Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 98
Goanabend, den 16. August
1924
— Das D iktat öet Loudonar Konfe'renz läßt sich nicht mehr leugnen. Der angebliche -eutiche Gegen- Morsch lag der Ministertonferenz wird vielfach als ein glattes Unterwerfen Deutschlands angesprochen.
' — In Gelsenkirchen sind die Führer der kommunistischen ProteÜbewegungen im Ruhrgebiet . verhaftet worden.
— Die Mörder Erzbergers sollen auf einem u n g a r i- rchen Gute entdeckt worden seien.
Wochenrückblick.
Die ägyptisch^ngriffchen DerwicklUngen im 'Sudan b^tätigen die Voraussage der Politiker, die in der ^angeblichen Befreiung des Nillandes nur einen faulen ^Frieden «blicken wollten. Solange ein Staat in einem anderen eine ständige Besatzung unterhält, gleichviel unter !welchen Bedingungen und zu welchem Zwecke, besitzt er die Oberhoheit, und der besetzt Staat erfreut sich nur einer Schein-So'uveränität. Großbritannien will sich den Seeweg nach Indien sichern und schützt seinen Suezkanal durch seine Truppen, die es bort hingesetzt hat, mit keinem besseren Recht als die Franzosen an der Ruhr. Um die Aehn- richkeit des ägyptisierten Deutschlands mit dem Pharaonen-. reich vollständig zu machen, sei nur noch an unsere Wehr- losigkLit WlMWt, «U.
denen man volle Berhandlungsfreiheit versprochen hatte, vor ein Ja oder Nein gestellt wurden. Mit Bezug auf die i
mAttärische Räumungsftage
sind jetzt in den letzten Stunden noch verschiedene Zweifel! beseitigt worden. . So erklären z. B. alle Londoner Blätter, daß die Franzosen damtt einverstanden find, unmittelbar «ach Inkraftsetzung des Damesschen Gutachtens Mannheim, Karlsruhe, Offenburg und WsÄ und noch einige kleinere Sa«k- tionsgebiete zu räumen, die sie im letzten Jahre in Besitz genommen haben. . Auch die früheren französischen Foederuir» «en, daß fvanzöösisches Eisenbahn personal an der Ruhr be-' fassen würde, ist fallengelassen worden. "
Dr war ein Mann, der einen vollen Monat irgendwo seinen Urlaub mit Bergkletterei verbracht und keine Zeitung in die Hand genommen hatte. Ihm war nur in Erinnerung geblieben, daß die Londoner Konferenz begonnen hatte, und als er jetzt in seinem Leiborgan Las, was aus den Verhandlungen herausgekomnien ist, nämlich eine einem -faulen Er ähnliche Null, pries er sich glücklich, in der Zwischenzeit des Lesens überleben gewesen zu sein. In < Der Stunde, wo dies geschrieben wird, wechselt das Bild der .Vorgänge in London kaleidoskopartig, und man kann die öffentliche Meinung dahin zusannnenfassen, daß sie den deutschen Delegierten nahelegen möchte, sich von den Konferenzteilnehmern mit dem berühmten Schlußwort des ehemaligen Königs von Sachsen bei seinem Rücktritt zu verabschieden. Festzustellen ist in diesem Augenblick nur, daß Herr tot mit einem Wurf alle Ententekegek in den Sand streckte; sie fielen wie gemäht um, offenbar in Der Erwartung, Deutschland würde ihnen nachfolgen. Wird Dies der Fall sein? Wird es heißen: „6» viel Arbeit am ein Leichentu ch!"? Hier kann nur der geeinigte Wolkswille, so wenig materielle Kraft hinter ihm steht, der Ueberinacht ein moralisches Paroli bieten. Es war ein im« verzeihlicher Fehler MaeDonalds, die Erlebnrmg der R'chr- ^^ ansMchMen ■ «W die - OnrivMMUNS E out- wi^ handlungsschluß zu verspüren. Hätte man den otier gleich zu sAnfang bei den Hörnern gepackt, dann wäre die Situation im Guten wie im Schlimmen sofort geklärt gewesen. Wo wie die Dinge sich nunmehr zugespitzt haben, läuft das Verfahren der Entente auf arglistige Ueber um pe- lung hinaus, mit einem „Friß, Vogel, oder stirb!"
