r t, an einen Vertreter des „Matin" im Zu- sannnenhang mit Boncourts Berichterstattung an Herriot über die Arbeiten des Rates läßt erkennen, wie man sich in Frankreich die militärische ll e b c r w a ch u n g Deuffchlands durch den Völkerbund denkt, und wie man Räumung oder Besetzung des Ruhrgebietes durchaus militärpolitisch an sieht.; Boncourt sagte, selbst wenn man die Frage der Sicherheit- Frankreichs vor einem befürchteten neuen Angriffe Deutsch-. lands zu der Räumung des Ruhrgebietes durch die ftanzötz^