Vor diese Wahl gestellt, hat der Vogel — es ist bebauer* llich zu sagen — auf das Sterben verzichtet und den widerlichen Fraß hinuntergewürgt. Deutschland hat nachgegeben und sich dem Diktat unterworfen. Was daraus -innenpolitisch folgen wird, ist schwer zu berechnen; denn noch hat der Reichstag nicht gesprochen, und ob eine Zweidrittelmehrheit oder auch nur eine einfache Mehrheit für das Kompromiß zu erzielen ist, erscheint recht zweifelhaft. Wir können das wohl trotz der angeblich gernachten deutschen Gegenvorschläge behaupten.
Die von Moskau im Ausland genährte kommunistische Bewegung verspürt von Zeit zu Zeit das Bedürfnis, von ihren Mietlingen auf dem Balkan Lebenszeichen zu erhalten, und hat zu dem Zweck vor allem die Balkan- Völker ins Auge gefaßt. Ars Antwort stellte sich in Bul- garten und'Numünien die Bethätigung des Belagerungszustandes ein. In Bukarest ist es die Kriegsgefahr beroende be s sar a b i s ch e Frage, die zur Wachsamkeit mahnt und zur Auffrischung des Beta per ungszuftanbes ge- fährt hat; denn es ist nicht ausgAchloffen, daß die rumänischen Kommunisten sich im Kriegsfalle hochverräterisch zuguru- sten Sowjetnißlands betätigen, und in Sofia hat sich die Regierung der Ausbreitung des Agrarkommunismus zu er* Wehren, der unter der bäuerlichen Bevölkerung Boden findet. Die Auflösung der Kommunistischen Partei ist ein ziemlich wirkungsloses' papiernes Abwehrmittel, viel mehr dürfte ein gemeinsames Vorgehen der verschiedenen Balkanstaaten am Platze sein, und nach den jüngsten 9lad;ritten scheint man M hei ' den Verhandlungen der Kleinen Entente in Prag über gemeinsame Maßregeln geeinigt zu haben. Kom- pliziert wurde die Lage in jüngster Zeit dadurch, daß die Griechen durch EPschmuggelung von Waffen und Munition in Verbindun-g mit den Emissären der Moskauer Räte. Legierung dm Aufstandsbewegung in Bulgarien schären und dhbei" von den in Wien seßhaften bulgarischen Emigranten bolschewistischer Richtung unterstützt werden.
Zwischen der amerikanischen National City Bank und der In d nft r ia l Bank in Japan ist eine 22-Millionenanleihe zustande gekommen unter einer deiner, kenswerten Klausel. Danach soll die Anleihe in Kriegs- und Friedenszeiten rückzahldar sein, ohne Rücksicht auf die Nationalität dcr'StüciLrutzer. Im allgemeinen pflegt man die, Begebung einer Anleihe als eine Art Friedensbürgschaft zu betrachten, weil Gläubiger.nie Schuldner sich keinen Vorteil von einem Kriege zwisckzen ihren Völkern versprechen dürfen. Angesichts der japaniübc• mexikanischen Spannund und der Seerüstunzen auf beiden Gestaden des Stillen Ozeans liefert die Klausel eine treffen de Illustration zu dem in tem Geschäft st1 uden Wh g n i s, das zugleich einen- Beleg bar stellt für b; apitalaniammlung in Amerika, die drin» gend Abfluß Ai s ausgepowerte Aus land M heischt.
Um das Diktat.
Letzte Gegenvorschläge.
Nach den Vorgängen in der Donnerstagsitzung der Londoner Konferenz nennt nun auch die Londoner Presse das Kind mit dem richtigen Namen, es bezeichnet die Londoner Be- Müsse als
ein Ultimatum an Deutschland.
Die deutsche Delegation hat sofort Rücksprache mit der deutschen Reichsregierung in Berlin genommen. Am Freitag morgen tagte in Berlin eine Parteiführerbesprechung beim Vizekanzler Dr. Jarres. Diese Besprechung war gegen %3 Uhr mittags beendet. Selbstverständlich wurde die strengste Vertraulichkeit über diese Unterredung beschlossen. Halb- amtlich wird folgendes (Kommunique ausgegeben:
* Der Ministerrat hat sich unter dem Vorsitz des R e i ch s - präsidenten eingehend mit dem gegenwärtigen Stand der Londoner Konferenz beschäftigt. Die Beratungen drehten sich hauptsächlich um die Frage, ob unter den gegebenen Umständen ein für das deutsche Volk tragbares Ergeb- Räumung erziett werden kann. Im Anschluß an die Sitzung des Ministerrates unterrichtete Vizekanzler Dr. Jarres die Parteiführer über den Stand der Londoner Konfe- renz und die Auffassung der Rerchsregisrung.
Die halbanckliche Meldung verschweigt selbstverständlich absichtlich das Ergebnis, zu dem man bei den Beratungen im Kabinett gekommen ist. Damit will man wohl auf der einen Seite vermeiden, daß der Inhalt auf privatem Wege nach London kommt, ehe die offizielle Mitteilung darWer vorliegt. Der Verdacht läßt sich aber nicht von der Hand .weisen, daß auch andere Gründe bei dieser Zuriick- Haltung mitsprechen.
In unterrichteten Kreisen verlautet, daß der Reichspräsident in dem Kabinettsrat der Meinung Ausdruck gegeben habe, daß eine deutsche Ablehnung zum sofortigen Gtu r ze H e r r i o t s führen müßte, was er als den beut« ischen Interessen abträglich ansieht. Weiter wird stark damit gearbeitet, daß der amerikanische Botschafter Kellogg den lutschen Delegierten gegenüber erklärt «haben soll. Amerika Wichte Deutschland die Schuld am Scheitern der Londoner Berhan-lungen geben, falls sie sich an der Ablehnung der Forderung Herriots zerschlügen. Aus diesen und anderen Anzeichen bekommte man den nieberftarnetternben Eindruck, daß die Reichsregierung eine Haltung angenommen hat, die tzisher Äs gänzlich unmöglich angesehen worden ist. Der- wiesen fei für den Augenblick nur auf den einen Umstand, jdaß man sich bei noch so großer „Werbekrast der Tatsachen" macht wohl Dorfteilen kann, wie eine Reichstagsmehr- heit __ geschweige denn Zweidrittelmehrheit — aussehen sollte, die einen derartigen Unfall des Reichskabinetts deckte.
Die deutsche Delegatton
-soll durch den B e r l i n e r M i n i st e r r a t ermächtigt wor- «den fein, einen Gegenvorschlag einzureichen, der die Deutschen Mindestforderungen enthält, im übrigen aber neue Verhandlungen auf der Basis des französischen Räumungs- »Laues zuläßt. Durch diesen Beschluß ist die Londoner Konferenz vorläufig gerettet. Bei der Besprechung mit den Parteiführern zeigte sich jedoch, daß die Auffassung nicht -einheitlich ist und jetzt alles davon abhängt, ob die enffcheiden- Den Verhandlungen eine für Deutschland erträgliche Lösung ergeben.' Maßgebend für die entgegenkommenden Beschlüsse des Berliner Ministorrates war der Umstand, daß Deutschland «icht die Verantwortung für ein Scheitern der Konferenz auf Heb laden will. Die Antwort auf die Rückfragen der deutschen Delegation ist am Freitag nachmittag auf telegraphischem Wege von Berlin abeegangeu. Auf Grund dieser Antwort Dat Reichskanzler Dr. Marx sofort die Verhandlungen mit den Londoner Konsereuzm-Mten trüber ausgenommen. Gin end- «artiger Abschluß ist bis zur Stunde noch nicht erzielt. Aber w n hat in Berlin den Eindruck, daß nunmehr die Londoner Verhandlungen zu Ende geführt werden können.
London in Erwartung bet deutschen Antwort.
Die Londoner Morgenblätier bringen spalten lange Mel. bangen über die Ereignisse. Ihre Bufmerffamseit richtet sich mr Z natürlich auf Berlin, von wo die derttsche Antwort er- wartet wird. Tatsache ist, daß die deutschen Delegierten.
Coolidges Präsidentschastsprogramm.
Cooli-ge hat, Washingtoner Nachrichten zufolge, seine. Nominierung als Präsidentschaftskandidat angenommen. Erfaßte aus diesem Anlaß seine auswärtige Politik in dem einen( Wort „Frieden" zusammen und fügte hinzu, daß _ er,’ wenn der Dawes-Plan in Kraft getreten fei, eine neue in«! »emotionale Konferenz zur Erörterung einer weiteren Beschränkung der Rüstung gen vorschlagen werbe. Ferner billigte Cooli-ge den Beitritt bet Bereinigten Staaten zum Ständigen Inteniatio- nalen Gerichtshof und die Mitwirkung amerikani- scher Bürger beim Wiederaufbau Europas,
Ltnverzüqliche Wiederaufnahme der Kontrolle.
„Savas" meldet: Die interalliierte Kontrollkommis- fion in Berlin wird ihre Tätigkeit entsprechend dem! Programm der Botschafterkonferenz unverzüglich wieder aufnehmen.
Die Mörder Erzbergers.
Budapester Blätter melden, daß die Mörder Erz- beraerd, Schulz und Tilessen, sich auf dem Gute, wenig Aussicht bestehe, daß sie von den ungarischen Be-! störden <ut Deutschland ausgeliefert werden.
Keine oberschlesischen Gefangenen mehr in französischen Gefängnissen.
In Kreisen der oberschlesischen Bevölkerung ist noch im> l <m die Meinuizg verbreitet, daß die während der oberschle- .siichen Unruheit von der damaligen französischen Abstiln». f piurrgsbesatzung verurteilten beutf chen Selbstschutz- leute noch jetzt in rheinischen Gefängnissen unter gebracht feien. Es wird daher an die Regierungskreise die Änftage gerichtet, ob diese verurteilten -Deutschen ebenfalls unter die Abmachungen über die 9lmneftierung der Ruhrgefangeiten fallen. Von amtlicher Seite wird hierzu mitgeteilt, daß die Reichsregierung bereits nach der oberschlesischen ^Abstimmung ein Amnestie-Abkommen geschlossen hat, das alle«! -rührend der oberschlesischen Unruhen Verurteilter^ die Frei- Heit wieder gab. Es befinden sich also keine oberschle« fischen Gefangenen mehr in rheinischer: Gefängnissen., Die Amnestte-Abmachungen gelten nur für die während bet, Zeit des Ruhrkonflikts von frarrzösischübelgischen GE^« verurteilten deutschen Staatsangehörigen. ' ’
Die Darlehen der Ausgewiefenen.
Auf eine Eingabe der christlichen Gewerkschaften, die den« Dur -wiesenLn von Rhein und Ruhr gewährten Darlehens nichi zurückzuforderrr, hat der Minister für dre besetzt«. Ge«! biete u. a. folgendes geantwortet:
„Vielfach war es den Ausgewiesenen bei ihrer Vertreibung aus dem besetzten Gebiet nicht möglich, die notwendigsten .Gebrauchsgegenstürrde, vor allem Kleider und Wäsche, mitzu- nehmen. 9htr bei einer tatsächlichen W egnahme der Gs- genstände erhielt der Ausgewiesene eine Derlustentschädigungh im anderen Falle wurde ihnl auf Anforderung, um ihn und seine Familie vor Not zu schützen, ein wertbeständiges B e -, schaffungsdarlehen gewährt, zu besten Nuckachluizg^ sich der Ausgewiesene nach Wiedererhalt seiner im befeuere- Gebiet zurückgelastenen oder sonstwie seinem Zugreifenentzogenen Sachen ausdrücklich verpflichten mußte. Kommt, der, Ausgewiesene nach seiner Rückkehr wieder in den Besitz si^nes Eigentums, dann i st a u ch d a s D a r l e h e n f ä l l t g, ausi dessen Rückerstattung aus haushaltrechtUchen Gründen und aus Gründen der Vertragstreue nicht ve^ichtet werd«, kann. Die Niederschlagung würde zudem erne e i n- fettige Bevorzugung dieser mit Darlehen Ausge- statteten bilden, die nur einen Prozentsatz aller Ausgewiese- nen aus machen. Ein solches Verfahren würde verbitternd wi ;n und ;u Berufungen Anlaß, geben. Ich bedauertz daher, Ihrem Antrag nicht ent^precheu z^ können;jedoch bestehen k e in e B e d en ke. n,bay bet der Rückzahlung die wirtschaftliche»! Verhältnisse der Darlehnsnehmer gebührend berücksichtigt werden und gegebe- neu falls Stundung und RatenruckzuhlLSK bewilligt wirb." ’1
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